Klimagerechtigkeit braucht Solidarität

Welche Folgen hat die Klimakrise für Menschen in Bangladesch? Welche Verantwortung tragen die Hauptverursacher der globalen Erwärmung? Und wie können betroffene Menschen trotz wachsender Herausforderungen selbstbestimmt handeln? Über diese Fragen diskutierten die Gäste Asmaul Husna, Jamuna Rani und Sukanto Sen aus Bangladesch gemeinsam mit Karin Zennig von medico international und den Teilnehmenden der Veranstaltung.
Im Mittelpunkt stand die Frage der Klimagerechtigkeit. Die Referierenden machten deutlich, dass die Menschen, die am stärksten unter den Folgen des Klimawandels leiden, meist am wenigsten zu dessen Entstehung beigetragen haben. Besonders betroffen sind häufig Bevölkerungsgruppen, die bereits von anderen Formen der Diskriminierung und Ungleichheit geprägt sind – etwa durch Kolonialismus, Rassismus oder Sexismus.
Asmaul Husna berichtete eindrücklich aus ihrer Heimatregion im Südwesten Bangladeschs. Dort geht durch Erosion und steigende Wasserstände zunehmend Ackerland verloren, während Flüsse immer näher an die Dörfer heranrücken. Gleichzeitig breitet sich die Garnelenzucht aus, wodurch die Versalzung von Böden und Wasser zunimmt. Sauberes Trinkwasser wird knapper, Überschwemmungen treten inzwischen sechs- bis achtmal im Jahr auf und auch die Häufigkeit schwerer Wirbelstürme nimmt zu. Besonders Frauen seien von diesen Entwicklungen betroffen. Umso wichtiger seien die Frauengruppen vor Ort, die sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam Lösungen entwickeln.
Auch Jamuna Rani schilderte die schwierigen Arbeitsbedingungen vieler Frauen in der Garnelenzucht. Oft stehen sie stundenlang im Salzwasser, teilweise bis zu sechs Stunden ohne Pause. Gleichzeitig erhalten sie für die gleiche Arbeit häufig weniger Lohn als Männer. Die wirtschaftliche Unsicherheit verschärfe zudem soziale Probleme bis hin zu häuslicher Gewalt. Dennoch zeigte Jamuna auch auf, wie Frauen durch gemeinschaftliche Organisation Veränderungen anstoßen. In den von NETZ unterstützten Gruppen sprechen sie nicht nur über Landwirtschaft, sondern auch über soziale Sicherung, Gewalt gegen Frauen oder ihre Rechte gegenüber Behörden.
Sukanto Sen ordnete die Erfahrungen in einen größeren politischen Zusammenhang ein. In Bangladesch werde zunehmend darüber diskutiert, dass die Klimakrise nicht allein ein Umweltproblem sei. Sie betreffe ebenso soziale, kulturelle und politische Fragen. Obwohl Bangladesch ein vergleichsweise kleines Land sei, verfüge es über eine enorme kulturelle und ökologische Vielfalt. Diese Vielfalt werde durch die Folgen des Klimawandels bedroht. Gleichzeitig entstünden vielerorts lokale Lösungen, die auf dem Wissen von Gemeinschaften und indigenen Gruppen beruhen.
Ein Beispiel dafür ist die klimaresistente Landwirtschaft, die Asma und Jamuna selbst praktizieren. Durch die Verbindung von lokalem Wissen und angepassten Anbaumethoden gelingt es ihnen, auch unter schwieriger werdenden Bedingungen Nahrungsmittel anzubauen. Sukanto betonte, dass globale Herausforderungen nur durch die Anerkennung lokaler, indigener und nationaler Perspektiven gelöst werden können. Klimagerechtigkeit bedeute dabei nicht nur, Emissionen zu reduzieren, sondern auch Menschen bei der Anpassung an unvermeidbare Veränderungen zu unterstützen und die Grenzen dieser Anpassung anzuerkennen.
Karin Zennig stellte die Berichte aus Bangladesch in einen globalen Zusammenhang. Die Erfahrungen von Asma und Jamuna seien keine Einzelschicksale, sondern stünden stellvertretend für die Situation ganzer Bevölkerungsgruppen. Die Klimakrise sei Ausdruck eines systemischen Problems: Wirtschaft und Konsum würden vielerorts auf Kosten von Mensch und Umwelt organisiert. Gleichzeitig werde die eigene Verletzlichkeit oft erst wahrgenommen, wenn die Auswirkungen auch im Globalen Norden spürbar werden. Solidarität entstehe deshalb nicht automatisch, sondern müsse bewusst gestärkt werden.
Die Gäste aus Bangladesch zeigten jedoch auch, wie aus Verletzlichkeit gemeinsame Stärke entstehen kann. Durch den Zusammenschluss in Gruppen gewinnen Frauen Selbstvertrauen und Handlungsmöglichkeiten. Gemeinsam konnten sie beispielsweise gegen ungleiche Bezahlung in der Garnelenzucht vorgehen oder soziale Leistungen einfordern. Wo einzelne Menschen als „schwach“ wahrgenommen werden, entstehen durch Organisation und gegenseitige Unterstützung neue Handlungsspielräume.
In der Diskussion wurde auch die internationale Klimapolitik kritisch betrachtet. Trotz jahrzehntelanger Klimaverhandlungen steigen die globalen Emissionen weiter an. Die Referierenden verwiesen auf den fehlenden politischen Willen vieler Regierungen und Unternehmen sowie auf die unzureichenden Mechanismen zur Begrenzung der Emissionen. Gleichzeitig wurden Klimafinanzierung und juristische Wege der Verantwortungsübernahme thematisiert. Als Beispiel wurden Klimaklagen genannt, die Fragen von Menschenrechten, Verantwortung und Wiedergutmachung aufgreifen und zunehmend an Bedeutung gewinnen.
In der anschließenden Diskussion fragte ein Teilnehmer: „Das Problem in Bangladesch ist auch unser Problem. Wann verstehen wir endlich, dass es unser aller Problem ist?“ Die Gäste griffen diesen Gedanken auf. Sie betonten die wechselseitige Verbundenheit der Menschen weltweit: „Wir sitzen im selben Boot.“ Niemand könne die Krisen anderer Regionen ignorieren, weil die Herausforderungen letztlich alle betreffen.
Die Veranstaltung machte deutlich: Klimagerechtigkeit ist weit mehr als Klimaschutz. Sie verbindet ökologische Fragen mit Menschenrechten, Geschlechtergerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe. Die Erfahrungen der Gäste aus Bangladesch zeigten eindrucksvoll, dass die Folgen der Klimakrise zwar ungleich verteilt sind, aber gemeinsames Handeln und Solidarität neue Perspektiven eröffnen können.


