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Gesprächsrunde im The Daily Star Unsere Flüsse sterben

Wie sich der Klimawandel auf Bangladesch auswirkt - und warum die Politik besonders gefordert ist.

In Zusammenarbeit mit NETZ hat die größte englischsprachige Tageszeitung in Bangladesch, The Daily Star, zu einer Gesprächsrunde in das Pressehaus nach Dhaka eingeladen. Unter dem Titel "Patterns and effects of climate change in north-west Bangladesh and it’s policy implications" diskutierten Betroffene, Entwicklungsarbeiter und Wissenschaftler gemeinsam über die Entwicklungen und damit verbundene Herausforderungen. Das sind die wichtigsten Beiträge der Veranstaltung:

Shahedul Anam Khan, Mitherausgeber The Daily Star und Moderator:

Bangladesch ist eines der Länder, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind. Im nordwestlichen Landesteil sind Armut und Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen, doch die negativen Auswirkungen des Klimawandels gefährden diesen Fortschritt. Auf dieser Veranstaltung sprechen wir darüber, wie wir dieser Situation begegnen und sie bestmöglich verändern können.

Costantina Hasdak, Mitglied im Gemeinderat von Deopara und Sprecherin einer Selbsthilfeorganisation beim NETZ-Partner DASCOH in Rajshahi:

Ich bin eine Santal. Wir leben in der nördlichen Barind-Region. Seit einigen Jahren leiden wir stark unter den abrupten Temperaturschwankungen im Winter und Sommer. Die extreme Hitze und Kälte sind für uns Menschen unerträglich geworden und für unsere Tiere und Pflanzen sehr schädlich. Manchmal steigt die Temperatur so stark an, dass Wassermangel herrscht. Der Grundwasserpegel in der Region sinkt, sodass wir oft nicht einmal aus unseren Tiefbrunnen Wasser pumpen können. Wir müssen dann zwei bis drei Kilometer zurücklegen, um Trinkwasser zu holen. Deshalb trinken viele Menschen Wasser aus nahegelegenen Teichen, was schwere Krankheiten verursacht. Die Schwere der Wasserkrise hat ein solches Ausmaß erreicht, dass viele Santal ihre Häuser verlassen, um anderswo Arbeit zu suchen. Wir fordern die Regierung auf, unverzüglich Maßnahmen zur Lösung der Wasserkrise zu ergreifen.

Dr. Atiq Rahman, Geschäftsführer des Forschungszentrums Bangladesch Centre for Advanced Studies (BCAS):

Wenn man die Welt als Ganzes betrachtet, denkt man nicht zuerst an die Armen; es ist der Temperatur- und Klimawechsel, der einem sofort in den Sinn kommt. Wenn man an Bangladesch denkt, hat man zunächst an die Auswirkungen des Klimawandels auf die Umwelt vor Augen, nicht aber die Konsequenzen für die hier lebenden Menschen. Doch wenn wir uns auf ein bestimmtes Gebiet konzentrieren, sehen wir, wie viele Menschen davon betroffen sind. Deshalb sollten wir konsequent eine Region nach der anderen in den Blick nehmen und dazu arbeiten.

Eine Sache, die ich gelernt habe, ist, dass nicht der Durchschnitt zählt, sondern das Extrem. Hundert Prozent der Menschen im Nordwesten, die wir befragt haben, berichten, dass sowohl die Hitze als auch die Luftfeuchtigkeit in den letzten Jahren zugenommen habe, was auch unseren wissenschaftlichen Daten entspricht. Wenn die politischen Entscheidungsträger auf diese Menschen hören, wird ihre klimabezogene Politik menschenfreundlich und effektiv sein.

Habibur Rahman Chowdhury, Landesdirektor von NETZ in Bangladesch:

Seit dem Wirbelsturm 1991 arbeitet NETZ im Katastrophenschutz. In den letzten zwanzig Jahren konzentrierten wir unsere Maßnahmen auf die nordwestliche Region des Landes, insbesondere auf die Verwaltungseinheiten Rajshahi und Rangpur. Wir haben versucht, Flusserosion, Überschwemmungen, Wasserknappheit und andere Naturkatastrophen durch verschiedene Programme zu bekämpfen. Vor allem stärken wir die ärmsten Menschen, die von Regierungsprogrammen kaum erreicht werden. Dabei schließen sich kleine Gruppen zusammen. Die Menschen erhalten Schulungen zum Ausbau ihrer Fähigkeiten und Startkapital zur Erzielung von Einkommen. Dadurch schaffen sie alternative Arbeitsmöglichkeiten. Zudem stellen wir das Recht ihrer Kinder auf Bildung sicher, damit sie aus dem Teufelskreis der Armut ausbrechen können. Bisher konnten wir die Lebenssituation von 300.000 Menschen in der Region nachhaltig verbessern.

