Joypurhats lachende Frauen

Projekteinsatz im Programm "Ein Leben lang genug Reis"

Von Peter Dietzel

Die Frau im gelben Sari lässt mir keine Wahl: Sie nimmt mich an der Hand und zieht mich hinter sich her. "Ich heiße Folera", stellt sie sich vor. Am ersten Bambuszaun bleibt sie stehen und zeigt auf das kleine Feld: "Hier ist mein Auberginen-Garten". Rasch pflückt sie eine Handvoll der violetten Früchte, die sie mir stolz entgegenstreckt. Für umgerechnet zehn Euro-Cent verkauft sie das Kilogramm auf dem Markt. Sie schätzt, dass ihr Feld 600 Kilogramm abwirft.

Seit drei Monaten ist Folera Mutter: "Die Geburt war kompliziert und ich musste ins Krankenhaus. Rund 35 Euro hat das gekostet. Alles ging gut, und das Kind ist gesund. Ein Junge, Rabindranath heißt er." Woher sie das Geld hatte, das zu bezahlen? "Ich habe aus dem Projekt ein Rind erhalten. Das habe ich gemästet und verkauft. Das Anfangskapital habe ich gleich wieder in ein Kalb investiert. Mit dem Gewinn habe ich das Krankenhaus bezahlt und das Land hier gepachtet", sprudelt es aus ihr heraus. Vor zwei Jahren noch wären die Krankenhauskosten eine Katastrophe für die Familie gewesen. Sie hätten Schulden bedeutet. Hunger. Und unweigerlich wäre ihr Kind so aufgewachsen wie zwei Millionen andere Kinder in Bangladesch, so stark unterernährt, dass für das ganze Leben Schäden zurückbleiben. Doch Foleras Familie hat sich von diesen Fesseln befreit.

Mein bengalischer Kollege Maamun und ich sind im Norden Bangladeschs unterwegs. Im Distrikt Joypurhat unterstützt NETZ 1.600 Familien im Projekt "Ein Leben lang genug Reis". Stolz zeigt uns jede Frau im Dorf ihre Kuh, ihre Ziegen oder Hühner, eben das Startkapital, das sie aus dem Projekt erhalten haben. Selbst die Eier holen sie noch aus dem Haus, damit wir sehen, wie groß sie sind, und rechnen geschwind vor, wie viel sie damit verdienen. Das kleinste Fleckchen Erde wird noch genutzt: Sabina hat vor ihrer Hütte ein Bambusgerüst aufgestellt; so erntet sie jetzt Gurken.

Das Ende der Verschuldung

Die Mächtigen haben es ihnen abgeluchst: eigenes Land besitzt heute niemand mehr in dem Dorf, in dem ausschließlich Angehörige der indigenen Bevölkerung leben. In Kleingesellschaften organisiert, waren sie die ersten Bewohner auf dem Territorium des heutigen Bangladesch. Doch heute gehören sie zu den Ärmsten des Landes. Als Tagelöhner arbeiten die Männer und Frauen auf den Feldern reicher Bauern.

Die Sprecherin der Dorfgruppe erzählt: "In Zeiten, in denen es keine Arbeit auf den Feldern gab, mussten wir uns früher bei den Bauern Geld leihen. Für 60 Taka [Anm. d. Red.: ca. 60 Cent] haben wir dann während der Ernte einen Tag lang gearbeitet." Normalerweise verdienen die Tagelöhner einen Euro für einen Tag harte Arbeit. "Seit wir durch das Projekt unser eigenes Einkommen haben, musste sich niemand mehr Geld leihen", sagen die Frauen. Sie haben es geschafft, die Schuldknechtschaft zu beenden. Nur noch ein Prozent der Familien im NETZ-Projekt hat einen Kredit aufgenommen.

"Gemeinsam mit dem Dorfentwicklungshelfer sind wir zum Bürgermeister gegangen", erzählt die Leiterin der Gruppe," und haben Lebensmittelkarten für die Witwen im Dorf verlangt. Doch er wollte sie nicht rausrücken, schließlich verteilt er sie ja in seiner Verwandtschaft. Da haben wir ihm erklärt, dass wir zur nächst höheren Stelle gehen." Jetzt können sich die Witwen einmal monatlich einen Sack Reis bei der Gemeindeverwaltung abholen. "In jeder Schulung des Projekts lernen wir, was wir mit eigener Kraft erreichen können", sagen die Frauen, "wir haben sprechen gelernt". Immer wieder hören wir diesen Satz in den Dörfern des Projekts, von vielen Frauen.

