Soziale Verantwortung entwickelt sich

Die aufrüttelnde Wirkung des Rana-Plaza-Skandals

von Josef Weidenholzer

(NETZ 1/2015) Mein Erstkontakt mit Bangladesch hatte nur indirekt mit Politik zu tun. Es war das berühmte Benefizkonzert von George Harrison 1971 im Madison Square Garden. Bangladesch war ein damals niemandem geläufiger Name für das gerade unabhängig gewordene Ostpakistan. Das Land litt unter den Folgen des Unabhängigkeitskrieges und galt als das ärmste Land der Welt. Ein Land ohne Hoffnung, in dem die Menschen verhungerten. Daran musste ich denken, als ich im Februar 2015 mit einer Delegation des EU-Parlaments zum ersten Mal nach Bangladesch kam.

Unser Anliegen war, einen Überblick über die Situation der Menschenrechte zu erhalten. Zu deren Einhaltung hat sich Bangladesch durch den Beitritt zu internationalen Konventionen sowie in Vereinbarungen mit der EU verpflichtet. Besonders wichtig für uns war die Situation der Arbeiterinnen in der Textilindustrie.

Alle wichtigen europäischen Marken lassen hier produzieren, wegen dem vergleichsweise niedrigen Lohnniveau und den laxen Schutzbestimmungen. Der Handel mit Europa macht mehr als 10 % des Bruttoinlandprodukts aus. Die europäischen Konsumenten, in ihrem neurotischen Verhalten der permanenten Schnäppchenjagd, hatten wenig Zeit und Lust nach den Umständen der Herstellung zu fragen. Bis zur Tragödie von Rana Plaza, als über tausend Menschen während ihrer Arbeit sterben mussten, weil ein ohne Rücksicht auf Sicherheitsvorschriften errichtetes Fabrikgebäude einstürzte. Der Rana-Plaza-Skandal rüttelte die Menschen auf. Aus Sorge darüber, dass die Märkte einbrechen könnten, erklärten sich im Rahmen der unabhängigen Vereinbarung Accord die Textilproduzenten bereit, gemeinsam mit den großen internationalen Handelsfirmen und unterstützt von der 13 Obwohl der Anteil Arbeiterinnen in der Textilindustrie bei 85 % liegt, haben Frauen selten Führungspositionen inne. 13 EU, menschenwürdige Standards zu erarbeiten. Außerdem finanziert die Europäische Union einige Bildungsprojekte um die Kinderarbeit zu bekämpfen. Obwohl der Prozess noch sehr jung ist, zeigen sich erste Erfolge.

Endlich Kollektivverträge

Die sicherheitstechnischen Bedingungen konnten vielerorts verbessert werden. Besonders schlechte Betriebe wurden bereits stillgelegt. Bis zum nächsten Jahr wird es möglich sein, auszuschließen, dass in den beteiligten Betrieben derartige Vorkommnisse wieder passieren. Zögerlich beginnen die Firmen auch Kollektivverträge abzuschließen. Unter dem Druck der europäischen Märkte beginnen sich eine bisher nicht vorhandene Verhandlungskultur und ein Bewusstsein sozialer Verantwortung zu entwickeln. Dazu hat auch wesentlich Mohammed Yunus beigetragen, dem 2006 der Friedensnobelpreis verliehen wurde. Ich lernte den Gründer der Grameen Bank, einem Kreditinstitut, das Mikrokredite an arme Menschen ohne finanzielle Sicherheit vergibt, bei einem Abendessen kennen. Yunus ist Optimist, ein unverbes- serlicher. Er kann Menschen damit anstecken. Und es waren solche Menschen, die das Land in die Gewinnerzone brachten.

Grausame Polit-Duelle zerstören Aufschwung

Bangladesch könnte zu einem Erfolgsmodell werden. Das Investmentbanking-Unternehmen Goldman-Sachs reihte das Land sogar unter die "Next 11" ein, die das Potential haben, zu den führenden Wirtschaftsnationen des 21. Jahrhunderts zu zählen. Das große Problem des Landes ist neben der weitverbreiteten Korruption eine geradezu bizarre Polarisierung des politischen Lebens. Zwei Parteien, besser gesagt zwei Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber. Seit Jahresbeginn spitzt sich die Lage dramatisch zu. Die Hoffnung vieler Menschen in Bangladesch liegt darin, dass Hilfe von außen diese Blockade überwinden kann. Die EU und die UN stehen in der Erwartungspyramide für das Zustandekommen einer Vermittlungsaktion ganz oben. Es sollte uns auf jeden Fall nicht gleichgültig lassen, was in diesem Land passiert. Viel- leicht sollten wir auf George Harrison hören, als er damals sang: "Obwohl es so weit weg von uns scheint, (...) will ich euch sagen hören: Helft den Menschen aus Bangladesch."

Josef Weidenholzer ist für die Sozialdemokratische Partei Österreichs Mitglied des Europäischen Parlaments.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 1/2015 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Flickenteppich Textilindustrie. Zwei Jahre nach Rana Plaza passt vieles nicht zusammen". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

EU-Parlament verabschiedet Resolution

Das Europäische Parlament hat am 29. April 2015 zum zweiten Jahres- tag des Einsturzes des Rana-Plaza-Gebäudes eindeutig Stellung zum Arbeitnehmerschutz bezogen. In einer Resolution verlangen die Mitglieder des Parlaments von der EU-Kommission, rechtsverbindliche Vorschläge zur Einhaltung der Sorgfaltspflichten bezüglich der Menschen- rechte zu entwickeln. Innerhalb der Lieferketten von europäischen Unternehmen sollen Verstöße ermittelt und verhindert werden können. Eine Voraussetzung dafür ist, dass sämtliche Lieferantendaten verbindlich bereitgestellt werden müssen, um Zugang zum EU-Markt zu bekommen. Von Europäischer Kommission, Europarat und den EU-Mitgliedstaaten wird verlangt, einen Gesetzesvorschlag zu erarbeiten, der die Einführung verbindlicher und durchsetzbarer Mechanismen festlegt, die soziale Verantwortung von Unternehmen in Europa und auch in ihren Niederlassungen in außereuropäischen Ländern garantiert. Die Einhaltung sozialer Standards, Arbeits- und auch Umweltnormen sollen so innerhalb der gesamten Lieferkette europäischer Unternehmen garantiert werden.

Text: Kai Fritze