Schule schafft Veränderung!

Wie Bildung Perspektiven eröffnet

von Anna Bucur

Für Shanchal Pahan beginnt der Tag um halb sechs. Der 12-Jährige arbeitet von 7 bis 18 Uhr in einer Bäckerei nahe seines Heimatdorfes Hatnagar im Norden Bangladeschs. Er hievt Mehlsäcke hin und her, packt hinter einem glühendheißen Ofen Brot in Kartons und belädt Transportwagen, die Läden in der Region mit Backwaren beliefern. Täglich, nur freitags nicht. „Als mein Vater vor drei Jahren starb, begann ich mit dieser Arbeit. Wir sind arm. Eine andere Option gab es nicht“ sagt er nüchtern. Shanchals Mutter schweigt. Doch ihr Blick verrät die Traurigkeit, die seit dem Tod ihres Mannes auf der vierköpfigen Familie lastet. Shanchal ging erst fünf Monate auf eine nahgelegene Grundschule, als sein Vater nach einem Hundebiss durch Tollwut ums Leben kam. So endete die eben erst begonnene Schullaufbahn abrupt.

Shanchal Pahan mit seiner Mutter, seiner Schwester Johonti und seinem jüngeren Bruder (v.l.n.r.). Er hat den Platz seines Vaters eingenommen und arbeitet hart, damit seine Geschwister zur Schule gehen können.


Bildung ist kostbar

Rubina Parbin hatte mehr Glück. Auch ihre Familie zählt zu den Ärmsten, doch das Mädchen konnte einen anderen Weg einschlagen. „Wir freuten uns riesig, als unsere Tochter im letzten Jahr nach Hause kam und verkündete, dass sie den Grundschulabschluss geschafft hat“, berichtet ihre Mutter. „Ich hatte in fast allen Fächern eine Eins! Nur in Englisch war es eine Zwei. Nun gehe ich auf die weiterführende Schule“, sagt Rubina lächelnd. Sie ist wie Shanchal heute zwölf. Dass Bildung wichtig ist, das wissen Rubinas Eltern aus eigener, bitterer Erfahrung. Beide mussten schon als Kinder Geld verdienen. Obwohl der Vater hart arbeitet, sorgt er sich weiterhin sehr: „Wir haben keine sichere Existenz, keine Ersparnisse, kein eigenes Land, nichts!“ Rubinas Eltern setzen alle Hoffnung auf die Sechstklässlerin und ihren jüngeren Bruder. Er folgt Rubina und geht seit Januar 2012 auf die kleine Dorfschule, an der seine Schwester im Vorjahr ihren Abschluss gemacht hat. Selbstverständlich ist das nicht. Denn Schulbildung ist in Bangladesch ein kostbares Gut.

Es gibt zu wenig Schulen und die Kosten für Schulmaterial und Prüfungsgebühren sind für arme Familien unerschwinglich. Millionen Kinder sind so von Schulbildung ausgeschlossen. Basisinformationen, die ihnen im Alltag weiterhelfen, bleiben ihnen vorenthalten. Genauso wie die Fähigkeit, selbstbestimmt mitzureden, wo es um das eigene Wohl geht. So ist es fast unmöglich, der Armut zu entkommen – Veränderung aussichtslos! Die Defizite im Schulsystem sind der Regierung bekannt. Reformen des staatlichen Schulsystems erzielen nur schleppend positive Ergebnisse. Und gerade die Kinder aus den ärmsten Familien profitieren davon oft gar nicht. So ist der Staat auf die Mithilfe von NGOs angewiesen. Diese leisten viel. „Wir schickten unsere Tochter anfangs auf eine staatliche Schule, weil es keine andere gab. Doch die Kosten waren viel zu hoch“, berichtet Rubinas Mutter rückblickend. Rubinas Eltern nahmen das Mädchen aus der Schule. Dann, wenige Monate später, wurde eine neue nichtstaatliche Schule im Dorf aufgebaut und es war klar, dass auch Rubina zu denen zählte, die hier zur Schule gehen würden. So konnte sie weiterlernen. Andernfalls hätten sich ihre Eltern wohl, wie in vielen anderen Familien, bald nach einem Mann für sie umgesehen und ihre Hochzeit arrangiert. Jetzt hat sie eine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben!

Rubina (im Vordergrund links) zu Besuch in der Dorfschule, in der sie 2011 ihren Grundschulabschluss gemacht hat. Hier hat sie nicht nur lesen und schreiben gelernt, sondern ist zu einer eigenständigen Persönlichkeit gereift.


