„Was wir wollen, ist Arbeit!“

Frauen in Bangladesch auf dem Weg aus der Armut

Text: Maike Böhm / Fotos: Rolf K. Wegst

Jarina Tudu (35) steht vor ihrer kleinen Lehmhütte, auf ihrem Arm ihre eineinhalb Jahre alte Tochter Monida, daneben die fünfjährige Shefali. Ihre Blicke sind leer, Gesten und Mimik wirken stumpf. Gegessen haben sie seit vorgestern nichts mehr. Morgens gab es Tee mit Salz, der dämpft den Hunger für ein paar Stunden. Jarinas Mann Lubine ist auch da, denn es gibt mal wieder keine Arbeit. Im Schatten ihrer Hütte suchen sie Schutz vor der Sonne und warten, dass ein weiterer Tag vergeht, der von Hunger und Aussichtslosigkeit geprägt ist.

Seit zwölf Jahren sind Jarina und Lubine verheiratet. Sie leben im Distrikt Joypurhat, in der Nähe des Dorfes Beergram. Beide gehören zur Bevölkerungsgruppe der Shantal, einer ethnischen Minderheit im Nordwesten Bangladeschs.

Armut und Hunger schwächen Jarina und ihre Familie mehr und mehr.

Zwei frühere Töchter starben im ersten Lebensjahr an einer schnöden Erkältung. Jarina und Lubine arbeiten als Tagelöhner auf Feldern reicher Bauern, doch vier Monate im Jahr gibt es fast nichts zu tun. Wo keine Arbeit, da kein Essen und erst recht keine Medikamente für die Kinder. Manchmal geben Nachbarn etwas ab, aber die haben meist selbst nichts. Jarina fühlt sich schwach und lustlos, der Kopf dreht sich. Wenn die Kinder hungrig sind, schreien sie oft. Dann nimmt Jarina sie mit nach draußen um sie abzulenken, wenn sie dort auch noch schreien, schlägt sie sie, bis sie endlich still sind.

Neben dem Hunger macht sich ein Gefühl der Nutzlosigkeit breit, das fast noch schwerer zu ertragen ist. Jarina hat Schulden bei den Nachbarn und auch bei der kleinen Apotheke im Dorf, bei der sie immer bettelt, wenn die Töchter krank sind. Ständig denkt sie daran, wie sie diese Schulden zurückzahlen soll, ohne Arbeit. Sie schämt sich sehr, gerade in Zeiten, in denen sie nichts zu tun hat. Lubine bringt es auf den Punkt: „Wir sind arm, weil wir zu viele Mäuler zu stopfen haben, weil es nicht genügend Arbeit gibt und weil wir nie zur Schule gegangen sind.“

In ungetrübten Momenten träumt Jarina von einer Van-Rikscha, das sind dreirädrige Fahrräder mit großer Ladefläche aus Holzbrettern. Damit kann man Reis, Bananen oder auch Personen transportieren. Van-Rikschas sind gefragt, Lubine könnte sie fahren und es gäbe sofort einen Verdienst für die Familie. Doch solch eine Rikscha kostet 8.000 Taka, das sind 80 Euro. Woher sollen sie die nehmen?

Kompetente Hilfe aus Deutschland

Habib Rahman Chowdhury, Leiter des NETZ-Landesbüros.

Der deutsche Verein NETZ ist auf Entwicklungszusammenarbeit mit Bangladesch spezialisiert. Klare Ziele sind weniger Armut und mehr Gerechtigkeit. Dafür arbeitet NETZ eng mit lokalen Organisationen zusammen. Im Nordwesten des Landes fand NETZ hierfür einen starken Partner in Ashrai. Ashrai ist die größte gemeinnützige Organisation Bangladeschs, die sich der benachteiligten ethnischen Minderheiten, den Adivasi, angenommen hat. Gemeinsam entwickelt man Selbsthilfe-Projekte, die auf mehrere Jahre angelegt sind. Die Rollenverteilung zwischen den Partnern ist klar: Während NETZ zuständig ist für die finanzielle Unterstützung, für das Qualitätsmanagement und die Kontrolle der Gelder, leistet Ashrai vor Ort die Basisarbeit mit den Familien.

