Rede des NETZ-Mitarbeiters Peter Dietzel anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Manfred Krüger am 29. August 2007 in Krefeld

Lieber Manfred,

einem Freund, der sich seit Jahren in NETZ für die Menschen in Bangladesch engagiert, habe ich erzählt, dass Du das Bundesverdienstkreuz erhältst. Seine Reaktion: "Der hod's verdient. I kenn ja oinige, die des g'kriegt henn, wo de dich fragschd, warom. Abr der hod's verdient. Da gibt's sonscht gar nix meh zu saga."

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Kathstede,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde,

nach schwäbischen Maßstäben wäre ich damit schon fast am Ende meiner Rede angekommen. Deshalb kommt jetzt der Dank. Der gehört zuerst der Person, ohne die Manfred Krüger das Bundesverdienstkreuz vermutlich nicht verliehen bekommen würde. Die Frau macht ja bekanntlich den Mann. Und wenn ein Mensch so ein Werk zustande bringt wie Manfred Krüger, außerhalb seiner beruflichen Tätigkeit, geht das nur, wenn die Familie hinter dem Anliegen steht.

Liebe Julia,

seit fast 20 Jahren setzt Ihr Euch gemeinsam dafür ein, dass in Bangladesch Kinder als Kinder aufwachsen dürfen und Lesen und Schreiben lernen. Dass Eltern mit ihrer harten Arbeit ihre Familien ernähren können. Dass Frauen lernen aufzustehen, wenn sie wegen Mitgiftforderungen aus dem Haus gejagt werden sollen. Ihr habt die "Partnerschaft für Entwicklung und Gerechtigkeit" von NETZ entscheiden mitgeprägt. Seit 1988 seid Ihr mehrmals gemeinsam nach Bangladesch gefahren. Ihr habt mit Mitarbeitern der einheimischen Entwicklungsorganisationen intensiv überlegt, wie sie ihre Projekte planen und durchführen. Mit Lehrern habt Ihr diskutiert, wie sie den Unterricht so gestalten, dass er zur Selbstständigkeit ermutigt. Und vor allem habt Ihr immer mit den Menschen in den Dörfern geredet - darüber, wie sie ihre Selbsthilfe organisieren, um dauerhaft Hunger und Abhängigkeit zu überwinden.

Hat irgendjemand gezählt, wie viele Veranstaltungen Ihr in Krefeld, Tönisvorst und weit darüber hinaus an Schulen und Kirchengemeinden gemacht habt? Wie viele Kinder, Jugendliche, Erwachsene ihr aufgerüttelt und motiviert habt, sich für Menschen in Bangladesch einzusetzen? Hat irgendjemand mitgezählt, wie viele Gäste aus Bangladesch Ihr bei Euch aufgenommen habt, mit offenen Armen, sodass sie sich bei Euch wie zu Hause gefühlt haben? Nächtelange Gespräche gab es bei Euch über Menschenrechte, den Islam, die kulturelle Identität der Menschen in Bangladesch. Hat irgendjemand mitgezählt, wie viele Leute bei Euch zu Hause ein- und ausgegangen sind, zu Arbeitstreffen oder als sie sich auf ihren Freiwilligendienst in Bangladesch vorbereitet haben?

Und schließlich sind auch Eure Kinder angesteckt worden. Hannah organisiert unter anderem seit Jahren an Weihnachten den Verkauf von Handwerksprodukten aus Bangladesch. Urs hat ein Jahr lang einen Freiwilligendienst in Bangladesch geleistet und Filme gemacht.

Nein, niemand hat gezählt. Am wenigsten Ihr. Auch die wirklich hohen Beträge nicht, mit denen Ihr Projekte in Bangladesch und die entwicklungspolitische Arbeit in Deutschland immer unterstützt habt. Der Jargon der Entwicklungsorganisationen in Bangladesch ist gespickt mit Abkürzungen. Eine treffende Abkürzung für Eure Solidarität wären 3 G: Gern. Gleich. Und ganz.

Jeder kann sich leicht vorstellen, dass so ein hohes Engagement nicht nur eitel Sonnenschein ist, sondern auch heftige Auseinandersetzungen innerhalb der Familie mit sich bringt. Wir von NETZ haben Dir, Julia, und Eurer Familie sicher dann und wann Unrecht angetan, wenn wir Manfred über Gebühr beansprucht haben, etwa um in Krisensituationen die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Ihr habt auch diese Herausforderungen gemeinsam bestanden. Eigentlich hätte Bundespräsident Köhler Euch auch gemeinsam das Bundesverdienstkreuz verleihen können.

