Das Geld gehört den Frauen

Selbsthilfe-Organisationen nutzen ihre Kapitalfonds –
Ein Beispiel aus dem Distrikt Rangpur

Rangpur mit der gleichnamigen Distrikt-Hauptstadt liegt im Norden des Landes. Eine Autostunde nördlich der Stadt liegt der ländlich geprägte Bezirk Gangachara mit den vier Gemeinden Alambiditar, Kolkonda, Lakshmitari und Nohali. In der Zeit von Juni bis September ist das Gebiet entlang des Stromes Tiesta Hochwasser-gefährdet.

Für die Bevölkerung stellt die landwirtschaftliche Produktion die wichtigste Möglichkeit dar, den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Hauptanbaupflanzen sind Reis, Tabak, Zuckerrohr und Senf, außerdem Weizen, Mais und Kartoffeln, Tomaten, Chili und Blumenkohl. Es gibt wenige, kleine Fabriken, die Reis, Jute und Zuckerrohr verarbeiten oder Eisenwaren herstellen. Zu den traditionellen Handwerken zählen Weben, Töpfern und Schreinern. Dennoch: Die Region gehört zu den ärmsten Bangladeschs: 42 Prozent der Menschen leben hier unterhalb der Armutsgrenze von 1,25 US-$ pro Tag.

In jeder der vier Gemeinden haben sich im Rahmen des NETZ-Programms „Ein Leben lang genug Reis“ jeweils rund 200 Frauen zu einer Selbsthilfe-Organisation zusammengeschlossen. Sie unterstützen sich gegenseitig. Durch Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter der lokalen Organisation „Jagorani Chakra Foundation“ wurden und werden sie intensiv beraten und geschult

Bei ihren Treffen thematisieren die Frauen ihre Rechte und wie sie diese schrittweise durchsetzen. Es geht um die Verhinderung von Kinderehen oder Mitgiftbetrug und den Kampf gegen Korruption: ältere Menschen, Witwen und Menschen mit Behinderung erhalten dadurch die Sozialleistungen, die ihnen von der Gemeindeverwaltung zustehenden.

Dr. Thomas Prinz, der deutsche Botschafter in Bangladesch, im Gespräch mit Mitgliedern der Selbsthilfe-Organisation in Nohali und Mitarbeitern der NETZ-Partnerorganisation „Jagorani Chakra Foundation“. (Foto: Ranjit Das)

Zugleich unterstützen die Selbsthilfe-Organisationen alle beteiligten Frauen ganz konkret beim Aufbau einer gesicherten Existenz für die gesamte Familie – nachhaltig, ohne das Risiko, durch Krankheit oder Naturkatastrophen wieder unmittelbar in die Armut abzurutschen. Hierfür hat NETZ die vier Selbsthilfe-Organisationen mit Kleinkreditfonds in Höhe von jeweils 300.000 bangladeschischen Taka ausgestattet – zum Zeitpunkt des Währungsumtausches entsprach dies 3.350 Euro je Selbsthilfe-Organisation. Das Geld gehört den Frauen – sie sind die Eigentümerinnen der Fonds. Keine Bank und keine NGO sind dazwischen geschaltet. Die Fonds bieten Frauen und Familien unterhalb der Armutsgrenze Zugang zu Produktivkapital. Die vier Selbsthilfe-Organisationen haben ein Bankkonto eingerichtet, Schulungen in Finanzmanagement erhalten und verwalten nun die Fonds ebenso wie die Ersparnisse ihrer Mitglieder.

Shamsun Nahar aus Alambiditar hat mit ihrem Kredit einen Ballen Netzstoff gekauft, aus dem sie Handnetze herstellt, die sie an Fischer am Tiesta verkauft. (Fotos: P. Dietzel)

Im Jahr 2016 haben die vier Selbsthilfe-Organisationen aus diesen Fonds insgesamt 676 Kredite ausgegeben. Der kleinste vergebene Kredit betrug 3.000 Taka, der größte 15.000. Der Zinssatz beträgt nominal 10 Prozent. Das sind wesentlich bessere Bedingungen als auf dem Markt – bei den Geldverleihern im Dorf liegt der günstigste Zinssatz bei 150 Prozent. Drei bis fünf Tage nach einer Anfrage wird ein Kredit in der Regel freigegeben. Die Rückzahlungsmodalitäten stimmen die Frauen flexibel auf die individuelle Investition der Kreditnehmerin ab.