Die Situation der Adivasi ist besonders desolat. Nur wenige Familien besitzen noch Land. Es fehlt an jeglicher Ausbildung, kaum jemand hat je eine Schule besucht. Sie verdingen sich saisonal für einen Hungerlohn als Feldarbeiter, außerhalb der Saison gibt es keine Alternative. Eines der erfolgreichsten Programme von NETZ  trägt den Namen „Ein Leben lang genug Reis“. Es sieht eine langjährige engmaschige Betreuung der teilnehmenden Familien vor. Habib Rahman Chowdhury, Leiter des NETZ-Landesbüros, sagt: „Einige Organisationen arbeiten mit den Ärmsten der Armen. Sie geben Kühe, Hühner, ein Stück Land. Und dann? Wie sollen Menschen, die noch nie etwas besessen haben außer dem bisschen Reis in ihrer Hand, damit umgehen? Wer bringt ihnen das Wirtschaften bei, wer unterstützt sie, perspektivisch zu denken?“ Seit den 1970er Jahren gibt es in Bangladesch Kleinkredit-Programme, 2006 erhielten die Grameen Bank und Professor Yunus, ihr Gründer, für ihre Bemühungen um „wirtschaftliche und soziale Entwicklung von unten“ den Friedensnobelpreis. Unzählige Institutionen vergeben Kleinkredite in der Art der Grameen Bank. Habib: „Diese Programme sind okay für gemäßigt Arme und die Mittelschicht in den Dörfern. Doch die Ärmsten sind damit überfordert. Oft nehmen sie bei fünf, sechs verschiedenen Instituten Kredite auf und bezahlen mit den neuen die alten zurück. Die Armut bleibt. Ein Teufelskreis!“

Armut in Bangladesch

Wer durch Bangladesch reist, dem begegnet ein übergrünes Land, in dem scheinbar jeder Quadratmeter landwirtschaftlich genutzt wird. Dass hier jeder vierte Mensch Hunger leidet, kommt einem zunächst schwer in den Sinn. Doch die Situation ist komplex. Es sind die ungerechte Verteilung der Ressourcen und zu wenig Bildung, die Bangladeschs Armut regieren. Verstärkend wirkt die massive Korruption seitens der Polizei und Regierung. Dazu regelmäßig auftretende Naturkatastrophen wie Wirbelstürme oder Überschwemmungen.

Das niedrige Einkommen der Armen hat gravierende Folgen: sie ernähren sich von Reis meist ohne und manchmal mit Linsenbrei, Tee, fertig. Diese Einseitigkeit führt zu Mangelerscheinungen und Krankheit. Zu den Ärmsten gehören die ethnischen Minderheiten, „Adivasi“ genannt. Das bedeutet „erster Mensch“ und bezeichnet die frühen Bewohner des heutigen Bangladesch, die nach und nach an den äußeren Rand der Gesellschaft gedrängt wurden.

Den Teufelskreis aufbrechen

Rekhat Tudu steht in der Mitte des kleinen Dorfes Balighala zwischen einer Handvoll Kühe und Frauen, im Hintergrund versammeln sich neugierig kichernde Kinder. Die 24-Jährige trägt einen bunten Sari, ihr goldener Ohrschmuck funkelt mit ihren Augen um die Wette. „Ihr müsst eure Tiere regelmäßig anfassen und genau anschauen“, erzählt Rekhat und tätschelt einer Kuh wohlwollend die Kruppe. „Wenn eines heiß ist, hat es vielleicht Fieber. Kontrolliert auch im Kot, ob ihr Würmer findet. Wenn ja, müsst ihr mich rufen!“

