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„Die Ärmsten trifft es zuerst“ Klimaveränderung und Landnutzungswandel in Bangladesch

Reisanbau in Bangladesch

Im Gespräch: Raquib Ahmed

Der Professor für Geografie und Umweltstudien an der Universität Rajshahi erklärt im Interview mit NETZ, was der Klimawandel für Bangladesch bedeutet, warum insbesondere indigene Gemeinschaften betroffen sind und was getan werden kann, um den Folgen des Wandels zu begegnen.


NETZ: Bangladesch gilt als eines der am meisten vom Klimawandel betroffenen Länder. Warum?

Raquib Ahmed: Der Klimawandel als solcher ist kein neues Phänomen. Er besteht seit Millionen von Jahren und vollzieht sich, seitdem es uns gibt. Der Klimawandel ist ein Fakt, er ist da. Doch seine Wirkung ist bis jetzt noch nicht klar definiert.

Das Problem heutzutage ist, dass die mit dem Klima verbundenen Veränderungen viel zu schnell geschehen: das Schmelzen der Polkappen, die Wetterveränderungen, die Mengen des Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes. Das bietet Grund zur Sorge. Das Klima verändert sich und wird immer unvorhersehbarer. Die am meisten betroffenen Regionen Bangladeschs sind die südlichen Küstengebiete und die Kernregionen für Agrarwirtschaft im Nordund Zentralwesten.


NETZ: Wie groß sind die Auswirkungen des Klimawandels auf das Land?

Ahmed: Ich würde nicht unbedingt sagen, dass der Klimawandel das größte Problem ist. Er ist vielmehr der unterstützende Faktor, der Probleme aufgrund anderer Entwicklungen immer mehr vergrößert: Unsere Bevölkerung wächst rasant, in den letzten 50 Jahren hat sie sich verdoppelt. Die Wassernachfrage ist gestiegen, heute benötigen wir mehr als die doppelte Menge an Wasser. Wir brauchen mehr Anbauflächen, unsere Landwirtschaft und die Industrie entwickeln sich schneller, mehr Strom wird benötigt. Gepaart mit den Auswirkungen des Klimawandels verschlechtert sich die Situation weiter.


NETZ: Welche Gefahr stellt die Wetter- und Klimaveränderung davon abgesehen dar?

Ahmed: Nehmen wir die Erderwärmung als Beispiel: Wenn die Temperatur nur leicht steigt, hat das ernstzunehmende Auswirkungen auf Anbausysteme und die Biodiversität. Wenn die Erde sich erwärmt, erhöht sich die Geschwindigkeit des Wasserkreislaufs. Durch mehr Regen verändern sich Anbaumuster, lokale Landwirtschaftssysteme geraten durcheinander. In Bangladesch gab es deshalb im vergangenen Jahr keinen Winter. Manchmal fällt Regen aus, wenn er eigentlich erwartet wird. All dies geschieht unerwartet und letztendlich wird das ganze System instabil.


NETZ: Was ist die Ursache für solche Wetterveränderungen?

Ahmed: Tausende Jahren war das Wetter sehr stabil und regelmäßig. Jetzt verändert es sich, wegen massiver menschlicher Eingriffe, beispielsweise Abholzung und Aufforstung. Wenn bestimmte Gebiete, die nie bewaldet waren, nun aufgeforstet werden, hat das Auswirkungen auf die Luft. Es beeinflusst das Drucksystem und verändert die Windrichtung. Orte, an denen es regelmäßig regnete, bleiben trocken. Dafür regnet es an Orten, wo es vorher nie Regen gab. Selbst im Mittleren Osten kann man dies beobachten: es regnet inzwischen dort, wo es zuvor eigentlich nie geregnet hat.


NETZ: Welche Rolle spielen die Verschmutzung der Luft und der Ausstoß von Kohlenstoffmonoxid?

Ahmed: Kraftwerke verursachen große Mengen an Emission mit hoher Temperatur – das hat einen Einfluss auf das Klima, den man beobachten muss. In Bangladesch wird das Rampal-Kohlekraftwerk geplant. Die Regierung verspricht Staub- und KohlenstoffmonoxidFilter, um den schädlichen Ausstoß zu verringern. Aber man kann jetzt nicht sagen, wie das letztendlich wirken wird. Außerdem liegen die Sundarbans [das größte zusammenhängende Mangrovenwaldgebiet der Welt, Anm. d. Red.] südöstlich von dem geplanten Kraftwerk. Die Monsunwinde wehen zwar mehr als das halbe Jahr in Richtung Nordosten. Für die restliche Zeit oder wenn sich der Wind ändert, bleibt aber ein großes Risiko. Die Asche wird den Wald verschmutzen, Bäume und dort lebende Amphibien bedecken – das Ökosystem ist gefährdet.


NETZ: Schädliche Emissionen werden nicht nur in Bangladesch, sondern global produziert. Welche Rolle spielt Bangladesch hier?

Ahmed: Bangladeschs Emissionen sind vergleichsweise gering. Es ist nicht gerecht, dass unter den Folgen der Klimaveränderung hiesige Kleinbauern leiden, die fast nichts zu den Emissionen beitragen. Eine interessante Frage ist: Wer profitiert? Es gibt internationale Vereinbarungen, die Ausgleichszahlungen verlangen von Ländern mit hohen Emissionen: Indien, China oder andere Länder mit sich entwickelnder Industrie. Diese haben zwar einen höheren KohlenmonoxidAusstoß. Das liegt aber auch daran, dass führenden Industrienationen ihre Produktion dorthin verlagert haben: Kleidung, Elektronik, Haushaltsgüter. Wie definieren wir also die Emissionen? Von der Konsumenten- oder Produzentenperspektive? Hinsichtlich der Produktion sind China oder Indien die Verursacher. Für wen aber produzieren sie?