Nach Erhebungen der NETZ-Partnerorganisation „Jagorani Chakra Foundation“, die das Programm vor Ort begleitet, erzielen die Frauen mit einem Kredit in Höhe von 5.000 Taka über die Laufzeit eines Jahres Nettogewinne in der Spanne zwischen 1.500 und 2.000 Taka, also eine Rendite zwischen 30 und 40 Prozent.

Die meisten Förderkredite haben die Frauen und Familien für ihre landwirtschaftliche Produktion genutzt und davon Maispflanzen, Reis oder Kartoffeln angeschafft. Einige Kreditnehmerinnen haben in die Nutzviehhaltung investiert oder den Kredit zum Aufbau eines kleinen Geschäfts genutzt. Aklima Begum ist eine dieser Frauen. Mit ihrem Mann und den beiden Kindern lebte sie früher in extremer Armut, am Rande des Flusses Tiesta. Von ihrer Selbsthilfe-Organisation in Konkonda erhielt sie einen Kleinkredit in Höhe von 5000 Taka.

Aklima hat diesen Kredit genutzt, um einen kleinen Laden auf dem Dorfmarkt zu eröffnen und ein Zusatzeinkommen zu dem ihres Mannes erwirtschaften. Dieser zieht täglich durch das Dorf und verkauft Aluminiumgeschirr. Aklima verkauft die Waren ihres Mannes nun zusätzlich in ihrem Dorfladen und hat das Angebot um Hocker und Kunststoffeimer erweitert.  Schnell ist so das Einkommen gestiegen, Aklima konnte den Kredit zurückzahlen und Gewinn ansparen. Zusätzlich hat sie einen zweiten Kredit bekommen, um ihr Geschäft zu vergrößern, diesmal 10.000 Taka. Inzwischen verdient Aklima zwischen 350 und 400 Taka täglich. Der zweite Kredit ist bereits wieder zurückbezahlt und die Gewinne haben dafür gereicht, Land zu pachten, zwei Kühe, drei Ziegen und dreizehn Hühner anzuschaffen.

Botschafter Dr. Thomas Prinz informiert sich über die landwirtschaftlichen Kleinbetriebe, welche die Mitglieder der Selbsthilfe-Organisation in Nohali aufgebaut haben. (Foto: Ranjit Das)

Die Kreditfonds der Selbsthilfe-Organisationen in Alambiditar, Kolkonda, Lakshmitari und Nohali haben sich als effektives Instrument erwiesen,  mit dem die Frauen  zusätzliches Einkommen erwirtschaften. Zugleich sichern die Rückzahlungsvereinbarungen  und Zinsleistungen die Nachhaltigkeit der Fonds selbst. Insgesamt haben die Selbsthilfe-Organisationen 211.199 Taka an Zinsen für die ausgegebenen Kleinkredite eingenommen. Die Zinseinnahmen gleichen die Inflation aus und erhöhen das Kapitalvolumen. So wächst der Fonds nach und nach und macht es möglich, mehr Kredite zu vergeben.

Das Anfangskapital der vier Selbsthilfe-Organisationen 1.200.000 Taka entsprach 13.400 €. Mit dieser Summe haben sie innerhalb eines Jahres insgesamt 4.290.000 Taka (47.900 €) an Krediten ausgeben können. Die Rückzahlungsrate liegt bei 100 Prozent. Für eine Dorfentwicklung, die alle einschließt. Für Zukunftsperspektiven. Und für sichere Existenzen der Menschen auf ihrem Weg aus der Armut.  

Beim Besuch einer der Selbsthilfe-Organisationen wurde der Autor von Dr. Thomas Prinz, dem deutschen Botschafter in Bangladesch, begleitet. Dieser meinte anschließend: „Ich bin sehr beeindruckt, mit welchem Erfolg und welcher Energie die Frauen ihre kleine Landwirtschaft führen. Vor allem, wenn man bedenkt, wie es ihnen vorher ergangen ist. Die hohe Qualität, auf die NETZ setzt, sollte langfristig fortgeführt werden. Für die Spender ist es gut zu wissen, dass das Geld dort ankommt, wo es hin soll."

Wir danken den Rotary Clubs Kempen-Krefeld und Viersen-Schwalm-Nette für ihre engagierte Unterstützung der Selbsthilfe-Organisationen in Alambiditar, Kolkonda, Lakshmitari und Nohali.

Autor: Peter Dietzel

Kontakt

Dagmar Schwarze-Fiedler

Dialog mit Spenderinnen und Spendern
schwarze-fiedler@remove-this.bangladesch.org
Tel.: 0 64 41 - 9 74 63-10

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