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Schülerinnen der Menschenrechts-AG

Zusammenhalt macht stark

Während Expert*innen auf eine rasche Veränderung bei der besorgniserregend hohen Zahl an Kinder-Ehen in Bangladesch drängen, haben einige zivilgesellschaftliche Gruppen den Weg zur Lösung des Problems bereits aufgezeigt. In vier Bezirken im Nordwesten des Landes setzen sich Menschenrechtsaktivistinnen freiwillig für die Rechte junger Mädchen ein. Selbst während der Coronavirus-Pandemie hat es die Arbeit der Gruppen vermocht, die illegale Praxis zurückzudrängen. Die Frauen schaffen ein breiteres Unterstützernetzwerk, binden politische Entscheidungsträger ein und kennen die Rechtslage.

Die Gruppen (auch CSO genannt) wurden von Menschen wie Moriam Begum, 36, Mitglied der zivilgesellschaftlichen Gruppe aus der Sapahar Gemeinde im Naogao-Landkreis, ins Leben gerufen. Von einer Hausfrau stieg sie zur Gruppensprecherin auf, indem sie seit 2018 mindestens 20 Fälle von Kinder-Ehen stoppte und mehrere Vorfälle von häuslicher Gewalt aufklärte. "Wir haben die Situation in unserem Ort und den umliegenden Gebieten verändert", sagt sie. "Vor drei Jahren war eine Frühverheiratung ein wöchentliches Ereignis. Jetzt ist es ein Phänomen geworden, das selten auftritt", fügt sie hinzu.

"Das Schicksal der Mädchen hat mich aufgewühlt, aber zu der Zeit hatte ich keine Ahnung von den Gesetzen und den Möglichkeiten, dies zu verhindern", erzählt Moriam. Nachdem sie die über Gesetze gelernt hatte, insbesondere den sogenannten Child Marriage Restraint Act von 2017 und den Domestic Violence Act von 2010, die die Rechte von Mädchen und Frauen schützen, stand sie jedoch vor einem weiteren Hindernis - der Gesellschaft.

Drohungen ausgesetzt

"Eine Kinderheirat zu stoppen ist keine leichte Aufgabe. Man kann es nicht alleine schaffen", sagt sie. Besonders schwierig ist die Aufgabe in einem Land, in dem die Mehrheit der unterprivilegierten Bevölkerung glaubt, dass Mädchen heiratsfähig werden, sobald sie ihre Menstruation bekommen. Andere betrachten Mädchen sogar als Belastung für die Familie. "Ich war vielen Drohungen von Dorfbewohnern ausgesetzt, die gegen unsere Gruppen-Arbeit waren", fügt sie hinzu.

Aber Moriam hatte eine Strategie: mehr Menschen zu vereinen, die bereit waren, die Kinder-Ehen-Praxis zu beenden und durch aufklärende Gespräche voranzukommen. Sie erweiterte ihr Netzwerk um andere Menschen in ihrer Region und darüber hinaus. Sie stellte Verbindungen des Netzwerks zu lokalen Politikern, Gemeindevorstehern, Rechtssprechern und Verwaltungsbeamten sowie Entwicklungshelfer*innen auf nationaler Ebene her. Wann immer die Gruppenmitglieder von einem Fall von Kinder-Ehe erfuhren, berieten sie die betroffenen Familien. Wenn die Beratung fehlschlug, riefen sie die nationale Hilfs-Hotline an oder sprachen direkt mit Behörden. Mithilfe des sogenannten Right to Information Act von 2009 informierten sie sich über verschiedene Möglichkeiten der sozialen Absicherung und arrangierten Zuschüsse für die Familien, damit diese ihre Mädchen unterstützen konnten, anstatt sie „wegzuverheiraten“.

