Am Ende der Produktionskette

Textilarbeiterinnen in Bangladesch

Von Patrizia Heidegger

Savar in der Nähe von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka war bis vor wenigen Jahrzehnten ein kleiner Ort. Heute säumen riesige Textilfabriken die Ausfallstraße aus Dhaka. Der Verkehr quält sich langsam durch die Stadt. Busse und Lastwagen rollen zu Tausenden an den grauen Betonbauten vorbei. In den Morgenstunden kann man die jungen Frauen auf dem Weg zur Arbeit beobachten. Sie gehen in ihren bunten Kleidern die Straße entlang, die großen um den Hals geschwungenen Tücher wehen hinter ihnen. Unzählige Rikschas blockieren den Verkehr. Auf ihnen sitzen, eng aneinander gedrängt, die Arbeiterinnen der Fabriken. Lautes Geklingel, Hupen und das Brummen der Motoren übertönen ihre Gespräche. Spätestens um acht Uhr verschwinden sie in den Betonburgen. Die Fabriken türmen sich mit ihren vielen Stockwerken hoch in den Himmel, eine nach der anderen. Hinter den lukenartigen Fenstern sitzen die Arbeiterinnen. Andere, kleine Fabriken liegen versteckt in Seitenstraßen, von außen nur durch die monotonen Geräusche der Maschinen zu erkennen. Die Frauen werden die Gebäude erst nach 12 oder 14 Stunden wieder verlassen, wenn es draußen schon lange dunkel geworden ist.

Drinnen ist es heiß und stickig. Durch die winzigen Fenster kommt kaum frische Luft. Die Frauen sitzen den ganzen Tag an den Nähmaschinen und konzentrieren sich auf ihre Arbeit. Wer einen Fehler macht, bekommt Ärger: weniger Lohn, im schlimmsten Fall die Kündigung. Nach ein paar Jahren leiden die meisten an Rückenschmerzen und büßen ihre Sehkraft ein. Die Dauer der Toilettengänge wird genau überprüft. Die Fabrikbesitzer wollen so sicherstellen, dass die vorgegebenen Arbeitspensen eingehalten werden. Aus Angst vor Repressalien trinken viele Arbeiterinnen nicht ausreichend Wasser. Gegessen wird hastig, zwischendurch an der Maschine. Eine Kantine gibt es nicht. Viele Textilarbeiterinnen sind mangelernährt. Sie haben nicht genügend Zeit und Geld, um ordentlich zu essen. Im Jahr 2006 legten Fabrikbesitzer nach Verhandlungen mit einigen Gewerkschaften einen neuen Mindestlohn fest: 16 Euro im Monat. Dieser entsprach nicht den Erwartungen der Beschäftigten im Textilsektor. Die daher folgenden Demonstrationen für mehr Lohn wurden von der Polizei gewaltsam niedergeschlagen. Der neue, immer noch viel zu niedrige Mindestlohn wird nicht einmal überall bezahlt. Für Hungerlöhne ruinieren sich die Textilarbeiterinnen ihre Gesundheit. Die meisten halten in den Fabriken nur ein paar Jahre durch, vier oder fünf im Schnitt.

Die Arbeitsbedingungen in den tausenden Textilfabriken Bangladeschs variieren. Doch vieles haben die meisten der geschätzten zwei bis drei Millionen Beschäftigten in der Textilindustrie gemeinsam: Sie harren täglich lange Stunden in den Fabriken aus, oft bis spät in die Nacht. Die meisten müssen ohne Vorankündigung Überstunden leisten, die unzureichend bezahlt werden. Die Arbeiterinnen haben kaum Urlaubstage, manche haben nicht einmal ein Wochenende. Die wenigsten haben Arbeitsverträge und verfügen dadurch kaum über Arbeitnehmerrechte wie Kündigungsschutz oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Die Löhne sind nicht nur extrem niedrig, sie werden oft nicht vollständig und zu spät ausbezahlt.

