Dshoripas Schulweg

Unterricht - ein Geschenk fürs Leben

von Laura Grupp

Lediglich die vielen bunten kleinen Sandalen vor der Tür deuten darauf hin, dass sich in der Bambushütte mit dem glänzenden Wellblechdach eine Schule befindet. Drinnen ist es drückend heiß. Durch die verschlossenen Fenster und die kleinen Spalten in der Wand fallen Sonnenstrahlen herein und erhellen den Klassenraum mit warmem Licht. An den Wänden hängen farbenfrohe Lernplakate, Zeichnungen und gemalte Bilder der Kinder. Aus Verpackungspapier gebastelte Girlanden baumeln von der Decke. Auf dem kühlen Lehmboden sitzen die Kinder und lauschen gespannt der Geschichte, welche die Lehrerin zu Beginn des Unterrichts vorliest.

Eines der Schulkinder ist die 9-jährige Dshoripa. Sie hat große, frech funkelnde Augen, mit denen sie mich voller Neugierde anschaut. Während die meisten Kinder noch die ersten Buchstaben des englischen Alphabets auf schwarze Schiefertafeln schreiben, ist Dshoripa bereits fertig, wirft mir kurze Blicke zu und tuschelt mit ihrer Nachbarin. Die unerträgliche Mittagshitze ist nun endgültig in die kleine Dorfschule eingedrungen. Das Atmen fällt schwer. Mit ihrem rosa Oberteil wischt sich das Mädchen den Schweiß vom Gesicht, fächert sich mit der Tafel Luft zu und schaut sich gedankenverloren um. Als ich mich zu ihr setze und frage, ob ich sie nach der Schule nach Hause begleiten kann, um sie und ihre Familie zu besuchen, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Begeistert nickt sie mit dem Kopf. Nach der letzten Stunde packt sie hastig ihre Sachen zusammen, nimmt mich bei der Hand, und wir strömen mit all den anderen lachenden Kindern aus dem Klassenraum.

Vorbei an unzähligen grünen Reisfeldern und entlang kleiner Gemüsegärten folge ich ihr. Der Duft scharfer Chilis und des sich ankündigenden Monsunregens liegt in der Luft. Es scheint fast, als würde uns das ganze Dorf folgen. Vor dem Haus wartet Dshoripas Mutter mit den täglichen Hausarbeiten auf sie. Dshoripa hilft ihr beim Kochen und Wasserholen. „Eines Tages kam ein Mann und erzählte uns von einer neuen Schule, die es in unserem Dorf bald geben solle“, berichtet die Mutter von ihrer ersten Begegnung mit Mitarbeitern der NETZ-Partnerorganisation Gana Unnayan Kendra. „Er schrieb Dshoripas Name auf und bat uns, sie zum Unterricht zu schicken.“

Seit zweieinhalb Jahren besucht das Mädchen nun die Dorfschule im Norden Bangladeschs. Sie lernt dort Lesen, Schreiben und Rechnen. Dshoripas Lieblingsfach ist Mathematik. Der Unterricht macht ihr Spaß. Sie lacht, singt und tanzt gerne. Oft hilft sie anderen Kindern in der Pause oder nach der Schule. Zuhause erzählt sie ihrer älteren Schwester, was sie gelernt hat. Diese ist schüchtern und sehr zurückhaltend. Sie schaut verlegen auf den Boden. Ihre Geschichte will sie mir nicht erzählen. Ihr Vater übernimmt das Sprechen für sie und berichtet mir von der Familiengeschichte.

Dshoripa ist das jüngste von sechs Kindern der Familie. Zwei ihrer Brüder arbeiten in der nahen Distriktstadt Gaibandha. Sie stellen Matratzen und Decken her und finanzieren mit ihrem Einkommen die ganze Familie. Der Vater ist seit einiger Zeit krank und kann keiner Arbeit mehr nachgehen. Hin und wieder arbeitet die Mutter als Tagelöhnerin. Doch sie ist alt und schafft die harte Arbeit auf den Feldern der Großgrundbesitzer oft nicht mehr. Weil die Eltern nicht alle Kinder ernähren konnten, lebt und arbeitet ihr jüngster Sohn nun bei einer wohlhabenden, kinderlosen Familie. Auf die Frage, ob sie ihn hin und wieder sehe oder er sie besuchen komme, blickt die Mutter wehmütig auf den Boden. „Ja, manchmal kommt er mit seinen Freunden vorbei“, berichtet sie traurig. „Aber ich weiß nicht worüber ich mit ihm reden soll. Die Distanz zwischen uns ist so groß geworden. Er kommt jetzt immer seltener.“

Dshoripas Schwester näht manchmal für einen lokalen Unternehmer. Seit längerem versuchen ihre Eltern erfolglos, sie zu verheiraten. „Sie ist längst alt genug für die Ehe, doch wir finden einfach keinen Mann für sie“, berichtet der Vater. „Das macht uns große Sorgen. Sie ist nie zur Schule gegangen, kann weder lesen noch schreiben. Was soll später nur aus ihr werden, wenn wir einmal nicht mehr da sind?“. Sie haben schon versucht, sie in andere Familien zu schicken, damit sie dort als Dienstmädchen Geld verdienen kann. „Doch egal, wohin wir sie brachten, sie kam immer wieder zu uns zurück“, so der Vater. Während er spricht, blickt Dshoripas Schwester betroffen zu Boden. Auch als er sie in eine kostenlose Koranschule geschickt hat, ist sie immer wieder nach Hause zurückgekehrt.

Die Familie konnte es sich nie leisten, eines ihrer Kinder in eine Schule zu schicken. Dshoripa ist die Erste. „Alle Schulbücher und Stifte, alles was Dshoripa für den Unterricht benötigt, wird uns zur Verfügung gestellt, berichtet die Mutter. „Wir müssen nichts dafür bezahlen“. Ohne diese Unterstützung hätten sie sich den Schulbesuch nicht leisten können. Ihr neues Wissen kommt der Familie schon jetzt im alltäglichen Leben zugute. Oft begleitet Dshoripa die Eltern auf den Markt, um dort neben den Einkäufen seit kurzem auch die Milch ihrer Kuh zu verkaufen. Das Mädchen rechnet für die Eltern die Preise zusammen, gibt das richtige Wechselgeld heraus und verhandelt selbstbewusst.

Auf die Frage, was Dshoripa später einmal werden will, lächelt sie und sagt: „Das weiß ich noch nicht genau. Aber ich will weiter zur Schule gehen und später vielleicht einmal eine Universität besuchen“.

Dshoripa ist die Protagonistin des Films „WeltKlasse!“, den der Dokumentarfilmer Urs Krüger im Frühjahr 2009 in Bangladesch drehte.

Die Autorin Laura Grupp machte von September 2008 einen einjährigen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst mit NETZ in Bangladesch. Der Dienst wird durch das „weltwärts“-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 2/2009 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Gemeinsam Zukunft gestalten - Grundbildung in Bangladesch". Die DVD über Dshoripa sowie die NETZ-Ausgabe (unter der Rubrik "Unterrichtsmaterial") finden Sie in unserer Mediathek.

Jedes Kind braucht Bildung

Jedes Kind braucht Bildung

Mit 54 Euro pro Jahr lotsen Sie ein Kind heraus aus der Not, hinein in die Schule.

Mit dem Einsatz von 1.300 Schülerinnen und Schülern konnten wir an unserem Weihnachtsbasar genug Geld einnehmen, um 85 der ärmsten Familien in Bangladesch eine Chance für eine bessere Zukunft zu geben – ohne Hunger!

Vergrößerung durch Mausklick