Das ärmste Dorf

Inzwischen haben wir mit über dreihundert Müttern gesprochen. Fast überall erleben wir das Gleiche: die Frauen zeigen mit Stolz ihre kleinen Felder, ihr Vieh, ihre Obstbäume und berichten von ihren Erfolgen. Ich blättere in den Notizen, die ich bei meinem Projektaufenthalt vor eineinhalb Jahren gemacht habe: Cholpaituli ist der Ortsname, den ich suche. Das ärmste Dorf, das ich in Bangladesch kenne. Ob sich auch dort etwas verändert hat? Den letzten Besuch habe ich noch in lebhafter Erinnerung. Am spätem Nachmittag kam ich an und fragte: "Was gab es heute bei Ihnen zum Essen?" - "Bisher nichts", war die Antwort. Die Frauen warteten darauf, dass ihre Männer von der Feldarbeit nach Hause kamen und etwas Reis mitbrachten, eben das, was sie von ihrem Tagelohn einkaufen konnten. Wenn der Mann keine Arbeit gefunden hatte, blieb der Topf leer und der Magen auch. Nach den Kindern gefragt, antworteten die Mütter: "Denen geben wir morgens schwarzen Tee mit Salz, dann spüren sie den Hunger nicht", und rasch drehten sie den Kopf weg, damit ich ihre Augen nicht sehe.

Spontan ändern wir unseren Arbeitsplan und fahren nach Cholpaituli. Bereits der erste Eindruck im Dorf ist überraschend. Die Wände der Lehmhütten sind verputzt. Die Dächer sind mit frischem Stroh gedeckt. Auf den kleinen Flächen davor wächst Gemüse. Auch hier zeigen uns die Frauen ihre Ziegen, ihre Kühe, ihren Bananenhain. Doch etwas ist anders als in den anderen Dörfern: Wir werden in dutzende Hütten gebeten, um den Reisvorrat für die nächsten Tage zu bestaunen. Es ist ein halber Sack voll. Jeden Küchenschrank in Deutschland würde er nur zur Hälfte füllen. Doch für die Frauen symbolisiert er ihre Entwicklung.

Wie geht es weiter?

Intensiv besprechen und planen wir mit den Frauen und den einheimischen Entwicklungshelfern, wie die Erfolge abgesichert werden können, und welche Unterstützung jene Familien benötigen, die bisher nicht so erfolgreich sind. Den Dorfentwicklungshelfer brauchen sie noch weitere drei Jahre, betonen die Frauen. "Sonst bekommen wir auf dem Viehmarkt keinen fairen Preis für unsere Kühe. Sie drehen uns Falschgeld an. Oder auf dem Heimweg wird uns das Geld gestohlen." Die große Herausforderung besteht nun darin, die Dorfgruppen zu Eigenständigkeit zu befähigen: dass sie selbständig ihre wöchentlichen Zusammenkünfte durchführen, sich gegenseitig bei der Vermarktung ihrer Produkte unterstützen, sich in Krisenzeiten wechselseitig unterstützen und unabhängig ihre Interessen gegenüber dem Gemeinderat vertreten.

Mein diesjähriger Einsatz in den Dörfern des Projekts "Ein Leben lang genug Reis" geht zu Ende. Er wurde zu einer neuen Erfahrung: So viele lachende Frauen habe ich in Bangladesch noch nie getroffen.


Peter Dietzel ist seit über 30 Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit mit Bangladesch tätig und Geschäftsführer von NETZ.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 3-2009 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Vielfalt als Chance - Indigene Völker in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

Alles zu Forschung und Praxis

  • Strukturiert aufbereitete Informationen über die Projekt-Konzeption und -Umsetzung gibt es auf der englischsprachigen Webseite End-Extreme-Poverty.org
  • Umfangreiche Studien aus dem Projekt gibt es in der NETZ-Mediathek unter der Kategorie "Studie"

Kontakt

Philipp Kappestein

Teamleiter "Ein Leben lang genug Reis"
kappestein@remove-this.bangladesch.org
Tel.: 0 64 41 - 9 74 63-0

Ein Leben lang genug Reis

Ein Leben lang genug Reis

Werden Sie Starthelferin und Starthelfer mit 85 Euro für eine Familie.

Vergrößerung durch Mausklick