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Vereint die Armut besiegen Was Frauengruppen in Bangladesch bewegen

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Unrecht und Gewalt gegen Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Eine Politik, die sich nicht kümmert. Eine Gesellschaft, die wegsieht. Der Kampf gegen Armut in Bangladesch ist mühsam. Doch engagierte Frauen und Familien nehmen ihn auf ihre ganz eigene Weise an.

Von Sven Wagner

Die Sonne steht hoch über dem kleinen Dorf Borboria. Und allmählich wärmen sich die sandigen Wege, die Lehmhäuser und der Teich im Zentrum der Siedlung auf. Viele Menschen warten in diesen Tagen sehnsuchtsvoll darauf, dass die Sonnenstrahlen um die Mittagszeit durch die Wolkenschlieren brechen und Wärme spenden. Zu kalt sind die Nächte inzwischen im bangladeschischen Winter. Das Thermometer zeigt hier im Westen des Landes Negativrekorde von unter fünf Grad an.

Heute tollen jedoch kaum Kinder im Sonnenschein über die umliegenden Felder. Nur vereinzelt sind Frauen und Männer dort zum Arbeiten unterwegs. Es herrscht Schweigen. Auf dem Hof eines Hauses im Dorfzentrum steht stattdessen eine Menschenmenge zusammen vor einem langen glänzenden Metallgestell, vertieft in Trauer. Ein Nachbar ist in der vergangenen Nacht gestorben. Sein Leichnam, eingehüllt in ein weißes Tuch, liegt in dem Gestell. Wortlos blickt die Gruppe ihn an.

Es ist ein trauriger Tag für die Angehörigen und Bekannten. Für Menschen wie Akhtarun Beowar hingegen ist es in gewisser Weise ein guter Tag. Denn es bedeutet für sie, zumindest halbwegs sicher über den Winter zu kommen. Beowar ist 50 Jahre alt, so steht es auf ihrem Ausweis. Auch wenn sie locker zehn Jahre älter aussieht. Oft werden Geburtsdaten nach Gutdünken eingetragen, wenn der Staat Menschen wie sie registriert. Menschen, die kein Haus mit ansehnlichen Massivholzschränken haben, in denen sie ihre Dokumente wie Geburts- oder Landbesitzurkunden aufbewahren könnten. Beowar hat weder Schränke noch Urkunden. Ihr Geburtstag ist geschätzt. Vielleicht ist sie aber auch tatsächlich 50 und sieht mit ihrem faltig-gutmütigen Gesicht nur um einiges älter aus – weil ein entbehrungsreiches Leben sie geprägt hat.

Ein abschüssiger Pfad führt an dem Trauerzug im Dorfzentrum vorbei durch enge Gässchen zwischen Lehmhäusern. Rechts ein Teich und dahinter endlose, goldbraune Reisfelder, die abgeerntet werden wollen. Links ein Vorhang aus zwei alten, zusammengenähten Zementsäcken, hinter denen Beowars Haus steht. Es ist anders als viele im Dorf: millimeterdünne metallene Wellblechplatten rund um ein Gerüst aus Bambusstangen statt solider Backsteinwände. Ein Raum, drei mal vier Meter. Auf dem kühlen Erdboden liegt eine rote Baumwolldecke – der Grund dafür, dass bei der vielleicht 50-Jährigen unweigerlich Hoffnung aufkommen muss, wenn ein Mensch aus einer wohlhabenden Familie stirbt. Dessen Kleidung, Decken oder Bettbezüge, das weiß sie, werden nach ein paar Tagen ausgeräumt. Die Familie wird das meiste verschenken an die Menschen, die im Dorf wohnen, aber eigentlich nicht dazu gehören – an die „Adhidoridros“, die Allerärmsten. Eine letzte Wohltat des Toten sozusagen.

So hat Akhtarun Beowar die rote Baumwolldecke bekommen, auf der sie jetzt in ihrem Haus sitzt. So hat sie zuletzt einen der beiden Saris bekommen, die sie als einzige Kleidungsstücke besitzt. Wann sie einmal selbst einen gekauft hat? Vermag sie nicht zu sagen.