Über Rechte aufgeklärt

Moriam und ihre Gruppenmitglieder konnten all dies erreichen, weil sie auf ein Menschenrechtsprojekt von NETZ gestoßen waren. NETZ, die deutsch-bangladeschische Entwicklungsorganisation, setzt ein entsprechendes Projekt zum Thema Mädchen- und Frauenrechte um. Mit finanzieller Förderung der Europäischen Union und Unterstützung durch lokale Partner wie DASCOH und WE CAN führte NETZ das Projekt in 32 Gemeinden in acht Landkreisen in den vier Distrikten Naogaon, Chapainawabganj, Pabna und Sirajganj durch. Mindestens 4168 engagierte Akteurinnen der Zivilgesellschaft in 172 Gruppen wurden ausgebildet, 660 Schüler*innen in 32 Schulen wurde ein Selbstverteidigungstraining ermöglicht und 13.200 Schüler*innen wurden über Frauenrechte, die Verhinderung von Gewalt gegen Frauen und demokratische Praktiken aufgeklärt. Gemeinsam haben diese Gruppen mindestens 300 Kinderehen erfolgreich gestoppt und 1500 Fälle von geschlechtsspezifischer Gewalt aufgeklärt. Während der Projektlaufzeit (von Januar 2018 bis Dezember 2020) ermöglichten die CSO-Mitglieder 13.762 Menschen den Zugang zu sozialen Sicherungsleistungen der Lokalregierung und von Instituten und Behörden.

Das Projekt ist beendet, aber die Aktivitäten der Freiwilligen bleiben in vollem Gange. Amina Khatun, die Landkreis-Beauftragte für Frauenangelegenheiten in Sapahar, schätzt die Arbeit der Gruppen. "Ich habe in den vergangenen sechs Monaten an zwei Programmen teilgenommen. Ich war erstaunt über ihren Enthusiasmus. Sie lieben ihre Arbeit, und deshalb sind sie erfolgreich darin, den Menschen klarzumachen, dass Kinderheirat ein Verbrechen ist", sagt sie.

"Obwohl es sich um ein kleines Projekt handelte, ist die Wirkung enorm", sagt Akramul Haque, der DASCOH-Chef, der das NETZ-Projekt in Naogaon und Chapainawabganj umsetzte. Die Mitglieder der Zivilgesellschaft stellten fest, dass die meisten Kinder-Ehen sogar in Absprache mit den örtlichen Standesbeamt*innen und Notar*innen stattfanden. Die zivilgesellschaftlichen Gruppen machten die Beamten auf der nächsthöheren Bezirksebene darauf aufmerksam und halfen so, Maßnahmen gegen Kinder-Ehen im gesamten Bezirk zu ergreifen", erwähnt Haque.

Mädchen gerettet

Moriam Begum berichtet derweil weiter von den Aktivitäten ihrer Gruppe. Ende 2020 erfuhr sie von einem Mädchen im Dorf Sironti, das im Alter von nur zwölf Jahren schwanger geworden war – zwei Monate nach ihrer Hochzeit. Moriam und ihre Gruppe griffen ein, um dem Mädchen zu helfen. "Wir entdeckten, dass sie krank war und aufgrund des Traumas und der Folter, die sie erlitten hatte, nicht in der Lage war, zu sprechen. Es schien, dass sie nicht überleben würde", erzählt Moriam. Das Mädchen ging vor ihrer Heirat zur Schule und gehörte zu den ganz normalen Kindern des Dorfes. Nach ihrer Heirat wurde sie wegen Mitgift-Problemen gefoltert und musste alle Aufgaben im Haushalt übernehmen. Moriams Gruppe rettete das Mädchen und brachte sie in ein Krankenhaus. Später halfen sie ihr, sich scheiden zu lassen. Der Vater des Mädchens bereute und sagte, dass er nichts von den Gesetzen wusste, die seiner Tochter helfen könnten. Das Mädchen, das sich noch nicht von seinem Trauma erholt hat, befindet sich immer noch in Behandlung.

Ende 2019 wurde ein weiteres Mädchen aus dem Dorf Tatoir mit einem 31-Jährigen verheiratet, als sie erst elf Jahre alt war und kaum etwas über ihre Menstruation wusste. Ihre Heirat erfolgte nach dem Tod ihrer Mutter und der zweiten Ehe ihres Vaters. Sie wurde jeden Tag von ihrem Mann vergewaltigt. Als sie einmal ihre Eltern besuchte, weigerte sie sich, zu ihrem Mann zurückzukehren. Die Eltern aber hatten die offensichtlichen psychischen und physischen Veränderungen ignoriert. Als schließlich die Schwiegereltern das Mädchen zu ihrem Mann zurückbringen wollten, floh es von zu Hause. "Ein Geschäftsmann vom Sapahar-Markt rettete sie", erinnert sich Aktivistin Moriam. Das Mädchen erzählte Moriam später, dass sie weggelaufen sei, weil sie sich nicht traute, ihr eigenes Leben zu beenden. "Wir sprachen mit ihren Eltern und Schwiegereltern, aber sie waren wild entschlossen, die Ehe aufrechtzuerhalten", sagt Moriam. Sie musste das Mädchen zwei Wochen lang in ihrem eigenen Haus unterbringen. Später wurde es zu ihren Eltern zurückgebracht, nachdem ihr Vater versichert hatte, dass er seine Tochter nicht zwingen würde, zum Haus ihres Mannes zu gehen. Innerhalb weniger Tage unterstützte Moriams Gruppe das Mädchen dabei, die Scheidung zu erwirken. Einige Wochen später versuchte der Vater erneut, sie zu verheiraten, aber dieses Mal informierte sie die Gruppenmitglieder. Später wurde sie in das Haus eines Verwandten gebracht und lebt nun dort und besucht die Sekundarstufe der Schule.

