Das große Potential zur Entfaltung bringen

Wirtschaftswachstum in Bangladesch

Im Gespräch mit NETZ thematisiert Professor Atiur Rahman, Direktor der Zentralbank Bangladeschs, wie Regierung und NGOs den Armen helfen müssen, damit diese vom Wirtschaftswachstum profitieren können.

NETZ: Herr Rahman, Bangladesch hatte in den vergangenen zehn Jahren ein konstantes Wirtschaftswachstum von fünf bis sechs Prozent, im vergangenen Jahr waren es sogar 6,7 Prozent. Was sind die Ursachen für den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes?

Rahman: Trotz politischer Differenzen und Machtwechsel wurde und wird der private Wirtschaftssektor konstant gefördert. Diese Kontinuität ist sehr wichtig, um ein stabiles Wachstum zu erreichen und ein für ausländische Investoren attraktives Umfeld zu schaffen. Ein weiterer Punkt ist, dass das Haushaltsdefizit Bangladeschs selten höher als vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist. Das weist auf solide gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen in Bangladesch hin. Von der Finanzkrise war Bangladesch darum kaum betroffen. Die Nachfrage im Ausland nach Produkten aus Bangladesch blieb konstant. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Landwirtschaft, die durchschnittlich um fünf Prozent wächst und hauptsächlich den lokalen Markt bedient. Beispielsweise produziert Bangladesch 96 Prozent des im Land konsumierten Reis selber. Das macht uns unabhängiger von den Preisen am Weltmarkt und schafft Arbeit im Land.

NETZ: Wie bewerten Sie das wirtschaftliche Wachstum Bangladeschs im internationalen Vergleich?

Rahman: Bangladesch ist auf Platz 21 der am schnellsten wachsenden Nationen der Welt und dieses Wachstum hat eine ausgesprochen hohe Qualität. Unser Wirtschaftswachstum ist besser als das Indiens und Chinas. Bangladesch ist nicht so abhängig von der Entwicklung einzelner Großunternehmen, wie Indien es beispielsweise von der Tata-Gruppe ist [Anm. d. Red.: Indischer Mischkonzern mit 98 Tochterunternehmen]. Das Wachstum in Bangladesch kommt sehr viel mehr den Armen zu Gute, als es in anderen Ländern der Fall ist. Unter anderem gründet sich das wirtschaftliche Wachstum auf die Förderung der produzierenden Industrie, den Import von Technologie, Maschinen und Rohstoffen und Überweisungen von im Ausland lebenden Bangladeschis. Alle diese Zweige führen Geld und Arbeit in die ländlichen Regionen, in denen besonders viele arme Menschen leben.

NETZ: Wo sehen Sie Bangladesch in zehn Jahren?

Rahman: Ein chinesischer Professor sagte mir 1999, dass ich das China von damals in zehn Jahren nicht mehr wiedererkennen würde. Er sollte Recht behalten. Heute sage ich das gleiche über Bangladesch. Allein die positiven Veränderungen der letzten Dekade hätte früher kaum jemand für möglich gehalten. Bekommt man die politischen Probleme in den Griff, könnten wir endlich das große Potential Bangladeschs vollständig zur Entfaltung bringen. Wenn die Straßen und Geschäfte nicht durch Streiks blockiert werden, wird Bangladesch wirtschaftlich voranschreiten. Und dann werden wir in zehn Jahren eines der erfolgreichsten Schwellenländer sein.

NETZ: Sie sagten, dass das Wirtschaftswachstum auch den Armen zu Gute kommt. Können Sie das näher erläutern?

Rahman: Heute leben in Bangladesch wahrscheinlich schon weniger als 30 Prozent der Menschen in Armut. 2005 waren es noch knapp 40 Prozent. Das ist eine beachtliche Entwicklung und ein hohes Tempo in der Armutsbekämpfung. Betrachtet man einige Indikatoren für soziale Entwicklung, dann stellt man fest, dass die Lebenserwartung in Bangladesch höher ist, weniger Kinder unterernährt sind und zudem im Schnitt länger zur Schule gehen können als beispielsweise in Indien. Dies ließe sich mit vielen anderen Beispielen fortführen und lässt den Schluss zu, dass das Wachstum in Bangladesch gerechter verteilt ist. NGOs und Mikrokredite haben einen wesentlichen Anteil an diesen Erfolgen. Durch sie kommen Mittel für kleine und mittlere Unternehmen in die ländlichen Regionen. Sie fördern Selbstständigkeit und bieten den Menschen Alternativen zur traditionellen Landwirtschaft, zum Beispiel durch Fischerei und Geflügelwirtschaft. Ein Resultat sind steigende Löhne auf dem Land und die zunehmende Unabhängigkeit der Menschen.

