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Besondere Begegnungen bei der Bangladeschtagung 2026

Gäste aus Bangladesch und Europa - gemeinsam die Zukunft im Blick

In der Jugendherberge Wetzlar kamen vom 12. bis 14. Juni 2026 viele Menschen zusammen. Sie alle engagieren sich mit NETZ für Bangladesch und Gerechtigkeit. Das Highlight war die Begegnung untereinander und mit unseren Gästen aus Bangladesch: Jamuna Rani, Asmaul Husna, Sukanta Sen und Habibur Rahman Chowdhury. Das Wochenende stand inhaltlich im Zeichen der Klimagerechtigkeit, nicht abstrakt, sondern aus Perspektive derjenigen, die die Klimakrise unmittelbar erleben: Was können wir von ihnen lernen? Und was bedeutet das für unser gemeinsames Handeln?

I. Auftakt und Filmabend

Zum Auftakt gab Habibur Rahman Chowdhury einen Überblick über die aktuelle Situation in Bangladesch und ordnete die ersten 100 Tage der neuen Regierung ein. Es wurde schnell deutlich, wie eng politische Entwicklungen, soziale Gerechtigkeit und Klimafragen miteinander verwoben sind.

Am Abend zeigte ein Film eindrucksvoll, wie viel Veränderungskraft vor Ort entsteht: Schülerinnen und Schüler aus einer Menschenrechts-AG haben darin ein selbst entwickeltes Theaterstück zur digitalen Gewalt gegen Frauen und Mädchen verfilmt. Sie machen die Problematik greifbar und zeigen zugleich Wege auf, ihr zu begegnen. Ein gelungener Auftakt, der viele Gespräche anregte und den Blick für die kommenden Tage schärfte. Hier ist der Film erstmals online zu sehen.

Die Zukunft im Blick:
Heute klimagerecht handeln

Jamuna Rani und Asmaul Husna nahmen uns mit in ihren Alltag und erzählten von ihren eigenen Lebenswegen. Anhand ihrer Erfahrungen wurde sehr konkret greifbar, was die Klimakrise für die Menschen im Süden Bangladeschs bedeutet: versalzene Böden, unsichere Ernten, häufige Extremwetterereignisse  und die ständige Notwendigkeit, sich neu anzupassen. Gleichzeitig wurde deutlich, wie viel Wissen, Stärke und Lösungsansätze in den betroffenen Gemeinschaften selbst liegen.

Die Menschen sind finanziell arm, aber kulturell und sozial reich.

Diesen Reichtum möchten wir zeigen und fördern. Wir nehmen die Menschen vor Ort und ihr lokales Wissen in den Fokus.

Sukanta Sen, Leiter der NETZ-Partnerorganisation BARCIK

Sukanta Sen knüpfte an die Schilderungen der zwei Projektteilnehmerinnen an und zeigte, wie wichtig es ist, dieses Wissen vor Ort ernst zu nehmen und weiterzutragen – und vor allem, die Menschen zu stärken, die direkt betroffen sind.

Austausch in Kleingruppen

In Kleingruppen kamen Sukanta Sen, Jamuna Rani, Asmaul Husna und Habibur Rahman Chowdhury noch einmal direkter mit den Teilnehmenden ins Gespräch. Im Mittelpunkt standen dabei vor allem ihre eigenen Erfahrungen im Umgang mit den Folgen des Klimawandels. Es gab viel Raum für Nachfragen, persönliche Eindrücke und einen offenen Austausch. Die Begegnungen waren sehr eindrücklich und an einigen Stellen auch spürbar emotional - dies zeigen nicht zuletzt die Reaktionen verschiedener Teilnehmender auf die Schilderungen der beiden Frauen:

Dass ich hier berichten kann, bringt ihren Seelen Frieden

Als wir dann mein Vater und Onkel das Boot brachten, stiegen wir hinein, um zum Schutzraum zu fahren. Doch unterwegs kenterte das Boot. Das Problem war, dass da die ganze Familie drin war, in einem Boot. Von elf Insassen sind neun ums Leben gekommen.

Asmaul Husna, Leiterin Kolagachia Frauengruppe, Satkhira

„Ich bin voller Emotionen. Es war eine große Inspiration und hat mich sehr berührt, von Asmauls Schicksal und ihrer Arbeit zu hören. Ich bin dankbar, diese Chance zu haben - nicht nur Infos aus dem Internet zu bekommen, sondern echte Erfahrungen von Menschen mit denen ich mich austauschen kann.“

„Was du berichtet hast, gibt mir Mut, dass es besser werden kann. Es wird Zeit brauchen, aber es ist möglich.“

Wir Frauen brauchen Alternativen zum Salzwasser

Wenn man sechs Stunden tief im Salzwasserbecken steht, dann dringt das Wasser überall ein. 80% der Frauen werden krank. Nun sind wir nicht mehr zu dieser Arbeit gezwungen.