Dr. Dwijen Mallick, wissenschaftlicher Mitarbeiter BCAS:

In unserer Studie haben wir Daten der letzten 35 Jahre aus einigen Gebieten im Nordwesten analysiert. Dabei stellen wir einen starken Temparaturanstieg im bengalischen Sommer fest. Im Durchschnitt lag die Temperatur 1981 im Sommer bei 36 Grad Celsius. Bis 2016 stieg die Temperatur in einigen Gebieten auf 42 Grad an. Schätzungen zufolge steigt diese in den kommenden Jahren nochmals um 2 bis 3 Grad. Ebenso sehen wir abrupte Veränderungen der Niederschläge. Der durchschnittliche Niederschlag pro Jahr bleibt gleich, aber der Zeitpunkt der Niederschläge ändert sich. Manchmal gibt es größere Niederschläge vor der Regenzeit und weniger während der Regenzeit. Zudem führten wir Haushaltsbefragungen mit partizipativen Forschungsmethoden durch. Hierbei erhielten wir die gleichen Ergebnisse. Durch das Zusammenführen dieser Informationen können wir eine korrekte Schwachstellenanalyse durchführen und effektive Anpassungsstrategien entwickeln.

Die wichtigste Beobachtung unserer Studie ist, dass der Klimawandel zu enormen negativen Auswirkungen in allen Sektoren führt, die für die Lebensgrundlage der Menschen im Nordwesten wichtig sind – insbesondere auf die Landwirtschaft. Unsere Untersuchungen zeigen auch, dass die indigene Bevölkerung im Nordwesten unter Ernährungsunsicherheit leidet. Sie sind sechs Monate lang arbeitslos. Meist haben sie nicht genug Mittel, um sich drei Mahlzeiten am Tag leisten zu können. Auch die verfügbaren Nährstoffe sind gering – oft besteht das Essen ausschließlich aus Kohlenhydraten. Diese Bevölkerung ist von Unterernährung betroffen, die sich direkt auf ihre Arbeitsfähigkeit auswirkt. Es ist ein Teufelskreis. Diese Menschen leiden am stärksten unter dem Klimawandel. Durch die patriarchalische Sozialstruktur befinden sich Frauen automatisch in einer verwundbareren Position. Die Auswirkungen des Klimawandels bringen sie weiter in die Gefahrenzone.

Durch unsere Forschung haben wir versucht, effektive Anpassungsstrategien für diese Bevölkerungsgruppen zu identifizieren. Gewiss haben die Menschen ihre eigenen Formen und Techniken der Anpassung an die sich verändernde Situation, doch in Bezug auf Wissen, Fertigkeiten und Ressourcen sind sie in der Gesellschaft oft abgehängt. Wir haben deshalb einige spezifische Sektoren herausgearbeitet, in denen sie zusätzliches Einkommen erwirtschaften können, etwa als Kleinbauern, in der Subsistenzwirtschaft auf dem eigenen Hof oder in der Geflügelzucht.

Salim Reza, Programm-Manager der NGO Pollisree:

Um die Auswirkungen des Klimawandels im Nordwesten des Landes zu bekämpfen, sollte es eine intensive Zusammenarbeit zwischen den akademischen Institutionen der Region und NGOs stattfinden. Wir müssen junge Menschen ermutigen, sich an diesen Programmen zu beteiligen.