Vor drei Jahren war auch Rekhat noch bettelarm. Ihr Mann Win und sie lebten als Tagelöhner von der Hand in den Mund. Dann kamen Mitarbeiter von Ashrai in ihr Dorf und gingen von Haus zu Haus. „Sie sagten, dass sie uns eine eigene Existenz ermöglichen und umfassend schulen würden“, erinnert sich Rekhat. „Danach würden sie uns für einige Jahre begleiten, bis wir es geschafft haben, auf eigenen Beinen zu stehen.“ Intensive Betreuung sind neben Fachwissen und persönlichem Engagement die Stärken von Ashrai und NETZ, ebenso wie Flexibilität. Ein Unterschied zu Kleinkredit-Programmen liegt darin, dass es hier echtes Startkapital in Form von Gütern gibt. Mit jeder Familie werden die Investitionen individuell ausgewählt. Ein Stück Land pachten? Eine Van-Rikscha? Ein paar Ziegen oder eine Kuh? Bambusvorräte zum Erstellen von Korbwaren? Die Wahl richtet sich nach der jeweiligen Situation der Familien. Haben sie eine Vorbildung? Was sind sie körperlich in der Lage zu leisten? Was lässt sich am effektivsten in ihr Leben integrieren? „Wir verbiegen die Leute nicht, wir geben ihnen die Chance, ihren eigenen Weg zu gehen“, sagt Habib. „Sie erhalten bei uns vorab ausgiebige Schulungen, damit sie mit ihrem Startkapital umzugehen wissen und nach kurzer Zeit Gewinn erwirtschaften können.“

Rekhat liebt ihre Arbeit und führt sie gewissenhaft aus.

Rekhat ist ein Bilderbuchbeispiel dafür, wie es laufen kann: Sie entschied sich für eine Kuh als erste Investition, denn als Landarbeiterin konnte sie die Kuh gut mit zur Arbeit nehmen und am Wegesrand grasen lassen. Ashrai kaufte ihr für 80 Euro das erste Tier, das sie später gut gemästet für 120 Euro weiterverkaufte. Vom größten Teil der Einnahmen pachtete sie ein Stück Land, auf dem sie eine lokale Spinatart anbaute und auf dem Markt vertrieb. Von dem Erlös kamen zwei neue Kühe, dann Enten und Gänse und mit ihnen das Bedürfnis, mehr über Tierhaltung zu lernen. Sie ließ sich vom Tierarzt des Projekts ausbilden. Jetzt kann sie Tiere impfen, ihnen Wurmmittel und leichte Medikamente verabreichen und andere über Haltung, Pflege, Krankheiten und deren Prävention aufklären. Pro Woche besucht und behandelt sie das Vieh von 15 Kleinbauern. „Das erste Training dauerte sechs Tage. Weitere folgten. Wir lernten auch“, grinst sie verschmitzt, „wie man Kühe füttert, damit sie fett werden und viel Milch geben.“ Rekhats Einkommensmöglichkeiten sind heute vielfältig. Auch das ist ein Ziel von „Ein Leben lang genug Reis“: durch breite Streuung der Investitionen wird Risiko minimiert. Läuft das eine nicht, greift das andere. Die meisten sind wie Rekhat nach kurzer Zeit in der Lage, aus dem Gewinn ihres ersten Startkapitals in weitere Erwerbszweige zu investieren. Win geht heute kaum noch für Großgrundbesitzer aufs Feld, die meiste Zeit hilft er seiner Frau. „Wir arbeiten jetzt nicht mehr für andere, sondern für uns!“ sagt Win stolz. Aber fast noch stolzer macht Rekhat und ihn der Respekt vor sich selbst und vor dem, was sie erreicht haben.

