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"Der Duft des Waldes ist nicht mehr"

Von Philip Gain

Einst ein reiner Urwald, ist der Modhupur-Wald in Zentralbangladesch heute größtenteils eine bunte Mischung aus riesigen Bananen-, Ananas- und Gewürzplantagen. Früher beherbergte er bengalische Tiger, Elefanten, Pfauen, Bären, Languren, Affen, etwa 300 Vogelarten, unzählige andere Tierarten und einen beispiellosen Bestand an Heilpflanzen. Doch fast alles davon fiel in den letzten Jahrzehnten dem Profit zum Opfer.

Noch vor nicht allzu langer Zeit verströmten die Garo-Siedlungen den Duft der einheimischen Obstsorten und der natürlichen Vegetation. Aber wer heute indigene Dörfer in Modhupur besucht, wird feststellen, dass das waldige Aroma verschwunden ist. Bananen- und Ananaspflanzen sowie Gewürzstauden sind bis in die Höfe der meisten Haushalte vorgedrungen. Überall strömt der Geruch von toxischen Chemikalien – in der Luft, auf dem Boden, im Wasser und im menschlichen Körper. Tragisch: Die ursprünglichen Bewohner der Walddörfer (Garo und Koch) in Furcht und Schrecken leben, umzingelt von bengalischen Siedlern.

Die Garo und Koch besitzen zwar noch Land, aber die meisten von ihnen ohne Eigentumsurkunden. Laut einer kürzlich von der Society for Environment and Human Development (SEHD) durchgeführten Haushaltsbefragung in 44 Walddörfern haben 13 Prozent der Bengalen und nur knapp vier Prozent der Garos – bei insgesamt 11.048 Haushalten – Eigentumsurkunden für ihre Gehöfte. Eine überwältigende Mehrheit der Menschen genießt also nur Gewohnheitsrecht am eigenen Land ausübt. Die Frage des Landbesitzes bereitet den Boden für Konflikte zwischen der Forstbehörde und den Waldbewohnern, die beide Anspruch auf dasselbe Land erheben. Protestkundgebungen gegen das Forstamt Januar 2021 in Modhupur haben dazu beigetragen, dass dem schwelenden Konflikt Aufmerksamkeit zuteil wird.

Ausgelöst wurden die Proteste von Zeitungsberichten, wonach das Forstamt seine Muskeln spielen lässt, um verlorenes Waldland zurückzugewinnen. Ein hochrangiger Beamter des Forstministeriums sprach von Berichten, wonach Zehntausende Menschen sich knapp 56.000 von den mehr als 1,3 Millionen Hektar des Reservatswaldes „illegal angeeignet“ hätten. Von dem Waldland würden Teile für industrielle Strukturen, für Viehmärkte und Bildungseinrichtungen und für Wohnraum und Landwirtschaft genutzt.

Das Ministerium für Umwelt, Wald und Klimawandel hat Berichten zufolge bis Ende Januar eine Räumungsaktion gestartet, um das besetzte Waldland zurückzugewinnen. Von allen Abteilungen dieses Ministeriums ist die Forstbehörde de facto die Schutzinstitution für das Waldland und mit den entsprechenden Kompetenzen ausgestattet. Es führt Räumungsaktionen an, und seine Beamten pflegen eine Hassliebe zu den lokalen Gemeinden: Die Menschen, die auf dem Waldland leben, sind in Kontakt mit den Mitarbeitern vor Ort. Die politischen Entscheidungsträger und Planer hingegen bleiben außerhalb ihrer Sicht- und Reichweite. Neben der bürokratischen und politischen Ebene gibt es auch noch supranationale Faktoren, die die Geschicke bestimmen, unter anderem die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) und die Weltbank.

Nachdem sie Zeitungsberichte gelesen hatten, wonach die Regierung sie ab Ende Januar 2021 habe vertreiben wollen, wurden die Menschen in den Walddörfern von Modhupur unruhig. Zunächst organisierten die Garo und Koch am 25. Januar eine große Kundgebung in Modhupur Pourashava und richteten ein Memorandum an die Premierministerin. Am 31. Januar versammelten sich einige Tausend Menschen der Garo-, Bengali- und Koch-Gemeinschaften auf einem Schulgelände, um ihre Angst und Entschlossenheit zum Ausdruck zu bringen, sich jedem Versuch der Regierung zu widersetzen, sie von ihrem Land zu vertreiben.

