Podiumsdiskussion zur Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit
Zwischen Hoffnung und Haushaltskürzungen: Gießener Diskussion zur Entwicklungszusammenarbeit
Gießen, 19. November 2025. „Welche globale Verantwortung tragen wir – und wie gestalten wir gemeinsam eine solidarische Welt?“ Mit dieser Frage eröffnete der Gießener Verein NETZ Partnerschaft für Entwicklung und Gerechtigkeit seine Podiumsdiskussion in der Kongresshalle. Der Titel war bewusst zugespitzt: Denn die deutsche Entwicklungszusammenarbeit steht vor drastischen Kürzungen, während weltweit Millionen Menschen hungern und die Klimakrise die Ärmsten besonders hart trifft.
Bundestagsabgeordnete und Oberbürgermeister bekennen sich
Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher machte in seinem Grußwort deutlich, wie wichtig das Engagement der Zivilgesellschaft ist: „Ich finde, Ihr Einsatz zeigt: eine solidarische Welt entsteht nicht, indem wir Verantwortung abgeben – sondern indem wir Verantwortung teilen.“
Auf dem Podium saßen zwei Bundestagsabgeordnete aus Gießen: Felix Döring (SPD), Haushälter für das Entwicklungsministerium, und Desiree Becker (Die Linke). Döring freute sich über den kleinen Erfolg in der Berliner Vorwoche, in der einige Kürzungen zurückgefahren werden konnten. Und er fand deutliche Worte für die Zukunft: „Wir werden uns mit allem gegen die Kürzungen stemmen, was wir haben.“ Becker warnte vor einer gefährlichen politischen Entwicklung, die Einsatz weltweit und die politische Zukunft hierzulande gefährdet: „Letzte Woche wurde das Lieferkettengesetz im EU-Parlament abgeschwächt – gemeinsam mit der extremen Rechten. Das ist ein Skandal. Wir müssen jetzt zivilgesellschaftlich und parlamentarisch dagegenhalten.“
Zivilgesellschaft fordert Kurswechsel
Niko Richter vom Bangladesch-Forum brachte die internationale Dimension auf den Punkt:
„Persönlich und politisch bin ich gerade sehr besorgt. In diesem Jahr haben die reichen Länder die Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit so stark gekürzt wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen.“ Er verwies darauf, dass weltweit noch über 700 Millionen Menschen jeden Tag hungern und stellt klar, dass dies nicht so sein muss. Das kann und darf so nicht weitergehen.
Pushpa Islam vom Entwicklungspolitischen Netzwerk Hessen ergänzte eine persönliche Perspektive: „Es macht mich sehr traurig, diese Einstellung, denn ich habe Familie in Bangladesch. Ich sehe, was die Auswirkungen sind – sei es Klimakatastrophe oder Ausbeutung in der Textilwirtschaft. Bangladesch hat schon sehr viel geleistet in den letzten 50 Jahren. Ermöglicht auch mit internationaler Solidarität.“
Stimmen aus Bangladesch und aus Gießen
Ein Kurzvideo aus Bangladesch zeigte eindrucksvoll, was auf dem Spiel steht: Frauen, die trotz Klimakrise Wege aus extremer Armut finden. Paula Steinhäuser von NETZ berichtete von Teresa, die einst von 35 Cent am Tag lebte und heute ihre Kinder ernähren kann – dank gemeinsamer Anstrengungen und kleiner Zuschüsse. „Diese positiven Beispiele müssen politische Entscheidungen prägen“, appellierte sie.
Auch das Publikum meldete sich zu Wort. Vertreter*innen des Weltladens Gießen fragten, warum die Politik den Hebel des bürgerschaftlichen Engagements nicht stärker nutzt. Bernhard Höper vom NETZ-Vorstand betonte die überparteiliche Aufgabe, das BMZ und internationale Partnerschaften stabil zu halten.
Ein Abend mit klarer Botschaft
Die Diskussion war engagiert, manchmal kontrovers – aber in einem Punkt herrschte Einigkeit: Globale Verantwortung darf nicht enden und das bürgerschaftliche Engagement ist dabei ein wichtiger Schlüssel. NETZ kündigte weitere Veranstaltungen an, darunter einen Online-Projektabend am 26. November und den Ehrenamtlichen-Stammtisch am 2. Dezember in der Gießener Marktlaubenstraße. Denn, wie NETZ Geschäftsführer Dr. Max Stille zum Abschluss sagte: „Dieses Event ist nicht das Ende der Diskussion, sondern ein wichtiger Schritt mittendrin.“







