Kontrolle von unten

Dorfgruppen erstreiten Zugang zum sozialen Sicherungsnetz

Von Peter Dietzel und Kai Fritze

Mehr als 32.000 Familien hat NETZ seit 2002 im Kampf gegen den Hunger unterstützt. Im Programm "Ein Leben lang genug Reis" haben die Frauen sich in Dorfgruppen zusammengeschlossen, an Schulungen teilgenommen und ein Startkapital erhalten. Acht Partnerorganisationen organisieren die Selbsthilfe - regional angepasst - in zehn Distrikten. Die Erfolgsquote liegt in allen Regionen, in denen das Programm mehr als drei Jahren durchgeführt wurde, bei rund 85 Prozent. So viele Familien schaffen es nachweislich, ihr Einkommen und ihre Ernährung eindeutig zu verbessern. Doch bei 15 Prozent der Familien sind die wirtschaftlichen Erfolge gering. Meist sind dies Familien, die auf das soziale Sicherungsnetz angewiesen sind. Sie profitieren auf andere Weise von den Projektaktivitäten.

Die 52-jährige Sreemoti Tuni ist seit ihrer Geburt auf einem Auge blind. Mit dem anderen sieht sie schlecht. Ihr Mann hat sie vor mehr als zehn Jahren verlassen. Selten erhält sie Arbeit bei einem Landwirt der Region, wässert Gemüse oder Obstbäume für ein paar Taka, mehr gibt es für sie nicht zu tun. Vor allem kümmert sie sich um ihre 75-jährige bettlägerige Mutter, die kaum mehr die Kraft aufbringt, selbst die Fliegen von ihrem Gesicht zu verscheuchen. Die beiden leben hauptsächlich von dem, was Sreemoti Tuni erhält, wenn sie mit ihrem Jutebeutel von Haus zu Haus geht und um Reis und Münzen bittet. Eine Tochter oder einen Sohn, in deren Familie sie vielleicht leben könnte, hat Sreemoti Tuni nicht. Jeder, der die Frau in ihrer Hütte besucht, ihre Mutter auf dem Lehmboden liegen sieht und schon mal von einem sozialen Sicherungsprogramm in Bangladesch gehört hat, denkt: diese beiden gehören sicher zu den Ersten, die eine Unterstützung erhalten. Eine Rente, Lebensmittelkarten, eine monatliche Unterstützungsleistung aus dem Fonds für Menschen mit Behinderungen. Weit gefehlt. Sie haben nie etwas erhalten.

Als Ashrai, eine Partnerorganisation von NETZ, im Distrikt Joypurhat das Projekt "Ein Leben lang genug Reis" startete, war rasch klar, dass die Bewohner des Dorfes Belamla in das Programm einbezogen werden, denn in jeder Familie lag das Pro-Kopf-Einkommen bei umgerechnet 17 Euro-Cent. Als Angehörige der indigenen Gruppe der Kormokar standen die Dorfbewohner am Rand der Gesellschaft. Angeleitet von einem Ashrai-Mitarbeiter gründeten die Frauen von Belamla vor drei Jahren eine Dorfgruppe. Auch Sreemoti Tuni gehörte dazu. Zwar fehlte sie öfters bei den Gruppentreffen, wenn sie in den Nachbardörfern betteln ging. Doch ein Startkapital erhielt sie wie alle anderen Frauen. Unterstützt vom Dorfentwicklungsarbeiter und anderen Frauen der Gruppe erstand sie vier Ziegen, jede für rund 30 Euro. Es zeigte sich rasch, dass sie überfordert war, sich neben der Pflege der Mutter und ihrer Arbeit als Bettlerin auch noch angemessen um die Tiere zu kümmern. Eine Ziege starb, die anderen drei verpachtete Sreemoti Tuni an Nachbarinnen. Diese fütterten und pflegten die Tiere - und als eine der Ziegen fett genug war, um beim Verkauf einen akzeptablen Preis zu erbringen, wurde der Verkaufserlös geteilt. Ein im ländlichen Bangladesch übliches System: die Besitzerin erhält die Hälfte des Gewinns, die andere Hälfte bleibt bei der Familie, die das Tier groß gezogen hat. Immerhin nahm Sreemoti Tuni dadurch 30 Euro ein, sodass sie den Verlust der einen Ziege ausgleichen konnte und ihr Startkapital erhalten blieb. Sie gehört zu jenen 15 Prozent der Projektteilnehmerinnen, die - zumindest bislang - aus ihrem Startkapital keinen Gewinn erwirtschaften konnten. Viel wird es aller Voraussicht nach auch in Zukunft nicht sein.

"Die Einbindung von Not leidenden Familien in das staatliche Sicherungsnetz ist ein wesentlicher Bestandteil des NETZ-Projektes", sagt Sadeq Islam, der im NETZ-Team in Bangladesch das Programm "Ein Leben lang genug Reis" leitet. Er erläutert: "Schon bei der Auswahl der Projektteilnehmerinnen wird die Dorfgemeinschaft einbezogen, um zu gewährleisten, dass wirklich die ärmsten Menschen der Region erfasst werden und niemand, der die Unterstützung wirklich nötig hat, ausgeschlossen wird." Etwa 3,5 Prozent der Bevölkerung Bangladeschs sind nicht oder nur sehr begrenzt in der Lage zu arbeiten, ähnlich wie Sreemoti Tuni. Sie sind auf das soziale Sicherungssystem angewiesen. Doch auch andere Familien quälen sich unmenschlich für das tägliche Überleben ab, wenn sie keine Unterstützung aus dem sozialen Sicherungsnetz erhalten, etwa allein erziehende Mütter. Besonders gravierend ist dies, wenn die Armutsursachen vielfältig sind. Folgende Faktoren spielen eine Rolle: soziale Ausgrenzung und wirtschaftliche Ausbeutung aufgrund ethnischer Zugehörigkeit, eigenes Land oder sonstige Produktionsmittel sind nicht vorhanden, nur ein Familienmitglied kann einer Erwerbsarbeit nachgehen, keine oder geringe schulische Bildung, reduzierte Arbeitskraft durch chronische Mangelernährung oder durch eine Behinderung, kein Zugang zum Rechtssystem, geografische Randlage und Regionen, die besonders anfällig sind für Naturkatastrophen.