Mizanur Rahman Bijoy, Forscher und Koordinator der Netzwerks für Klimawandel in Bangaldesch:

Der Nordwesten Bangladeschs bleibt bei der Verteilung der Entwicklungsressourcen vernachlässigt. Betrachtet man beispielsweise die Zuweisungen aus dem nationalen Entwicklungsbudget in den Bereichen Umwelt, Klimawandel und Katastrophenmanagement, so erhielt die nordwestliche Region im Jahr 2016 die geringsten Mittel. Oder: Obwohl Rangpur die geringste Strommenge des Landes erhält, wurde die Mehrheit der Solar-Haussysteme, die für Menschen bestimmt sind, die sich keinen Strom leisten können, in die gut versorgten Zentren Chattogram und Dhaka geschickt. In Anbetracht der Situation in Rangpur empfahl eine Regierungsstudie, mindestens zehn Prozent des Entwicklungshaushalts in dieser Region zu investieren. Doch in den letzten fünf Jahren wurde von dieser Empfehlung nichts umgesetzt. Der Nordwesten bleibt auch durch die neuen Pläne der Regierung im Zusammenhang mit dem Klimawandel vernachlässigt. Um diese hoffnungslose Situation zu ändern, müssen wir unsere Stimmen erheben und politischen Druck auf die Regierung ausüben.

Die Landwirtschaftsbank in Rajshahi und die Entwicklungsbehörde für das Barind-Gebiet (Barind Multipurpose Development Authority) sind zwei Schlüsselinstitutionen, die eine große Rolle bei der Verbesserung der Situation in der nordwestlichen Region spielen können, insbesondere bei der Bewältigung der Auswirkungen des Klimawandels, wenn sie ordnungsgemäß verwaltet und mit angemessenen Ressourcen und politischer Unterstützung gestärkt werden.

Musammot Arifa Begum, Mitglied der Dorfgruppe in Umorpara in Nilphamari, beim NETZ-Partner Pollisree:

Wir leben am Ufer des Teesta-Flusses. Jedes Jahr erleben wir Flusserosionen. Es war für uns wirklich schwierig geworden, eine Beschäftigung zu finden, zudem werden wir als Tagelöhner sehr schlecht bezahlt. Die Situation hat sich erst durch verschiedene Interventionen von Pollisree verbessert. Das Projekt der NGO schafft alternative Beschäftigungsmöglichkeiten und stellt Vieh zur Verfügung. Solche Programme sollten in der gesamten nordwestlichen Region durchgeführt werden.

Shamim Ara Begum, Geschäftsführerin der NGO Pollisree in Dinajpur:

Seit einigen Jahren beobachten wir in unserer Region regelmäßigen dichten Nebel im Winter, welcher der Landwirtschaft schadet. Auf der Suche nach Lösungen haben wir verschiedene Pflanzen eingeführt, die den Veränderungen standhalten. Es braucht jedoch Zeit, um die Bevölkerung mit dem Anbau neuer Kulturen vertraut zu machen. Zudem geht es darum, sie auf das Frühwarnsystem aufmerksam zu machen, damit sie mit der Wasserbehörde, der Meteorologischen Abteilung und der Viehzuchtbehörde kommunizieren können, um die negativen Auswirkungen des Klimawandels zu verringern.

Da es am Teesta-Fluss keine Hochwasserschutzbauten gibt, müssen die Menschen bei einer Katastrophe in Schulen Schutz suchen. Heranwachsende Mädchen werden besonders häufig Opfer sexueller Belästigung, denn in diesen Notunterkünften gibt es keine getrennten Räume für Männer und Frauen. Deshalb suchen sie bei Flut die Notunterkünfte oftmals nicht auf.

Kagji Bala, Mitglied der Frauengruppe in Ramna, Kurigram, beim NETZ-Partner MJSKS:

In den letzten beiden Jahrzehnten musste ich mein Haus wegen Fluss-Erosion zwanzig Mal umstellen. Bei der diesjährigen Flut musste ich auf der höher gelegenen Straße Schutz suchen und dort einen ganzen Monat bleiben. Von der Regierung erhalten wir so gut wie keine Unterstützung. Außerdem kann ich als alte Frau nicht weit gehen, um Hilfe zu erhalten oder abzuholen. Ich fordere die Regierung auf, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, um unser Leben und unsere Existenzgrundlage vor dem Zorn des mächtigen Brahmaputra zu schützen. MJSKS hat uns Vieh zur Verfügung gestellt. Wir brauchen mehr solche Unterstützung in unserer Region.

