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Über die Lage der geflüchteten Rohingya im Süden Bangladeschs „Lokal denken, um die Probleme zu lösen“

Rohingyas auf der Flucht

Seit August 2017 sind mehr als 740.000 Rohingya vor massiver Gewalt in ihrer Heimat Myanmar über die Grenze nach Bangladesch geflohen. Meghna Guhathakurta ist Geschäftsführerin der Nichtregierungsorganisation Research Initiatives, Bangladesh. Sie war regelmäßig vor Ort in den Camps der geflüchteten Rohingya im Süden Bangladeschs, sprach mit Betroffenen und beobachtet die internationalen Entwicklungen rund um die Fluchtbewegung. Im Interview spricht sie über Ursachen der Flucht und des Konflikts in Myanmar und erklärt, wie geholfen werden soll.

NETZ: Es wird geschätzt, dass heute mehr als eine Million Rohingya in Bangladesch leben – innerhalb und außerhalb von Geflüchtetencamps. Was sind die Hauptgründe dafür?

Meghna Guhathakurta: Schon seit 2016 kamen Menschen vermehrt über die Grenze, doch seit dem 25. August 2017 gab es einen massiven Anstieg. Zu jener Zeit war ich Mitglied der nationalen Menschenrechtskommission in Bangladesch und besuchte regelmäßig die Camps in und um Cox’s Bazar im Süden Bangladeschs. Wir haben vor Ort Betroffene befragt. Viele Geflüchtete haben nach ihrer Ankunft berichtet, dass es in Myanmar massive Angriffe gegen sie gegeben hat. Sie sprachen von Gräueltaten – Häuser wurden in Brand gesetzt, dabei kamen Menschen ums Leben, Frauen wurden vergewaltigt. Die Berichte lassen auf einen Genozid schließen. Dies hat mich an den Unabhängigkeitskrieg in Bangladesch 1971 erinnert.

Warum?

Auch damals mussten Menschen unter anderem vor ethnisch motivierter Gewalt fliehen. Und nun wurde gezielt die mehrheitlich muslimische Minderheit der Rohingya angegriffen. Die Attacken richteten sich gegen muslimische Familien und deren religiöse Identität. Moscheen wurden zerstört, Menschen von der Religionsausübung abgehalten. Die Toten wurden verbrannt, anstatt sie wie im Islam üblich zu beerdigen.

Wer hat diese Taten verübt?

Den Zeugenaussagen zufolge waren es Angehörige des myanmarischen Militärs, mit Uniformen und Abzeichen. Die Betroffenen haben davon gesprochen, dass die Täter mit dem Hubschrauber kamen und dann ihre Häuser aufgesucht haben – auch dies deutet auf das Militär hin. Aber: Den Aussagen zufolge hatten einige der Täter ihre Gesichter verhüllt und waren nicht eindeutig zu erkennen. So ist nicht eindeutig zu klären, ob nicht auch weitere Personen und lokale Gruppen an den Angriffen beteiligt waren und das Militär unterstützt haben.

Welche Rolle spielt das Militär in Myanmar?

Auch wenn Myanmar sich inzwischen als Demokratie bezeichnet, hat das Militär nach wie vor enorme Macht. Es gibt etwa reservierte Parlamentssitze für Militärangehörige. Vor der massiven Welle der Gewalt ab dem 25. August 2017 gab es Angriffe auf einen myanmarischen Militärposten durch Rohingya- Kämpfer. Diese Rebellen haben damit wahrscheinlich ein Zeichen der Gegenwehr setzen wollen, da sie in Myanmar nicht als Staatsbürger anerkannt werden. Der Teilstaat Rakhine, in dem sie leben, ist zudem stark von Armut und Ausbeutung geprägt. Die staatliche Gesundheitsversorgung in der Region ist unzureichend. Der Angriff der Rohingya war wohl ein Auslöser für die Militäraktion. Beides stand jedoch in keinem Verhältnis zueinander: Wegen einer kleinen Gruppe von Rebellen wurden über 700.000 Menschen vertrieben – das kann nicht nur eine Reaktion gewesen sein. Die Tiefe dieser Militäroperation deutet vielmehr darauf hin, dass das Ganze länger geplant und nicht nur ein Akt der Vergeltung war.

Welche Gründe sehen Sie dafür?

Es gibt verschiedene Interpretationen und Sichtweisen. Ein Faktor ist der ökonomische: Rakhine gilt als ölreiche Region, durch die eine Pipeline gebaut werden soll. Es gibt also viele, die ein Interesse an der Region haben, darunter Indien und China. Ein Bericht der Vereinten Nationen zeigt, dass in der Region viel Militär in Bewegung ist und Armeeangehörige enge Beziehungen zu Geschäftsleuten unterhalten. Ein weiterer Faktor ist die Identitätspolitik. Rohingya werden im mehrheitlich buddhistischen Myanmar oftmals als „bengalische Minderheit“ bezeichnet, die nicht zu Myanmar gehöre. Entsprechend würden sie aus Sicht mancher nun dahin zurückgeschickt, wo sie eigentlich herkommen und hingehören. Doch es gibt auch in Myanmar eine Rohingya-Identität. Die Menschen leben dort seit drei, vier Generationen und verstehen sich als Bürger Myanmars.

