Streben nach Wandel

Frauen brechen aus traditionellen Rollen aus

Sultana Kamal ist Menschenrechtsaktivistin und Geschäftsführerin von Ain o Shalish Kendra (ASK), der führenden Menschenrechtsorganisation in Bangladesch. Mit NETZ spricht sie über den Kampf der Frauen für ihre Rechte und die gesellschaftlichen Hürden bei deren Durchsetzung.

NETZ: Frau Kamal, wie beurteilen sie die Situation der Frauen in Bangladesch? Hat sich diese im Lauf der letzten zehn Jahre verbessert?

Sultana Kamal: Das dritte Millenniumsentwicklungsziel zielt auf die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung der Rolle der Frau. Es kann nicht losgelöst von den anderen Millenniumszielen betrachtet werden, doch Bangladesch hat diesbezüglich wichtige Fortschritte gemacht. Die Sterblichkeitsrate von Müttern und die Kindersterblichkeit wurden deutlich gesenkt. Heutzutage werden viel mehr Mädchen in die Schule geschickt als früher. Dass Mädchen in ländlichen Regionen kostenlosen Zugang zu Bildung erhalten, hat zu einer imposanten Einschulungsquote geführt.

Andererseits werden bestehende liberale Gesetze oft nicht umgesetzt, sodass Frauen nicht von ihnen profitieren können. Das liegt hauptsächlich an der frauenfeindlichen Einstellung in den Familien und in der Politik. Noch immer wird es vielen Frauen nicht erlaubt, eine weiterführende Schule zu besuchen oder Geld zu verdienen. Sie müssen endlich die gleichen Rechte wie Männer haben, um Besitz erwerben und erben zu können. Versuche, die Gleichstellung der Frauen im Erbschaftsrecht zu erwirken, wurden mit Verweis auf religiöse Normen abgelehnt. Die kulturellen und religiösen Barrieren sind nach wie vor klar erkennbar. Die Gesellschaft ist immer noch stark durch patriarchalische Strukturen geprägt.

Die häufigste Gewalttat gegen Frauen ist ihnen zu verbieten, Entscheidungen bezüglich ihres eigenen Lebens zu treffen. Entscheidet sich eine Frau beispielsweise dazu, ihr Leben selbstständig zu führen, wird sie viele Schwierigkeiten haben: Es wird ihr oft nicht möglich sein, eine Wohnung zu mieten oder sie wird von der Gesellschaft misstrauisch beobachtet werden. Gewalt nimmt nicht immer physische Formen an.

NETZ: Daten der Weltgesundheitsorganisation zeigen, dass 57,5% aller Frauen in Bangladesch Opfer physischer oder sexueller Gewalt werden. Was sind die Ursachen hierfür?

Kamal: Frauen werden sich zunehmend ihrer Rechte bewusst und wollen diese auch ausüben. Doch viele Familien tolerieren das nicht. Fügen sich die Frauen nicht, ist die Reaktion oft gewalttätig. Und wenn eine Frau von der eigenen Familie unterstützt wird, sind weite Teile der Gesellschaft nicht gewillt, das zu akzeptieren. Es gab Zeiten, in denen ein Ehemann seiner Frau vorschrieb, das Haus nicht ohne seine Erlaubnis zu verlassen. Heute wehren sich Frauen gegen diese Form der Bevormundung. Aufgrund der Normen und der Denkweisen, die in der Gesellschaft vorherrschen, wird der Großteil der Gesellschaft hinter dem Mann stehen, wenn er gewalttätig wird. Das ist der Grund dafür, dass sich die Intensität der Gewalt gesteigert hat.

Kamal: Frauen werden sich zunehmend ihrer Rechte bewusst und wollen diese auch ausüben. Doch viele Familien tolerieren das nicht. Fügen sich die Frauen nicht, ist die Reaktion oft gewalttätig. Und wenn eine Frau von der eigenen Familie unterstützt wird, sind weite Teile der Gesellschaft nicht gewillt, das zu akzeptieren. Es gab Zeiten, in denen ein Ehemann seiner Frau vorschrieb, das Haus nicht ohne seine Erlaubnis zu verlassen. Heute wehren sich Frauen gegen diese Form der Bevormundung. Aufgrund der Normen und der Denkweisen, die in der Gesellschaft vorherrschen, wird der Großteil der Gesellschaft hinter dem Mann stehen, wenn er gewalttätig wird. Das ist der Grund dafür, dass sich die Intensität der Gewalt gesteigert hat.

NETZ: Unterscheidet sich die Situation von Frauen auf dem Land und in den größeren Städten?

Kamal: Frauen in den Städten haben viel bessere Chancen, sich zu entwickeln. Die städtische Mittelschicht ist gebildeter und hat einen ganz anderen Lebensstil als die Landbevölkerung. In diesem liberaleren Umfeld haben Frauen viele Möglichkeiten und werden weniger durch patriarchalische gesellschaftliche Normen eingeschränkt. Aber NGOs arbeiten hauptsächlich in ländlichen Gebieten. Daher ist das Bewusstsein von Frauen für ihre Rechte auf dem Land zum Teil ausgeprägter als in der städtischen Mittelschicht. In ländlichen Regionen ist die Auslegung gesellschaftlicher Normen oftmals strikterer. Daher brechen hier Frauen vermehrt die ihnen auferlegten Regeln als in den Städten. Dies führt dazu, dass Frauen auf dem Land häufiger Opfer von Gewalt werden. In den Schlichtungsverfahren, sogenannten Shalishs, die dann durchgeführt werden, wird meistens zu Gunsten des Mannes entschieden.

NETZ: Die Kontinuität gesellschaftlicher Eliten scheint ein begrenzender Faktor für die Umsetzung von demokratischen Reformen und von Menschen- und Frauenrechten zu sein. Warum hat sich die Politik nicht geändert, trotz zahlreicher einflussreicher sozialer Bewegungen wie der Frauenbewegung?