Ursachen in der Geschichte

Die Größe des Sal-Waldes in Madhupur (gelegen im Tangail-Distrikt) beträgt 18.500 Hektar, von denen fast 5000 Reservatwald sind, während der größere Teil als Wald gemäß dem Waldgesetz ausgewiesen sind. Von den Reservatwäldern wurden 3700 Hektar in Aronkhola Mouza durch eine Bekanntmachung vor fünf Jahren als "reserviert" erklärt. Von den 13 Dörfern in diesem Wald sind bis auf zwei (Gachhabarin und Amlitola) alle reine Garo und Koch-Dörfer. In der Vergangenheit gehörte das gesamte Waldgebiet von Modhupur zum Aronkhola-Gemeindeverbund im Landkreis Modhupur – dort lebten laut Zenus 2011 zuletzt 296.729 Menschen; 17.327 zählten zur Gruppe der Garo, 3.427 waren Koch und Barmon.

Bevor die britische Regierung 1928 die Kontrolle über den Wald in den Distrikten Tangail und Mymensingh übernahm, befand sich der Wald in diesen beiden Distrikten einschließlich des Modhupur-Waldes in Privatbesitz. Im siebzehnten Jahrhundert vertraute der Mogul-Kaiser den Atia-Wald (in den Distrikten Tangail und Mymensingh) der Panni-Familie von Karatia an. Der Maharaja von Natore kaufte Atia und „At Ani Estate“ unter dem von den Briten eingeführten Sunset-Gesetz. Die Großgrundbesitzer (Zamindar) kontrollierten den Wald bis 1950. Die Garo und andere zahlten Landsteuern an die Zamindars, die diese teilweise an die Kolonialregierung weiterreichte. Aber nach dem Ende des Zamindar-Systems gelang es den Garos unter dem East Bengal State Acquisition and Tenancy Act von 1950 nicht, das Land in ihren Besitz zu bringen. In wenigen Jahren, seit 1951, wurden die Wälder von Tangail und Mymensingh an das Forstministerium übertragen. Damit verloren die waldbewohnenden Garo und andere ihre legitimen Rechte auf Land in den Wäldern, in denen sie lebten.

Sie halten jedoch die Hoffnung am Leben, dass der Staat eines Tages ihre Rechte auf das Land, auf dem sie leben und das sie bewirtschaften, anerkennen wird. Aber für den Moment wird ihr Recht über das Land einzig "gewohnheitsmäßig" genannt.

Während die Waldbewohner seit der Übernahme des Waldes mit dem Forstamt im Konflikt sind, haben sogenannte "soziale Forstwirtschafts-" und "Co-Management"-Mechanismen längst massive Schäden am Naturwald verursacht – vor allem jene, die im Rahmen von zwei Projekten eingeführt wurden: dem 1989 begonnenen Thana Afforestation and Nursery Development Project und dem Forestry Sector Project, beide finanziert von der ADB. Die Menschen waren seinerzeit schockiert, als sie sahen, wie natürliche Waldgebiete gerodet wurden, um sie beispielsweise für die Anpflanzung von Akazien und Eukalyptus zu nutzen. Innerhalb von drei Jahrzehnten wurde ein großer Teil des natürlichen Waldes durch gepflanzten Wald unter dem Deckmantel der "sozialen Forstwirtschaft" ersetzt, die sich zumindest in Modhupur als nicht nachhaltig erwiesen hat.

Die Abholzung von Naturwaldflächen geschah unter der Schirmherrschaft des Forstamtes – eine Anschuldigung, die die Behörde bestreitet. Während der Umsetzung der Projekte und in der Folgezeit profitierten zahlreiche Händler von Bananen-, Ananas- und Gewürzplantagen, die sich ihre Wege bis in die Walddörfer gefressen hatten. Die Dorfbewohner hatten diesen Händlern ihr Land gutgläubig und unwissend im Tausch gegen Bargeld überlassen.

Die ADB erkannte ihre Fehler bei der Finanzierung von solchen Forstprojekten in Bangladesch und Asien und zog sich 2007 still und heimlich aus dem Forstsektor zurück. Doch der Schaden war bereits angerichtet. Und das Forstministerium, das die Plantagenprojekte in Bangladesch durchführte, wurde als Sündenbock inmitten des schändlichen Scheiterns der sogenannten sozialen Forstwirtschaft vorgeführt.

"Wir alle wissen, wie die soziale Forstwirtschaft und ihre Multiplikatoreffekte uns in einen solch entsetzlichen Zustand gebracht haben", sagt Eugin Nokrek, Präsident der Joyenshahi Adibashi Unnayan Parishad, der an der Spitze des Protests gegen die bevorstehende Räumung durch das Forest Department in Modhupur steht. "Wir sind verängstigt und wollen, dass der Staat uns schützt und uns unser legitimes Landrecht zurückgibt."