Inzwischen leben über eine Million geflüchtete Rohingya in Bangladesch. Wie arrangieren sich die Menschen dort?

Jene, die seit Ende August 2017 kamen, waren tagelang zu Fuß unterwegs, haben Wälder und Flüsse durchquert und nicht gegessen. Zunächst konnten sie sich in bereits bestehenden Geflüchtetencamps registrieren lassen. Eine Infrastruktur war dort schon geschaffen durch Menschen, die bereits im Zuge früherer Gewaltwellen aus Myanmar gekommen waren. Viele der Geflüchteten haben Verwandte im Süden Bangladeschs und in der Grenzregion, die selbst seit Jahrzehnten ohne Aufenthaltsstatus dort leben und Gelegenheitsjobs haben. Diese Verwandten und die lokalen Gemeinschaften vor Ort waren die sogenannten Ersthelfer für die vielen Menschen, die in der Folge der Gewalt aus Myanmar kamen. Sie haben die Geflüchteten mit Essen versorgt und ihnen Unterkunft geboten, obwohl sie selbst nicht viel hatten. Sie haben die ankommenden Menschen in Häusern, auf der Veranda, in Schulen oder Krankenhäusern untergebracht und sie bekocht. Viele der Geflüchteten waren über diese Unterstützung glücklich, auch wenn sie darüber hinaus weitere Probleme hatten, wie ihre Gesundheitsversorgung und ihre eingeschränkte Mobilität. 2017 hat das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen die Initiative rund um die Geflüchtetencamps ergriffen und die Infrastruktur sukzessive gefestigt. Unterhalten werden die Camps von der Regierung – Agenturen der Vereinten Nationen, etwa die Internationale Organisation für Arbeit sowie zahlreiche Nichtregierungsorganisationen sind ebenfalls tätig und bieten Hilfe, angefangen von Sanitätsprogrammen über Nothilfe bis zu Lebensmittelkarten.

Welche Perspektiven haben sich für die Geflüchteten seitdem entwickelt?

Es gibt verschiedene Arbeitsmöglichkeiten. In der südlichen Küstenstadt Teknaf arbeiten viele Menschen in der Fischerei. Rohingya, also vor allem Männer und Jungen, können sich dort in der Saison verdingen und Geld für sich und ihre Familien verdienen. Es gibt in der Region auch Arbeit auf Salzfarmen oder im Handwerk. Aus der Lokalbevölkerung erhalten die Geflüchteten Unterstützung, um neue Fertigkeiten zu erlernen. Cox’s Bazar selbst ist ein beliebter Urlaubsort. Dort entstehen viele neue Hotels und andere Gebäude. Entsprechend gibt es im Baugewerbe einen Bedarf an Arbeitskräften. Bauarbeiter aus Myanmar kommen seit längerem dorthin, um Geld zu verdienen. Bei den Frauen sieht es ganz anders aus. Eine Überlebensstrategie für alleinstehende Frauen sind Eheschließungen: Rohingya-Frauen heiraten in bengalische Familien aus Bangladesch ein, mitunter auch als Zweit- oder Drittfrau. So bekommen sie Papiere und einen offiziellen Status.

Gibt es auch Konflikte mit lokalen Gemeinschaften oder Ressentiments?

Es gibt Spannungen und Konflikte durch die Ankunft so vieler neuer Geflüchteter. Das sind einerseits Konflikte mit den lokalen Gemeinschaften, aber auch Konflikte mit Rohingya, die bereits vor Jahren nach Bangladesch kamen. Beide Gruppen sagen: Die gegenwärtige internationale Aufmerksamkeit und Unterstützung komme allein den Rohingya zugute, die seit August 2017 nach Bangladesch kamen. Die aufnehmenden Gemeinschaften fühlen sich dabei außen vor. Das ist ein großes Problem: Die lokalen Gemeinschaften werden nicht als Ersthelfer anerkannt und ihre Unterstützung wird nicht honoriert. Zudem konkurrieren sie nun auf dem lokalen Arbeitsmarkt mit den neu angekommenen Geflüchteten; das große Angebot an Arbeitskräften übt einen enormen Druck auf Löhne und Gehälter aus. Ein weiteres Beispiel: Hilfsorganisationen geben in den Camps Gaszylinder zum Kochen an Rohingya aus. Auch aus Umweltschutzgründen, wie sie sagen, da dadurch weniger Holz verbrannt werden müsse. Viele verkaufen die Zylinder auf lokalen Märkten. Doch die Lokalbevölkerung, die hier traditionell Feuerholz sammelt und dieses verkauft, verliert dadurch ihre Einkommensmöglichkeit.

Was ist die Folge?