Shyamal Chandra Sarker, Direktor der NGO MJSKS in Kurigram:

In unserem Distrikt gibt es 16 Flüsse. Wir leiden oft unter Überschwemmungen, welche die Bevölkerung verwundbar macht und sie zur Migration zwingen. Früher gab es in Kurigram einen Flusshafen, der für viele Menschen Arbeitsplätze schuf. Außerdem gab es auch reichlich Fischressourcen in den Flüssen. Aber die Flüsse versanden immer mehr, treten folglich bei Hochwasser rasch über die Ufer und die Flussschiffahrt ist eingestellt. Die Überschwemmungen haben fatale Folgen, darunter den Verlust an Produktionsgütern wie an biologischen Vielfalt. Aufgrund unregelmäßiger Fördermittel und der kurzen Laufzeit von Projekten sind die Interventionen von NGOs in unserer Region sehr begrenzt. Um diese Lücke zu schließen, sollten wir in den Dörfern Wissens- und Lernbanken einrichten, die traditionelles Wissen und aktuelle wissenschaftliche Kenntnisse zusammenführen und neue Handlungsoptionen zur Minderung der Klimarisiken in der Region entwickeln.

Wenn Lebensraum einfach wegbricht. Flusserosion in Kurigram.

Dr. Ahsan Ali, Geschäftsführer der Partner-NGO Ashrai:

In der Barind-Region werden Ackerflächen in Obstgärten umgewandelt, da aufgrund der Gesteinsschichten keine teuren Tiefbrunnen errichtet werden. Dieser Wandel im Agrarsystem hat sich auf die Beschäftigungsmöglichkeiten ausgewirkt und zu Binnenmigration geführt. Früher kamen Menschen aus anderen Regionen in dieses Gebiet, um während der Reisernte zu arbeiten. Die Wetteränderungen verursachen auch den Ausbruch neuer Krankheiten. Um Arbeitsplätze zu schaffen, müssen private Unternehmen in der nordwestlichen Region gestärkt werden. Es besteht auch dringender Bedarf an Fachschulen für die indigenen Gemeinschaften, damit sie die Möglichkeit haben, neue Fähigkeiten zu erwerben.

Akramul Haque, Geschäftsführer der NGO DASCOH in Rajshahi:

Unsere Volkszählung ist fehlerhaft. Sie gibt nicht die tatsächliche Anzahl der indigenen Menschen im Flachland wieder, da sie oft ausschließlich nach Religionszugehörigkeit kategorisiert werden. Wenn sie bei der Volkszählung nicht korrekt erfasst sind, wie können wir dann eine angemessene Mittelausstattung für diese Menschen erwarten und sicherstellen, dass ihre Stimme gehört wird? Die politischen Entscheidungsträger sollten dieses Anliegen sehr ernsthaft prüfen.

Es besteht ein Mangel an Koordination zwischen der Entwicklungsbehörde für das Barind-Gebiet und der Wasserbehörde. Mit besserem Management könnte das gesamte Bewässerungssystem in der Barind-Region verbessern werden. Die Regierung hat die Initiative ergriffen, Kanäle in der Region zu graben. Jedoch macht das Projekt keinen Sinn, wenn keine geeigneten Wasserspeicher entwickelt werden. Wasserstau ist ein weiteres Problem, das von der Wasserbehörde sofort gelöst werden sollte. Neue Dämme und Straßen werden gebaut, ohne Raum für Entwässerung zu lassen, was zu einer erheblichen Staunässe führt.

Md. Shamsuddoha, Geschäftsführer des Forschungszentrums Center for Participatory Research and Development:

Unsere Katastrophenschutzrichtlinie befasst sich kaum mit den neu auftretenden Katastrophen wie dichtem Nebel, Hitzewellen und Sturzfluten. Forscher sollten diese Phänomene untersuchen und die Ergebnisse den politischen Entscheidungsträgern zugänglich machen.

Öffentliche Güter werden aktuell in Privatvermögen umgewandelt, entweder durch illegale Besetzung oder mit Zustimmung des Staates. Der ärmste Teil der Bevölkerung, insbesondere die indigenen Gemeinschaften, sind stark von öffentlichen Gütern wie staalichem Land abhängig, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Deshalb müssen wir gute Regierungsführung sicherstellen, die ihre Entwicklungsperspektiven in den Fokus rückt. Beispielsweise erhalten manche wasserarme Regionen kein Trinkwasser, obwohl es verfügbar ist, denn das Wasser wird illegal von anderen Menschen abgezapft. Öffentliche Güter sind jedoch für die Allgemeinheit da. Bei der Bohrung neuer Tiefbrunnen müssen wir die Auswirkungen bedenken, denn der Wasserspiegel in der nördlichen Region sinkt und der Salzgehalt auf der südlichen Seite steigt.