„Ich habe viele Jahre gearbeitet“, erklärt die Frau. „Irgendwann hat die Schulter nicht mehr mitgemacht.“ Verwunderlich ist das nicht. Beowars Arbeit, das war Erde-Schaufeln eines von mehreren staatlichen Programmen für Menschen, die sonst kaum Möglichkeiten haben, Geld zu verdienen. Für Bangladeschs Regierungen ist das ein Weg, Männern und Frauen in prekären Lebensverhältnissen ein geringes selbstständiges Einkommen zu ermöglichen. Die Arbeiter ziehen in Gruppen morgens los, um den Straßen- und Wegebau zu unterstützen. Die Arbeit ist hart. Den ganzen Tag über hacken und schippen die Menschen Erdmassen, laden Schaufel um Schaufel in Bambusschalen, die sie auf dem Kopf balancieren und an der Straßenböschung abladen. Vorbeirauschende Lkws, stechende Sonne und der trockene Staub sind stete Begleiter. Die Arbeit zehrt die Menschen aus, doch sie ist ihnen wichtig. Knapp 20 Euro-Cent täglich gibt es hier in der Region dafür. Meist müssen die Frauen und Männer den Empfang eines höheren Betrages quittieren, die Differenz streicht ein Mittelsmann ein. Doch viele sind froh, überhaupt die Chance zu haben. Denn in die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu kommen, ist gleichwohl nicht selbstverständlich.

Beowar ist seit drei Jahren nicht mehr dabei. Und ihre Geschichte ist beispiehaft für viele Frauen hier. Sie zeigt, dass strukturelle Armut unbenommen eine der größten Herausforderungen besonders für das ländliche Bangladesch ist. Ein Land, das sich ab 2021 stolz zu den Aufsteigern zählen will: vom Entwicklungsland zum „middle-income country“. Diese Kategorie gibt es tatsächlich. Das bedeutet: Das Bruttonationaleinkommen liegt über 1000 Doller pro Kopf – im Durchschnitt; es gibt eine wohlhabende Mittelschicht, wachsende Industrie und Stromanschlüsse in jedem Dorf. Das bedeutet aber noch lange nicht: Alle haben jetzt genug, also mehr als das Existenzminimum.

Sie bekommt eine große Kartoffel oder Reis

Tatsächlich ragen nun vielerorts Glühbirnen aus den Wänden. Nicht so bei Akhtarun Beowar. Und das ist sinnbildlich für Menschen wie sie. Jene, die nicht von dem Aufstieg profitieren. Jene, die sogar noch weiter abrutschen. Weil die negativen Folgen der Entwicklung, nicht nur in Bangladesch, auf sie zurückfallen. Zerstörerische Wetterextreme als Konsequenz des Klimawandels sind ein Beispiel. Aber auch Vetternwirtschaft, patriarchalische Strukturen und die Missachtung der Rechte von indigenen Gruppen, religiösen Minderheiten und allen anderen, die von der Gesellschaft an den äußersten Rand gedrängt werden, ermöglichen wirtschaftlichen Aufstieg einerseits und halten andere Menschen in Armut gefangen.

Seit Akhtarun Beowar nicht mehr in dem staatlichen Programm arbeiten kann, bleibt ihr nur eins übrig: betteln. Sie geht an drei Tagen die Woche durch die umliegenden Siedlungen und klopft an die Türen anderer mit der Bitte, etwas Geld zu bekommen. Immer wieder. Die Leute kennen sie inzwischen. Genervt sind sie nicht, sagt Beowar. Aber nicht immer bekommt sie etwas. Manchmal statt Geld auch eine große Kartoffel oder Reis. In einem kleinen roten Plastikeimer in ihrem Haus hat sie ein paar Handvoll davon gesammelt. Für schlechte Zeiten. Denn Beowar ist vollkommen abhängig von dem, was die Menschen in der Umgebung ihr abgeben. Und das ist nicht nur ein essenzielles Problem für sie, sondern auch für den kleinen Abir. Der Sohn von Akhteruns ältester Tochter lebt mit in dem Drei-mal-vier-Meter-Haus, seitdem dessen Mutter ihren gewalttätigen ersten Ehemann, Abirs Vater, verlassen hat. Sie hat erneut geheiratet, doch der Junge durfte nicht mit ins Haus der neuen Schwiegerfamilie und musste bei Großmutter Akhterun bleiben.

