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Jahresbericht 2020 „Die Krisen anpacken – und nicht loslassen“

Die Corona-Pandemie bedroht die Existenz von bis zu 35 Millionen Menschen in Bangladesch, sagt Dr. Max Stille, der Geschäftsführer der Wetzlarer Entwicklungsorganisation NETZ. Aber: Es geht nicht nur um die unmittelbare Gesundheitsgefahr. Sondern um soziale Benachteiligung der ärmsten Menschen.

Wetzlar/Dhaka – „Während die Industrienationen viele Mittel haben, um Corona wirksam zu bekämpfen, bedroht die Pandemie weiter das Leben von Millionen Menschen in Bangladesch“ – mit einem deutlichen Appell wendet sich die Wetzlarer Entwicklungsorganisation NETZ an die Öffentlichkeit und erklärt zur Vorstellung ihres aktuellen Jahresberichts, worauf es nun in der Krise ankommt. „Nur Gerechtigkeit, international und im Land selbst, kann die massiven Probleme lösen“, erklärt NETZ-Geschäftsführer Dr. Max Stille.

Infolge von mehreren coronabedingten Lockdowns und dem Stillstand des öffentlichen Lebens in Bangladesch haben viele Menschen im vergangenen Jahr ihre Arbeit und Existenzgrundlage verloren. Schätzungsweise 25 bis 35 Millionen Menschen sind dadurch nun neu von Hunger und Bedürftigkeit betroffen, macht Stille deutlich und bezieht sich dabei auf Armutsforscher vor Ort. Besonders betroffen sind demnach Tagelöhner, Wanderarbeiter oder Erntehelfer. Die Gruppe derer, die NETZ und seine lokalen Partnerorganisationen vor Ort mit Selbsthilfeprojekten unterstützen, droht also trotz großer Entwicklungserfolge in den vergangene Jahren wieder zu wachsen.

Einkommen stabilisieren

Das vergangene Jahr war ein besonders außergewöhnliches für die Wetzlarer Bangladesch-Organisation, die seit mehr als dreißig Jahren Projekte für Bildung, Ernährungssicherung und Menschenrechte in dem südasiatischen Land umsetzt. Zwar sei es üblich, dass in manchem Jahr eine besonders schwere Flut herrscht, ein unerwartet starker Wirbelsturm auf die Küste trifft oder eine Dürre die landwirtschaftliche Versorgung gefährdet, sagt Stille. Doch die Corona-Pandemie habe sich zuletzt auf alle Arbeitsbereiche von NETZ ausgewirkt, vor allem bei der Unterstützung der ärmsten und am meisten Benachteiligten in der Gesellschaft wie indigenen Gruppen, Landlosen oder alleinstehenden Frauen. „Durch den Verlust der Arbeit ist das ohnehin schon geringe Einkommen vieler Haushalte quasi über Nacht weggebrochen“, macht der NETZ-Geschäftsführer deutlich. „Viele Familien mussten täglich Mahlzeiten ausfallen lassen, das wenige Hab und Gut für Essen verkaufen oder sich bei dubiosen Geldverleihern verschulden.“ Hinzu komme die vor allem in ländlichen Regionen schon vor der Pandemie mangelhafte Gesundheitsversorgung.

NETZ hat daher mehr als 31.000 Familien mit Corona-Soforthilfepaketen versorgt, die Grundnahrungsmittel, Fiebermedikamente, Seife und Pflanzensetzlinge umfasst haben. All das zusätzlich zu den 13.800 Frauen, die durch NETZ-Projekte im Rahmen des Programms „Ein Leben lang genug Reis“ für sich und ihre Familien eine wirtschaftliche Existenz aufgebaut und die Armut überwunden haben. Mehr als 55.000 Menschen haben im Krisenjahr 2020 durch die erfolgreiche Projektarbeit ihre Ernährung trotz Coronakrise sichern können.