NETZ: Doch die Zahl der extrem Armen ist in den letzten zehn Jahren kaum gesunken. Werden bei all der Aufbruchstimmung die Ärmsten vergessen?

Rahman: Kein Zweifel, extreme Armut ist in Bangladesch noch immer existent. Sie konzentriert sich vor allem auf abgelegene Regionen wie Schwemmlandinseln und Überschwemmungsgebiete oder die Randgebiete größerer Städte. Der neue Fünfjahresplan der Regierung und auch der kürzlich beschlossene Haushalt zielen aber genau darauf, dass alle Bürger am Wachstum teilhaben können. Soziale Sicherungsprogramme, Bildung, Landwirtschaft – alle diese Bereiche erhalten viel Unterstützung, weil arme Menschen ohne Hilfestellungen nicht direkt vom Wirtschaftsaufschwung profitieren können. Man kann der Regierung durchaus bescheinigen, dass sie armutsorientierte Politik betreibt. Sie hat verstanden, dass jeder einzelne Mensch, der es aus der Armut geschafft hat, der Gesellschaft hilft sich weiter zu entwickeln. So kann Bangladesch in absehbarer Zeit ein Land mit einem mittleren Einkommensniveau werden.

NETZ: Hat die Zentralbank Bangladeschs eigene Initiativen zur Armutsbekämpfung ergriffen?

Rahman: Gesellschaftliche Unternehmensverantwortung wird bei uns ausgesprochen ernst genommen. Aus diesem Grund wurden viele Programme initiiert, die die ärmsten Familien unterstützen sollen. Hier hat die Zentralbank beispielsweise hunderttausende Stipendien für Schulkinder und Studenten aus armen Familien vergeben. Weltweit wird man keine zweite Zentralbank mit solch einem Engagement finden. Zudem schaffen wir Anreize für Banken Solaranlagen zu subventionieren und unterstützten Frauen finanziell, die ihre Ehemänner während des Unabhängigkeitskrieges 1971 verloren haben.

NETZ: Sie haben die Bedeutung der NGOs bei der Armutsbekämpfung angesprochen. Macht der Staat in dieser Hinsicht zu wenig oder ist es in Ordnung, dass NGOs hier eine zentrale Rolle übernehmen?

Rahman: In den 1990er Jahren habe ich an einer Studie gearbeitet, die den NGOs attestierte, dass sie mit ihrer Arbeit die extrem Armen nicht erreichten. Heute ist das anders. Das nötige Fachwissen und die Fähigkeiten sind vorhanden, um den ärmsten Familien des Landes zu helfen. Die Menschen müssen sich organisieren, sonst wird sich ihre Lebenssituation nicht verbessern. Bangladeschische NGOs können mit ihrer Erfahrung und Expertise am besten dafür sorgen. Dazu müssen sich diese allerdings noch stärker auf die Ärmsten der Armen konzentrieren. Die so genannten moderat Armen können sich oft alleine helfen und brauchen weniger Unterstützung. Die Arbeit des Staates, der NGOs und der Lokalpolitik muss hier aber noch besser ineinander greifen. Insbesondere der Staat muss dafür gezielte Förderprogramme für die extrem arme Bevölkerung durchführen. Das soziale Sicherungssystem alleine ist nicht effektiv genug, um für die ärmsten Familien Aufstiegsmöglichkeiten zu schaffen.

NETZ: Wie meinen Sie das?

Rahman: Die Menschen müssen sich selber aus ihrer Armut befreien können. Wirtschaftswachstum ist eine notwendige Bedingung, um Armut zu bekämpfen. Ohne Wachstum könnte man damit nicht einmal anfangen. Wachstum alleine ist aber nicht ausreichend. Den Ärmsten muss das Recht zugestanden werden, am Wachstumsprozess teilzuhaben. Sie können dies nur, wenn man ihnen auch die Möglichkeit dazu gibt. Der bengalische Literatur-Nobelpreisträger Rabindranath Tagore sagte, dass das Problem nicht der Mangel an Geld sei, sondern der Mangel an Selbstvertrauen. Besonders die NGOs können dafür sorgen, dass arme Menschen das nötige Selbstvertrauen bekommen.

NETZ: Herr Rahman, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führten die NETZ-Freiwilligen Jana Fahrig und Kai Fritze in Dhaka.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 2-2011 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Wer profitiert? - Wirtschaftswachstum und Armutsbekämpfung". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.