Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen

von Philipp Kappestein

Shahida Sarker ist Vorsitzende der National Garments Workers Federation, eine der größten Gewerkschaften im Textilsektor in Bangladesch. Sie kennt die aktuellen Sorgen der Arbeiterinnen genau:

„Als ich 1994 anfing, in der Textilindustrie zu arbeiten, verdiente ich nur sieben Euro im Monat. Meine Arbeit begann morgens um acht Uhr und endete erst gegen zehn Uhr am Abend. Als mein Arbeitgeber fragte, ob ich auch noch die Nachtschicht arbeiten könnte, lehnte ich ab. Es gab viele Kolleginnen, die von acht Uhr morgens bis um drei Uhr nachts arbeiteten. Viele Leute litten daher unter Schlafstörungen. Manche Arbeiterinnen schliefen fast gar nicht mehr und waren den ganzen Tag übermüdet. Die Besitzer der Fabrik setzten uns immer wieder unter Druck, noch schneller zu arbeiten. Das war menschenunwürdig.

Die Löhne in der Textilindustrie sind in den letzten Jahren kaum gestiegen. Gleichzeitig sind aber die Preise, vor allem für Lebensmittel, rapide gestiegen. Gerade für uns Frauen war es immer sehr wichtig, etwas von unserem Lohn beiseite legen zu können und zu sparen. Jetzt ist dies aufgrund der niedrigen Löhne und hohen Preise für die meisten nicht mehr möglich. Viele Familien sind sogar dazu gezwungen, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen.

Sobald es darum geht, sich gewerkschaftlich zu organisieren, wird dies durch die Fabrikbesitzer systematisch unterdrückt. Die Organisation in Gewerkschaften ist bis heute eine Sache, die im Geheimen passiert. Die Beschäftigten in der bangladeschischen Textilindustrie haben Angst vor Repressionen.

Ich denke, dass ein großer Teil des Problems und dessen Lösung außerhalb von Bangladesch zu suchen ist. Die Unternehmen in den Industriestaaten, die die Kleidung von Textilfabriken in Bangladesch kaufen, müssen sich mehr für die Arbeitsbedingungen in unseren Fabriken interessieren und sich für die Einhaltung von Sozialstandards einsetzen. Darüber hinaus ist es sehr wichtig, dass die Konsumenten in den Industriestaaten über die Arbeitsbedingungen in unserem Land Bescheid wissen. So kann Druck aufgebaut werden, um die Unternehmer in den Industriestaaten und in Bangladesch dazu zu bewegen, bessere und menschenwürdigere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Erfolge in der Vergangenheit haben gezeigt, dass dies wirklich möglich ist.“

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 4/2008 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Kleider machen Leute - Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.