Ein Spitzenbeamter der Forstbehörde sagte Anfang Januar sinngemäß: Es stimme, dass die Priorität im Moment darin besteht, das Waldland zurückzuholen. Die Entscheidung komme von der Regierung – die Behörde führe sie aus. Die „Rückgewinnungsaktion“ werde je nach der örtlichen Situation gestaltet. „Wir werden kein Dorf mit Bulldozern plattmachen, auch wenn es auf Land liegt, das zum reservierten Wald gehört. Die Planer und andere lokale Forstbeamte werden in Absprache mit der lokalen Verwaltung und den Gemeindevorstehern nach einer Lösung suchen. Sie werden auch alle lokalen Gegebenheiten bei der Lösung des Konflikts berücksichtigen", wird der Beamte weiter zitiert. Eine sehr diplomatische Antwort der Forstbehörde.

Diese führt in der Tat ein 175-Millionen-Dollar- Projekt durch, das von der Weltbank finanziert wird. Das Hauptziel des Projekts mit dem Titel "Nachhaltige Wälder und Lebensraum" ist die Verbesserung und Ausweitung der Waldfläche durch ein gemeinschaftliches Waldmanagement unter Einbeziehung der lokalen Gemeinden. "Das Projekt wird die Steigerung des lokalen Einkommens durch alternative einkommensschaffende Maßnahmen für etwa 40.000 Haushalte in den Küsten-, Berg- und Zentraldistrikten des Landes unterstützen", heißt es in einer Pressemitteilung der Weltbank.

Massiver Verlust vn Naturwäldern

Dies ist ein sehr hoch angesetztes und ehrgeiziges Ziel. Auch die von der ADB finanzierten Forstprojekte hatten ein ähnliches Ziel. In Wirklichkeit haben solche Projekte aber vielmehr zum massiven Verlust von Naturwäldern in Bangladesch beigetragen. Die Menschen haben zudem nicht genug Vertrauen in die gemeinschaftliche Waldbewirtschaftung. Modhupur ist einer der Standorte für das „Nachhaltige Wälder“-Projekt.

Die Forstbehörde erkennt, dass dem Ökosystem schwerer Schaden zugefügt wurde. "Wir wollen nun Mischwaldwirtschaft auf völlig geschädigtem Wald sowie Anreicherungsplantagen auf teilweise geschädigtem Wald einführen", sagt ein hoher Beamter. "Wir wollen auch indigenes Wissen in die Praxis umsetzen und bei der Pflanzung standortspezifische Pflanzen wählen."

"Was die Forstbehörde erreichen will und was wirklich in Modhupur passiert, stimmt nicht überein", sagt Zoynal Abedin, ein Journalist aus der Region, der den Fortschritt des Nachhaltigkeits-Projekts pessimistisch einschätzt. "An vielen Stellen habe ich gesehen, dass Büsche und Pflanzen gerodet wurden, was dem Ökosystem schadet, und an einigen Stellen wurden Setzlinge im Schatten von Bäumen gepflanzt. Das ist keine gute Wahl", fügte er hinzu.

Im Gespräch mit den Einheimischen wird deutlich, dass es in Modhupur keine ernsthafte Diskussion über die Nutzung indigenen Wissens gibt. "Der Schaden hat ein solches Ausmaß erreicht, dass es keine natürliche Lösung mehr zu geben scheint", mahnt Abedin, der den allmählichen Niedergang des Modhupur-Waldes seit mehr als vier Jahrzehnten beobachtet und darüber berichtet. "Was ich sehe, ist, dass der Modhupur-Wald am Rande des kompletten Untergangs steht."

Unter diesen Umständen gibt es für die Menschen in den Walddörfern von Modhupur nichts Wichtigeres, als auf ihr Recht auf Land zu drängen. "Wir sind in einer Situation, in der gegenseitige Schuldzuweisungen nichts bringen. Ausgestattet mit einem umfassenden Plan kann die Regierung das retten, was vom Wald übrig geblieben ist, und die komplexen Landprobleme in Modhupur lösen", sagte Professor Wahiduddin Mahmud, ein bedeutender Wirtschaftswissenschaftler, in einer Diskussionsrunde 2019.

"Es gibt drei Interessen in Bezug auf den Modhupur-Wald – die Erhaltung des Waldes, die Landwirtschaft und die Ansprüche der dort lebenden Menschen. Der Modhupur-Wald wird ohne die Koordination dieser Interessen nicht überleben. Wir müssen diese Interessen zuerst verstehen und dann durch Diskussionen zu einer nachhaltigen Lösung kommen", erklärte Dr. Hossain Zillur Rahman, ein weiterer bekannter Wirtschaftswissenschaftler und sozialer Denker, der ebenfalls an der Diskussionsrunde teilnahm. Die Forstbehöreden-Beamten, Gemeindevertreter und gewählte Gemeindeoberhäupter aus Modhupur, Akademiker und Umweltschützer – sie alle waren sich einig, den Dialog weiterzuführen.

Der Autor, Philip Gain, ist Forscher und Direktor der Society for Environment and Human Development (SEHD). Dieser Text ist zuerst am 11. Februar 2021 in der bangladeschischen Tageszeitung „The Daily Star“ erschienen.

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