Rekhat ist beinahe täglich unterwegs, um in Nachbardörfern die Frauen über Viehhaltung aufzuklären und ihre Tiere zu untersuchen. „Das spannende an dieser Arbeit ist auch, dass ich immer weiß, was los ist.“ So bleibt es nicht aus, dass Rekhat manchmal in Familien- streitigkeiten oder andere Konflikte hinein gezogen wird. „Ich versuche zuzuhören, die Wogen zu glätten und dann Kompromisse zu diskutieren. Diese Verantwortung gehört wohl jetzt zu meinem Leben.“

Die Frauen geben den Ton an

Ashrais Ansprechpartner bei der Auswahl der Projektteilnehmer sind Frauen. Dies hat zwei Gründe: Die Männer haben manchmal Arbeit, sei sie auch noch so schlecht bezahlt. Mit Ausbildung und Schulung der Frauen soll ein zweites Einkommen gesichert und die Position der Frau in der Gesellschaft gestärkt werden. Außerdem sind gerade unter den Adivasi die Frauen oft der agilere Part. Besonders deutlich wird das bei den wöchentlichen Gruppentreffen, ein weiteres zentrales Element des Programms. Regelmäßig kommen 15 bis 25 Teilnehmerinnen aus einem Dorf zusammen, um sich im Beisein eines Ashrai-Mitarbeiters voneinander zu berichten oder Probleme zu diskutieren. Wer hat schon Gewinn gemacht? Wer benötigt Hilfe bei dem Verkauf seines Viehs? Wo ist noch Bedarf an Schulungen? Wer hat neue Pläne oder die alten über den Haufen geworfen und warum?

Es geht laut und lustig zu auf den Gruppentreffen. Vor beinahe jeder Lehmhütte stehen gut genährte Tiere vor vollen Futtertrögen, überall ist blitzblank geputzt. Alle sitzen in der Dorfmitte auf großen Matten auf dem Boden. Kinder toben zwischen den Reihen, Männer stehen im Hintergrund und lauschen mit einer Mischung aus Respekt, Stolz und Verwunderung. Durch Training und Erfahrung wächst neben dem Knowhow auch das Selbstbewusstsein. Ändert sich nun auch die Beziehung zu den Männern? Schallendes Gelächter. Unter den Frauen herrscht ein einstimmiges Credo, das Madubi Mahali (38) offen ausspricht: „Worüber sollen sich die Männer denn beschweren? Es geht uns allen jetzt besser, ihnen doch auch! Wer hier motzt, den nehmen wir einfach nicht ernst!“ Madubi hat sich mit einem großen Kontingent an Bambusvorräten selbstständig gemacht. Die verarbeitet sie gemeinsam mit ihrem Mann zu Körben und verkauft sie auf dem Markt.

Ein Leben lang genug Reis

Mit dem Programm „Ein Leben lang genug Reis“ kämpft NETZ gegen den Hunger in einer der ärmsten Regionen des Landes. Das Projekt steht auf vier Säulen:

  • Startkapital für einen eigenen Kleinbetrieb
  • Schulung der Frauen
  • beratende Begleitung in den ersten Jahren
  • gegenseitige Hilfe in der Dorfgruppe.

Im Durchschnitt gelingt es dadurch Jahr für Jahr rund 20.000 Menschen, sich aus tiefster Not zu befreien. Sie können dann selbst für Nahrung, Kleidung und die Schulbildung der Kinder sorgen. Das Programm wird durch Spenden finanziert sowie durch Zuschüsse der Europäische Union, des deutschen und des britischen Entwicklungshilfeministeriums.

Gemeinsam für eine lebenswerte Zukunft

Madubi Mahali ernährt ihre Familie jetzt mit Korbflechterei.

Unter Anleitung von Ashrai hat sich das ganze Dorf, das noch vor wenigen Jahren geprägt war von Armut, Perspektivlosigkeit und Isolation, zu einer starken Gemeinschaft zusammengefunden. Auch wenn Ashrai sich irgendwann zurückzieht, werden die Bewohner alles daran setzen, ihre Solidarität am Leben zu erhalten, da sind sich alle sicher. Madubi ist unlängst gestürzt und verletzte sich am Kopf. Für mehrere Wochen fiel sie als Arbeitskraft aus. Beinahe hätte dies wieder den Abstieg in die Armut bedeutet. Die Dorf-  gemeinschaft fing die Familie auf. Ashrai stand bei der Beschaffung eines Arztes für Madubi zur Seite. Bisher fehlte den Adivasi das Geld, einen Arzt zu bezahlen; jetzt fehlt oft noch Selbstbewusstsein, einen zu rufen. So besteht ein wichtiger Teil der Arbeit von Ashrai auch darin, die Adivasi über Menschenrechte aufzuklären, die für sie genauso gelten wie für jeden anderen Bürger des Landes.

