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Was Bangladesch tun muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben

Von Dirk Saam

Bangladesch kann seit 1990 ein spektakuläres Wachstum im Bereich Bekleidung und Textilien verzeichnen. Lag der Wert der Exporte 1990 noch bei 600 Millionen US-Dollar, stieg er bis 2006 auf knapp 8 Milliarden US-Dollar. Grund: Bangladesch gehört zu der Gruppe der ärmsten Länder der Welt und durfte in der Vergangenheit und unter bestimmten Bedingungen zollbegünstigt und ohne Mengenbeschränkung Kleidung nach Europa und in die USA ausführen. Bei anderen Ländern hingegen hatten die Großabnehmer im Einklang mit dem Welttextilabkommen der Welthandelsorganisation die Einfuhr durch Quoten beschränkt. Diesen Handelsvorteil konnte Bangladesch nutzen, um sich im Schatten der Textilriesen China, Indien und Hongkong auf dem Weltmarkt zu etablieren. Die rein exportorientierte Industrie macht mittlerweile 76 Prozent der Deviseneinnahmen Bangladeschs aus. Man erkennt die Dominanz der Bekleidungsindustrie. Man realisiert aber auch die Abhängigkeit des Landes von dieser Industrie und die Gefahr, die das Ende des Welttextilabkommens und damit der bevorzugten Behandlung für Bangladesch darstellen kann.

Auslaufen des Welttextilabkommens

Ende 2004 lief das Welttextilabkommen aus. Bangladesch sieht sich seitdem in direktem Konkurrenzkampf mit „großen“ Textilexporteuren wie Indien und Hongkong. Die Ausnahme: Exporte aus China unterliegen weiterhin Quoten – bis 2008 für den europäischen und bis 2009 für den US-amerikanischen Markt. Entgegen aller düsteren Voraussagen brach die Bekleidungsindustrie Bangladeschs nach Auslaufen des Abkommens bisher nicht zusammen. Es war zu befürchten, dass Abnehmer nach Auslaufen des Abkommens in Länder abwandern, die billiger produzieren können. Da z.B. Indien die gesamte Wertschöpfungskette im eigenen Land hat – von der Baumwolle bis zum Hemd alles im eigenen Land verarbeiten und produzieren kann – wurde angenommen, dass die „Textilriesen“ letztlich günstiger produzieren können als Bangladesch. Bangladesch besitzt kaum Vorleistungsindustrien und muss Garne oder Stoffe aus dem Ausland importieren, um die Bekleidungs- und Textilindustrie am Leben zu halten. Müssen sämtliche Vorleistungen im Ausland eingekauft werden, wird die Produktion teurer. Hauptgrund für Einkäufer aus dem Ausland, in Bangladesch zu bleiben, dürfte das nach wie vor sehr niedrige Lohnniveau sein. Niedrige Lohnkosten machen es für die Einkäufer attraktiv, weiterhin in Bangladesch produzieren zu lassen – zu Lasten der Arbeiterinnen, die mit Löhnen, die unter dem Existenz sichernden Niveau liegen, kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Doch wenn die Quoten für China im Jahr 2009 komplett wegfallen, wird möglicherweise auch das geringe Lohnniveau nicht mehr ausreichen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Mit China strebt ein Textilriese auf den Weltmarkt, der dann quotenfrei, mit einer eigenen Wertschöpfungskette und einem extrem niedrigen Lohnniveau versuchen wird, schwächere Wettbewerber wie Bangladesch vom Markt zu drängen.

Interne Probleme lösen

Bangladesch muss künftig institutionelle Rahmenbedingungen schaffen, um Kosten zu minimieren, insbesondere im Finanz- und Bankensektor, der noch immer durch mangelnde Transparenz und Rechenschaftslegung charakterisiert ist. Eine effiziente Infrastruktur, insbesondere der Transportwege zwischen den ausbaufähigen Vorleistungsindustrien und den nachgelagerten Wirtschaftszweigen sowie die Verbindung zwischen Dhaka und dem Hafen von Chittagong, wo die Fertigprodukte verschifft, muss auf- und ausgebaut werden, um in diesem Bereich künftig Transaktionskosten zu minimieren. Dazu kommt, dass Politiker und Bürokraten durch korruptes Verhalten die Dynamik der unternehmerischen Einstellung unterlaufen. Die Duldung von Schutzgelderpressung durch die Polizei führt zu einem Klima des Terrors, das negative Auswirkungen auf den Handel und die Produktion hat.

Durchsetzung von Arbeitsrechten

Das Land muss künftig seine Produktivität erhöhen, um im Verdrängungswettbewerb nicht der große Verlierer zu sein. Einfluss auf die Arbeitsproduktivität haben Faktoren wie die Ausbildung der Arbeiterinnen und die Arbeitsbedingungen. Nach wie vor sind die Arbeitsbedingungen und Sicherheitsvorkehrungen in den Fabriken schlecht. Ausländische Unternehmen, die in Bangladesch produzieren lassen, müssen dafür sorgen, dass in ihren Zulieferfabriken international gültige Arbeitsstandards eingehalten werden. Geschieht dies, dann können zum einen die Arbeiterinnen unter verbesserten Bedingungen arbeiten, was an sich schon zu begrüßen wäre, zum anderen führen die Investitionen in verbesserte Arbeitsbedingungen und Ausbildung zu einem Anstieg der Produktivität. Eine bessere Belüftung in den Fabriken, geregelte Arbeitszeiten und Existenz sichernde Löhne reduzieren Arbeitsausfälle durch Gesundheitsschäden und geben den Arbeiterinnen die Gewissheit eines sicheren Arbeitsplatzes. Eine regelmäßige Bezahlung stärkt die Bereitschaft, gegebene Arbeitspensen konzentriert zu absolvieren. Die Produkte werden hochwertiger, der Ausschuss geringer. Deshalb sind Arbeits- und Sozialstandards, die den Anforderungen der internationalen Arbeitsorganisation entsprechen, nicht nur im Interesse der Beschäftigten in den Textilfabriken. Vielmehr muss sich bei Unternehmen endlich die Erkenntnis durchsetzen, dass diese Standards auch positive ökonomische Auswirkungen für sie selbst haben.

Dirk Saam ist entwicklungspolitischer Referent bei NETZ.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 4/2008 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Kleider machen Leute - Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.