Vom Schmuddelkind
zum Musterknaben?

Eine Zwischenbilanz der Tchibo-Kamapgne

Von Heiko Herold

Im Februar 2005 publizierte die „Kampagne für ‚Saubere’ Kleidung“ eine Broschüre über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben des Tchibo-Konzerns in Bangladesch. Das war der Auftakt für eine mehrmonatige, öffentlichkeitswirksame Kampagne mit dem Ziel, das Unternehmen hinsichtlich seiner globalen Sozialverantwortung in die Pflicht zu nehmen. Die Kampagne war erfolgreich: Tchibo nimmt inzwischen das Thema sehr ernst und hat einige Anstrengungen unternommen. Allerdings muss auch festgestellt werden: Die Arbeitsbedingungen der Näherinnen haben sich bisher noch nicht verbessert.

Seit über 18 Jahren engagiert sich die „Kampagne für ‚Saubere’ Kleidung“ („Clean Clothes Campaign“, CCC), ein multinationales Netzwerk aus Hunderten Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen, kirchlichen und anderen Gruppen, für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und verantwortliches Handeln in der globalen Textilindustrie. Durch öffentlichen Druck, Verhandlungen mit Unternehmen und die Unterstützung von Angestellten in der Textilindustrie und ihren Organisationen will sie die großen transnationalen Konzerne dazu bewegen, weltweit verbindliche Sozialstandards einzuhalten. Grundlage hierfür sind die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation und die fundamentalen Arbeitsrechte des Internationalen Bundes freier Gewerkschaften. Kaufboykotte lehnt die CCC ausdrücklich ab, weil diese letztlich nur dazu führen, dass Arbeitsplätze bei den Zulieferbetetrieben verloren gehen und in andere Länder verlagert werden, ohne dass sich sonst viel ändert.

Einer der Großkonzerne, der sich über Jahrzehnte kaum um die Arbeitsbedingungen in seinen Zulieferbetrieben gekümmert hat, ist Tchibo. Das Unternehmen ist einer der größten Kaffeeproduzenten der Welt, erzielt inzwischen jedoch fast drei Viertel seines Umsatzes und mehr als achtzig Prozent seines Gewinns mit Konsumgütern im so genannten Non-Food-Bereich. Zum Kerngeschäft zählt der Handel mit Textilprodukten der Eigenmarke TCM, die überwiegend in Asien, vor allem in Bangladesch, China und Thailand, sowie in der Türkei hergestellt werden. Mit dem erklärten Ziel, die gleichgültige Haltung des Konzerns zu den schlechten Arbeitsbedingungen in seinen Zulieferbetrieben zu ändern, bildete sich in 2003 eine von der CCC koordinierte „Tchibo-Arbeitsgruppe“, der Vertreter von Terre des Femmes, Inkota und NETZ sowie den Gewerkschaften ver.di und IG Metall angehörten.

Zunächst gab die Arbeitsgruppe eine Studie in Auftrag, um die Arbeitsbedingungen in bangladeschischen Textilfabriken zu untersuchen, welche für Tchibo produzierten. Im Frühsommer 2004 wurden hierfür zahlreiche Arbeiterinnen, Fabrikbesitzer und Gewerkschafter interviewt. Die Ergebnisse der Studie waren erschütternd und bestätigten die schlimmsten Befürchtungen der CCC: Kein Arbeitsvertrag, Niedrigstlohn, 80- bis 100-Stunden-Woche, unbezahlte Überstunden, drakonische Strafen für Fehlzeiten oder Fehler bei der Arbeit, sexuelle Belästigung, reglementierte Toilettengänge, unmenschliche Arbeitsplatzbedingungen in überfüllten, heißen und staubigen Fabriken – all das gehört zum Arbeitsalltag von Arbeiterinnen, die in Bangladesch für Tchibo Kleidungsstücke nähen.