Mit seiner klaren Konzeption ist das Programm zugleich eben genau so gut wie seine Teilnehmerinnen. Eine Frau wie Rekhat ist auch für Ashrai ein Glücksfall. Die Gruppe im Dorf wählte Rekhat zu ihrer Führerin, weil sie sich gut ausdrücken kann und im Gegensatz zu den anderen über Schulbildung verfügt. „Durch die Schule fällt es mir leichter als vielen anderen, planerisch zu denken“, resümiert Rekhat. „Ich weiß, dass ich privilegiert bin.“ Nach der fünften Klasse war für sie Schluss, denn ihre Eltern hätten die benötigten Bücher nicht bezahlen können. Da ging – Respekt! – die kleine Rekhat arbeiten und ermöglichte sich so fünf weitere Jahre Lernen und Wissen. Nach der zehnten Klasse fiel sie durchs Abschlussexamen. „Ich war wohl, naja, nicht gut genug vorbereitet“, grinst Rekhat verschämt. „Danach reichte es meinen Eltern und sie verheirateten mich.“ Weshalb die Eltern Win für sie aussuchten, weiß sie nicht. „Es ist Schicksal, mit wem du verheiratet wirst, da fragst du nicht nach. Er ist ein guter Mann, ich habe Glück gehabt.“ Win war bettelarm. Anfangs haben sie daher viel gestritten. Jetzt sind ihre Gespräche geprägt von Plänen für die Zukunft. Ihr Sohn Ridoi ist heute zweieinhalb und ein putzmunteres, gesundes Kerlchen, dem wie seiner Mama die Lebensfreude nur so aus den Augen sprüht. „Sollten wir noch eine Tochter bekommen, werde ich dafür sorgen, dass sie so lange wie möglich zur Schule geht und erst danach heiratet.“

Nicht alle in Rekhats Gruppe denken so. Nach wie vor ist Armut ein Hauptgrund für frühes Verheiraten der Töchter. „Ein hungriger Kopf weniger, so das Argument. Ich versuche, ihnen klar zu machen, dass der Ausweg nicht eine frühe Heirat, sondern Bildung ist.“ Immerhin besuchen derzeit alle Kinder aus Rekhats Gruppe die Schule, das ist ein Anfang. Und wenn es dank der Unterstützung von NETZ gelingt, Hunger im Dorf dauerhaft zu überwinden, haben die Kinder vielleicht eine reelle Chance auf eine respektvolle Zukunft.

Kukumuni Mahali (40) investierte in einen Laden, den sie geschickt zwischen zwei Dörfern an einer Durchfahrtsstraße platziert hat. An die 60 Kunden kommen täglich. Es gibt Öl, Reis, Kartoffeln, Gebäck, Seife, Süßigkeiten, Chips. Auch Gemüse und Eier aus eigener Produktion verkauft sie hier. Eine Bäckerei beliefert sie, ansonsten fahren ihr Mann und ihre beiden ältesten Söhne regelmäßig mit der Van-Rikscha an die nahe indische Grenze, wo man alle Waren billiger bekommt. „Wir haben von morgens um acht bis abends um zehn geöffnet“, strahlt Kukumuni. „Wir wechseln uns ab im Verkauf. Da nur unser Sohn schreiben und rechnen kann, führt er für mich die Bücher.“ Der Plausch mit Kunden oder Kindern aus dem Dorf, die oft vorbeikommen und um ein Bonbon betteln, hält den Alltag lebendig. „Ich möchte respektiert werden. Der Laden gibt mir dieses Gefühl.“

Der Weg ist klar, aber weit

Feiern macht jetzt wieder Spaß: Puja zu Ehren der Göttin Kali.