Jamuna Rani, Tia Dorfgruppe

"Vor etwa 12 Jahren war ich hier in Wetzlar bei einer Tagung von NETZ und habe zwei unglaublich beeindruckende Frauen aus Bangladesch kennengelernt. Sie haben mich damals überzeugt, dass ich Mitglied des Vereins sein möchte. Jetzt sitze ich wieder hier und höre Jamuna zu und habe den allergrößten Respekt vor ihrer Leistung und wie sie uns dies hier heute vorstellt. Ich hoffe, dass ihr weiterkämpft und andere Frauen dazu ermutigt, mitzumachen. Danke für deine beeindruckende Arbeit, Jamuna.“

„Ich weiß nicht, wie du es machst: Familie; deinen Sohn erziehen; für Euer Überleben sorgen - gleichzeitig die Gemeinschaft organisieren und für eure Rechte kämpfen… großer Respekt!“

Berichte aus der NETZ-Arbeit

Nach einer aktiven Pause stellte das NETZ-Team vor, was gemeinsam mit Partnerorganisationen und Engagierten im vergangenen Jahr auf den Weg gebracht wurde. Aus dem Büro in Dhaka berichtete Habibur Rahman Chowdhury von einem Jahr im Umbruch: von der Begleitung durch die Zeit rund um die Wahlen, von zusätzlicher Unterstützung nach dem Regierungswechsel und von der aktuellen Situation der Partnerorganisationen. Gleichzeitig ging auch für ihn eine lange Wegstrecke bei NETZ zu Ende – ab September geht er in den Ruhestand. Mit Shahidul Islam als neuem Landesdirektor und der neuen Kollegin Shemonty Monjari als strategischer Koordinatorin ist der Übergang im Leitungsteam des Bangaldesch-Büros bereits in vollem Gange.

In den Projekten selbst wurde viel erreicht. Im Programm „Ein Leben lang genug Reis“ arbeiteten sieben Partnerorganisationen mit rund 22.000 Familien zusammen, wie immer mit einem klaren Fokus auf Frauen als zentrale Akteurinnen. Es ging um klimaresiliente Landwirtschaft, den Aufbau von Dorfgruppen und darum, Rechte einzufordern und Verantwortung zu übernehmen. Neue Projekte sind bereits in Planung, etwa in den Küstenregionen und in den überschwemmungsgefährdeten Gebieten im Norden.

Auch im Bildungsbereich konnten viele Kinder erreicht werden: Rund 53.000 Schüler*innen lernen an von NETZ begleiteten Schulen, viele von ihnen setzen ihren Bildungsweg anschließend fort. Einblicke aus dem vergangen Jahr zeigeten kindzentrierter Pädagogik, verbesserte Lernbedingungen und den neuen Zugang zu sauberem Trinkwasser an einigen Schulen.

Im Einsatz für Menschenrechte engagieren sich in Bangladesch im letzten Jahr mehr als 24.000 ehrenamtliche Menschen in über 1.000 Komitees. Sie unterstützen andere dabei, Zugang zu staatlichen Leistungen zu bekommen, dokumentieren Menschenrechtsverletzungen und bringen sie an die Öffentlichkeit. Auch viele Jugendliche sind aktiv, etwa in Menschenrechts-AGs, Theatergruppen oder Trainings.

Deutlich wurde in den Berichten auch: Die Arbeit findet weiterhin unter schwierigen Bedingungen statt. Politische Unsicherheiten, steigende Preise und zunehmende Klimaextreme verschärfen die Situation vieler Menschen. Umso wichtiger bleibt die enge Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen vor Ort und die gemeinsame Suche nach Lösungen, die im Alltag tragen.

In Deutschland setzt sich NETZ unter anderem mit dem Bangladesch-Forum, mit VENRO und in eigenen Aktionen dafür ein, dass Themen wie Klimagerechtigkeit, Menschenrechte und soziale Ungleichheit sichtbar bleiben. Dies ist gerade auch vor dem Hintergrund sinkender öffentlicher Mittel für Entwicklungszusammenarbeit wichtig. Mit Dialogformaten, Lobbygesprächen und Veranstaltungen wurden Stimmen aus Bangladesch in politische Debatten eingebracht und sich klar gegen Kürzungen positioniert.

NETZ-Mitgliederversammlung

Nach der Kaffeepause ging es weiter mit der Mitgliederversammlung. Die formalen Punkte sind für die Mitglieder im Detail im Protokoll festgehalten. Berichtet wurden unter anderem über die finanzielle Lage des Vereins, die weiterhin eine verlässliche Grundlage für die Arbeit bildet. Weitere Berichte des Vorstands wurden in diesem Jahr erstmals in einer interaktiven Form vorgestellt: Bei einem Rundgang entlang von Stellwänden konnten sich die Teilnehmenden eigenständig informieren, ins Gespräch kommen und Fragen direkt einbringen. Die offizielle Ausprache folgte danach wie gewohnt im Plenum.