Auch die Geschichte ihrer zweiten Tochter zeugt davon, wie die gesellschaftliche Macht des Mannes Ungerechtigkeit und Armut zementiert. „Mein Mädchen ist sehr schön“, sagt Beowar. Ein Mann aus der Gegend sei davon fasziniert gewesen und habe sie unbedingt heiraten wollen. Ohne Bedingungen. Vor vier Monaten war es so weit – für Beowar ein Glücksfall und eine große Freude. Bis kurz nach der Eheschließung. „Er kam vorbei und forderte 20.000 Taka als Mitgift für die Hochzeit“, sagt sie. „Seitdem ist er ständig hier und fragt nach dem Geld.“ Das sind knapp über 200 Euro. Geld, das sie beim besten Willen nicht aufbringen kann. Der Schwiegersohn drohe nun, sie solle ihre Tochter „zurücknehmen“.

Beowar weiß, dass das nicht gerecht ist. Doch will sie nichts dagegen tun? „Wie denn?“, antwortet sie mit einem schnippischen Lächeln. „Die Hochzeit wurde gefeiert, aber nicht registriert. Es gibt keine offiziellen Dokumente.“ Was immer der Mann macht, ihre Tochter könnte sich rechtlich nicht wehren und etwa Unterhalt einklagen. Dass die Mitgift-Praxis verboten ist und sie ihn allein deswegen anzeigen könnte, weiß sie auch. „Aber wenn ich das ohnehin Aussichtslose versuche, schade ich nur meiner Tochter“, sagt die Frau. Denn die sei ihrem Mann und dessen Familie ausgeliefert. „Er würde sie womöglich schlagen und ihr kein Essen geben. Das will ich nicht.“ So bleibt Beowar jeden Tag die Sorge, wie sie diese enorme Summe aufbringen soll. Wo sie doch nur ein paar Taka und ein bisschen Reis am Tag erbettelt, was sie dringend selbst braucht.

Es ist nicht das einzige Mal, dass die Gesellschaft rund um sie versagt. Weil ihr Mann seit 16 Jahren tot ist – gestorben an einer Fieberinfektion nach monatelangem Hochwasser im Dorf – steht ihr eigentlich eine kleine Witwenrente zu. Nachdem sie die Arbeit im Straßenbau aufgeben musste, war sie in der Lokalverwaltung und fragte den Bürgermeister danach. „Ja, Du bekommst etwas“, hatte der gesagt. Ein Versprechen, dem langes Warten folgte. Drei Jahre später war sie erneut dort. Das Versprechen war nicht nur längst vergessen. Diesmal hieß es, sie habe gar kein Anrecht. Beowar ging zurück nach Hause. „Was soll ich denn tun?“

Das ist eine Frage, die viele Menschen stellen, wenn es keinen gibt, der hilft. Wenn der Staat seiner Fürsorgepflicht nicht nachkommt. Nur: Wer hat die Antwort darauf?

Armut ist selten selbst verschuldet, sagen Entwicklungsexperten. Ihr liegen zumeist systemische, strukturelle Ursachen zugrunde. Das leuchtet ein, wenn man sich vor Augen führt, dass nicht nur wenige Hundert, sondern 13 Millionen Menschen das Schicksal von Akhterun Beowar teilen. Selbstverständlich gibt es individuelle Herausforderungen: Krankheit oder Behinderung, der plötzliche Tod eines Familienmitglieds, das Geld verdient hat, oder verendete Tiere und Missernten, weil Naturkatastrophen zugeschlagen haben. Indes finden sich die strukturellen Ursachen auf einer anderen Ebene. Es geht um Landraub durch einflussreiche Gruppen, um ein eigentlich existierendes System sozialer Stütze, das die Betroffenen nicht auffängt – weil das Geld statt Witwen, Senioren und Bedürftigen den Günstlingen von Lokalpolitikern zugutekommt. Es gibt Korruption. Es fehlt an Transparenz. Die „Adhidoridros“ sind sich selbst überlassen.

Und vielleicht liegt genau darin eine Antwort.

Während Akhterun Beowar an diesem Morgen wahrscheinlich wieder loszieht, um in Borboria an die Türen vom Familien zu klopfen, die ein tägliches Auskommen haben, versammeln sich ein paar Kilometer weiter im Dorf Belpara knapp zwanzig Frauen, die die Situation der 50-Jährigen nur zu gut kennen. Hunger, kein Geld für den Schulbesuch der Kinder, für Kleidung und Medikamente – das haben die Frauen auf unterschiedliche Weise alle selbst erlebt. Sie alle vereint eine Vergangenheit der Machtlosigkeit gegenüber staatlichen Behörden, den gutsituierten Teilen der Gesellschaft, oft auch den eigenen Ehemännern.