Schule einfach und wirkungsvoll

Immer mehr Kinder haben Möglichkeiten wie Rubina. Auch Shanchals Schwester Johonti besucht seit ein paar Monaten die erste Klasse der Hatnagar Dorfschule. „A wie ‚apple’, B wie ‚bed’, C wie ‚cat’ und D wie ‚dog’“ singt sie lautstark mit ihren Mitschülern in der Englischstunde. Sie ist eines von 25 Kindern, die im Dorf Hatnagar in das Bildungsprogramm der Entwicklungsorganisation NETZ aufgenommen wurden. Mit kleinen Klassen, Lehrerschulungen, kostenlosem Material und außerunterrichtlichen Aktivitäten verfolgt NETZ das Ziel, Kinder erfolgreich zum Abschluss der Grundschule zu führen. Das Konzept ist einfach und wirkungsvoll: Die lokalen Partnerorganisationen von NETZ mieten einfache Ein-Raum-Gebäude aus Wellblech an und sorgen für die Ausstattung des Klassenraums. Bänke und Tische wären wünschenswert, doch die gibt es aus Kostengründen nicht. Dafür ist der Raum aber bunt geschmückt, Kinder sitzen in U-Form auf Jutematten oder Plastikplanen, ihre Bücher und Hefte ordentlich vor sich aufgebahrt. Mit dem Beginn der ersten Stunde überprüft der Lehrer die Anwesenheit der Schüler und schreibt sie ins Klassenbuch. Auf ihn kommt es hier an! Zu Anfang jedes Schulzyklus gibt es für ihn ein Basistraining und monatliche Auffrischungskurse. Sechs Fächer unterrichten die Lehrer nach dem staatlichen Lehrplan. Zunächst ab der ersten Klasse für drei Stunden, in der dritten Klasse 4 Stunden und ab der vierten Klasse für fünf Stunden. Dabei werden fünf Schuljahre in vier Kalenderjahren durchgenommen. Ein Fachberater betreut jeweils zehn Dorfschulen und unterstützt die Lehrer. Er ist bei einer der Partnerorganisationen angestellt, mit denen NETZ gemeinsam Schulprojekte umsetzt.

„In meiner Schule habe ich viel gelernt und ich hatte großen Spaß“, schwärmt Rubina. „Sie ist ein so soziales Wesen und sehr selbstständig geworden“, sagt ihre Mutter. „Sie übernimmt die Einkäufe, wenn mein Mann arbeitet. Wir sind so froh darüber!“ Die Begegnung mit Rubina bestätigt: Sie hat längst nicht nur lesen, schreiben und rechnen gelernt, sondern sich darüber hinaus weiterentwickelt. Fürsorgend hilft sie ihrem Bruder, wenn er mit den Schulaufgaben nicht weiter weiß. Die fleißige Schülerin hat eine klare Forderung: „Es braucht mehr Schulen wie meine!“ Dann könnte sie mit anderen zusammen etwas in ihrem Land verändern, meint sie. Und so lernt sie weiter, ohne dass die Eltern sie motivieren müssten. 55 Kinder, die 2011 ihren Abschluss an einer NETZ-Dorfschule gemacht haben, gehen nun mit Rubina auf die „Kaunia Highschool“ im Distrikt Rangpur. Dort gehörten sie von Anfang an zu den Schülern, die ohne große Mühen mit dem neuen Lernstoff zurechtkommen.

Generation Hoffnung

„Schon jetzt bemerke ich einen Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Generation meiner Schüler. Die neuen Erstklässler sind noch ein ganzes Stück aufgeweckter“, stellt Rubinas ehemalige Lehrerin fest. Ihr ist wichtig, dass sie auch bei ihnen so gut mit dem Lernstoff durchkommt und dass die Schule ein Ort ist, an dem sie und die Kinder für ein paar Stunden die Sorgen des Alltags vergessen können. Denn Sorgen haben die Menschen in den Dörfern hier genug. Doch sie haben auch Hoffnung! Denn längst ist nicht mehr alles wie es war. Shanchals Schwester lernt jetzt lesen, schreiben und rechnen, genau wie Rubina und ihr Bruder. „Wenn ich meine Tochter bitte, morgens im Haus zu helfen, sagt sie ernst: ‚Ich kann nicht, ich muss zur Schule gehen!’“, erzählt die Mutter über die kleine Johonti.

Sie ist sich sicher, dass die Lehrerin einen wichtigen Anteil an der Motivation ihrer Tochter hat. Rubinas Bruder sitzt ganz vorne im liebevoll dekorierten Klassenraum und schaut seiner Lehrerin aufmerksam zu. „Wer von Euch mag diese Aufgabe lösen?“, fragt sie die Erstklässler und zeigt an die Tafel. Der Kleine darf nach vorne kommen, um vorzurechnen. Er soll wie Rubina mindestens bis Klasse 12 zur Schule gehen. Das wünscht sich seine Mutter. Sie blickt zu ihrer großen Tochter, die unweit von ihr in ihrer blauweißen Schuluniform steht. Umgeben von Wellblechhäusern und älteren Dorfbewohnern kann es deutlicher nicht sein. Eine neue Generation wächst heran: selbstbewusst und bildungshungrig. Mit Rubinas Bruder Rakibul und Shanchals Schwester Johonti haben sich schon die nächsten Kinder auf den Weg gemacht. Es gibt Grund genug zur Hoffnung auf ein anderes Bangladesch! Eines, in dem Menschen ihre Potenziale entfalten und die Gesellschaft aktiv mitgestalten können.

Anna Bucur war Referentin für entwicklungspolitische Bildungsarbeit bei NETZ.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 3/2012 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Gemeinsam Bangladesch bewegen - Frauen und Männer kämpfen für Gleichberechtigung". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.