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Habibur Rahman Chowdhury, Leiter des NETZ-Teams in Bangladesch, mit einer Projektteilnehmerin, die ihre Gemüsezucht präsentiert.

Habibur Rahman Chowdhury über die Anfänge des Projekts "Ein Leben lang genug Reis"

Verzweifelt im Nichtstun verharren beim Anblick von Menschen, die 23 mal umgezogen sind, weil ihnen die Flut das Wenige, das sie besaßen, zerstört hatte? Traurig werden beim Anblick von Frauen, beim Blick in ihre Augen, deren Ausdruck leer ist? Das ist Habibur Rahman Chowdhury nie in den Sinn gekommen. Der Leiter des NETZ-Teams in Bangladesch und seine Mitstreiter stellten sich stattdessen schlicht eine Frage: „Was können wir gemeinsam mit diesen Menschen tun?“

Von Franziska Kleiner

Es war im Jahr 2002, als diese Frage brennend im Raum stand, erinnert sich Habibur Rahman Chowdhury an den Beginn des Projekts „Ein Leben lang genug Reis“. 20 Prozent der Bevölkerung von Bangladesch seien „hard core poor“, also extremst arm, haben weder Geld und Land, noch erhielten sie Mikrokredite. Was müsste man für Familien tun, die mit dem Einkommen der Väter als Tagelöhner bestenfalls über die Runden kommen? In denen die Männer so hart körperlich arbeiten, dass sie nicht zusätzlich tätig werden können? Ganz zu schweigen von denen, die sich mit dem Lohn nur etwas Reis kaufen können, der nicht einmal für drei tägliche Mahlzeiten reicht, deshalb ihren Reis in Tee tunken, um die Übelkeit des Hungers zu verhindern. Wie würde man all diesen Menschen helfen können?

Das war die Ausgangssituation vor nicht einmal zwei Jahrzehnten. NETZ suchte sich Partner. Von 20, 30 nichtstaatlichen Organisationen, die im Bangladesch angefragt wurden, so erinnert sich Habibur Rhaman Chowdhury, blieben am Ende keine fünf übrig, mit denen NETZ eine nachhaltige Veränderung an der Seite der Menschen in Armut anstrebte. Die Antwort auf die Kernfrage war damit jedoch noch nicht gegeben. Wie könnte man die Situation dieser Familien dauerhaft verbessern? „Ich war noch nie in solch einer Situation, woher sollte ich es wissen, was es sein könnte?“ sagt Chowdhury. „Also haben wir mit den Menschen gesprochen.“ Zu allererst mit den Frauen. Die Männer waren ja tagsüber nicht da, sie arbeiteten auf dem Feld oder fuhren in Dhaka Rikscha. Die Frauen sollten selbst sagen, was ihnen helfen würde. Wenn jede Frau als Startkapital ein Kälbchen bekommen hätte – was hätte es jenen genutzt, die gar nicht wissen, wie man eine Kuh mästet, sodass man sie später gewinnbringend verkaufen kann? Was hätte es genutzt, wenn sie diese Arbeit gar nicht körperlich leisten können, dafür aber das Wissen und die Kraft haben, mit Hühnern zu wirtschaften, um deren Eier zu verkaufen?

Das ganze Dorf eingeladen

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von NETZ und zwei Partnerorganisationen sprachen also mit den Familien, sie waren gewillt, jedem die Grundausstattung zu finanzieren und das Wissen zu vermitteln, mit dem sie ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften können. Damit waren aus Sicht von NETZ zwar die materiellen Voraussetzungen geschaffen, aber wie würde es gelingen, die Menschen, die bislang nur von Tag zu Tag dachten, deren Kraft nur für das Überleben heute ausreichte, davon zu überzeugen, an das Morgen zu denken? „Meine Aufgabe ist es, Träume in ihr Leben zu bringen“, umreißt der Chef des NETZ-Büros in Dhaka, was ihn antreibt. „Denn die haben diese Menschen verloren.“ Die Menschen sollten beginnen, sich eine Frage zu stellen: Was will ich in einem Jahr haben?

Habibur Rahman Chowdhurys liebstes Beispiel in diesem Kontext ist das einer Frau in Kurigram. Die Dorfgemeinschaft hatte sie wegen ihrer Armut von den Hochzeitszeremonien ausgeschlossen. Sie hatte keinen ordentlichen Sari und konnte keine Geschenke mitbringen. Ihre wirtschaftliche Situation änderte sich grundlegend, nachdem sie an dem Projekt „Ein Leben lang genug Reis“ teilgenommen hatte. Als Jahre später ihre eigene Tochter heiratete, lud die Frau das ganze Dorf ein. „Auch wenn es aus finanzieller Sicht nicht klug war, ich habe sie verstanden“, sagt Chowdhury.

Die Frau hatte selbst ihr Leben verändert. Sie, die zuvor durch große Armut diskriminiert gewesen war, hatte sich nun selbstbewusst in einer männerdominierten Gesellschaft Akzeptanz verschafft; sie hatte durch die erfolgreiche Projektteilnahme plötzlich Zugang zu Lebenschancen und zu gesellschaftlicher Teilhabe – wo doch beides zuvor so unerreichbar schien.

„Wir wussten nicht, ob unsere Idee Erfolg haben würden“, erinnert sich Chowdhury an die Anfangszeit. Dass inzwischen viele Partner das Projektkonzept so erfolgreich umsetzen, freut ihn und macht ihn dankbar. Doch er sagt auch: „Das sollte nicht das Ende der Geschichte sein. Die Kinder der Familien brauchen Bildung.“

Nur auf diese Weise könne verhindert werden, dass Familien von Generation von Generation in extremer Armut leben. Chronische Armut zu verhindern, das sei das übergeordnete Ziel des Projekts, macht Chowdhury deutlich. Um dies zu erreichen, sei die staatliche Unterstützung durch das deutsche Entwicklungsministerium und die EU wichtig und gut, sagt er. Die Hilfe von Privat aber hat für ihn besonderen Wert, weil darin eine besondere Verbundenheit der Spender mit seinem Land zum Ausdruck komme. „Die Unterstützung aus Deutschland macht mich stolz.“

Die Autorin Franziska Kleiner ist Redakteurin bei der Stuttgarter Zeitung. Dieser Beitrag erschien in der Sonderausgabe 1-2020 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Projekt "Ein Leben lang genug Reis" Die Zeitschrift können Sie als PDF downloaden oder als Drucksache bei uns anfordern.

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