Die Nachwirkung der Katastrophe

Intiativen und Nachhaltigkeit im Textilsektor

von Famida Khatun

Die 20-jährige Rehana Akter verlor ein Bein durch den Fabrikeinsturz

(NETZ 1/2015) Die Katastrophe, die sich am 24. April 2015 nur wenige Kilometer von der Hauptstadt Dhaka entfernt in einem Vorort ereignet hat, hat ein globales Ausmaß angenommen. Obwohl unsichere Arbeitsbedingungen ein Problem in vielen Entwicklungsländern sind, hat Rana Plaza weltweite Aufmerksamkeit bekommen. Das liegt nicht nur an dem enormen Ausmaß des Ereignisses, es liegt auch an den globalen Verbindungen. In dem Rana-Plaza-Gebäude, in dem fünf Textilfabriken angesiedelt waren, wurde Kleidung für nordamerikanische und europäische Markenfirmen und Vertriebe hergestellt. So wurde der Einsturz zum Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit, da die Beteiligten sowohl in Bangladesch als auch weltweit zu finden waren. Die Fabrikbesitzer, die Regierung, die Einkäufer, Arbeiterinnen und die Konsumenten sind alle Teil der Wertschöpfungskette dieses Industriezweiges – sie haben unterschiedliche Forderungen an die Industrie, verfolgen aber Interessen, die aus dem gleichen Garn gestrickt sind.

Zwei Jahre später hat die Textilindustrie einige positive Veränderungen erfahren – paradox, dass dafür mehr als 1.100 Menschenleben und 2.400 verletzte Seelen und Körper notwendig waren. Nach dem Unglück wurde das Arbeitsrecht Bangladeschs geändert: Das Gewerkschaftsrecht in den Fabriken wurde anerkannt. Um die Gehälter denen vergleichbarer Länder anzupassen und den Näherinnen ein besseres Leben zu ermöglichen, wurde der Mindestlohn im November 2013 auf umgerechnet 62 Euro angehoben. Die letzte Anpassung fand vorher 2010 auf umgerechnet 35 Euro statt.

Der Nationale Aktionsplan zum Brandschutz, zur elektrischen Sicherheit und zur körperlichen Unversehrtheit in der Textilindustrie wurde von der Regierung aufgesetzt und wird von der Internationalen Arbeitsorganisation ILO unterstützt. Andere Initiativen, beispielsweise die Allianz für Arbeitersicherheit, der Käufer und Vertriebe aus Nordamerika und verschiedene globale Firmen angehören, sowie Vertriebe europäischer Märkte, die dem Bangladesch Accord, einem fünf Jahre gültigen Abkommen, angehören, haben an der Brandschutz-, Gebäude- und Arbeitsplatzsicherheit gearbeitet.

Die Allianz hat Inspektionen von allen 700 Fabriken vorgenommen, aus denen ihre Mitglieder ihre Textilien beziehen, während der Accord alle 1.619 Fabriken inspiziert hat, in denen Einkäufer aus der Europäischen Union ihre Kleidung beziehen. Der Aktionsplan sieht ebenfalls Inspektionen von 1.300 Fabriken vor. Darüber hinaus hat der Arbeitgeberverband BGMEA Schulungen für Arbeiterinnen und Management der Fabriken arrangiert, die das Verhältnis zwischen beiden Parteien und die Einhaltung von Arbeitnehmerrechten verbessern sollen. Diese Initiativen benötigen zwar Investitionen, doch werden sich diese durch die mittel- und langfristigen Verbesserungen und den Beitrag zur Nachhaltigkeit des Textilsektors rentieren. Sie sind notwendig, um das Wachstum des Wirtschaftszweiges zu gewährleisten und in Zukunft die Exporte zu steigern, mehr Arbeitsplätze zu schaffen und so zu mehr Wachstum zu führen. Da Bangladesch darauf abzielt, bis 2021 Exporteinnahmen in Höhe von umgerechnet 46 Milliarden Euro einzunehmen, sind Reformen unabdingbar.

Kann seit dem Fabrikeinsturz nicht mehr arbeiten: die 16-jährige Yeanur Akter

Diese Initiativen benötigen zwar Investitionen, doch werden sich diese durch die mittel- und langfristigen Verbesserungen und den Beitrag zur Nachhaltigkeit des Textilsektors rentieren. Sie sind notwendig, um das Wachstum des Wirtschaftszweiges zu gewährleisten und in Zukunft die Exporte zu steigern, mehr Arbeitsplätze zu schaffen und so zu mehr Wachstum zu führen. Da Bangladesch darauf abzielt, bis 2021 Exporteinnahmen in Höhe von umgerechnet 46 Milliarden Euro einzunehmen, sind Reformen unabdingbar. Die Kosten für die Rana-Plaza-Katastrophe können hingegen nicht aufsummiert werden: die verlorenen Leben, die Menschen, die nicht mehr arbeiten können, die Familien, die horrende Kosten für die ärztliche Versorgung Verwundeter und für Kinder, die niemals eine Schule besuchen werden können, stemmen müssen. Keine Geldsumme kann diese Verluste ersetzen. Ökonomen neigen dazu, alle Dinge zu quantifizieren und in Geldwerten auszudrücken. Sie schätzen sogar den Wert von Leben ein – natürlich nur im statistischen Sinne. Trotzdem: Emotionen, Gefühle, Schmerz, mentale Agonie und Ähnliches können nicht gemessen werden.

