Erfahrungen sammeln durch freiwilliges Praktikum

Mit meinem Ethnologie Bachelor in der Tasche kehrte ich im Oktober dieses Jahr nach einem Auslandsjahr in Japan zurück nach Deutschland. Mit dem Studium abgeschlossen und all meinen Habseligkeiten sicher im Elternhaus verstaut entschloss ich mich dazu, diese Periode besonderer Freiheit zu nutzen, um vor dem Beginn meines Master-Studiums praktische Erfahrung in Form von einem Praktikum zu sammeln. Der Wunsch, im Rahmen einer solidarischen und gerechten Entwicklungszusammenarbeit zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen im Globalen Süden beizutragen, war während meiner Reisen nach Nepal und Indien entstanden. Da es eben dieser Wunsch war, welcher mich zum Studium der Ethnologie und der Modernen Indienstudien inspiriert hatte, sollte nun der theoretischen Beschäftigung praktische Erfahrung folgen.
Nach kurzer Recherche in der Praktikumsdatenbank des Ethnologischen Instituts der Universität Göttingen stieß ich auf eine Organisation, deren Grundsätze zur Entwicklungszusammenarbeit meinen eigenen besonders nahekommen: die NGO „NETZ Partnerschaft für Entwicklung und Gerechtigkeit e.V.“. Ich verfasste umgehend meine Bewerbung und erhielt bereits wenige Tage später eine Rückmeldung sowie eine Einladung zu einem Kennenlerngespräch, an dessen Ende meine baldige Tätigkeit als Praktikant vereinbart wurde. Als ich zu meinem ersten Tag erschien, begegnete man mir sofort mit großer Herzlichkeit und Vertrauen. So fühlte ich mich trotz meiner verhältnismäßig kurzen Praktikumsdauer von vier Wochen bei NETZ zu keiner Zeit aufs Abstellgleis zum Schauen verdonnert, sondern von Beginn an als ein Mitglied des Teams in die Arbeitsprozesse von NETZ inkludiert und mit Verantwortung betraut. So war ich im Verlauf meines Praktikums in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Fundraising und Globales Lernen tätig. Zu meinen Aufgaben gehörten unter anderem das Erstellen von Newsletter-Artikeln und Spendenflyern, deren Versand, die Entwicklung von Bildungsmaterialien sowie administrative Tätigkeiten wie die Digitalisierung des Archivs. Besonders prägend waren für mich zwei Projekte, die ich im Folgenden näher beleuchten möchte: die Mitarbeit am Lernkoffer *Postkolonialismus* sowie die Begleitung eines Workshops zur Textilindustrie in Bangladesch an einem Gymnasium in Baden-Württemberg.
In meiner dritten Praktikumswoche wurde ich von Gwendolyn Bömeke in die Arbeit am Lernkoffer Postkolonialismus eingebunden. Meine Aufgabe bestand darin, ein Fallbeispiel einer kolonialen Widerstandsbewegung zu recherchieren und so aufzubereiten, dass Teilnehmende im Rahmen eines Workshops dieses Thema selbstständig in Kleingruppen erarbeiten können. Da einer meiner Studienschwerpunkte die Kolonialgeschichte Indiens war, konnte ich hier gezielt mein vorhandenes Wissen einbringen. Gleichzeitig bot mir die pädagogische Konzeption und didaktische Aufbereitung des Materials eine spannende Möglichkeit, mich mit mir einem bis dahin völlig unbekannten Aufgabenfeld der Bildungsarbeit vertraut zu machen.
Auf diese theoretische Arbeit folgten im Anschluss die Planung und Durchführung eines Workshops zum Thema Textilindustrie in Bangladesch, den ich unter der Leitung von Marie Fischer gemeinsam mit der Bundesfreiwilligen Lillian Neumann begleiten durfte. Der Workshop fand im Rahmen eines Projekttages am Albertus-Magnus-Gymnasium in Rottweil statt. Ziel war es, den Teilnehmenden ein Verständnis für die globalen Zusammenhänge der Textilproduktion zu vermitteln – von den Arbeitsbedingungen in den Fabriken Bangladeschs bis hin zu den Konsumentscheidungen in Deutschland. Der Tag machte für mich eindrücklich deutlich, welchen Wert Bildungsarbeit im Kontext globaler Entwicklungszusammenarbeit besitzt.
Rückblickend kann ich sagen, dass meine Erwartungen an das Praktikum in jeder Hinsicht erfüllt wurden. Durch die aktive Mitarbeit konnte ich tiefe Einblicke in die Arbeitsweise einer international agierenden entwicklungspolitischen NGO gewinnen und wertvolle Orientierung für meinen beruflichen Weg sammeln. Besonders geschätzt habe ich die flachen Hierarchien im Büro sowie das offene, familiäre Miteinander im Team, die eine vertrauensvolle und motivierende Atmosphäre schufen. Ein Praktikum bei NETZ kann ich daher allen ans Herz legen, die durch praktische Arbeit Einblicke in das Arbeitsfeld Entwicklungszusammenarbeit oder erste Berufserfahrungen in diesem Feld gewinnen möchten.
- Nils Wandelt