Ein Fall erregte besondere Aufmerksamkeit: Anfang August 2003 waren rund vierzig Arbeiterinnen und Arbeiter der Fabrik Urmi Garments, einem langjährigen Zulieferbetrieb von Tchibo, nach stundenlangen Verhören wegen Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft fristlos entlassen worden. Die gesetzlich vorgeschriebene Abfindung in Höhe von drei Monatslöhnen erhielten sie nicht. Ihnen wurde lediglich die Auszahlung ihres Restlohnes zugesagt. Fast alle Betroffenen akzeptierten diese schlechten Kündigungsbedingungen. Drei junge Frauen jedoch, Mahfuza, Morzina und Munni, setzten sich dagegen zur Wehr und zogen, unterstützt von ihrer Gewerkschaft, vor Gericht.

Nach einem ersten Gespräch im September informierte die CCC den Tchibo-Vorstand im Oktober 2004 über den Fall Urmi Garments. Gleichzeitig kritisierte sie den Verhaltenskodex des Konzerns für Zulieferer, der in vielen Punkten nicht den globalen Vereinbarungen zur Sicherung sozialer Mindeststandards entsprach. Die Vertreter der Kampagne forderten ein systematisches Monitoring und eine externe Überprüfung der Fabriken durch ein unabhängiges Gremium, dem auch Vertreter lokaler Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen angehören sollten. Die Konzernleitung reagierte unwirsch: Sie wies jegliche Verantwortung für die Firma Urmi Garments von sich, bestritt sogar, dass Tchibo dort in 2003 noch produziert habe, was den Aussagen der drei Arbeiterinnen widersprach, und drohte der CCC mit rechtlichen Schritten.

Nun ging die Arbeitsgruppe mit ihren Informationen an die Öffentlichkeit. Aktionsgruppen und individuelle Unterstützer der CCC schickten zahlreiche Protestmails und Protestpostkarten an den Tchibo-Vorstand, verteilten deutschlandweit Flugblätter über den Fall Urmi Garments und inszenierten Straßentheater in verschiedenen Städten. Im Dezember 2004 unterrichtete die Kampagnenleitung den Betriebsrat von Tchibo über die Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen in den Zulieferbetrieben. Kurz darauf brach die Konzernleitung die Gespräche mit der Arbeitsgruppe ab.

Ende Januar 2005 wiederholte die CCC ihre Kritik und ihre Forderungen in einem offenen Brief an Tchibo. Wenige Tage später publizierte sie die Ergebnisse der Studie aus dem Vorjahr in einer Broschüre mit dem Titel „Tchibo – jede Woche eine neue Welt? Nicht für die TextilarbeiterInnen in Bangladesch!“, in der auch ausführlich über den Fall Urmi Garments berichtet wurde. Der zunehmende öffentliche Druck zeigte Wirkung: Im April stellte der Konzern eine Referentin für „Corporate Social Affairs“ (Anm. d. Red.: soziale Unternehmensverantwortung) ein, die rasch Bereitschaft zur Wiederaufnahme des Dialogs mit der CCC signalisierte. Zu mehr jedoch war Tchibo zu diesem Zeitpunkt nicht bereit.

Deshalb erhöhte die CCC den öffentlichen Druck auf das Unternehmen und machte im Oktober soziale Missstände in dessen Zulieferbetrieb Basic Apparels publik. Dabei handelte es sich bewusst um eine Fabrik, die nicht zu den schlimmsten zählte, sondern für bangladeschische Verhältnisse relativ gut ausgestattet war. Obwohl sie sich in österreichischem Besitz befand, kam es dort zu zahlreichen schwerwiegenden Arbeitsrechtsverletzungen. Darüber berichteten unter anderem zwei Arbeiterinnen, Rina Begum und Shahida Sarker, die, wie viele andere, wegen Gewerkschaftszugehörigkeit von Basic Apparels entlassen worden waren. Die CCC lud die beiden Frauen nach Europa ein und organisierte für sie eine Rundreise durch mehrere Städte in Deutschland und Österreich. In diesem Rahmen besuchten sie auch die Konzernzentrale von Tchibo in Hamburg und führten dort ein Gespräch mit dem Betriebsrat. Zusätzlich verstärkt wurde der öffentliche Druck auf die Unternehmensleitung, als Mitte Oktober die Fernsehmagazine Monitor in Deutschland und Weltjournal in Österreich über die desolaten Arbeitsbedingungen bei Basic Apparels und anderen Zulieferbetrieben berichteten.