Arbeit ausweiten

"Trotz unserer ständigen Beobachtung finden einige Eheschließungen statt, ohne dass wir davon erfahren. Die Eltern 'tricksen' uns aus, indem sie ihre Mädchen außerhalb der Dörfer verheiraten", erzählt Moriam. "Eine Kinderhochzeit fand in einem fahrenden Kleinbus statt. Wir haben die Leute gestoppt, nachdem der Fahrer des Busses uns informiert hatte", sagt Iftekhar Alam, ein Mitglied der zivilgesellschaftlichen Gruppe der Moharajpur-Gemeinde in Chapainawabganj. Er sagt, dass die Eltern des Mädchens erst überzeugt werden konnten, nachdem die örtliche Verwaltung ihnen Vieh und andere Unterstützung zusicherte. Alam war einer von insgesamt zehn Aktivist*innen im Rahmen des NETZ-Projekts, die alle ähnliche Geschichten erzählen. Alle Aktivist*innen erwähnen, dass es wichtig sei, das Netzwerk auszuweiten. "Wenn sich das Netzwerk auf alle Dörfer des Landes ausdehnen würde, könnte niemand mehr seine Mädchen im Kindesalter verheiraten. Schließlich enden die meisten Kinder-Ehen mit Scheidungen und Verletzungen der Mädchen", ergänzt Alam.

Während er über die Gesamtwirkung des Projekts spricht, kommentiert Shahidul Islam, Direktor von NETZ, Folgendes: "Neben der enormen Arbeit, die von den lokalen CSOs geleistet wird, werden Mädchen und Jungen in den Sekundarstufen zu zukünftigen Vertretern der CSOs für ihre Gemeinde ausgebildet. Mädchen nehmen an Selbstverteidigungstrainings teil und tragen das Wissen in ihre Nachbarschaft. Mädchen und Jungen stoppen geschlechterspezifische Gewalt an öffentlichen Plätzen in ihren Ortschaften, was ein entscheidender Grund für Frühverheiratung ist. Sie entwickeln Theaterskripte über die negativen Folgen von Kinderheirat und führen die Stücke öffentlichkeitswirksam auf. Viele aktive Jugendliche sind auch zu Anlaufstellen für Mädchen geworden, die von Frühverheiratung bedroht sind. Diese jungen CSOs stehen in engem Kontakt mit den zuständigen lokalen Behörden, die für die Verhinderung von Kinderheirat verantwortlich sind. Sie haben viele Erfolgsgeschichten, wie sie Kinderheiraten und geschlechtsspezifische Belästigungen an öffentlichen Orten gestoppt haben."

Er fügt weiter hinzu, dass diese jungen Leute bereit sind, in ihren Gemeinden zu bleiben und ihre gute Arbeit auch nach dem Ende des Projekts fortzusetzen. Die lokale Behörde und die zuständigen Regierungsbeamten sollten diese Stärke in Zukunft nutzen. Die Aktivitäten sollten ermutigt und regelmäßig weiterverfolgt werden.

"Unsere Erfahrung zeigt, dass es fortschrittliche Gesetze zur Verhinderung geschlechterspezifischer Gewalt gibt, aber was fehlt, ist die richtige Umsetzung. Mangelndes Engagement der lokalen Gemeinschaft bei der Planung und Umsetzung ist eines der Hauptprobleme, die uns in dieser Hinsicht zurückhalten. Eine effektive Partnerschaft zwischen lokalen CSOs, einschließlich der Jugend und den Regierungsbehörden, kann sicherstellen, dass unsere Mädchen ihr Leben unbeschwert leben können", sagt Shahidul Islam.

Text: Anwar Ali

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