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Warten auf die Weltgemeinschaft

Im Südosten Bangladeschs befindet sich das größte Lager für geflüchtete Men schen weltweit. Dort leben Rohingya, die zu Hunderttausenden gewaltsam aus ihrer Heimat Myanmar vertrieben wurden. Sie haben Schreckliches erlebt – und niemand weiß bis heute, wo sie zukünftig leben sollen.

Wenn Soleima Khatun abends vor ihrer Hütte sitzt und die Au gen schließt, kann sie noch im mer hören, wie die Gewehrku geln an ihr vorbeizischen. Sie sieht die Rauchschwaden von den brennenden Strohdächern und verkohlten Reisfeldern ih res Heimatdorfes aufsteigen. Dann beginnt sie in Gedanken er neut loszurennen: an den Bam bushäuschen der Nachbarn vor bei auf einen dicht bewachsenen Pfad tief hinein in den Dschungel – Hauptsache irgendwie raus aus der kleinen Siedlung Donsong im Westen Myanmars. So schnell ihre Füße die 50 Jährige tragen.

Wo es hingehen soll, ist in diesem Moment weder ihr noch den an deren Dorfbewohner*innen klar, die panikartig die Flucht ergrei fen – mit nichts als ihren Klei dern am Leib. Khatun weiß nicht einmal, was in jener Nacht ge schieht, wer die Bewaffneten sind und warum plötzlich Helikopter über dieser abgelegenen Gegend auftauchen. Das Einzige, was ihr in diesem Moment klar ist: Ihr Dorf wird angegriffen. Menschen werden erschossen. Und wenn sie jetzt nicht den anderen Flüchten den hinterherrennt, droht auch ihr großes Unheil.

Zweieinhalb Jahre ist das nun her. Soleima Khatun hat ihr Land ver loren, ihre Identität, ihre Frei heit. Inzwischen weiß sie: Der Angriff auf ihr Dorf war eine von mehreren Aktionen, mit der My anmars Militär, paramilitäri sche Gruppen und mutmaßliche Helfer*innen aus der Lokalbevöl kerung in Rakhine in kurzer Zeit massenhaft Menschen vertrie ben, gepeinigt und getötet haben. Die Opfer: allesamt Angehörige der muslimischen Minderheit der Rohingya, die seit Generationen dort lebt. So wie Soleima Khatun und ihre Familie. Ihre Flucht endete schließlich in Kutupalong im Südosten Bang ladeschs – dem derzeit womög lich größten Lagerkomplex für geflüchtete Menschen weltweit. 860.000 Menschen leben Anga ben der Vereinten Nationen zufol ge hier. Inoffiziellen Schätzungen von Nichtregierungsorganisati onen zufolge sind es längst über eine Million. Soleima Khatun sitzt auf dem Lehmboden ihrer Behausung im Herzen des Kutupalong La gers. Die Unterkunft ist aus ei nem Bambusgestell gefertigt, die Wände bestehen aus Planen und Plastiksäcken. Auf einer Flä che von drei mal fünf Metern le ben, kochen und schlafen ihr Sohn, dessen Frau und der Enkel hier zusammen mit ihr. Ihre Be hausung, so schlicht sie wirkt, ist noch eine der besten Varianten im Camp. Als die Menschen 2017 hier ankamen, hatten viele über haupt keinen Schutz und harrten wochenlang unter dünnen Plas tikfolien im Morast aus, nur not dürftig vor dem Monsunregen ge schützt. „Wir sind sechs Tage lang im Dschungel umhergeirrt“, sagt Kathun leise und hält dabei ihre Hand vor den Mund, als habe sie Scheu, das Erlebte auszuspre chen. Die 50 Jährige wirkt ausge zehrt und wesentlich älter, als sie ist. Die Flucht und das Leben im Lager haben bei vielen Menschen zu schweren Traumata geführt.

Es war der 25. August 2017, als das Militär in den Dörfern zuschlug – offiziell eine Vergeltungsakti on für die vorangegangenen An griffe von Rohingya Separatis ten auf myanmarische Soldaten, bei denen ein Dutzend Menschen ums Leben kamen. Internatio nale Beobachter*innen sprechen hingegen von gezielter Vertrei bung bis hin zu Völkermord des Militärs. Und ebenso berichten Augenzeugen, die heute in Ku tupalong leben, von wahllosen und brutalen Angriffen auf völ lig unbeteiligte Menschen. Sol eima Khatuns Nachbar*innen im Camp erzählen ähnliche Ge schichten: Rahima Khatun, 40, musste mit ansehen, wie zwei ihrer Brüder erschossen wur den. Die Angreifer hätten zu dem wahllos Feuer gelegt und Menschen in ihren Hütten ver brannt. Die 60 jährige Anowa ra Begum berichtet von Folter und Vergewaltigungen in ihrem Dorf. Und der Farmer Tanda Mia schildert mit einer Mischung aus Trauer und Wut, wie er sein gan zes Land und Vieh zurücklassen musste.

„Auf der Flucht haben wir Wasser aus Quellen im Wald getrunken. Wir haben kaum ge schlafen“, erinnert sich Soleima Khatun. An Essen war nicht zu denken. Viele haben unterwegs die Rinde von Bananenbäumen aufgebrochen, um an das zumin dest etwas nahrhafte Mark im In neren zu kommen. Denn Früchte trugen die Bäume derzeit nicht. Das Wenige, was sie besaß, muss te Khatun zurücklassen: Klei dung, Nahrungsvorräte, aber auch ihren Ausweis. Ohne ihn gilt sie nun als staatenlos. Zurück nach Myanmar könnte sie nicht einmal theoretisch. Und so, wie es die 50 Jährige beschreibt, geht es vielen in den Camps: Offizielle Dokumente – auch Landbesitzur kunden – sind verloren.