NETZ: Was wird getan, um gegen die massive Verschmutzung vorzugehen?

Ahmed: Wenn man die Strategien zur Schadensminderung und Anpassung bezüglich des Klimawandels betrachtet, gibt es außer vielleicht in Europa keine guten Programme. Wir haben den Kohlenstoffdioxid-Ausstoß immer noch nicht reduzieren können. In Amerika werden die Leute sogar zum Kauf von immer mehr Autos ermutigt. Und da die meisten entwickelten Länder ihre Produktion verlagert haben, kann man nicht wirklich von erfolgreicher Schadensminderung sprechen.

In Bangladesch konzentrieren sich die Regierungsstrategien nur auf die Anpassung und nicht auf die Schadensminderung. Das ist, als wenn ich in einem Raum rauche und andere Menschen leiden darunter. Ich verspreche ihnen zwar, ihre Arztrechnungen zu bezahlen, aber höre nicht auf zu rauchen. Die Regierung hat einen Plan, um die Energienachfrage der nächsten Jahre zu decken. Doch Energiebedarf und Umwelt schutz stehen immer im Verhältnis: Will man von einem mehr haben, so muss man bei dem andere ein Zugeständnis machen. Wo machen wir den Kompromiss? Das hängt davon ab, was wir brauchen. Ich sage: Wir können Energie sparen.


NETZ: Wie wichtig sind also Programme zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels?

Ahmed: Es gibt viel mehr Aspekte, die hinter dem sogenannten Klimawandel stehen, beispielsweise lokale soziale Systeme. Nehmen wir Kleinbauern aus der südwestlichen Küstenregion, die aufgrund von veränderter Landnutzung, beispielsweise durch intensive Garnelenzucht für den Export, migrieren mussten. Anpassungsprogramme sollten ihnen beim Neuanfang helfen und sie durch Bildung, Sanitäranlagen usw. unterstützen. Auch die Stärkung von Frauen sollte so verstanden werden.

Durch ein gutes Bildungssystem wird es den Menschen möglich, den Kontext von Klimawandel beziehungsweise sozialem Wandel zu verstehen. Sie erlangen Kenntnisse und kommen besser mit den ökonomischen Veränderungen zurecht. Wir sollten also eine kulturelle Perspektive auf den Klimawandel schaffen und mit Bewusstseinsbildung beginnen.


NETZ: Können Sie ein Beispiel nennen?

Ahmed: Die Menschen verbrauchen zu viel Wasser. Die Menschen neigen oft sogar zur Wasserverschwendung. Man kann also dafür Bewusstsein schaffen, weniger zu verbrauchen. Eine andere Sache ist die Ernährungssicherheit. Wir sind zu sehr abhängig von Reis. Wir müssen diversifizieren und lokale Kleinbauern stärken. Saatgut ist jedoch ein großes Geschäft. Heutzutage gibt es Monokulturen, Landwirte bekommen ihr Saatgut von multinationalen Firmen und lokale Sorten verschwinden. Hier können wir den Zusammenhang von Klimawandel und Armut sehen:

Der Temperaturanstieg ändert das Klimamuster, was wiederum das Landwirtschaftssystem und die Anbaustrategien verändert. Diversifizierte Landwirtschaft wird schwieriger, vor allem Kleinbauern sind betroffen.


NETZ: Was passiert dann?

Ahmed: Menschen mit Geld investieren und bringen anderes Saatgut passend zur veränderten Ausgangslage ein. Und die Kleinbauern sind nicht in der Lage, sich anzupassen, weil sie ihr traditionelles System gewohnt sind. So kann es passieren, dass jene Systeme von wohlhabenden Leuten, Unternehmen und multinationalen Konzernen übernommen werden und die Menschen vor Ort ihre lokale Autonomie verlieren. Die Ärmsten trifft es zuerst und unter ihnen zuallererst die Adivasis, also die indigenen Gemeinschaften. Sie sind besonders gefährdet, weil sie auf das natürliche System angewiesen sind. Die Garnelenzucht ist ein anderes Beispiel mit ernsthaften Auswirkungen auf Anbausysteme, Fischerei und Biodiversität. Reiche Menschen investieren und nutzen das Land zur Garnelenzucht. Von denen, die dieses Land vorher bewirtschaftet haben, können nun wenige in der Garnelenzucht arbeiten, andere müssen migrieren, um neue Arbeit zu finden. Das bedeutet Landnutzungsveränderung. In den südlichen Distrikten Bangladeschs wie Satkhira, Khulna und Bagerhat kommt das häufig vor. Große Flächen Land werden auf diese Weise in Beschlag genommen.


NETZ: Also geht es beim Klimawandel vermehrt um sozialen Wandel?

Ahmed: Was wir unter Klimawandel verstehen, ist eng mit sozialen Dynamiken verbunden, mit lokale Veränderungen und Landnutzungsveränderungen. Wenn Menschen jedoch mehr Bewusstsein durch Bildung, Landwirtschafts-Programme und Menschenrechtstrainings bekommen, können sie besser mit den Veränderungen umgehen und sind besser ausgerüstet, um möglichen Folgen zu begegnen. Wenn Menschen vorbereitet sind, können sie die Anpassung selbst gestalten und eigene Ideen entwickeln.


NETZ: Vielen Dank für das Gespräch.


Interview: Sven Wagner

Das Interview erschien in der NETZ Ausgabe 1/2017 "Klima und Wandel" der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Projekt Klimagerechte Zukunft Die Zeitschrift können Sie als PDF downloaden oder als Drucksache bei uns anfordern.

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