Sie waren machtlos, bis sie sich zusammengeschlossen und organisiert haben. Bis sie gemeinsam ihre Stimme erhoben haben – weil sie dann nicht mehr einfach überhört werden können.

Was simpel klingt, ist bahnbrechend

Ein Raum aus Alu-Wellblech, bunt dekoriert. Rundherum sind kleine Obstbäumchen gepflanzt, Sandalen liegen vor der Eingangstür. Drinnen sitzen die Frauen auf Holzbänken, an der Wand Poster zu den Themen Gewalt gegen Frauen, Recht auf Information, landwirtschaftliche Produktion und Bürgerrechte. All das haben die Frauen selbst gestaltet und machen es hier sichtbar – während sie noch vor ein paar Jahren keine Ahnung von diesen Themen hatten. „Ja, man kannte sich damals“, sagt eine der Frauen, die nun in dem Versammlungsraum warten, bis das Treffen eröffnet wird. „Aber nur flüchtig. Und wir hatten doch alle mit unseren ganz eigenen Problemen zu kämpfen.“ Dann kehrt Ruhe ein und Versammlungsleiterin Swapna Rani Barman ergeift das Wort: „Wenn Du allein losziehst, kannst Du als armer Mensch kaum etwas bewegen“, sagt sie und beginnt die Aktionen aufzuzählen, die die Frauen gemeinsam in den vergangenen Wochen gemacht haben. „Wir sind jetzt gemeinsam stark.“

Was zunächst simpel klingt – regelmäßige Treffen und Austauschgespräche, Teilnahme an offiziellen Feiern zum Frauentag, Impfkampagnen für das Nutzvieh, Besuche in der Lokalverwaltung – ist auf den zweiten Blick bahnbrechend. Denn es bedeutet: Diese Frauen kämpfen nachhaltig gegen die strukturelle Armut. Sie alle haben zunächst durch das NETZ Programm „Ein Leben lang genug Reis“ kleine Landwirtschaften oder Geschäfte aufgebaut und sich eine Existenzgrundlage geschaffen. Nach den ersten Jahren hat der allergrößte Teil von ihnen es geschafft, selbstständig ausreichend Einkommen oder Nahrungsmittel aus dem eigenen Garten zu erwirtschaften, um nicht mehr Hunger leiden zu müssen – die Grundlage für weiteres emazipatorisches Handeln.

Nebenbei haben sie – und das ist vielleicht noch wichtiger – ihre eigenen Selbsthilfestrukturen geschaffen, um gegen das vorzugehen, was Menschen in Armut gefangen hält. Die Frauen haben jeweils in den Dörfern Gruppengegründet, ein Vorsitzende, Kassierin und Schriftführerin gewählt, sich regelmäßig getroffen, gemeinsam Probleme besprochen und Aktionen geplant. Sich gegenseitig helfen und unterstützen – das ist auch Sinn und Zweck des Ganzen. Und schließlich begannen diese Frauen, sichtbar zu werden in der Öffentlichkeit. Sie waren präsent, wenn in den Dörfern Feste oder Feiertage öffentlich begangen wurden. Diese Gruppen der zu jener Zeit noch ärmsten Frauen haben gezeigt: Wir sind auch da. Wir sind Teil der Gesellschaft, wir tragen auch etwas bei.

Die Gruppen – seit Projektbeginn von „Ein Leben lang genug Reis“ im Jahr 2002 haben sie sich in weit über 3200 Dörfern im gesamten Land gegründet – engagierten und etablierten sich immer mehr. Lokale Partnerorganisationen von NETZ mit ihren Sozial- und Entwicklungsarbeitern haben die Mitglieder dabei unterstützt. Gemeinsam wurden regelmäßig Workshops veranstaltet, um das Bewusstsein in den Gruppen zu stärken und die Frauen wurden zu Akteurinnen der der Dorfentwicklung. Grundsatz sind dabei stets die eigenen Ideen und Wünsche der Teilnehmerinnen und die Maßgabe: Unrecht darf niemand hinnehmen. Sie waren bald nicht mehr nur sichtbar, sondern auch greifbar: In ihren Heimatorten setzten sie seitdem um, was sie in den Treffen gelernt haben. Das Wichtigste: Ungerechtigkeit bekämpfen, die sie am eigenen Leib erfahren haben. Sie schreiten ein, wenn Kinder von 13 Jahren unrechtmäßig verheiratet werden sollen, wenn Menschen von ihrem eigenen Land vertrieben werden, religiös motivierte Gewalt erfahren oder von einer korrumpierten Lokalverwaltung übergangen zu werden. Hört man den Frauen bei ihren Treffen wie hier im Dorf Belpara zu, wird klar, was das bedeutet. Sie berichten, wie vielen Menschen die ohnehin geringen Sozialleistungen vorenthalten wurden, auf die sie Anrecht haben. Es gibt Budgets für Senioren, Witwen, Schwangere, selbst etwas Schulgeld für Kinder aus benachteiligten Familien. Aber: Wenn überhaupt, gibt es diese Leistungen nur auf Nachfrage. Und die Nachfragen jener Menschen in prekären Lebenslagen tut so mancher Gemeinderatsvorsitzende ab oder verspricht, vertröstet und vergisst sie schließlich.