Kamal: Der Hauptgrund ist, dass Bangladesch bisher dem demokratischen Pfad nicht ohne Hindernisse folgen konnte. Von 1975 an gab es eine 15-jährige Phase militärischer Herrschaft. Als Bangladesch 1990 zur Demokratie zurückkehrte, ist der Einfluss des Militärs und der religiösen Fundamentalisten geblieben. Die Gesellschaft bleibt gespalten entlang von Einkommen, Geschlecht und anderer Bruchlinien. Sie ist stark stratifiziert: Es gibt die extrem Armen, die Armen, die Mittelschicht, die obere Mittelschicht und die Oberschicht. Dann sind da noch diverse religiöse Gruppen. Sie sind im Grunde eine Gesellschaftsschicht für sich selbst. Alle diese Gesellschaftsschichten haben unterschiedlichen Zugang zu Rechten und Chancen. Die Ärmeren werden täglich mit den Privilegien der Reichen konfrontiert. Die Bildungsunterschiede sind enorm. Einerseits gibt es Menschen, die glauben, die Erde sei durch den Urknall entstanden, andererseits gibt es Menschen, die glauben Gott hätte sie geschaffen. Einerseits gibt es Menschen, die denken, wir seien die Nachfahren der Affen, andererseits gibt es Menschen, die denken, wir wären die Nachfahren von Adam und Eva. Diese Menschen können sich nicht miteinander identifizieren und haben auch keine gemeinsamen Themen. Die Unterschiede werden durch ein diskriminierendes Bildungssystem, die Wirtschaft und unterschiedliche soziale Chancen begünstigen. Das ist der Grund dafür, dass trotz der Frauenbewegung Diskriminierung und Unterschiede Teil unseres Lebens bleiben.

NETZ: Frauen spielen eine herausragende Rolle für den ökonomischen Fortschritt in Bangladesch. Insbesondere durch ihre Arbeit in der Bekleidungsindustrie und als Zielgruppe von Entwicklungsprojekten. Hat dies die soziale und rechtliche Lage von Frauen verändert?

Kamal: Viele Frauen werden jetzt als Familienmitglieder wahrgenommen, die zum Einkommen beitragen und sie werden von Entscheidungsträgern aus der Wirtschaft ernstgenommen. Zudem wurden viele Gesetze verabschiedet, die ihre Rechte schützen. Das Problem ist, dass die Gesetze kaum umgesetzt werden. Frauen müssen dafür kämpfen, wenn sie ihre Rechte in Anspruch nehmen wollen.

NETZ: Was tut die Regierung Bangladeschs gegen die weitverbreitete Diskriminierung von Frauen?

Kamal: Die gegenwärtige Regierung nimmt die Bedürfnisse der Frauen durchaus ernst und begegnet ihren Forderungen mit Respekt. Unglücklicherweise ist die Geschlechterpolitik Bangladeschs auf Kompromisse mit konservativen Gruppen und religiösen Fundamentalisten angewiesen. Einerseits wird den Frauen Unterstützung zugesagt, andererseits wird zurückgerudert, wenn es um handfeste rechtliche oder staatliche Unterstützung geht. Die Regierung wird immer wieder von religiösen Fundamentalisten unter Druck gesetzt – nicht nur von Muslimen, sondern beispielsweise auch von Hindus.

NETZ: Wie bewerten sie den Austausch von Frauenrechtsaktivisten aus den ländlichen Gebieten mit Politikern?

Kamal: Die NGOs sind hier der Katalysator. Die meisten NGOs arbeiten hauptsächlich im ländlichen Bereich und führen Projekte auf der Graswurzeleben durch. Sie sind die Fürsprecher der Frauen und helfen ihnen dabei, von lokalen Politikern wahrgenommen zu werden. Manchmal fehlt ihnen die Kapazität für Lobbyarbeit mit der nationalen Politik, aber dann können sie von verschiedenen NGOs Unterstützung erhalten. ASK arbeitet in ländlichen Regionen und es gibt viele weitere Organisationen, die das tun. Sie helfen den Menschen, sich als Menschenrechtsverteidiger zu organisieren. Auf nationaler Ebene helfen sie ihnen dann, sich mit nationalen Politikern auszutauschen.

NETZ: Gibt es einen Weg, wie die internationale Gemeinschaft Frauen in Bangladesch bei der Wahrnehmung ihrer Rechte unterstützen kann?

Kamal: Zuerst muss die internationale Gemeinschaft unseren Kampf für eine pluralistische, multikulturelle, demokratische Gesellschaft verstehen, in der für jeden das gleiche Recht gilt, unabhängig von Religion, Klasse, Geburtsort und Geschlecht. Ein Großteil der Zivilgesellschaft kämpft für einen säkularen Staat. Wir glauben, dass Religion Privatsache ist. Wir wollen nicht, dass der Staat oder religiöse Fundamentalisten sich in unser Leben einmischen. Die internationale Gemeinschaft scheint ihre eigenen Methoden zu haben, um die Situation zu evaluieren und zu bewerten. Aber wenn sie unseren Kampf verstehen, können wir Hand in Hand arbeiten. Denn viele Mitglieder der internationalen Gemeinschaft haben dieselben Ziele wie wir. Wir glauben an die internationale Gemeinschaft und ihre Institutionen, denn es sind auch unsere Institutionen. Wir sind schließlich ein Teil dieser Gemeinschaft.

Das Gespräch führte der NETZ-Freiwillige Benjamin Kühne in Dhaka.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 3-4/2013 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Gemeinsam Bangladesch bewegen - Frauen und Männer kämpfen für Gleichberechtigung". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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