Kazi Amdadul Haque, Direktor der Abteilung Klimawandelanpassung und Katastrophenmanagement der NGO Frienship Bangladesh in Dhaka:

Es gibt viele traditionelle Anpassungsstrategien, die in unsere Entwicklungspläne aufgenommen werden sollten. Bei meinem Besuch in Kurigram habe ich zum Beispiel gelernt, dass die Einheimischen einige Bäume nicht fällen, da diese das Eindringen von Hochwasser in die Siedlungsgebiete verhindern. Die Gemeinde- und Distriktparlamente sollten diese Konzepte bei ihren verschiedenen Initiativen berücksichtigen. Zudem müssen wir auf die zweckbestimmte Verwendung öffentlicher Mittel achten. Es erstaunt mich, dass Gelder aus dem Klimafonds für den Bau von Überführungen in Banani (einem wohlhabenden Stadtviertel Dhakas) verwendet werden.

Peter Dietzel, Geschäftsführer NETZ (bis März 2020):

Die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung sind für fast die Hälfte des Kohlendioxidausstoßes verantwortlich, während die ärmsten zehn Prozent nur ein Prozent der weltweiten Emissionen verursachen. Der Grund für dieses Ungleichgewicht ist der Lebensstil der Reichen – Menschen, die Geld haben, kaufen mehr, konsumieren mehr, reisen mehr. Die Menschen mit dem niedrigsten Einkommen sind am wenigsten für den Klimawandel verantwortlich, aber am meisten von seinen Folgen betroffen. Dieses Ungleichgewicht ist entscheidend zu beachten, wenn wir von politischen Konsequenzen der Klimakrise in Bangladesch sprechen.

Wir sind vor allem den Menschen gegenüber verantwortlich, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen, jedoch am meisten darunter leiden. Mit allen Strategien, die wir zur Reduzierung der Auswirkungen der Klimakrise entwickeln und allen Anpassungsmaßnahmen, sind wir in erster Linie ihnen gegenüber rechenschaftspflichtig. Es gilt, diese Menschen und ihre Bemühungen mit höchster Priorität zu unterstützen.

Md. Mudasser Billah, ehemaliger stellvertretender Staatsekretär im Ministerium für Fischerei und Viehzucht:

Der Klimawandel hat bedrohliche Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit und die Tierhaltung. Im Winter sterben viele Hühner wegen des starken Temperaturabfalls. Daher sehen die Menschen in der nordwestlichen Region die Hühnerzucht nicht mehr als Option, um Einkommen zu erwirtschaften. Zudem können die Bauern ihre Kühe und Ziegen während der Überschwemmungen nicht ernähren und unterbringen, so dass sie diese dann zu einem sehr niedrigen Preis verkaufen. Die Regierung ist gefragt, sich für die Anpassung der Landwirtschaft an die Auswirkungen des Klimawandels einzusetzen.

Bahauddin Bahar, Projektkoordinator bei der NGO BARCIK:

Die Entwicklungsbehörde für das Barind-Gebiet konzentriert sich vor allem auf die Infrastrukturentwicklung. Sie führen jedoch einige Projekte zur Pflanzen- und Saatgutproduktion durch, die sich jedoch nicht mit der Diversifizierung der Kulturen und der Erzeugung neuer Sorten befassen. Das Marktsystem spielt auch eine wichtige Rolle bei der Bestimmung der Pflanzenproduktion. Obwohl Tomaten und Kartoffeln klimabeständige Pflanzen sind, sind die Bauern beispielsweise nicht am Anbau dieses Gemüses interessiert, da sie nicht den erwarteten Preis erhalten.

Md. Israfil Alam, Abgeordneter aus Naogaon im Nationalparlament:

Obwohl die Hälfte der Gesamtbevölkerung des Landes in Nordbengalen lebt, erhält das Gebiet von der Politik nicht genügend Aufmerksamkeit. Artikel 19 unserer Verfassung, der die Chancengleichheit festlegt, sollte die Grundlage für alle Entwicklungsprogramme des Landes sein.

