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Projekte - Säure-Attentate
Säure-Attentate
"Ich durfte nicht in den Spiegel sehen"
In Bangladesch werden vor allem junge Frauen Opfer von Säure-Attentaten. Shafina (Name geändert) ist eine von ihnen. Ihre Schönheit sollte für immer zerstört werden. Doch Shafina gibt nicht auf. Hier erzählt sie ihre Geschichte.
Von Ines Burckhardt
"Das werde ich mir nie verzeihen", sagt Shafina und schaut traurig über die Dächer Dhakas. Es ist warm und laut. Unten auf der Straße klingen unablässig die Rikschas. Die 19-Jährige sitzt auf einer Dachterrasse in der Hauptstadt Bangladeschs und erzählt ihre Geschichte: "Ich komme aus einem Dorf im Süden. Mein Vater stellt Bescheinigungen bei Grundstücksverkäufen aus und er ließ mich und meine vier Geschwister immer zur Schule gehen, auch uns Mädchen." Das erzählt Shafina nicht ohne Stolz, schließlich werden Mädchen in dem mehrheitlich muslimischen Land oft als minderwertig angesehen; der Besuch einer weiterführenden Schule ist keine Selbstverständlichkeit. "Eines Nachts im Juli 2004 wachte ich auf, weil ich dringend auf die Toilette musste. Normalerweise geht jemand mit mir raus, aber diesmal wollte ich niemanden aufwecken." So verließ Shafina das Haus ihrer Eltern alleine, weil die Toiletten sich auf dem Land außerhalb der Häuser befinden. Darauf hatten drei junge Männer gewartet. Sie rissen Shafina zu Boden und hielten sie fest. "Ich wehrte mich und schrie wie am Spieß, einen der Angreifer kannte ich auch." Es war Amin, er hatte ihr Nachhilfeunterricht in Mathe gegeben. "Monatelang ist er mir hinterher gerannt, hat mir Briefe geschrieben, hat nachts vor unserem Haus gestanden und sogar bei meinem Vater vorgesprochen", erzählt Shafina. In Bangladesch werden viele Mädchen früh verheiratet, aber eine Heirat war in diesem Fall ausgeschlossen, denn Amin ist Hindu und Shafina Muslimin. Shafina stockt, nur leise spricht sie weiter: "In dieser Nacht hatte er ein kleines Fläschchen dabei und schüttete es über mir aus." Heute weiß sie, dass die Flüssigkeit, die so schrecklich brannte, Säure war. Amin wollte Shafinas Schönheit zerstören. Damit sie niemals ein anderer Mann heiraten wird.
So wie Shafina geht es fast 2000 Frauen, Männern und Kindern in Bangladesch. Wer ein Säure-Attentat überlebt, ist gezeichnet: das Gesicht ist oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Viele Überlebende erblinden oder werden taub. Die Täter sind immer Männer, die meisten Opfer Frauen.
Säure kann man in Bangladesch spottbillig fast an jeder Straßenecke kaufen. Eine kleine Flasche kostet nur 10 Taka, das sind umgerechnet etwa 12 Cent. Eigentlich brauchen die Verkäufer eine Lizenz, in Bangladesch aber kümmert dies niemanden. Verwendet wird Säure in Auto-Batterien, von Goldschmieden, und Shafina erklärt: "Bei uns auf dem Land wird Säure auch zum Schutz gegen Schlangen in einer kleinen Schale vor die Tür gestellt."
In Bangladesch, wo drei Viertel der Bevölkerung auf dem Land leben, gibt es of Streit um die Besitzrechte an Grund und Boden. Um es seinem Nachbarn heim zu zahlen, überschüttet man dessen Frau mit Säure. Lehnt die Familie den Heiratsantrag für die Tochter ab, rächt sich der Mann mit einem Glas Säure an dem Mädchen. Auch in Bangladesch sind viele Menschen entsetzt über diese Taten, immer mehr Prominente gehen auf die Straße, klagen die Verbrechen öffentlich an. Auf dem Land aber herrschen oft andere Gesetze. Sie demonstrieren noch immer: Eine Frau ist in Bangladesch nichts wert. Viele Mädchen, die ein Säure-Attentat überlebt haben, schweigen. So wie sie es gelernt haben. Oder sie begehen Selbstmord. Nur selten kommt es zu einer Anzeige. Neun von zehn Tätern werden nie verurteilt.
Sofort nach dem Attentat kam Shafina in ein lokales Krankenhaus. "Dort konnte man mir nicht helfen. Man gab mir ein paar Tabletten, die halfen aber kein bisschen gegen die furchtbaren Schmerzen." Shafina streicht sich über ihr Gesicht als müsste sie sich vergewissern, dass es nicht mehr weh tut, wenn sie es berührt. Auch in der Hauptstadt Dhaka konnte ihr niemand helfen. Die Säure, die Shafinas Täter verwandt hatte, kannte keiner der Ärzte. "Meine Mutter hat mir verboten, in den Spiegel zu sehen. Eines Morgens habe ich dann doch mein Spiegelbild in einem Teich gesehen." Sie wurde ohnmächtig. Shafina wusste nicht, dass die Haut in ihrem Gesicht schwarz geworden war.
