Startseite
Jetzt spenden

„Wir haben die Jumma zu Fremden gemacht“ Vom Wirken kolonialer Kontinuitäten in Bangladesch

Hana Shams Ahmed ist eine bangladeschische Menschenrechtsverteidigerin, die sich seit langem für die Rechte der Jumma einsetzt. „Jumma“ ist die kollektive Bezeichnung der elf indigenen Bevölkerungsgruppen, die in den Chittagong Hill Tracts (CHT) im Südosten Bangladeschs leben. Im Interview berichtet sie von ihrer Arbeit mit der internationalen Chittagong Hill Tracts Commission (CHT-Kommission) und den Auswirkungen kolonialer Kontinuitäten auf indigene Bevölkerungsgruppen im Land.


Frau Ahmed, haben Sie sich manchmal alleine gelassen gefühlt, wenn Sie sich im Rahmen ihrer Arbeit mit der CHT-Kommission für die Rechte der indigenen Bevölkerung eingesetzt haben?

Hana Shams Ahmed: Während meiner Tätigkeit für die CHTKommission von 2009 bis 2015 haben wir zu verschiedenen Anlässen mit lokalen Organisationen zusammengearbeitet, insbesondere um über Gewalttaten zu berichten. In diesen Fällen waren die Organisationen sehr hilfsbereit. Sie erhalten Zuschüsse aus dem Ausland, die von den für NGOs zuständigen Behörden in Bangladesch freigegeben werden müssen. Und diese richten ein besonderes Augenmerk auf Organisationen, die Menschenrechtsprojekte im Allgemeinen sowie gezielt mit indigenen Bevölkerungsgruppen durchführen. Insbesondere für in den CHT tätige Organisationen wurden viele diskriminierende und einschüchternde Vorgaben eingeführt. Beispielsweise darf der Begriff „indigen“ nicht in Dokumenten benutzt werden. Ich weiß von vielen dort tätigen Organisationen, dass sie bewusst eine unpolitischere Sprache in ihren Satzungen und anderen offiziellen Dokumenten benutzen, um ihre Arbeit genehmigt zu bekommen.


Die CHT-Kommission hat das Mandat, sich für die Region und seine Bevölkerung einzusetzen. Denken Sie, dass auch die eher breiter aufgestellten Menschenrechtsgruppen in Bangladesch der Region die notwendige Aufmerksamkeit schenken?

Ahmed: Die CHT-Kommission ist selbst nicht in der direkten Projektarbeit in den CHT tätig. Ihre Mitglieder sind alle ehrenamtlich aktiv und haben so mehr Freiheiten, um staatliche Gewalt und Strafflosigkeit zu thematisieren. Die meisten Organisationen haben nicht die Freiheit, um über diese Themen zu sprechen. Die Tatsache, dass das Militär verdeckt an Gewalttaten beteiligt ist, erschwert es darüber offen zu sprechen. Als Romel Chakma (Anm. d. Red.: Mitglied einer indigenen Studierendenvereinigung in den CHT) von Militärs ermordet wurde und die Tageszeitungen Daily Star und Prothom Alo darüber berichteten, brachen ihre Werbeinnahmen um 40 Prozent ein. Der Grund dafür war die Verwendung des Wortes „indigen“ in der Berichterstattung. Unter diesen Voraussetzungen ist es für nationale Menschenrechtsorganisationen sehr schwer, öffentlich die Situation in den CHT zu thematisieren. Neben administrativen Problemen kommt erschwerend hinzu, dass die indigene Bevölkerung der CHT im nationalen Geschichtsnarrativ als „Gegner*innen des Unabhängigkeitskrieges von 1971“ oder als „Sezessionist*innen“ dargestellt wird. In diesen Zuschreibungen wirkt ein reflexartiger Nationalismus und die meisten NGOs folgen einer sehr begrenzten nationalistischen Denkweise oder den Vorgaben durch die Agenden zuschussgebender Institutionen. Daher werden politisch heikle Themen nicht behandelt.

Die meisten bengalischen Mitglieder der CHT-Kommission sind auch bei nationalen Organisationen tätig und machen ihre Advocacy-Arbeit zu den CHT durch die Kommission. Unsere Arbeit wurde auf verschiedenste Weise behindert. Beispielsweise erhielten wir wiederholt Briefe von verschiedenen Regierungsstellen, in denen wir aufgefordert wurden, die CHT nicht zu besuchen. Schließlich erließ die Regierung infolge einer unserer Missionen, an der auch internationale Kommissionsmitglieder beteiligt waren, einen Erlass, dass Personen aus dem Ausland die CHT nicht mehr besuchen dürfen. Im Jahr 2014 wurden wir binnen von zwei Monaten zweimal während unserer Besuche in den Distrikten Rangamati und Bandarban attackiert. All dies erschwert die Arbeit in den CHT ungemein.