Abdul Aual ist Dorfentwicklungshelfer bei Ashrai und der offizielle Betreuer von Rekhats Gruppe, eine von insgesamt sieben, für die er verantwortlich ist. „Jemand sein, etwas zu tun haben – immer wieder Thema bei unseren Gesprächen mit den Adivasi“, bemerkt Abdul. „Es ist vor allem die Macht der Ausweglosigkeit, die sie bisher geißelte.“ Ashrai bietet eine Perspektive. Rekhat und die anderen aus ihrem Dorf erleben es tagtäglich. „Ich glaube fest daran, dass man sein Leben verändern kann, wenn man nur eine Chance dazu erhält“, sagt Rekhat bestimmt. „Ashrai gab uns diese Chance. Sie lehrten uns aber auch, dass wir für unsere Träume etwas tun müssen.“ Abdul: „Rekhat ist eine Ausnahmeerscheinung. Ihre Gruppe ist eine unserer besten. Ich nehme sie oft mit in andere Dörfer, in denen es mehr Schwierigkeiten gibt oder die noch ganz am Anfang stehen. Sie kann mit ihrer Geschichte andere mitreißen.“

Jarina Tudu mit ihren beiden hungrigen Töchtern weiß noch nicht, dass Abdul und seine Kollegen sie ausgewählt haben, um demnächst am Programm „Ein Leben lang genug Reis“ teilzunehmen. „Noch sind wir mit den Vorbereitungen nicht ganz fertig“, bremst Abdul, „aber in den nächsten Wochen wollen wir in dieser Gegend mit unserer Arbeit beginnen, wenn wir die Mittel dafür bekommen könnten.“ Rekhat und Jarina würden sich dann bald kennen lernen. Jarinas Traum von der Van-Rikscha würde Realität – und der morgentliche salzige Tee für immer in Vergessenheit geraten.

Malida Kurmi (44) erzählt voller Stolz, dass es jetzt im Dorf sogar Seife gibt, mit der alle Kinder morgens vor der Schule gewaschen werden. „Außerdem essen wir jetzt zwei bis drei Mahlzeiten täglich, drei bis vier Mal im Monat können wir uns sogar Fleisch oder Fisch leisten.“ Malida war fünfzehn Jahre verheiratet, als ihr Mann vor fünf Jahren an Asthma starb. Ab da musste sie für ihre Kinder betteln gehen, für sie selbst blieb meist nur gesalzener Tee. Aus dem Projekt erhielt sie eine Van-Rikscha, die nun ihr Sohn fährt. Er bringt täglich einen Euro nach Hause. Das ist so viel, dass Malida kürzlich noch fünf Ziegen angeschafft hat.

Maike Böhm schloss zunächst ein Studium als Buchillustratorin ab, bevor sie zum Schreiben kam. Es folgte ein Studium an der Texterschmiede in Hamburg. Seitdem arbeitet sie freiberuflich als Illustratorin, Autorin und Regisseurin für Agenturen, Zeitschriften und Filmproduktionen.

Rolf K. Wegst ist Theaterfotograf am Stadttheater Gießen und als Bildjournalist unter anderem für Zeitungen und Agenturen wie Frankfurter Rundschau, TAZ, Spiegel und dpa tätig. Sumana Binte Masud begleitete das Team als Übersetzerin.

Diese Reportage erschien als farbiges NETZ-Sonderheft "Frei von Hunger - Was Partnerschaft bewegt". Das Heft können Sie kostenfrei in unserer Mediathek bestellen oder einfach anfordern: netz@remove-this.bangladesch.org.

Alles zu Forschung und Praxis

  • Strukturiert aufbereitete Informationen über die Projekt-Konzeption und -Umsetzung gibt es auf der englischsprachigen Webseite End-Extreme-Poverty.org
  • Umfangreiche Studien aus dem Projekt gibt es in der NETZ-Mediathek unter der Kategorie "Studie"

Kontakt

Philipp Kappestein

Teamleiter Existenzgründung und Empowerment
kappestein@remove-this.bangladesch.org
Tel.: 0 64 41 - 9 74 63-0

Ein Leben lang genug Reis

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