Wachstum, Wohlstand, Widersprüche

Wirtschaftliche Entwicklung und Armutsbekämpfung in Bangladesch

Professor Mustafizur Rahman ist Geschäftsführer des Centre for Policy Dialogue (CPD). Die renommierte Denkfabrik forscht zu kritischen Themen des Entwicklungsprozesses Bangladeschs und setzt diese Arbeit in Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgern ein. Mit NETZ spricht er über das Wirtschaftswachstum Bangladeschs und wie die arme Bevölkerung davon mehr profitieren könnte.

NETZ: Herr Rahman, wie bewerten Sie die wirtschaftliche Entwicklung Bangladeschs im letzten Jahrzehnt?

Mustafizur Rahman: Bedenkt man die Ausgangslage Bangladeschs, dann kann man die letzte Dekade durchaus als Erfolg ansehen. Von einem jährlichen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von vier Prozent in den 1980er Jahren ausgehend, stieg dieser Wert in den letzten Jahren auf sechs bis sieben Prozent an. Bangladesch hat sich erfolgreich dem globalen Markt geöffnet, an neue Handelswege angepasst und mit ausländischen Investoren und Entwicklungspartnern abgestimmt. Erfolge sind auch bezüglich der Armutsreduzierung zu verzeichnen. Sank der Wert nach der Marktöffnung 1991 noch um ein Prozent jährlich, so reduzierte sich die Armut zwischen 2005 und 2010 um zwei Prozent pro Jahr. Bangladeschs ambitioniertes Ziel, bis 2021 ein Land mit mittlerem Einkommensniveau zu werden, scheint trotz der noch zahlreichen Herausforderungen erreichbar.

NETZ: Was sind die Kehrseiten dieser Entwicklung?

Rahman: Große Schwierigkeiten bereitet nach wie vor die gerechte Verteilung von Einkommen. Die Schaffung von Arbeitsplätzen für mehr als zwei Millionen junge Leute, die jährlich auf den Arbeitsmarkt strömen, ist eine der zentralen Herausforderungen. Bangladesch muss sein Bildungssystem verbessern und gezielt Programme auf den Weg bringen, um die Partizipation am Arbeitsmarkt zu fördern. Die zunehmende Anbindung Bangladeschs an globale Märkte bietet zahlreiche Möglichkeiten und Chancen. Aber um diese auszuschöpfen muss das Land seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und für die Ausbildung der Arbeitskräfte sorgen. Nur so werden bangladeschische Produkte auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig sein. Die Sicherstellung der Energie- und Nahrungsmittelversorgung, der Ausbau der Infrastruktur und die Weiterentwicklung von Anpassungsstrategien an den Klimawandel sind weitere zentrale Herausforderungen für eine stabile Zukunft.

NETZ: Wie bewerten Sie die Situation armer Menschen, vor allem die der extrem armen Menschen in Bangladesch? Profitieren sie vom Wirtschaftswachstum?

Rahman: Betrachtet man das erste Millenniumsziel, die Halbierung der Armut zwischen 1990 und 2015, befindet Bangladesch sich auf einem guten Weg. Ausgehend von 58 Prozent Armutsquote im Jahr 1990 liegt die Zielsetzung für 2015 bei 29 Prozent. 2010 befand sich der Wert bei 31,5 Prozent. Dennoch leben auch heute noch sehr viele Menschen in Bangladesch in Armut. Durch ein konventionelles Verteilungssystem sind sie kaum zu erreichen. Die Herausforderung ist, den Menschen ohne Eigentum und Geringverdienern Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen. Bildung ist der Schlüssel für eine bessere Zukunft und ermöglicht den Ärmsten Zugänge zu wachsenden Wirtschaftssektoren – in Bangladesch und im Ausland. Hierfür sind sowohl eine gerechte staatliche Verteilungspolitik als auch eine zielgerichtete Ausbildung und Arbeitsmarktpolitik unabdingbar. NGOs können hier eine zentrale Rolle durch die Vergabe von Krediten und die Durchführung von Bewusstseinsbildung einnehmen. Aber es ist an der Regierung, die zentralen Weichen für die Bekämpfung der Armut zu stellen: durch Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen und Anreize in Wachstumssektoren.

NETZ: Ist Wirtschaftswachstum überhaupt notwendig, damit Bangladesch den Kampf gegen die Armut erfolgreich fortsetzen kann?

Rahman: Wirtschaftswachstum ist definitiv notwendig, um Armut nachhaltig zu bekämpfen. Ohne Wachstum wäre nichts vorhanden, was sich zu Gunsten armer Menschen verteilen ließe. Gleichermaßen von Bedeutung ist aber auch eine gerechte Umverteilungspolitik mit zielgerichteten Programmen für die arme Bevölkerung. Speziell für sie müssen Jobs im öffentlichen und privaten Sektor geschaffen werden. Bangladesch hat bereits ein umfassendes soziales Sicherungsnetz für die Ärmsten. Doch es gibt hier noch ein großes Verbesserungspotential. Überschneidungen aber auch Verschwendung und Korruption müssen ausgemerzt werden.

NETZ: Das CPD forscht zu den Themen „inclusive citizenship“, also Verbesserung der Teilhabe an politischen Prozessen, und gute Regierungsführung. Was bedeutet das genau?