Es ist ungewöhnlich, dass ein Pillendreher ausgerechnet für die Nebenwirkungen, die seine Rezeptur hat, ausgezeichnet wird. Denn Du, Manfred, erhältst ja hier nicht den Verdienstorden der Volksrepublik Bangladesch. Etwa dafür, dass Du NETZ-Projekte in Bangladesch mitgestaltet und vorangetrieben hast, durch die

- über 25.000 Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt haben,

- 50.000 Familien ein Startkapital erhielten und nun ein eigenes Einkommen erwirtschaften,

- hunderttausende Familien nach Naturkatastrophen das Notwendigste zum Überleben erhalten haben,

- und über 10.000 Menschen für die Umsetzung elementarer Menschenrechte geschult worden sind.

Das Bundesverdienstkreuz wird Dir verliehen für die Verdienste für unser Land - für die Nebenwirkungen sozusagen. Wenn wir die Packungsbeilage aus einer Medikamenten-Packung herauskramen, lesen viele zuerst die Nebenwirkungen. Da so viele Apotheker heute hier sind, möchte ich doch lieber der Reihenfolge nach vorgehen, bei der "Rezeptur" für die NETZ - Partnerschaft für Entwicklung und Gerechtigkeit.

Merkmale

Du hast die Merkmale der Entwicklungsarbeit von NETZ mitgeprägt:

1. Die Priorität. Die Ärmsten zuerst - sie müssen ihre ganz elementaren Rechte erhalten: Essen, Kleidung, Bildung - und jeden Tag Würde.

2. Selbsthilfe. Du verabscheust Mogelpackungen: Wo Selbsthilfe drauf steht, muss auch Selbsthilfe drin sein. Die Menschen, um die es geht, sind selbst die Akteure der Entwicklung. Sie werden in die Planung der Projekte einbezogen, sie übernehmen Verantwortung. Das ist schwierig. Das ist langwierig. Das lohnt sich - es gehört immer wieder zum Spannendsten, an einem Prozess der Befreiung beteiligt zu sein.

3. Änderung der Strukturen. Einfach ein Pflästerchen drüberkleben - das ist nicht Deine Methode. Es geht um die Ursachen der Armut, um Machtstrukturen, die Menschen in der Armut festhalten und strangulieren. Seit den Anfängen geht es NETZ darum, den Aufbau von Strukturen zu fördern, die dauerhaft mehr Gerechtigkeit schaffen.

4. Partnerschaft. Gemeinsam und gleichberechtigt - um die besten Konzepte ringen: das liegt Dir. NETZ arbeitet partnerschaftlich mit NGOs in Bangladesch zusammen. Dazu gehören auch Besuche aus Bangladesch. Dazu gehört der Freiwilligendienst von jungen Deutschen vor Ort, für den Du Dich immer stark gemacht hast.

5. Qualität. Das ist fast eines Deiner Lieblingsworte in den Vorstandssitzungen. Mitarbeiter schulen, Kriterien für Projekte aufstellen, überprüfen und ständig dazulernen - das Bestmögliche zu erreichen ist Dir gerade gut genug.

6. Transparenz. Du kannst rechnen - so wie andere mit Dir rechnen können: Finanzmittel müssen effizient und transparent eingesetzt werden - in Bangladesch wie in Deutschland.

Zusammensetzung

Du gehst zu den Menschen. Hörst zu. Fragst nach. Hörst zu. Urteilst nicht. Hörst zu. Ich wünsche jedem hier, mal zusammen mit Dir ein Dorf in Bangladesch zu besuchen. "Von was leben Sie, seit Ihr Mann nicht mehr arbeiten kann? Wovon haben Sie dann den Arzt bezahlt, als Ihr Kind krank war? Wie viele Schulden haben sie dadurch? Wie viel Zins nimmt der Geldverleiher? Was macht er, wenn Sie nicht zurückzahlen können?" Jeder, der bei den Gesprächen dabei ist, beginnt die Abgründe der Armut zu begreifen. Und lernt dazu, wie Entwicklungsprozesse gestaltet sein müssen, damit die Menschen da wirklich rauskommen.