Die Dorfgruppen haben sich in den vergangenen Jahren wiederum zu Regionalgruppen zusammengeschlossen, sogenannten „Federations“, um ihre Arbeit auszuweiten und das Netzwerk der ehemals ärmsten Menschen zu stärken. Bereits 237 dieser Selbsthilfe-Verbände gibt es, meist sind die Dorfgruppen durch ihre Vorsitzenden darin vertreten. Sie suchen das Gespräch mit Politikern und einflussreichen Menschen in ihren jeweiligen Gemeinden. Sie bringen Lehrern, religiösen Führern und Ortsvorstehern ihre Anliegen vor und tragen die Initiative von der Graswurzel- auf nächsthöhere Ebenen. Die Frauen nutzen ihr Recht auf Information und fordern von den Verwaltungen Listen, auf denen verbindlich steht, wer Anrecht auf Sozialleistungen hat, um diese einzufordern. Sie machen Lokal- und Regionalpolitikern klar, dass sie um ihre Recht wissen. Und dass diese als gewählte Repräsentanten eine Verantwortung gegenüber jedem Menschen in der Gegend haben. Immer mehr Menschen aus den Orten schätzen das Engagement der Frauen. Zu Treffen mancher „Federations“ kommen inzwischen auch Nachbarinnen, die die Arbeit und die positiven sozialen Auswirkungen in der Region befürworten und daher mitmachen wollen.

Ein Beispiel dafür erläutert eine zierliche Mittdreißigerin beim Treffen in Belpara: „In unserem Dorf haben ein paar Männer illegal Alkohol gebrannt und unsere Ehemänner immer wieder dazu verleitet, zu trinken und das wenige Haushaltsgeld dort zu lassen.“ Das Brennen, von Behörden geduldet beziehungsweise ignoriert, solange keine offiziellen Beschwerden kommen, hat die „Federation“ angeprangert – so lange, bis sich die Polizei tatsächlich genötigt sah, einzugreifen und den Laden dichtzumachen. Ebenso haben vielerorts Frauengruppen gegen den Handel mit Yaba-Pillen mobilgemacht, eine Billigdroge, die Süd- und Südostasien seit Jahren überschwemmt.

Da die Selbststärkung auch eine Frage des Geldes ist, haben die „Federations“ über die Jahre Fonds eingerichtet, die die Mitglieder regelmäßig mit kleinen Beträgen füttern. Aus den Fonds können sich Mitglieder und andere, die es nötig haben, Geld leihen, um eigene Projekte umzusetzen – oder in Notfällen handlungsfähig zu bleiben. Es soll eine unkomplizierte Möglichkeit sein, auch anderen bedürftigen Menschen in der Gegend den Startschuss für wirtschaftliches und soziales emanzipatorisches Handeln zu bieten. Familien können so Vieh kaufen oder Land pachten, Nähmaschinenanschaffen oder ihre Häuser ausbauen. Eine Frau hat 200 Euro geliehen, damit sie sich eine Nierenstein-Operation leisten konnte. Die „Federation“ hier in Belpara hat bei der heftigen Flut 2017 Geld aus dem Fonds genommen, um Überschwemmungsopfern zu helfen.

