Startseite
Jetzt spenden
Kerina Soren, Projektleiterin der NGO Ashrai

Das Recht auf Bildung von Kindern aus indigenen Gemeinschaften

Im Gespräch mit NETZ berichtet Kerina Soren, Projektleiterin der NETZ-Partnerorganisation Ashrai, von Herausforderungen und Erfolgen bei der Verwirklichung des Rechts auf Bildung für alle Kinder. Seit 25 Jahren setzt Ashrai Entwicklungsprojekte von und mit indigenen Bevölkerungsgruppen im Nordwesten Bangladeschs um. Die Organisation unterstützt staatliche Grundschulen in den Distrikten Naogaon und Joypurhat, insbesondere um Kindern aus indigenen Gruppen den Zugang zum formalen Bildungssektor zu ermöglichen.

Im Gespräch: Kerina Soren
Interview: Niko Richter

NETZ: Wieso fördert Ashrai gezielt Kinder aus indigenen Bevölkerungsgruppen im Grundschulbereich?

Kerina Soren: Weil ihnen ihr Recht auf Bildung verwehrt wird. Die Kinder sind sozial stigmatisiert und kulturell diskriminiert, deshalb besuchen nur wenige Kinder indigener Familien eine staatliche Schule. Entweder werden sie bei der Einschulung einfach nicht berücksichtigt, oder sie scheiden schon nach kurzer Zeit wieder aus dem Unterricht aus, weil die Lehrkräfte sie benachteiligen und wegen Hänseleien anderer Kinder. Noch vor wenigen Jahren hat man immer wieder Kinder aus indigenen Gruppen gesehen, die den Unterricht nur von draußen aus durch das Fenster des Klassenzimmers verfolgen konnten – ein Platz in der Klasse wurde ihnen verwehrt.


NETZ: Warum ist das so?

Soren: Grund dafür sind Vorurteile der Mehrheitsbevölkerung, wie vermeintlich mangelnde Körperhygiene oder schlechte Manieren. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass viele Angehörige indigener Gruppen in Armut leben. Der ökonomische Druck auf den Familien ist ein sehr gewichtiger Grund für das frühe Ausscheiden ihrer Kinder aus der Schule. Entweder müssen sie durch Arbeit einen Beitrag zum Familieneinkommen leisten oder sie ziehen mit ihren Eltern auf der Suche nach Arbeit in die Städte.


NETZ: Was macht Ashrai, um die Kinder zu unterstützen?

Soren: Um nachhaltig Veränderungen zu erzielen, sind Ausdauer und ein möglichst breiter Ansatz erforderlich. Dabei müssen wir immer wieder bereit sein, neue Wege zu gehen. Wichtig ist die Einbeziehung der Eltern und der Lokalbevölkerung, zum Beispiel in Schulkomitees. Wenn sie mit im Boot sind und das Ziel teilen, allen Kindern den Bildungszugang zu ermöglichen, dann ist eine wichtige Voraussetzung erfüllt. Kaum ein Elternteil der Kinder aus indigenen Familien hat jemals selbst eine Schule besucht. Formale Schulbildung hat daher für sie oftmals noch einen geringen Stellenwert und sie befürchten, dass ihre Kinder an den Schulen diskriminiert werden könnten. Durch regelmäßige Elternabende werden die Eltern aktiv in die Gestaltung des Lernumfeldes ihrer Kinder eingebunden.


NETZ: Werden auch Lehrkräfte gezielt geschult?

Soren: Auf regelmäßigen Fortbildungen und berufsbegleitend sensibilisieren wir sie für kinderzentrierte Lehrmethoden und thematisieren Herausforderungen, mit denen Kinder indigener Gruppen konfrontiert sind. An den von uns aufgebauten Dorfschulen stellen wir auch gezielt Lehrerinnen und Lehrer ein, die selbst einer indigenen Gruppe angehören. Sie kennen die Probleme der Kinder aus eigener Erfahrung. Zudem sprechen sie die Muttersprache der Kinder und können diese gezielt unterstützen.


NETZ: Welche Rolle spielt die Sprache insgesamt?

Soren: Viele Kinder aus indigenen Gruppen sprechen in jungen Jahren ausschließlich ihre Muttersprache und verstehen kaum Bengalisch. Der Unterricht und die Schulbücher sind jedoch auf Bengalisch. Wegen des niedrigen Bildungsstands innerhalb der indigenen Gemeinschaften ist auch die Auswahl von Lehrkräften eine Herausforderung. Aufgrund der gesellschaftlichen Diskriminierung sind insbesondere in ländlichen Gebieten nur wenige Indigene länger als fünf bis acht Jahre zur Schule gegangen. An den von uns unterstützten staatlichen Grundschulen ist die Ausgangslage anders. Hier werden die Lehrkräfte von der Schulleitung und den lokalen Bildungsbehörden ausgewählt.