Du gehst analytisch vor. Konzeptionell. Sachkundig. Wenn andere die Beine von den Strapazen des Tages hochlegen, beginnt bei Dir die Denkarbeit.

Mit Deinem Humor hast Du viele angespannte Konstellationen aufgelockert und Konflikte gelöst, ehe sie losgetreten werden konnten.

Du bist ein Querkopf. Offen für neue Ideen. Bereit, alles zu hinterfragen. So effektiv Deine Rezeptur ist - wir wissen zu gut, dass es keine "Wundersalbe 507" ist, wie es in einem bengalischen Theaterstück heißt. Du liebst ungewöhnliche Querverbindungen. Dazu gehört auch Deine Liebe zum Reichtum der Kunst Bangladeschs.

Darreichungsform

Seit 1988 warst Du zu 16 Einsätzen in Bangladesch, zwei bis vier Wochen lang.

1989 hat Du NETZ mitgegründet. Seither bist Du im Vorstand des Vereins.

Von 1994 bis 1998 warst Du zweiter Vorsitzender.

Von 1998 bis 2004 warst Du erster Vorsitzender.

Du hast Verantwortung übernommen für die Strategieplanung von NETZ und unsere Konzeptionen in Bangladesch wie in Deutschland, für die Organisationsentwicklung, die Außenvertretung, die Personalführung, das Krisen-Management; zeitweilig auch für Projektentscheidungen, die Finanzen, die Mitglieder-Kommunikation.

Du nimmst an Fachtagungen teil, an Vorstandssitzungen und Mitgliederversammlungen.

Du hältst Vorträge, organisierst Verkaufsstände und Veranstaltungen.

Das sind einige tausend Stunden Engagement für die Menschenrechte in Bangladesch.

Dazu kommt Dein finanzielles Engagement. Sehr viel hast Du geteilt und investiert in den Aufbau eines gerechteren Lebens für die Menschen in Bangladesch. In schwierigen Phasen hast Du geholfen, dass NETZ überhaupt weiter arbeiten konnte.

Das alles ist immer Ansporn für viele andere, Aufforderung, sich stärker zu engagieren. Wer forschen kann mit Analysen. Wer Briefe versenden kann mit seiner Tat. Wer Geld hat mit Geld. Und wer beten kann mit seinem Gebet.

Dosierung

Immer mit höchstem persönlichem Einsatz - anders dosiert geht bei Dir nicht.

Wechselwirkungen mit anderen Mitteln

Du bist unbequem. Du bist fordernd. Du bist beharrlich. Und dennoch bist Du bei allen Gesprächspartnern beliebt. Wie passt das zusammen? Die Menschen in den Dörfern Bangladeschs schätzen Dich, auch Mitarbeiter im Ministerium, denen Du auf die Füße trittst, und muslimische Geistliche, mit denen Du Dich auseinander setzt. Mit Kompromissen bist Du nie zufrieden. Für die Menschenrechte, gegen Korruption, für die Stärkung der Demokratie - so unnachgiebig die Position von NETZ auch durch Dich wurde: es geht nie um Konfrontation, sondern um Lösungen im Sinne der Menschen.

Da passieren hervorragende Wechselwirkungen! Für jede Zusammenarbeit in diesem Sinn sind wir dankbar:

- mit vielen anderen Entwicklungsorganisationen, die in Bangladesch tätig sind,

- mit dem deutschen Entwicklungsministerium, dem Auswärtigen Amt, der Europäischen Union

- mit der Bangladeschischen Botschaft in Berlin und der Deutschen Botschaft in Dhaka.

Nebenwirkungen

Das ist die wichtigste Erfahrung mit Dir: Wenn wir uns einem Problem zu stellen, merken wir, dass wir zu viel mehr fähig sind, als wir dachten. Das gilt für jeden ganz persönlich, für unser Innenleben. Und ebenso für die Herausforderungen in unserer Gesellschaft und in unserem weltweiten Zusammenleben. Ich kann nur jedem empfehlen, Dein Rezept auszuprobieren.

Die Nebenwirkungen sind lohnend. Beschäftigen Sie sich mit Bangladesch. Stellen Sie sich an die Seite der Menschen. Treten Sie für mehr Gerechtigkeit ein. Das wirkt - gegen die Sklerose des Herzens. Und es gibt dem Leben eine Perspektive.