Nordbengalen ist bekannt für den Anbau von Feldfrüchten wie Weizen, Senf und Erbsen. Die Landwirte wechseln jedoch aufgrund der klimatischen Veränderungen auf den Reisanbau, erhalten allerdings nicht den erwarteten Preis dafür. Es besteht ein gravierender Mangel an Lagermöglichkeiten für Reis, der Beschaffungsprozess der Regierung für das Getreide verzögert sich immer wieder und Kartelle manipuliert die Preise. Letztendlich wird es für die Bauern wirklich schwierig, durch den Verkauf ihrer Produkte die Produktionskosten zu decken.

Jahangir Alam Khan, Projektkoordinator bei der NGO DASCOH:

Naogaon ist seit langem für den Reisanbau bekannt, aber im vergangenen Jahr wurde der Distrikt mit 29.000 Hektar Anbaufläche zum zweitgrößten Mangoanbaugebiet des Landes und dürfte in den nächsten zwei Jahren den Distrikt Chapainawabganj übertreffen. Die für die Reisproduktion geeigneten Flächen verwandeln sich aufgrund der starken Wasserknappheit in Obstgärten mit verschiedenen Früchten. Dadurch verliert eine große Zahl von Menschen, einschließlich der indigenen Bevölkerung, ihre Existenzgrundlage. Dieses Problem kann nur durch den Zugang zu einer ausreichenden Wassermenge gelöst werden. Wenn Wasser durch Kanäle aus entfernten Gewässern in die Region geleitet werden kann, wird der Druck auf das Grundwasser deutlich abnehmen.

Die staatliche Landwirtschaftsbank ist mehr daran interessiert, Industriekredite als landwirtschaftliche Kredite zu vergeben. Landwirte müssen eine Menge durchmachen, um Agrar-Darlehen zu erhalten. Sie müssen sogar die Beamten bestechen.

Durch den Klimawandel sterben unsere Flüsse und die Fischer verlieren ihre Arbeit. Während der Dürre trocknen sogar Teiche aus und die Fischzucht kommt zum Erliegen. Viele Tiefbrunnen werden gebohrt, doch aufgrund des sinkenden Grundwasserspiegels gelingt es trotzdem nicht immer, an Wasser zu kommen. Deshalb müssen wir die illegal Wassernutzung stoppen. Der Ausbau weiterer Kanäle wird dazu beitragen, den Druck auf das Grundwasser zu verringern.

Es gibt viel Geld im Klimafonds, aber es wird nicht richtig zugewiesen. Unterstützungen aus dem Klimafonds müssen die Menschen erreichen, die sie am meisten brauchen.

Fazle Hossain Badsha, Abgeordneter im Nationalparlament aus Rajshahi:

Ich arbeite derzeit an einer Dokumentation über die nordwestliche Region. Die mit dem Klimawandel zusammenhängenden Fragen werden in der Veröffentlichung die erforderliche Aufmerksamkeit erhalten. Nordbengalen ist Selbstversorger beim Reis. Es ist der Hauptproduzent von Obst und Gemüse in Bangladesch. 80 Prozent aller Süßwasserfische kommen von dort. Wenn das Gebiet stark vom Klimawandel betroffen ist, wird das ganze Land leiden. Die durch den Klimawandel verursachten Katastrophen in der Region habe ich bereits mehrfach vor das Parlament gebracht. Leider werden die armen Menschen in der Region in unserer Haushalts- und Entwicklungspolitik weiterhin vernachlässigt. Solange wir keinen politischen Druck auf die Regierung ausüben können, wird sich die Situation nicht ändern. Wir müssen auch bei der ungeplanten Industrialisierung in Nordbengalen vorsichtig sein, da ich von einem Plan zur Verlagerung von Gerbereien in diese Region gehört habe. Eine Industrialisierung, die nicht arbeitsintensiv und umweltfreundlich ist, darf dort nicht ausgeweitet werden.

Der Bericht zu der Gesprächsrunde ist am 15. Oktober 2019 in der Tageszeitung The Daily Star in Bangladesch erschienen.

Übersetzung: Marie Fischer

Der deutschsprachige Beitrag erschien in der Sonderausgabe 2020 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Projekt "Ein Leben lang genug Reis" Die Zeitschrift können Sie als PDF downloaden oder als Drucksache bei uns anfordern.