Häusliche Gewalt verhindern

Die soziale Ungleichheit ist eines der wichtigsten Themen für NETZ in Bangladesch, insbesondere im Bereich Bildung und Menschenrechte. „Die Benachteiligung verstärkt sich während der Pandemie drastisch“, sagt Geschäftsführer Stille, der im Juli selbst zu einem Arbeitsbesuch in der Landeshauptstadt Dhaka war. „Kinder sind oft Hauptleidtragende des Armutsanstiegs in der Corona-Zeit. Ihr Essen wird weniger und einseitiger, sie müssen öfter arbeiten gehen und sind durch zunehmende häusliche Gewalt gefährdet. Schulschließungen und ökonomische Unsicherheit führen auch zu einer Zunahme von Frühverheiratungen von Mädchen.“ Was Benachteiligung bedeutet, macht er an einem einfachen Beispiel fest: Seit März 2020 blieben die Bildungseinrichtungen im Land für insgesamt anderthalb Jahre komplett geschlossen. In dieser Zeit wurden Online-Unterricht und Lernprogramme im TV angeboten, so Stille. Kinder aus Familien in Armut haben aber in der Regel überhaupt keinen Fernseher oder Internetzugang. Sie seien also komplett außen vor geblieben. Umso wichtiger war es, dass NETZ 2020 38.890 Mädchen und Jungen aus mehrheitlich benachteiligten Familien mit Bildungsangeboten erreichen konnte.

Insgesamt hat NETZ im vergangenen Jahr 4,7 Millionen Euro in die Entwicklungsarbeit gesteckt. Darunter sind Spenden von Schulen, Kirchengemeinden, Privatpersonen sowie institutionelle Zuschüsse über das Bundesentwicklungsministerium, die Europäische Union oder private Organisationen.

Mit dem Klimawandel Leben

Den Einsatz vor Ort gilt es für NETZ inzwischen auch in Anbetracht einer weiteren Krise zu bewältigen, die ebenfalls bei der gesamten Projektarbeit von NETZ im Mittelpunkt steht: die Folgen des Klimawandels. Bangladesch ist eines der am meisten betroffenen Länder der Welt – nicht nur, weil ein steigender Meeresspiegel die Südküste mittelfristig zu „verschlucken“ droht, sondern auch weil Kältewellen, Dürren und Fluten die Lebensgrundlage Landwirtschaft bedrohen, die fast drei Viertel der Beschäftigung im Land ausmachen.

Vor Ort beobachtet der NETZ-Landesdirektor aus Bangladesch, Habibur Rahman Chowdhury, die Situation mit großer Sorge: „Naturkatastrophen haben in unseren Projektregionen im Norden und Westen des Landes in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Wichtige Ernten bleiben aus, Häuser werden zerstört. Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben müssen, trifft das besonders – obwohl sie am allerwenigsten zum Klimawandel beitragen.“ Der Entwicklungsexperte betont besonders den Zusammenhang von Klimawandel und Menschenrechten am Beispiel Land. „Die Konkurrenz um Grund und Boden zum Leben und Anbau ist sehr groß, da Bangladesch nur etwa halb so groß wie Deutschland ist, aber doppelt so viele Einwohner hat.“ Wenn, wie in der NETZ Arbeitsregion Kurigram, dann durch klimabedingte Flusserosion noch viele Tausend Hektar Land verlorengingen, werde der Verteilungskampf noch verstärkt und es komme auch zu gewaltsamer Landnahme. „Die Opfer sind vor allem benachteiligte Menschen, die sich nicht wehren können. Sie werden angegriffen und vertrieben“, erklärt Chowdhury.

Für NETZ ist Klimawandel daher eine wichtige Querschnittsaufgabe aller Projekte. So unterstützt die Organisation die Menschen vor Ort mit Trainings zu klimaresilienten Anbaumethoden. Teilnehmende lernen zudem, wie sie ihre Häuser gegen Unwetter sichern können und erhalten Unterstützung, um ihre Rechte zu sichern. So sollen die Betroffenen in der Lage sein, Behördenanfragen zu stellen, staatliche Sozialleistungen einzufordern und sich gegen Gewalt zu wehren, wenn es etwa um ihr eigenes Land geht. „Hier stecken wir schon mitten im Kampf gegen den Klimawandel“, fügt NETZ-Geschäftsführer Stille hinzu. „Wir unterstützen vor Ort – aber rufen genauso die internationale Gemeinschaft auf, entschlossener gegen die lebensbedrohlichen Folgen zu handeln.“

Fotos (NETZ, Noor A. Gelal):

Foto 1, oben: Der Klimawandel führt zu stärkeren Monsunregen als früher. Die Lebensgrundlage entlang der Flüsse südlich des Himalayas wird immer brüchiger.

Foto 2: Frauen ernten Kartoffeln im Distrikt Naogan und erhalten dafür einen geringen Tagelohn. Über zwei Drittel der Arbeitskräfte sin in der Landwirtschaft tätig.

Foto 3: Die Flaschenkürbisse dürfen noch ein paar Wochen hängen, bis sie geerntet werden können. Sonali Rani achtet in ihrem Garten auf klimaresistente Sorten. Biologische Insektizide stellt sie selbst her.

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