NETZ: Was bedeutet das und wie arbeitet Ashrai an staatlichen Schulen?

Soren: Als wir im letzten Jahr erstmals mit staatlichen Grundschulen zusammengearbeitet haben, war es zunächst wichtig, dass die Kinder aus indigenen Gemeinschaften im Klassenraum einen Platz finden und sich in der Schule wohlfühlen. Zu Beginn saßen sie in einer Ecke nur mit Kindern ihrer Gemeinschaft zusammen. Die Schulleitung und Lehrkräfte waren diesbezüglich erst unsicher. Sie befürchteten, dass es Streit zwischen den Kindern geben würde. Aber diese Angst war unbegründet. Der Austausch mit den anderen Kindern begann dann auf dem Schulhof während der Pausen. Nach und nach sind Freundschaften zwischen allen Kindern entstanden. Dies ist vor allem ein Verdienst der von uns ausgebildeten Bildungssozialarbeiterinnen. Sie unterstützen gezielt alle Schulkinder, stehen im engen Kontakt mit ihren Familien und begleiten Lehrkräfte und Schulleitung. Zudem stehen sie im regelmäßigen Austausch mit lokalen Schulbehörden und sensibilisieren diese für inklusive qualitative Bildung.


NETZ: Wie bewerten die lokalen Behörden die Arbeit von Bildungssozialarbeitern?

Soren: Zu Beginn gab es sehr unterschiedliche Reaktionen. In einigen Gemeinden wurde das Konzept mit offenen Armen und großem Interesse aufgenommen. Doch es gab auch Unsicherheit, wieso eine NGO an staatlichen Schulen arbeiten will. In einer Gemeinde wurden wir gebeten, zunächst ein Akkreditierungsschreiben vom Bildungsministerium vorzulegen, was sehr unüblich ist. Es hat uns einiges an Arbeit gekostet, dieses Dokument zu erhalten, ist uns aber schließlich gelungen. Nun können wir ohne Probleme an allen Schulen arbeiten. Inzwischen kommen sogar andere Gemeinden auf uns zu und bitten uns, auch an den dortigen Schulen tätig zu werden.


NETZ: Was sind die Gründe dafür?

Soren: Es hat sich herumgesprochen, dass an den von uns unterstützten Schulen bereits nach einem Jahr deutliche Erfolge zu verzeichnen sind. Beispielsweise hat sich die Einschulungsrate der Kinder und insbesondere der Mädchen und Jungen aus indigenen Familien schon deutlich erhöht. Zudem haben sich durch die engagierte Arbeit der Bildungssozialarbeiter die Schulabbrüche stark reduziert. Auch die Wiederbelebung von Schulkomitees, die vor dem Beginn unserer Arbeit größtenteils inaktiv waren, zeigt positive Auswirkungen: Lehrkräfte sind häufiger anwesend, die Lokalbevölkerung unterstützt Reparaturarbeiten und organisiert außerschulische Aktivitäten.


NETZ: Wie reagieren die Menschen vor Ort auf ihre Arbeit?

Soren: Positiv. Das Engagement der Lokalbevölkerung für ihre Schulen und die bereits erzielten Erfolge sind eine sehr große Motivation für uns und zeigen mir, dass wir auf einem guten Weg sind. Viele Schulen haben im letzten Jahr erstmals eine öffentliche Veranstaltung organisiert zu wichtigen Feiertagen der indigenen Gruppen in der Region. Hier waren das Interesse und die Teilnahme der Lokalbevölkerung groß. Auf Initiative der Lokalbevölkerung wurden außerdem neue Klassenzimmer für die Vorschule errichtet, denn an einigen Schulen lief der Vorschulunterricht früher in völlig ungeeigneten Räumen, oftmals in Abstellkammern oder in einer Ecke des Lehrerzimmers. Sehr viele Menschen aus der Umgebung der Schule haben gespendet und mit angepackt, um das zu verändern.


NETZ: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Interview: Niko Richter


Dieser Beitrag erschien in der Sonderausgabe 2017 "Lernen fürs Leben" der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Projekt Jedes Kind braucht Bildung Die Zeitschrift können Sie als PDF downloaden oder als Drucksache bei uns anfordern.

Kerina Soren, Projektleiterin der NGO Ashrai
„Für nachhaltige Veränderungen braucht es Ausdauer und einen breiten Ansatz“ – Kerina Soren, Projektleiterin der NGO Ashrai. Foto: Niko Richter

Ihre Spende kommt an.

mehr erfahren

Betrag wählen

Sichere
SSL-Verbindung

Mit 65 € kann ein Kind ...

die Schule besuchen. Ein ganzes Jahr lang. Auch in Zeiten der Pandemie.