Mohammed Hossein, ein hage rer Mann mit Kinnbart und der muslimischen Tupi Kopfbede ckung ist ein Gemeindevorste her der Rohingya, ein gebilde ter und angesehener Mann, der früher in Myanmar Kommunal politiker war. Bis auch er vertrie ben wurde. Im Camp fungiert der 55 Jährige als Mittler zwi schen den Geflüchteten und al len, die helfen: Vertreter*innen von Nichtregierungsorganisatio nen, UN Mitarbeiter*innen und Regierungsbeamt*innen. Vom Modina Hügel aus, der höchsten Erhebung in Kutupalong, kann man an klaren Tagen die Ber ge erkennen, über die die Grenze zu Myanmar verläuft. Hier steht Hossein und überblickt das rie sige Lager, das auf 35 Quadratki lometern in unwegsames Hügel land gebaut ist. Es gibt Straßen, Krankenlager, Kindergärten und eine Feuerstation, Fußballfelder, kleine Teiche und Märkte, auf de nen Obst, Gemüse, Seife und Klei dung getauscht und gehandelt werden. Die gesamte Infrastruk tur wurde von Hand geschaffen. Anfangs vor allem durch die lo kale Bevölkerung, die als erste in der Not half.

Das Ganze kann je doch nicht darüber hinwegtäu schen, dass das Dasein hier karg und entbehrungsreich ist. Die Menschen leben auf engstem Raum zusammen, bekommen nur fest rationierte Lebensmit tel und können das Camp in der Regel nicht verlassen – das war schon so, bevor die Einrichtung im März 2020 Corona bedingt ab geriegelt wurde. Zudem leben die Menschen in völliger Ungewiss heit darüber, was mit ihnen pas sieren wird. Hier leben heißt vor allem eins: warten. „Wir konnten uns in unserem Heimatland nicht frei bewegen, brauchten Genehmigungen von Behörden, wenn wir einkaufen oder zu Verwandten reisen woll ten“, schildert Hossein. Er ver steht sich als Bürger Myanmars. Doch für Rohingya, sagt er, ha ben immer andere Regeln gegol ten. Genehmigungen seien auch nötig gewesen, um einfachste Dinge einzukaufen. „Und das oft von bis zu drei verschiedenen Be hörden“, sagt der Gemeindevor steher. Steuern für Ländereien – vergleichbar mit der Grundsteuer – hätten für Rohingya bei 25 Pro zent gelegen. Das sei ein Vielfa ches von dem, was andere Bürger zahlen mussten. Hossein nennt Beispiel um Beispiel.

Als die Re gierung ab 2012 systematisch Mo scheen in der Region geschlos sen habe, sei die Situation immer schlimmer geworden. Rohingya Haushalte mussten irgendwann Buch führen: Alle Besitztümer, jede Ziege, jeder Kochtopf, soll ten gelistet werden. Wollte eine Familie etwas Neues anschaffen, musste das begründet und ge nehmigt werden. Was Hossein erklärt, klingt nach systematischer Benachteiligung und Unterdrückung. Es ist zwar sehr schwer nachzuprüfen, was genau in Myanmar passiert ist, aber der Mann spricht stellver tretend für sehr viele hier im Camp, die nach eigenen Angaben die Repressalien erleiden muss ten. Und auch internationale Beobachter*innen sehen hinrei chend Hinweise für die gezielte Unterdrückung der Rohingya bis hin zu den Gewaltakten durch das Militär.

In der Folge hat schließ lich sogar der Internationa le Strafgerichtshof in Den Haag Ende 2019 umfangreiche Ermitt lungen wegen der Verfolgung der muslimischen Minderheit auto risiert. Myanmars Regierungs chefin Aung San Suu Kyi gab da raufhin Ende Dezember 2019 in den Niederlanden eine Stellung nahme ab, widersprach aber dem Vorwurf der gezielten Verbre chen. Allerdings stellte auch der Sonderberichterstatter der Ver einten Nationen für Myanmar, Yanghee Lee, vergangenes Jahr fest, dass die Aktionen gegen die Rohingya Merkmale eines Völker mordes aufwiesen. So werden auf der internationa len Bühne also nur langsam die Bedingungen für eine umfassen de Aufklärung entwickelt.

Des halb winkt wohl auch Soleima Khatun in Kutupalong ab, wenn es um das große Ganze geht. Die persönlichen Erinnerungen, die sie belasten, sind viel größer. Bei ihrer Flucht wurde sie von ih rem Mann Sheir getrennt, sagt sie. Seitdem gilt er als verschol len. Khatun hat telefoniert, Ver wandte in Myanmar gefragt, wo ihr Mann ist – doch schon bald gab es niemanden mehr im Dorf, den sie kontaktieren konnte. Und so wartet die Frau weiter je den Tag. Sie sagt, sie habe hier zu mindest etwas zu essen und müs se nicht hungern. Doch gut geht es ihr offensichtlich nicht. Die Flucht scheint nie aufzuhören. Wie die vielen anderen Menschen hier, weiß Soleima nicht, was die Zukunft bringen wird. Nur eins ist für sie sicher: „Wenn ich ster be, möchte ich in Myanmar be graben werden.“

Das sei ihr einziger Wunsch.

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