Rahman: Wir konzentrieren uns auf die Verbesserung der Bürgerbeteiligung in Entscheidungsprozessen, eine Ausweitung der Partizipationsmöglichkeiten in politischen Strukturen und Institutionen auf lokaler Ebene und die Schaffung eines Umfeldes, das geprägt ist von guter Regierungsführung und Transparenz. Lokale Themen sollten besser im entwicklungspolitischen Diskurs reflektiert werden. Dies setzt ein politisches System voraus, in dem die Bedürfnisse der Bürger die Grundlage für politisches Handeln bilden. Erreicht werden kann das nur durch die Abgabe bestimmter Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten an gewählte lokale Volksvertreter. Eine funktionierende Demokratie und Verteilungsgerechtigkeit des wirtschaftlichen Wohlstands sind hierfür unabdingbar. Dazu kann die Arbeit des CPD einen Beitrag leisten.

NETZ: Wie lassen sich diese Prinzipien in Zusammenhang mit Wirtschaftswachstum bringen?

Rahman: Sie sind die Grundlage für einen Gesellschaftsvertrag, der ein förderliches Umfeld für Entwicklung sicherstellt. Ohne diese Prinzipien wären soziale Spannungen zu erwarten. Politische und wirtschaftliche Beteiligung müssen Hand in Hand gehen, um wirtschaftliche Gerechtigkeit zu gewährleisten. Die Regierung muss sicherstellen, dass alle Bürger vom Wirtschaftswachstum profitieren. Auch der private Sektor hat hier eine Verantwortung: Die Einhaltung von Arbeitnehmerrechten, Steuerabgaben und die Qualifizierung der Arbeitnehmer müssen ernst genommen werden.

NETZ: Welche Rolle hat die Regierung Bangladeschs bei der Gestaltung einer verbesserten Verknüpfung von Wirtschaftswachstum und Armutsbekämpfung?

Rahman: Sie muss sicherstellen, dass Armutsbekämpfung im Wachstum verankert ist. Gerade wurde von der Regierung der sechste Fünfjahresplan auf den Weg gebracht. Dieser stellt das zentrale Instrument hierfür dar. Im Vergleich zu vorherigen Strategiepapieren ist der neue Plan umfassender. Er strebt ein höheres Wirtschaftswachstum von jährlich 7 bis 8 Prozent sowie beschleunigte Armutsreduzierung und die Diversifizierung der Produktion und Exporte an. Schlüsselbereiche hierbei sind Nahrungs- und Energiesicherheit, Infrastrukturausbau und die Weiterentwicklung von Anpassungsstrategien an den Klimawandel. Der Plan beinhaltet explizite Strategien, um sicherzustellen, dass das Wachstum die Armut im Land verringert. Aber alles hängt von den Kapazitäten der Regierung ab, diesen Plan in die Tat umzusetzen.

NETZ: Waren das CPD und andere Akteure der Zivilgesellschaft an der Erstellung des neuen Fünfjahresplanes beteiligt?

Rahman: Leider sind Entscheidungsprozesse in Bangladesch noch immer von oben herab organisiert. Doch die zuständige Planungskommission hat einiges versucht, um Experten und Interessenvertreter in einem partizipativen Prozess einzubeziehen. Der Erstentwurf entstand auf der Grundlage verschiedener Hintergrundpapiere. Für die Besprechung und Kommentierung dieser Papiere wurde eigens ein Sachverständigenrat eingesetzt, in den auch das CPD eingebunden war. Zusätzlich wurden die Meinungen weiterer politischer und zivilgesellschaftlicher Akteure sowie von Ökonomen und Akademikern eingeholt. Auch in diesem Prozess hat das CPD detaillierte Vorschläge eingebracht. Aber es gibt noch vieles zu verbessern. Nur durch die weitere Stärkung der lokalen Ebene und eine Dezentralisierung politischer Zuständigkeiten können wir erreichen, dass unsere Entwicklungspläne die Bedürfnisse und Sichtweisen der ärmsten Menschen berücksichtigen. Aber nicht einmal die Parlamentsmitglieder wurden adäquat in den Prozess einbezogen. Zudem sollte der Plan auch im Parlament diskutiert werden, um so der Opposition die Gelegenheit zu geben ihre Sichtweise zu den Strategien vorzubringen.

NETZ: Welche Rolle kommt der Zivilgesellschaft zu, dass extrem Arme mehr vom Wirtschaftswachstum in Bangladesch profitieren können?

Rahman: Die Vertreter der Zivilgesellschaft sind wichtige politische Akteure und ein konstruktiver Bestandteil einer lebendigen Demokratie. Bangladesch hat eine lange Tradition gesellschaftlichen Engagements. Darauf kann die Zivilgesellschaft aufbauen. Sie hat eine sehr wichtige Funktion, denn sie setzt sich für die Interessen der Menschen ein, die ihre Stimme nicht selbst einbringen können. Ihr Vorteil ist, dass sie direkt mit armen und benachteiligten Bevölkerungsgruppen zusammenarbeiten und somit deren Bedürfnisse und Interessen kennen. So können sie als Interessenvertreter für diese Menschen auftreten und sich dafür stark machen, dass Entwicklungsstrategien ihre Forderungen berücksichtigen. Sie leisten also einen wichtigen Beitrag dazu, dass die Grundsätze der demokratischen Verantwortlichkeit, Transparenz und guter Regierungsführung eingehalten werden.

NETZ: Herr Rahman, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten die NETZ-Freiwilligen Jana Fahrig und Kai Fritze in Dhaka.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 2-2011 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Wer profitiert? - Wirtschaftswachstum und Armutsbekämpfung". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.