Warum blieben im Fall der Ermordung von Mithun Chakma (Anm. d. Red.: der Aktivist erlag am 3. Januar 2018 seinen Schussverletzungen) bangladeschische Menschenrechtsaktivist*innen größtenteils still?

Ahmed: Der Staat übt strikte Kontrolle über Aktivitäten in den CHT aus, inklusive der Arbeit von Menschenrechtsorganisationen. Im aktuellen Fall der Vergewaltigung von zwei jungen Mädchen, vermeintlich verübt durch Mitglieder des Militärs, waren es die Aktivist*innen vor Ort, die die Familie unterstützt haben (Anm. d. Red.: gemeint sind die Vergewaltigung und sexuelle Gewalt gegen zwei Schwestern der indigenen Marma in den CHT am 22. Januar 2018). Die Medien haben darüber berichtet, aber vorsichtig. Es gab Restriktionen für Aktivist*innen und Journalist*innen die Opfer und ihre Familie zu treffen und die Familie wurde angewiesen, sich ruhig zu verhalten. Keine Überraschung, wenn man sich ihre marginalisierte Position in der Gesellschaft vor Augen führt und bedenkt, dass Militärangehörige verdächtigt werden.

Es war wichtig, dass der Daily Star ein Interview mit Rani Yan Yan (Anm. d. Red.: Menschenrechtsaktivistin in den CHT und Mitglied des Beraterkreises des ChakmaKönigs) zum Thema veröffentlichte. Sie war eine der wenigen Personen mit direktem Zugang zur Familie. Vergewaltigungen werden als Waffe genutzt, um die Menschen in den CHT zum Schweigen zu bringen. Die Tatsache, dass es bisher keine Verurteilungen infolge von Vergewaltigungen in den CHT gab und dass im aktuellen Fall Militäroffiziere verdächtigt werden, verfestigt die Straflosigkeit für alle potenziellen Vergewaltiger. Es fällt mir schwer, mich in die Situation der zwei Teenager hinein zu versetzen: vergewaltig von Militärs und dann in einem Krankenhaus unter ständiger Polizeibewachung festgehalten, als wären sie selbst die Schuldigen in diesem Fall. Und zeitgleich gibt es keine Informationen dazu, was mit den verdächtigten Personen passiert ist. So breitet sich Angst aus, jenseits der direkt betroffenen Menschen. Sie wird sukzessive in die kollektive Psyche der Menschen eingepflanzt und durch jede weitere Attacke und damit verbundener Straflosigkeit perpetuiert. Das ist die aktuelle Lage in den CHT.


Wie sensibilisiert ist die Bevölkerung Bangladeschs bezüglich der Situation in den CHT?

Ahmed: Die jüngere bengalische Generation ist insbesondere an der Kultur der Jumma interessiert. Sie sind fasziniert von ihrer Kleidung, ihrem Essen und andeSetzt sich für die Rechte indigener Bevölkerungsgruppen in Bangladesch ein: Hana Shams Ahmed. Sie publiziert regelmäßig zur Menschenrechtslage in Bangladesch und promoviert aktuell an der York Universität in Toronto zu den Auswirkungen von Entwicklungsprojekten und Gewalt auf den Zugang zu Land und natürlichen Ressourcen der indigenen Bevölkerung in den CHT. Foto: Privat 15 ren Ausdrücken ihrer Kultur. Der Tourismus in die CHT wächst und gerade für junge Menschen ist ein Besuch der Region ein Abenteuer. Viele Tourist*innen, die ich im Jahr 2016 im Rahmen meiner Masterarbeit über staatlich kontrollierten Tourismus in den CHT getroffen habe, redeten über all die von ihnen besuchten exotischen und abenteuerlichen Orte. Sie waren stolz darauf, das Unbekannte der CHT zu kennen. Das Interesse der jüngeren Generation ist hauptsächlich auf exotische Aspekte der Jumma limitiert.


Gibt es ein Verständnis für die den Jumma aufgezwungene Lebensweise, die von Militärpräsenz und deren uneingeschränkten Vollmachten geprägt wird?

Ahmed: Viele Menschen reisen mit ihren Familien in die CHT und sie empfinden die Militärpräsenz als sehr positiv. Sie haben das Gefühl, dass ihr Besuch nur durch die vom Militär gewährleistete Sicherheit möglich ist. Die meisten Menschen beschäftigen sich nicht damit, was die militärische Präsenz für die Jumma bedeutet. Einige der von mir gesprochenen Tourist*innen brachten auch ihre Missbilligung über die Aktivitäten der Jumma zum Ausdruck, da durch diese ihre Angst vor einer sezessionistischen Bewegung genährt wird. Wir haben die Jumma zu Fremden gemacht, als die „Anderen“ und als nicht zu uns gehörendend stigmatisiert. Wir, die bengalische Mittelklasse, betrachten die Militärpräsenz als etwas ganz normales in einem freien Land, solange wir selbst nicht unter diesen Umständen leben müssen und solange wir unseren Urlaub in den CHT genießen können.