Es entwickelt sich durchaus Fremdenfeindlichkeit. Das wird von den Hilfsorganisationen, die Geflüchtete unterstützen, kaum beachtet. Die Rolle der lokalen Gemeinschaften wird nicht genügend anerkannt. Ihre Befürchtungen werden nicht ernst genommen, auch nicht von den Behörden. Und den lokalen Gemeinschaften fehlt zugleich das Wissen um die Rechte von Geflüchteten als Schutzsuchende. Mitunter haben aktuelle Entwicklungen sogar negative Folgen für die Lokalbevölkerung: Weil Geflüchtete versucht haben, illegal an bangladeschische Pässe zu kommen, hat die Regierung die Geburtenregistrierung zeitweilig gestoppt. So konnte niemand in der Region mehr seine Kinder registrieren lassen, was etwa notwendig ist, um diese auf eine Schule schicken zu können. Allesin allem kann man die Beziehung zwischen den lokalen Gemeinschaften und den Geflüchteten als ambivalent bezeichnen: Sie haben größtenteils die gleiche Religion, sprechen denselben Dialekt und haben somit wichtige Gemeinsamkeiten und Sympathie füreinander. Doch mit der Zeit entstehen mehr und mehr Ressentiments. Die lokalen Medien haben ihren Anteil daran und die lokale Politik instrumentalisiert diese für ihre Interessen.

Welche Strategien gibt es, die Probleme zu überwinden? Welchen Beitrag leistet Ihre Organisation dazu?

Es muss lokal gedacht werden, um die Probleme anzugehen. Und es braucht Raum und Zeit, um die Probleme zu verstehen. Die verschiedenen Gruppen, lokale Gemeinschaften wie Rohingya, müssen die Konflikte erkennen, verstehen und selbst dazu beitragen können, sie zu lösen. Wir führen zunächst getrennt Gespräche mit allen Akteursgruppen, um Konfliktursachen zu analysieren. Die lokalen Gemeinschaften fühlen sich schon wesentlich besser mit der Situation, wenn sie überhaupt gehört werden und darüber reden können. Es müssen Räume geschaffen werden, die zeigen, dass alle von Problemen betroffen sind: die Alteingesessenen und die Geflüchteten der letzten beiden Jahre. Alle Probleme müssen genauer erforscht und zu gegebener Zeit gemeinsam diskutiert werden.

Wie kann das konkret passieren?

Mediation ist die Hauptaufgabe. Wir formieren Gruppen innerhalb der Gemeinschaften, die sich regelmäßig treffen und diskutieren. Unsere Mediator*innen helfen dabei. Die Treffen haben keine vorgefertigte Agenda, damit zunächst alle Probleme offen auf den Tisch kommen. Anschließend werden diese nach Gemeinsamkeiten sortiert. So ist es möglich, Schlüsse zu ziehen und zu priorisieren, wo zuerst gehandelt werden muss. Dieser partizipative Prozess stößt wichtige Diskussionen innerhalb der Gruppen an. Den Menschen wird nichts aufgedrückt, sie können frei entscheiden. Entsprechend unserer Möglichkeiten versuchen wir dann, weitere Hilfe zu vermitteln, etwa durch staatliche Stellen.

Welche Rolle kommt der Regierung Bangladeschs in dem so genannten Rohingya-Konflikt aktuell zu?

Sie hält sich insbesondere in Bezug auf Fragen der Rückführung und der Rückkehr von Geflüchteten zurück. Das liegt auch daran, dass diese Themen stark durch andere Länder beeinflusst werden, etwa China. Die Regierung steckt in einem diplomatischen Dilemma: Sie müsste Druck auf Myanmar ausüben, kann das aber nicht, weil sie zugleich um gute Beziehungen zum Nachbarland bemüht ist. Und es spielen weitere Staaten eine Rolle. Die Vereinigung der Süd- und Südostasiatischen Länder ASEAN ist in der Frage gespalten. Einige Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit wie Malaysia sind für eine Unterstützung der Rohingya, andere nicht. Singapur und Japan investieren ebenfalls in Myanmar. Wenn diese Länder in der Rohingya-Frage Druck auf das Land ausüben würden, könnte sich etwas bewegen. Aber im Abgleich mit anderen Interessen stehen Menschenrechtsfragen sehr häufig nicht oben auf der Agenda. Alle diese Verflechtungen und Interessen müssten daher offengelegt werden, damit die Vertreibung der Rohingya aus Myanmar nicht mehr nur auf einen religiösen Konflikt zwischen Buddhist*innen und Muslim*innen reduziert werden kann.

Was kann die Regierung Bangladeschs konkret machen?

Die Regierung sollte eine klare Strategie formulieren und eine langfristige Perspektive schaffen, denn es ist offensichtlich, dass die Geflüchteten auf absehbare Zeit nicht nach Myanmar zurückkehren werden. Die Entwicklung eines Fünfjahresplans wäre eine Option. Die Regierung könnte zudem ihre diplomatischen Bemühungen verstärken. Transnationale Partnerschaften zur Lösung des Konflikts sind wichtig für Bangladesch. Und es darf nicht vergessen werden, die lokalen Gemeinschaften zu hören und deren Interessen zu berücksichtigen.

Anmerkung der Redaktion: Das Interview wurde Ende 2019 in Dhaka geführt und ist erstmals in der NETZ-Zeitschrift 2-2020 erschienen.

Meghna Guhatakurta
Meghna Guhatakurta

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