Mein freiwilliges Praktikum bei NETZ

Zu meinem Praktikum bei NETZ kam ich durch einen glücklichen Zufall. Da ich vor Beginn meines Masterstudiums gerne nochmal den Sommer in meiner Heimat verbringen wollte, und sich dieser Zeitraum perfekt anbot, um zur Berufsorientierung ein neues Feld kennenzulernen, war ich bei der Recherche für einen Praktikumsplatz auf die Seite des Entwicklungspolitischen Netzwerkes Hessen gelandet und stieß darüber schließlich auf NETZ. Schnell war mir klar, dass NETZ ein großes Interesse von mir deckte: wie man Entwicklungszusammenarbeit heute nachhaltig und gemeinschaftlich solidarisch gestalten kann, und dadurch Veränderungen in unseren globalen Strukturen schaffen kann, ohne dabei koloniale Machtverhältnisse zu reproduzieren. Nach einer Initiativbewerbung und Vorstellungsgespräch stand auch schon kurz darauf meine erste von sechs Praktikumswochen an. Als ich zu meinem ersten Tag antrat, fühlte ich mich sofort herzlich aufgenommen und wurde schrittweise in die Tätigkeiten von NETZ eingeführt.
Besonders gefiel mir gleich, wie vielfältig die unterschiedlichen Aufgaben waren, und diese mir die Möglichkeit gaben, Einblicke in viele unterschiedliche Bereiche der Arbeit von NETZ im deutschen Büro zu bekommen. Mit Unterstützung des Teams schrieb ich Pressemitteilungen, gestaltete Social-Media-Posts, erstellte Fundraising-Materialien und half bei administrativen Aufgaben. Zwei Projekte machten mir besonders Spaß: Zum einen war dies eine Archiv-Arbeit, bei der ich alte Boxen voller schon leicht eingestaubter Dias, Foto-CDs und Briefe digitalisierte, ein Verzeichnis anlegte, und dabei unglaublich viel über die Geschichte von NETZ als Verein, aber auch von Bangladesch lernen konnte. Aufnahmen von circa 1980 bis in die frühen Zweitausender zeigten ein Land im ständigen Wandel, persönliche Geschichten der Teilnehmer*innen von NETZ-Projekten, aber auch bedeutende historische Events. Zum anderen lernte ich zahlreiche Gesichter der NETZ-Aktiven kennen, und konnte chronologisch-geordnete Eindrücke davon gewinnen, wie vielseitig NETZs Arbeiten über die letzten Jahrzehnte waren. Besonders zum Leben erweckt wurde all dies für mich, als Peter Dietzel, einer der Gründer von NETZ, mich für einen Tag bei dem Herumstöbern begleitete und mir zu den Fotos und Filmen alles, was ihn in den Kopf kam, von lustigen Anekdoten bis zu bewegenden Geschichten, erzählte. Im Keller von NETZ gibt es noch mehrere Boxen an solchen Materialkisten, und ich bin mir sicher, dass so über die nächsten Jahre hinweg noch einige Geschichten wiederentdeckt werden.
Zweitens fand ich es besonders spannend, unter Anleitung von Gwendolyn Bömeke Bildungsmaterialien zum Thema Kolonialismus zu erstellen. Dafür forschte ich zu Widerstandskämpfer*innen aus dem heutigen Bangladesch, welche sich gegen die britischen Kolonialmächte aufgelehnt hatten. So konnte ich während meiner Recherchearbeit bewegende Biografien kennenlernen, Theaterstücke von bengalischen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts lesen und alte Flugblätter in die Themenübersichten einbringen. Ich lernte so die zwei Teenager Suniti Choudhury und Santi Ghose kennen, welche für die Widerstandsbewegung Jugantar im Alter von 14 und 15 Jahren einen britischen Kolonialmagistrat, der für seine Grausamkeiten in der Region bekannt war, erschossen. Nach Absitzen ihrer Gefängnisstrafe schlugen sie erfolgreiche Karrieren als Ärztin und Politikerin ein. Oder Rani Shiromoni – eine Königin aus Midnapore, die im späten 18. Jahrhundert Rebell*innen in ihrem Palast versteckte, und im Alter von 70 Jahren eine Gruppe von 300 Widerstandskämpfer*innen anführte, um einen Kolonial-Militärstützpunkt außer Gefecht zu setzen. Der Mut dieser Bewegungen, aber auch die Solidarität der Widerständler*innen untereinander beindruckte mich sehr.
Insgesamt fand ich das Praktikum super vielseitig und aufschlussreich. Ich bin sehr dankbar für die Erfahrungen, die ich machen durfte, und habe viel über die Arbeit einer entwicklungspolitischen NGO, die einen starken Fokus auf solidarische Zusammenarbeit und Selbstbestimmung setzt, lernen können. Auch den Büro-Alltag und die lustigen Mittagsrunden mit dem so herzlichen und offenen Team werde ich vermissen. Ich kann diese Erfahrung so jeder*m empfehlen.
- Hannah Hamborg