Die Einnahmeausfälle und Ausgaben für medizinische Behandlungen machen eigentlich nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Verluste aus. Die ILO hat berechnet, dass dafür umgerechnet 27 Millionen Euro nötig sind und hat zu diesem Zweck den Rana-Plaza-Gebertreuhandfonds eingerichtet. Diese Berechnung unterschätzt eindeutig die tatsächlichen Kosten. Natürlich ist es ratsam, dass die Mittel für die Entschädigung der Opfer von verschiedenen Quellen kommen sollten: Regierung, nationale Textilunternehmer, Einkäufer, Spender. Bis jetzt haben internationale Unternehmen jedoch nicht die angemessene Summe in den Fonds eingebracht, um die errechneten 27 Millionen Euro erreichen zu können.

Während die Initiativen nach der Rana-Plaza-Katastrophe vielversprechend waren, muss nun über die Nachhaltigkeit dieser Programme und ihrer Ergebnisse nachgedacht werden. Wie lange werden Accord, die Allianz und andere an der Gebäude- und Arbeitnehmersicherheit weiterarbeiten? Sind die Regierungsbehörden in Zukunft bereit, Verantwortung für solche Katastrophen zu übernehmen? Werden die Branchenführer auch in Zukunft zu einem Umdenken bereit sein? Werden internationale Firmen künftig beim Einkauf ihrer unternehmensethischen Verantwortung gerecht? Können die Näherinnen die Chance nutzen, sich zu organisieren, um ihre Ansprüche national und international besser zu artikulieren? Abschließend und am wichtigsten: Werden diese Initiativen substanziell positive Veränderungen im Leben der Näherinnen bringen? Dieses sind die Fragen, die im Angesicht des zweiten Jahrestages des schrecklichen Vorfalls von Rana Plaza gestellt werden müssen.

Fahmida Khatun ist Forschungsdirektorin beim Center for Policy Dialogue und ist derzeit Gastwissenschaftlerin an der New Yorker Columbia University.

Der Artikel ist erstmals am 20. April 2015 in englischer Sprache in der bangladeschischen Tageszeitung The Daily Star mit dem Titel "Post-Rana Plaza initiatives and sustainibilty of the RMG sector" erschienen.
Übersetzung: Kai Fritze

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 1/2015 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Flickenteppich Textilindustrie. Zwei Jahre nach Rana Plaza passt vieles nicht zusammen". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

 

 

Gebrochene Versprechen

Text: Fazlur Rahman und Tamanna Khan

Rehana Akter ist 20 Jahre alt, sie hat den Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes überlebt. Sie war eine Anfängerin an der Nähmaschine - in einer Fabrik, die im 6. Stock des Gebäudes angesiedelt war. Als die Älteste von drei Geschwistern zog Rehana aus Pabna nach Dhaka, um dort zu arbeiten. Sie und ihre Mutter mussten zusammen für den Unterhalt der Familie sorgen, nachdem ihr Vater gestorben war. Nach nicht einmal einem Monat Arbeit verlor Rehana beide Beine bei dem Einsturz. Seitdem, so sagt sie, denkt sie oft, dass es besser gewesen wäre, zu sterben.

Nach dem Gebäudeeinsturz wurde versprochen, dass Betroffene und deren Familien volle finanzielle Unterstützung erhalten, sowohl für den Lebensunterhalt, als auch für medizinische Behandlung. Vom staatlichen Hilfs- und Fürsorgefonds erhält Rehana seitdem umgerechnet etwa 177 Euro monatlich. Das ist gerade genug, um die Bedürfnisse der Familie zu decken. Für ihre Medikamente ist meist nicht mehr genug Geld übrig. Sie sagt: "Mein linkes Bein muss noch einmal operiert werden, das wird fast 600 Euro kosten. So viel Geld habe ich nicht." Trotz aller Niederschläge hat Rehana vor einigen Monaten geheiratet, was ihr wieder Hoffnung gegeben hat. Sie hofft nun, ein neues Leben beginnen zu können.

Der Artikel ist erstmals am 23. April 2015 in englischer Sprache in der bangladeschischen Tageszeitung Daily Star mit dem Titel "Promises of help unkept" erschienen.

Übersetzung: Kai Fritze.