Ein Jahr danach

Begegnungen in Bangladesch

In den vergangenen zwölf Monaten war von Bangladesch immer wieder in den Medien zu lesen. Der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza mit insgesamt 1.130 Toten und rund 1.500 Verletzten am 24. April 2013 löste weltweites Mitgefühl aus. Heftig wurde über die Arbeitsbedingungen debattiert, internationale Konzerne standen für ihre Geschäftspolitik am Pranger.

Diese Diskussionen dürfen aber auch dann nicht abebben, wenn der Fokus der Berichterstattung sich verschiebt und die Erregung über Bangladesch aus dem Blickfeld verschwindet.

Der Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Deutschen Bundestag (AwZ) hat zum ersten Jahrestag der Katastrophe eine Reise unternommen um sich ein Bild von den Zuständen vor Ort zu machen. Die interfraktionelle Delegation besuchte Textilfabriken, eine Gerberei, Krankenhäuser und kam - vor allen Dingen - mit Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeitern sowie Geschädigten ins Gespräch.

Ein erstes Fazit ist, dass sich die Gesamtsituation und die Arbeitsbedingungen kaum gebessert haben, wie die Ausschussvorsitzende Dagmar Wöhrl (CDU) in einer Pressemitteilung im Anschluss an die Reise verlautbaren ließ. Dem muss ich mich - leider! - anschließen.

Andererseits hat sich, insbesondere was die Gründung und Entwicklung von Gewerkschaften angeht, eine Menge getan. Das macht Hoffnung, auch wenn es jetzt weiter gehen muss, damit deren Forderungen nach innen und nach außen auch umgesetzt werden können. Schockierend aktuell war für uns der Inhalt einer Reuters-Meldung in den Tagen dort. Ein Geschäftsführer von H&M, der ein Jahr zuvor unter dem Eindruck der Katastrophe öffentlich bessere Arbeitsbedingungen gefordert hatte, wurde nun mit den Worten zitiert: "Wenn es so weiter geht, müssen wir über eine Abwanderung nach Afrika nachdenken." Das bestätigt natürlich die Vorurteile gegenüber den Konzernen und ist leider ein Negativbeispiel. So sollten wir uns gerade nicht verhalten. Verbesserte Arbeitsbedingungen haben ihren Preis.

Gesichter der Katastrophe
Einige persönliche Eindrücke unsere Reise mögen das illustrieren:
Wir begegnen einigen Familien, die bis heute Tag für Tag in die Registrationsstelle in Dhaka strömen, weil sie bisher nicht entschädigt worden sind. Entweder hatten sie zu spät davon gehört, oder es im täglichen Kampf ums Dasein nicht geschafft, oder der Stelle war das Geld ausgegangen. Dabei haben sie als Betroffene oder als Angehörige einen Anspruch auf Kompensation, die der Staat zur Verfügung stellt, auch wenn es nur ein Tropfen auf dem berühmten heißen Stein ist.

Wir bekommen die Gelegenheit den Ort der Katastrophe zu besuchen, legen am Jahrestag Blumen ab und beten. Und die Vorstellung nimmt uns den Atem: unter den Trümmern klebt immer noch das Blut der Hauptleidtragenden dieser - wie manche sagen - kalkulierten Tragödie. Bewegend bleibt mir die Begegnung mit einem der Polizisten, der ein Jahr zuvor als einer der ersten am Unfallort eingetroffen war. Der Schock über das Geschehen ist ihm bis heute im Gesicht und der Stimme abzuspüren. Wir treffen Versehrte, die Arme, Beine, oder beides verloren haben.

Wir treffen Arbeiter, die Stunden und Tage unter den Trümmern verschüttet waren. Einer, immer noch seelisch gezeichnet, feiert an unserem Besuchstag ein "Jubiläum", auf den Tag genau ein Jahr vorher fand ihn ein Rettungsteam, fünf Tage nach Rana Plaza.

Wir sind erschüttert. Und zugleich beeindruckt, wie sich einzelne Menschen und Organisationen wie das Krankenhaus und die Therapieeinrichtung, die wir besuchen, für die Schwerst-Gebeutelten einsetzen und konstruktive Hilfe leisten. Wir treffen auf Hilfen, die Deutschland an wichtigen Stellen einbringt, konzeptionell und wirtschaftlich. Entscheidende Hilfen, auch wenn immer noch Bedarf für eine Erweiterung besteht.

Aktuelle Bedingungen
Nein, natürlich dürfen wir die Industrie in Bangladesch nicht mit westlichen Sicherheitsstandards vergleichen. Und, "Ja", wir haben gute Signale wahrgenommen, sowohl was kleine Fortschritte in der politischen Wahrnehmung angeht, als auch was konkrete Veränderungen betrifft, etwa den Bau von Kläranlagen oder die erwähnte Gründung von Gewerkschaften. Allerdings kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier noch ein gewaltig großes Stück Weg vor dem Land liegt.

Aber unsere politischen Begegnungen und Gespräche sowohl mit der Premierministerin als auch mit Parlamentsangehörigen von Regierung und Opposition machten auf geradezu demütigende Weise deutlich: Die Bedingungen der Textilarbeiter ist nur eine von vielen gravierenden Schwierigkeiten, denen sich Bangladesch zu stellen hat. Und zudem: vieles bleibt offensichtlich in den Charaden der Macht und den Gewohnheiten der Politik auf der Strecke.

Und auch vor uns, den Konsumenten und Politikern westlicher Staaten. Als latente Mit-Verursacher stehen wir in der Pflicht. Ein Hoffnungszeichen: Am Tag unseres Rückfluges fand in Deutschland die erste Runde der von Minister Gerd Müller initiierten Gespräche zu einem Siegel im Textilbereich statt. Ob das nötig sein wird, liegt am zukünftigen Verhalten der Konzerne. Besser als ein Siegel wäre, die Konzerne würden verbindliche und überprüfbare Selbstverpflichtungen eingehen. Dennoch verbinde ich große Hoffnungen mit diesem Prozess. Hoffnung für die Menschen, die es verdienen, unter guten Bedingungen zu arbeiten und ihre Familien zu versorgen.

Der Autor:
Als Mitglied des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung des Bundestages war Frank Heinrich Ende vom 26. bis zum 30. April 2014 in Bangladesch. Unter anderem besuchte er dort die Einsturzstelle der Textilfabrik im Rana-Plaza-Gebäude, sprach mit Überlebenden der Katastrophe und führte Gespräche mit Premierministerin Sheikh Hasina sowie Vorsitzenden der BNP, Khaleda Zia.