Diese Faktoren sind entscheidend für die Auswahl der Dörfer im Projekt "Ein Leben lang genug Reis". Alle Frauen, die in den Dorfgruppen teilnehmen, werden über ihre Rechte informiert und darin geschult, wie sie diese in Anspruch nehmen können. Sadeq Islam berichtet aus seiner Erfahrung: "Entscheidend ist dabei der Zusammenhalt in der Dorfgruppe. Dieser stärkt das Selbstbewusstsein der Frauen." Wenn dieser Prozess fortgeschritten ist, unterstützt der zuständige Dorfentwicklungsarbeiter die Frauen dabei, ihr Recht auf Zugang zum staatlichen Sicherungsnetz beim Gemeinderat vorzutragen. Sadeq Islam berichtet: "Im Projekt ‚Ein Leben lang genug Reis' haben bereits 6.219 Familien Lebensmittelkarten aus dem staatlichen Programm erhalten." Der Dorfgruppe in Belamla gelang es, dass Sreemoti Tuni monatlich rund 3,20 Euro Behindertenbeihilfe erhält und ihre Mutter denselben Betrag als Witwenrente.

Die Herausforderung in den nächsten Jahren besteht darin, dass die Dorfgruppen eigenständig ihre Interessen gegenüber dem Gemeinderat vertreten, ohne Unterstützung durch Mitarbeiter von NGOs. Einige Gruppen schaffen es bereits, dieses Recht auf Zugang zum staatlichen Sicherungsnetz selbständig zu erstreiten, auch unabhängig davon, ob eine betroffene Familie der Dorfgruppe angehört oder nicht.

Wenn die Armutsursachen vielfältig sind, müssen es die Strategien zu ihrer Überwindung auch sein. Die Überwindung des Hungers steht für die Frauen an erster Stelle. Für die ärmsten Familien heißt dies: Zugang zur sozialen Sicherung. Als weitere Ziele benennen die Frauen in ihren Gruppentreffen: Bildung für die Kinder, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Zugang zum Gesundheits- und Rechtssystem. 32.000 Frauen im Projekt "Ein Leben lang genug Reis" - samt Partnerorganisationen und NETZ - warten nicht darauf, bis irgendjemand "gute Regierungsführung" praktiziert. Sie haben begonnen, selbst eine Kontrollfunktion in ihren Dörfern zu übernehmen. Die sozial Schwächsten wie Sreemoti Tuni, die alleine nie ihr Recht auf Zugang zum sozialen Sicherungsnetz durchsetzen könnten, profitieren davon.

 

Zwei Fragen an den ehemaligen NETZ-Mitarbeiter und Leiter des NETZ-Teams "Ein Leben lang genug Reis" Sadeq Islam in Bangladesch

NETZ: Durch das Programm "Ein Leben lang genug Reis" sollen die bedürftigsten Familien Zugang zum sozialen Sicherungsnetz erhalten. Wo liegen die größten Schwierigkeiten?

Sadeq Islam: Natürlich kämpft NETZ mit seinen Partnerorganisation vor allem gegen die Probleme des staatlichen Systems: Korruption, nicht transparente Auswahlprozesse der Bedürftigen und undurchsichtige Ziele der staatlichen Programme. Von heute auf morgen können wir die politische Kultur in Bangladesch nicht verändern. Leider bleibt uns manchmal nichts anderes übrig, als in den bestehenden Verhältnissen zu arbeiten. Doch durch den Aufbau von Selbsthilfeinstitutionen der ärmsten Bevölkerung gehen wir die Herausforderung an.

NETZ: Schwächen staatliche Sicherungsprogramme die Solidarität innerhalb der Dorfgemeinschaft?

Islam: Das kann man durchaus so sehen. Einige Menschen eines Dorfes erhalten Unterstützung, andere nicht. Das führt zwangsläufig dazu, dass sich einige benachteiligt fühlen und Missgunst entsteht. Verstärkt wird dies, wenn der Eindruck entsteht, dass Bestechung oder die politische Gesinnung ausschlaggebend für den Zugang zum sozialen Sicherungsnetz waren. NETZ steuert in seinen Projekten gezielt dagegen an, indem die gesamte Dorfgemeinschaft an der Auswahl der Bedürftigsten beteiligt ist. Missgunst kann aber dennoch entstehen, insbesondere bei den reicheren und einflussreicheren Personen, die um ihre privilegierte Stellung bangen.

Peter Dietzel ist NETZ-Geschäftsführer.

Kai Fritze ist Redaktionsleiter der NETZ-Zeitschrift. Er führte auch das Interview mit Sadeq Islam.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 3-2010 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Flechten am sozialen Netz - Soziale Sicherung in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

Alles zu Forschung und Praxis

  • Strukturiert aufbereitete Informationen über die Projekt-Konzeption und -Umsetzung gibt es auf der englischsprachigen Webseite End-Extreme-Poverty.org
  • Umfangreiche Studien aus dem Projekt gibt es in der NETZ-Mediathek unter der Kategorie "Studie"

Kontakt

Philipp Kappestein

Teamleiter "Ein Leben lang genug Reis"
kappestein@remove-this.bangladesch.org
Tel.: 0 64 41 - 9 74 63-0

Ein Leben lang genug Reis

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