Katastrophale Sicherheitsvorkehrungen

Die Sicherheitsvorkehrungen in den Fabriken sind erschreckend. Immer wieder kommt es zu Bränden. Im November 2000 starben 50 Arbeiterinnen einer Fabrik in Narsingdi in der Nähe von Dhaka – die Ausgänge waren abgesperrt. Rund 300 Menschen sind in den letzten 15 Jahren bei Bränden in Textilfabriken ums Leben bekommen. Im April 2005 ignorierte das Management der Firma Spectrum Risse im Gebäude, auf welche die Arbeiterinnen hingewiesen hatten. Die Fabrik stürzte ein, 64 Arbeiterinnen kamen um, weitere 80 wurden verletzt. Entschädigungen haben sie bis heute nur unzureichend erhalten. Das spanische Textilunternehmen Inditex (Zara), das auch bei Spectrum produzieren ließ, hat im Jahr 2006 andere Kunden zur Teilnahme an einem Fonds aufgerufen. Einige Firmen lehnen ab, sich an dem Entschädigungsfonds zu beteiligen, darunter das deutsche Unternehmen New Yorker und die französische Handelskette Carrefour. Karstadt/Quelle hat sich bereit erklärt, an dem Fonds teilzunehmen, der den Überlebenden und den Hinterbliebenen der Opfer eine monatliche Rente zur Verfügung stellen soll. Im April 2007 hat Inditex 22 Opfern jeweils 3.000 US-Dollar ausgezahlt, weitere Zahlungen sollen folgen. Mehr als drei Jahre nach der Katastrophe können die Menschen aber immer noch nicht wie versprochen in vollem Umfange von dem Treuhänderfonds profitieren. Rund eine halbe Million Euro wären notwendig, um alle Opfer und die Familien angemessen zu entschädigen, so die Kalkulation der „Kampagne für ‚Saubere’ Kleidung“. Viele Opfer des Spectrum-Unglücks sind verzweifelt – die Unternehmen reden sich mit immer neuen Ausreden heraus.

Bedeutung des Textilsektors für Bangladesch

Trotz aller Probleme: Die Textilprodukte sind Bangladeschs Exportschlager Nummer eins. Die Wirtschaft des Landes wird auch heute noch von der Landwirtschaft dominiert, doch die Exportstruktur hat sich seit den 1980er Jahren grundlegend geändert. Während früher landwirtschaftliche Rohprodukte wie Jute und Tee den Außenhandel bestimmten, sind es heute zu 90 Prozent industriell gefertigte Waren. Textilien, deren größte Abnehmer westeuropäischen Staaten und die USA sind, machen drei Viertel der Exportware aus. Jedes Jahr verkauft die Branche Waren im Wert von mehreren Milliarden Euro ins Ausland.

Die Textilindustrie in Bangladesch liefert Fertigware, so genannte „ready-made garments“. Die Rohmaterialien, Stoffe, Fäden und Knöpfe in etwa, werden zu einem Großteil importiert. In Bangladesch wird nur zugeschnitten, genäht und verpackt. Viele Investoren kommen aus den asiatischen Tigerstaaten. Der koreanische Konzern Daewoo hat Anfang der 1980er Jahre die ersten großen Textilfabriken gebaut, Maschinen geliefert und Arbeiter angelernt. Weil das Lohnniveau in Bangladesch niedrig wie kaum wo anders ist, wurde die Textilindustrie von den mittlerweile wohlhabenden Staaten Ostasiens dorthin verlagert.

Millionen Menschen hängen an der Textilwirtschaft. Gerade für Frauen ist ein Arbeitsplatz in der Textilindustrie oft die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen und ihre Familien zu versorgen. Viele junge Frauen fliehen vor dem Arbeitsplatzmangel vom Land in die Stadt. Die meisten haben kaum eine Schulbildung genossen. Eine Anstellung in der Textilindustrie bedeutet Selbstständigkeit, vielleicht ein eigenes Konto, Unterstützung für die Familie. Bei gleicher Qualifikation bekommen sie im Schnitt fast ein Drittel weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen. Müssen sie aufgrund einer Schwangerschaft einige Zeit aussetzen, werden sie häufig wieder in die unterste Lohngruppe zurückgesetzt. Doch die Tatsache, dass Millionen Frauen einer Arbeit nachgehen, hat das traditionelle Frauenbild in Bangladesch verändert. Noch für ihre Mütter war es undenkbar, außerhalb des Hauses zu arbeiten, ein eigenes Einkommen zu erzielen und über die Verwendung von Geld mitzubestimmen.