In diesem Jahr stand außerdem eine Vorstandswahl an: Manfred Krüger zog sich nach vielen Jahren engagierter Vorstandsarbeit aus dem Gremium zurück. Für seinen langen Einsatz und die prägenden Impulse wurde ihm herzlich gedankt.

Mit der Wahl des neuen Vorstands stellte die Versammlung zugleich die Weichen für die kommende Zeit. Den neuen Vorstand bilden Dr. Kathrin Quellmalz, Dr. Bernhard Höper, Ingo Ritz, Martina Herzog, Dagmar Leboch, Anna Cijevschi und Heiko Herold.

25 Jahre NETZ in Bangladesch – Ehrung und gemeinsamer Abend

Am Abend folgte ein besonderer Moment mit der Ehrung von Habibur Rahman Chowdhury für 25 Jahre NETZ-Arbeit in Bangladesch. In einem persönlichen Gespräch blickten er und Ingo Ritz auf die Anfänge des Büros in Dhaka zurück und auf einen Weg, der eng mit seinem eigenen Leben verbunden ist. Es wurde deutlich wie ausschlaggebend seine Haltung für die Zusammenarbeit war.

Viele Weggefährt*innen aus Bangladesch und Deutschland kamen zu Wort. Sie beschrieben Habib als verlässlichen Partner, guten Zuhörer und Menschen, der Beziehungen aufgebaut und getragen hat, oft über viele Jahre hinweg. Eindrücklich waren auch die Stimmen aus den Partnerorganisationen, die per Videobotschaft betonten, wie sehr Kontinuität und das Begegnen auf Augenhöhe die gemeinsame Arbeit geprägt haben.

Nutzt die Stärke und Erfahrung

der langjährigen Weggefährt*innen bei NETZ – und gebt zugleich der nächsten Generation Raum, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen.

Habibur Rahman Chowdhury, Langjähriger Landesdirektor von NETZ in Bangladesch

Der Abend ging fließend in einen bunten Ausklang über: mit Musik, Gesprächen und kleinen Beiträgen. NETZ-Teammitglieder überraschten Habib mit einem Ständchen, später trat eine bengalische Sängerin auf. Auch die Jubiläen von Vereinsmitgliedern wurden gewürdigt. So klang der Tag gemeinsam und in besonderer Atmosphäre aus.

Diskussionsrunde: Die Zukunft im Blick – Landwirtschaft und Ernährung im Klimawandel

Am Sonntag stand zum Abschluss eine gemeinsame Diskussionsrunde auf dem Programm. Ausgehend von einem kurzen Input wurde deutlich, wie verkürzt viele Debatten über den Klimawandel oft sind – und wie wichtig es ist, die Erfahrungen der Menschen vor Ort einzubeziehen. In der anschließenden Fishbowl-Diskussion kamen mit Sukanta Sen, Asmaul und Jamuna Rani genau diese Stimmen in die Mitte. Ganz praktisch wurde es, als Jamuna Saatgut aus ihrer Arbeit mitbrachte und durch die Runde gehen ließ. Sie berichtete, wie Dorfgemeinschaften eigene Saatgutbanken aufbauen, um auf die zunehmende Versalzung zu reagieren, und wie Wissen über nachhaltige Anbaumethoden weitergegeben wird.

In der Diskussion wurde schnell klar: Anpassung an den Klimawandel passiert längst, getragen von den Menschen selbst. Gleichzeitig stoßen viele an Grenzen. Themen reichten von Möglichkeiten zur Weitergabe von Wissen, über Solidarität zwischen Gemeinden bis zu der Frage, wie Unterstützung so ankommen kann, dass sie wirklich hilfreich ist. Auch persönliche Fragen hatten Platz: nach Motivation, nach Kraftquellen und danach, was Hoffnung gibt. „Aufgeben ist keine Option“, sagte Jamuna Rani – auch, weil viele andere Frauen auf die gemeinsame Arbeit vertrauen.

Zum Abschluss richtete sich der Blick noch einmal nach vorn: Was nehmen wir mit? In einer gemeinsamen „Marmeladenglas-Aktion“ hielten alle einen Moment, einen Gedanken oder eine Erkenntnis aus dem Wochenende fest. Kleine Zettel wanderten in Gläser, die mit nach Hause genommen wurden, als Erinnerung und Anstoß zugleich. Oder, wie es in der Runde hieß: Wenn wir teilen, wachsen wir daran gemeinsam.