Und dann kamen die Worte. Worte, die weitaus mehr wehtun als die Schmerzen in ihrem Gesicht. Worte wie: "Shafina ist selbst schuld. Sie hätte eben nicht aus dem Haus gehen sollen". Mit ihren Cousins und ihrem Onkel, die das behaupten, lebte sie einmal zusammen. In den Dörfern werden Überlebende wie Shafina verachtet und ausgegrenzt. Entstellte Mädchen sind somit doppelt bestraft: Kein Mann möchte sie mehr heiraten.
Hoffnung gab es für Mädchen wie Safina bis vor wenigen Jahren nicht. Dann kam Monira Rahman. Seit fast zehn Jahren arbeitet diese mutige Frau mit den Überlebenden der Säure-Attentate zusammen. Sie gründete die Organisation "Acid Survivors Foundation" (ASF), richtete ein Krankenhaus ein, sorgte für die Ausbildung von Ärzten im Ausland. ASF steht den Überlebenden vor Gericht zur Seite, macht Aufklärungskampagnen und ist an einer Veränderung der Gesetzgebung in Bangladesch beteiligt. Die Täter können nun schneller festgenommen und nicht mehr auf Kaution freigekauft werden.
Säure-Attentate sind in vielen Ländern Süd- und Südostasiens verbreitet, auch aus Nigeria und Uganda, Jamaika und der Türkei werden Fälle berichtet. Nirgendwo jedoch ist die Zahl der Opfer so hoch wie in Bangladesch. Monira Rahman berichtet: "Ein derartiger Fall wurde erstmals in den 1960er-Jahren öffentlich. Seit den 90er Jahren stieg die Zahl der Opfer dramatisch an und erreichte ihren Höhepunkt 2002. In dem Jahr registrierten wir fast 500 Überlebende." Doch Dank der Arbeit von ASF ging die Zahl der Attentate fast auf die Hälfte zurück. Allerdings geht Monira Rahman von einer Dunkelziffer aus, die weitaus höher liegt. "Viele Opfer schämen sich oder sehen die Notwendigkeit einer Anzeige nicht. Auch die Bedrohung durch den Täter oder seine Familienangehörige stellt eine hohe Hemmschwelle dar", weiß Monira Rahman.
Shafinas Täter ist verhaftet worden, der Prozess aber geht nur schleppend voran. ASF stellt ihr einen Rechtsanwalt zur Seite. Und dann schüttelt sie den Kopf, wenn sie erzählt: "Mein Bruder hat gesehen, wie Amins Vater einigen Leuten aus unserer Nachbarschaft Geld zugesteckt hat. Das war Schweigegeld für Zeugen, damit sie vor Gericht nichts sagen. Auch dem Richter wurde Geld angeboten." Unerträglich ist für Shafina noch etwas anderes: "Mein Vater und mein Bruder haben Morddrohungen von Amins Familie erhalten. Meine Schwestern dürfen unser Haus jetzt nicht mehr verlassen."
Dreimal täglich trägt sie nun eine Creme auf, die ihr Gesicht normal aussehen lässt. "Sobald ich die Creme aber weglasse, wird die Haut sofort wieder schwarz und ich habe so starke Schmerzen wie in der ersten Nacht", sagt Shafina. Sie wirft ihre langen schwarzen Haare zurück und streicht sich über den Shalwaar Kameez, eine pludrige Hose mit langem Oberteil, den die Mädchen in Bangladesch tragen. Ihrer hat schon einige Flecken. Ihr Gesicht aber ist schön. Es lässt einen nicht ahnen, was in ihrem Inneren vorgeht. "Eine Laserbehandlung musste bei mir abgebrochen werden, weil sie sich nicht mit meinen Medikamenten vertrug." Die muss Shafina gegen ihre Depressionen nehmen.
Nach Hause möchte Shafina nicht zurück. Ihr wurde durch die ASF ein Praktikum ermöglicht, durch das sie vorerst in Dhaka bleiben kann. "Nächsten Monat soll ich auch endlich vor Gericht aussagen. Fast zwei Jahre nach der Tat!"
Bis die Säure-Angriffe ein Ende nehmen, ist es noch ein weiter Weg. Monira Rahman hat mit ihrer Organisation ASF entscheidende Schritte zur Erreichung dieses Ziels getan. Für ihre Arbeit wurde sie am 19. März 2006 in Berlin mit dem Menschenrechtspreis der deutschen Sektion von "amnesty international" geehrt.
Ines Burckhardt leistet mit NETZ einen Freiwilligendienst in Bangladesch und hat im Januar 2006 ein Praktikum bei der ASF gemacht.
NETZ unterstützt die ASF in ihrem Eintreten für die rechtlichen Verbesserungen für Überlebende der Säure-Attentate.
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