Es gibt eine reflexartige nationalistische Reaktion in Bezug auf die CHT. Die Gewalt der Kolonisation hat ein Trauma hinterlassen, dem wir uns als Gesellschaft bisher noch nicht richtig gestellt haben. Menschen, die in Britisch-Indien geboren wurden, die Pakistan durchlebt und die Entstehung Bangladeschs erlebt haben, sind noch am Leben. Postkoloniale Ängste sind verknüpft mit der Kategorisierung von Unterschieden und Parolen für ein unabhängiges Bangladesch als homogene bengalische Nation. In einer Kriegssituation ist es wichtig, solche Emotionen zu kultivieren, um eine Bewegung erfolgreich zu mobilisieren. In einer Kriegssituation kann man kurzfristig den unbequemen Fakt ignorieren, dass nicht jede Person, die in und auf diesem Land lebt, Bengal*in ist. Nach der Unabhängigkeit sind diese Emotionen jedoch ein politisches Kapital geworden.

Für eine politische Partei wird dieses Kapital zu einem mächtigen Instrument, um Mitglieder und die Loyalität der Menschen zu gewinnen. Diese starken Emotionen können kultiviert werden, um alle Formen von Gewalt auszuüben. Dadurch entsteht eine Heiligenaura für diese Emotion. Die Manifestation dieser Emotionen zeigt sich in unserer Haltung gegenüber den Jumma. Es besteht eine allgemeine Stimmung zum „Schutz“ der bengalischen Identität, als würde sie noch immer attackiert werden. Wenn wir als Bengal*innen immer noch das Gefühl haben, dass wir unsere Identität verteidigen und behaupten müssen, dann haben wir nicht viel Raum für andere Identitäten, die innerhalb unserer Grenzen leben, sondern wir stellen ihre Identität als „nicht-bengalisch“ dar.


Wo liegen die Gründe für das Fehlen einer Stimme für die Jumma? Wie viel ist zurückzuführen auf ein systemisches Desinteresse, auf Unkenntnis und auf enger werdende Handlungsspielräume von Menschenrechtverteidiger*innen?

Ahmed: Ich würde diese Punkte nicht in Verbindung setzen mit dem „Fehlen einer Stimme“, sondern sehe sie als Teile einer fortschreitenden Ausbeutung. Aus meiner Sicht geht es dabei um einen systematischen Ansatz, um alle Formen von Dissens zum Schweigen zu bringen. Es besteht ein Zusammenhang mit der allgemeinen Ausbeutung und der Kontrolle über das Land und das Kapital in den CHT. Der Staat und private Unternehmen wollen Profite mit dem Land und dem Wald in den CHT machen, also müssen sie die Menschen vor Ort enteignen. Dies wird begünstigt und verstärkt durch bestehende Ungleichheiten in Bezug auf Klasse, Ethnizität und Gender in unserer Gesellschaft. Diese Morde, Vergewaltigungen und die damit verbundene Straflosigkeit sind nur möglich, weil diese Ungleichheiten existieren. Gleichzeitig werden die Ungleichheiten durch diese Taten weiter verstärkt. Profitieren davon tun schlussendlich der Staat und die bengalische Elite.

Das von Shayan S. Khan geführte Interview, hier in einer etwas gekürzten Fassung veröffentlicht, erschien am 22.02.2018 im Dhaka Courier unter dem Titel „We have Othered the Jummas to such an extent“. Zudem erschien der Beitrag in der Bangladesch-Zeitschrift NETZ 1/2-2018 Koloniale Kontinuitäten Die Zeitschrift können Sie als PDF downloaden oder als Drucksache bei NETZ anfordern.


Übersetzung: Franziska Gaube

Setzt sich für die Rechte indigener Bevölkerungsgruppen in Bangladesch ein: Hana Shams Ahmed. Sie publiziert regelmäßig zur Menschenrechtslage in Bangladesch und promoviert aktuell an der York Universität in Toronto zu den Auswirkungen von Entwicklungsprojekten und Gewalt auf den Zugang zu Land und natürlichen Ressourcen der indigenen Bevölkerung in den CHT. Foto: privat.

Mehr BeiträgeAlle Beiträge

Ihre Spende kommt an.

Alle Projekte ansehen
Jetzt spenden

Sichere SSL-Verbindung