Es gibt Rückschläge

Und doch zeigt sich zugleich, dass der Kampf für soziale Gerechtigkeit mühsam und nicht frei von Rückschlägen ist. Herausfordernd ist einerseits die Tatsache, dass sich die ökonomischen Grundlagen der Projektteilnehmerinnen unterschiedlich entwickeln, je nach familiärer Situation. Alleinstehende ältere Frauen, die noch dazu gesundheitliche Probleme haben, können ihren Hausstand und das Vieh mitunter nicht gleichstark entwickeln wie junge Teilnehmerinnen, die eine ganze Familie als Unterstützung im Rücken haben. Es gibt Rückschläge. Wetterextreme als Folgen des Klimawandels zerstören mitunter mühsam Aufgebautes. Vieh verendet, Ernteerträge bleiben aus oder Teilnehmerinnen migrieren und verlassen die Gegend, um in größeren Städten nach Arbeit in Fabriken suchen. Es gibt aber auch gegenseitige Hilfe als Prinzip des Projekts: Die Frauen mit mehr Kapazitäten unterstützen die Schwächeren dabei, das Vieh zu versorgen oder den Gemüsegarten in Schuss zu halten.

Die Herausforderungen steigen, je höher die politische Ebene ist, in die man vordringt. Swapna Rani Barman, die in ihrem türkisblauen Sari in dem Versammlungsraum sitzt, nennt ein Beispiel. Sie ist Vorsitzende der insgesamt 22 Föderationen, die durch das NETZ-Programm im Distrikt Naogaon entstanden sind und seit knapp einem Jahr unabhängig arbeiten. Gerade mal 24 Jahre alt, vertritt Barman Tausende Frauen in der Region und versucht mit ihnen, das Engagement nun ohne weitere Unterstützung von NETZ und den lokalen Partnerorganisationen voranzubringen. Das ist schließlich die Grundidee des Ganzen. „Es ist uns wichtig, gute Beziehungen zu politischen Entscheidungsträgern aufzubauen, um unsere Anliegen einzubringen“, sagt Barman. So seien sie in Kontakt mit den leitenden Beamten für Land-, Viehwirtschaft und Sozialleistungen sowie den Gemeindevorstehern und Landräten, und machen diesen bewusst, dass sie Verantwortung auch für die Ärmsten tragen. Nicht selten kommt es vor, dass Politiker diese guten Beziehungen als Chance verstehen, Wählerstimmen zu bekommen. Dann heißt es, man werde auf Forderungen eingehen, verlange bei den nächsten Kommunalwahlen aber Loyalität auf dem Stimmzettel.

Barman weiß um die Gefahr und stellt sich entschieden dagegen. Denn diese Art der Gefälligkeit sei genau die Korruption, wogegen man kämpfe. Ihr Weg ist ein anderer: Bei der vergangenen Wahl ist sie selbst angetreten und wurde in den Gemeinderat gewählt. „Ich will andere motivieren, etwas im Leben zu erreichen“, sagt die Mutter eines zweijährigen Jungen. Wie schafft sie die Mehrfachrolle als Lokalpolitikerin, Familienkümmerin und „Federation“-Präsidentin? „Das ist kein Problem“, sagt Barman. „Meine Familie unterstützt mich und ich habe ein Ziel. Ich habe tiefes Mitgefühl für Menschen, die arm sind. Weil ich es selbst war. Damals haben die Leute mit dem Finger auf mich gezeigt. Doch ich werde das nicht tun – stattdessen werde ich für diese Leute kämpfen.“

Alle paar Jahre gibt die Weltbank eine Armutskarte, die sogenannte „poverty-map“ heraus. Darin sind die Regionen Bangladeschs von grün bis rot in unterschiedlichen Tönen eingefärbt, je nachdem wie enorm dort Nahrungsmangel die Menschen gefährdet. Vor zehn Jahren waren auf dieser Karte der Westen und Norden des Landes noch von tiefroten Flächen überzogen. Ist man heute in den Dörfern jener Regionen unterwegs, trifft man allerorten die Frauengruppen. Wenn die Mitglieder dann von ihrer Arbeit zu erzählen beginnen, spürt man förmlich, wie diese Armutskarte mit ihren dunkelroten Flecken allmählich porös wird. Wie Stück für Stück grüne Punkte wachsen, die dank entschlossener Frauen und Familien immer größer werden. Bis die Armut und ihre Strukturen vielleicht tatsächlich einmal erodieren? Es ist ein enormer Kampf, denn es geht um nicht wenige Menschen. Aber es gibt ein Netzwerk, das immer weiter über große Teile des Landes wächst. Und mit ihm wächst die Zuversicht.

Dieser Beitrag erschien in der Sonderausgabe 1-2020 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Projekt "Ein Leben lang genug Reis" Die Zeitschrift können Sie als PDF downloaden oder als Drucksache bei uns anfordern.

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