Arbeitsbedingungen bei Produzenten für den deutschen Markt

Es ist nicht einfach, die Arbeitsbedingungen in den Fabriken zu überprüfen, die für den deutschen Markt herstellen. Die Unternehmen aus Deutschland produzieren in Bangladesch nicht selbst, sondern vergeben Aufträge an Fabriken dort. Sie wollen die Namen ihrer Zulieferer nicht preisgeben. Arbeiterinnen einer Zulieferfabrik droht der Rauswurf, wenn sie mit Journalisten sprechen. Die internationale „Kampagne für ‚Saubere’ Kleidung“ hat Ende 2007 zusammen mit vier Trägerorganisationen (Inkota, Terre des Femmes, ver.di und NETZ) eine Studie über die Arbeitsbedingungen in Fabriken erstellen lassen, die für die deutschen Discounter Lidl und KiK nähen. Die mit der Studie beauftragte Organisation konnte die Fabriken nur anhand der Etiketten ausfindig machen, die die Arbeiterinnen in die Kleidung einnähen. Für die Studie interviewten sie 105 Arbeiterinnen und Arbeiter aus sechs Zulieferbetrieben. Die Ergebnisse zeigen ganz klar: Kleidung, die es bei Lidl oder KiK zu kaufen gibt, ist alles andere als sauber. Einziger Lichtblick: Kinderarbeit konnte den Fabriken nicht nachgewiesen werden. Doch gibt es bei keinem der sechs Zulieferern eine Gewerkschaft oder einen Betriebsrat. Die meisten Frauen machen täglich unfreiwillig Überstunden und arbeiten bis spät in die Nacht. Wer keine Überstunden leistet, fliegt raus. Die Lohnabrechnung ist bei allen sechs untersuchten Firmen nicht transparent, und es wird spät bezahlt. Wer krank, ist verliert seinen Job. Die Aufseher diskriminieren die Frauen, beschimpfen oder schlagen sie auch.

Eine typisches Beispiel für eine Arbeiterin, die für die Studie befragt wurde, ist die Geschichte der 19-jährigen Rekha. Sie näht T-Shirts für Deutschland. Seit drei Jahren arbeitet sie in der Textilindustrie. Sie kommt aus einer armen Familie aus dem Süden Bangladeschs. Als sie in der 7. Klasse war, wurde ihr Vater krank. Als ältestes der sechs Geschwister musste sie helfen, die Familie zu versorgen. An Schule war nicht mehr zu denken. Nun geht sie jeden Tag eine Stunde zur Fuß zur Fabrik. Anfangs, als ungelernte Kraft, verdiente sie rund 9 Euro im Monat, heute als Näherin sind es 18 Euro. Ihren Lohn erhält sie immer erst einen Monat nach vollbrachter Arbeit. Rekha verlässt die Fabrik nie nach acht Stunden. Sie darf dann gehen, wenn sie das vorgegebene Arbeitspensum erfüllt hat. Oft arbeitet sie die ganze Nacht – dafür erhält sie von der Fabrik eine Banane und etwas Brot im Wert von zwei Euro-Cent. Die Fabrikbesitzer beschäftigen am liebsten unverheiratete Mädchen wie sie, denn die kann man einfacher zwingen, abends in der Fabrik zu bleiben. „Ich werde in der Fabrik immer gedemütigt und erniedrigt,“ sagt Rekha „wir Arbeiterinnen werden bei jeder Gelegenheit beschimpft, gequält, fertig gemacht.“ Die Aufseher drohen ihnen ständig mit Lohnabzug oder dem Rauswurf. Genügend andere Frauen stehen ja bereit. Rekha berichtet, dass sie öfters ohnmächtig wird, weil es so stickig in der Fabrik ist. Sie wünscht sich eine Gewerkschaft für die Arbeiterinnen, aber wer einmal protestiert, dem wird sofort gekündigt, weiß sie zu erzählen. „Ich verbringe die meiste Zeit meines Lebens in der Fabrik, ich habe keine Zeit für mich selber, für meinen kranken Vater und für meine Familie,“ fügt sie hinzu.

Wer bezahlt den Preis für unsere Kleidung?

Ein T-Shirt, wie Rekha es näht, ist in deutschen Geschäften für wenige Euro zu haben, zum Beispiel bei KiK oder Lidl. KiK, der größte deutsche Textildiscounter, hat im Jahr 2006 1,27 Milliarden Euro Umsatz gemacht, 2,4 Prozent mehr als im Jahr davor. KiK will jedes Jahr 300 neue Filialen eröffnen, inzwischen gibt es mehr als 2.000 allein in Deutschland. Ein T-Shirt für 1,99 Euro – das geht nur auf dem Rücken anderer. In Deutschland beutet KiK Aushilfen mit Stundenlöhnen unter 5 Euro aus, Filialleiter verdienen einen Mindestlohn von 750 Euro. Azubis ersetzen das Putzpersonal. Doch am Ende der Produktionskette sitzt Rekha. Die Hälfte des Preises eines T-Shirts deckt die Kosten und den Umsatz des deutschen Einzelhandels. Und was kommt bei Rekha in Bangladesch an? In der Regel nicht mehr als ein Prozent dessen, was wir am Ladentisch bezahlen.

Patrizia Heidegger hat 2006/2007 einen einjährigen Freiwilligendienst mit NETZ in Bangladesch gemacht. Dieser Artikel wurde erstmals in „Lunapark 21. Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie“ (Heft 3/2008) veröffentlicht.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 4/2008 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Kleider machen Leute - Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.