Nun begann ein Umdenken bei Tchibo. Immerhin stand der gute Ruf des Unternehmens auf dem Spiel, zumal die CCC kontinuierlich weitere Fälle von Arbeitsrechtsverletzungen in Zulieferbetrieben publik machte. Ende 2005 engagierte die Konzernleitung einen Experten für gesellschaftliche Unternehmensverantwortung als externen Berater. Dieser riet Tchibo zu einem Kurswechsel: Anstatt die Arbeitsrechtsverletzungen weiter zu leugnen, sollten die Zulieferer fortan bei der Umsetzung von Sozialstandards unterstützt werden. Seine Strategie überzeugte den Tchibo-Vorstand, jedenfalls begann der Konzern Ende 2005 tatsächlich, seine globale Sozialverantwortung ernst zu nehmen und in einen ernsthaften Dialog mit der CCC einzutreten.

Den Worten folgten rasch auch Taten: Anfang 2006 reiste eine Tchibo-Delegation nach Bangladesch und einigte sich mit der im Fall Basic Apparels zuständigen Gewerkschaft, dass die entlassenen Angestellten wahlweise eine Entschädigung in Höhe von sechs Monatsgehältern erhalten oder in der Fabrik wieder eingestellt werden sollten. Fast alle Betroffenen entschieden sich für die Entschädigung, welche Ende Februar ausbezahlt wurde. Anschließend begann Tchibo in Abstimmung mit der CCC seinen Verhaltenskodex für Zulieferer den globalen Vereinbarungen zur Sicherung sozialer Mindeststandards anzupassen. Parallel dazu etablierte der Konzern eine Abteilung für „Corporate Responsibility“ (Anm. d. Red.: Unternehmensverantwortung), die direkt an den Vorstandsvorsitzenden berichtet. Seitdem unternimmt der Konzern zahlreiche Aktivitäten mit dem erklärten Ziel, eine effektive Verbesserung der Arbeitsbedingungen bei seinen Zulieferern zu erreichen.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren führte Tchibo weltweit Hunderte interner Überprüfungen der Sozialstandards in seinen Zulieferbetrieben durch, die weitere Missstände aufdeckten. Zudem entwickelte der Konzern Schulungsprogramme für Arbeiterinnen und Fabrikbesitzer, die in ausgewählten Betrieben, darunter auch Basic Apparels, getestet wurden. Vor kurzem hat Tchibo ein auf zwei Jahre befristetes Pilotprojekt mit dem Titel „Worldwide Enhancement of Social Quality“ (Anm. d. Red.: Projekt für eine wirksamere Umsetzung von Sozialstandards) begonnen, das der Konzern in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und mit finanzieller Unterstützung des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) durchführt. Daran nehmen insgesamt vierzig Zulieferer in Bangladesch, China und Thailand teil. Ziel des Projektes ist eine Verbesserung der Sozialstandards in den Betrieben durch themenspezifische Trainings der Fabrikleiter und der Arbeiterinnen etwa in den Bereichen Arbeits- und Gesundheitsschutz, Entlohnung, Gewerkschafts- und Tarifverhandlungsfreiheit, Arbeitszeiten, Kinderarbeit und Nicht-Diskriminierung. In diesen Prozess werden auch Vertreter von lokalen Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften einbezogen. Kritisch anzumerken ist jedoch, dass die Arbeitnehmervertreter nicht frei gewählt, sondern von der Fabrikleitung ernannt wurden. Es bleibt abzuwarten, ob diese Trainings dazu führen, dass sich die Arbeiterinnen frei organisieren und für ihre eigenen Interessen selber einsetzen können.

Heiko Herold ist Historiker und Publizist mit den Schwerpunkten Balkan, Süd- und Ostasien. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich vor allem mit Entwicklungs- und Sicherheitspolitik in historischer und gegenwärtiger Perspektive.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 4/2008 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Kleider machen Leute - Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.