Das Unglück von Savar

1.133 Tote, um der Welt die Augen zu öffnen

Am 24. April 2013 erlebte Bangladesch eine Katastrophe, die die Nation und die gesamte Weltöffentlichkeit erschütterte. 1.133 Menschen starben, Tausende wurden verletzt, als ein neunstöckiges Gebäude, in dem sich mehrere Textilfabriken befanden, in sich zusammenstürzte. Die Mehrheit der unter den Trümmern begrabenen Opfer war weiblich und sehr jung, zwischen 15 und 30 Jahren. Das Unglück rief viele Fragen auf, unter anderem, ob Industrieländer Verantwortung im Zusammenhang mit der Katastrophe übernehmen müssen.

Die Textil- und Bekleidungsindustrie in Bangladesch begann in den frühen 1980er Jahren zu wachsen, als die Lohnkosten in Europa und Nordamerika schnell anstiegen. Zeitgleich führten Produktionsvorteile zur Verschiebung einiger arbeitsintensiver Industriezweige vom globalen Norden in die Länder des Südens. Bangladesch stieg umgehend in den Textilsektor ein, auch um sich von im Unabhängigkeitskrieg entstandenen wirtschaftlichen Rückschlägen zu erholen. Vorteilhaft waren technologische Einfachheit, vergleichsweise niedrige Investitionen sowie die Verfügbarkeit einer Vielzahl billiger lokaler Arbeitskräfte, insbesondere junge Frauen. Die weit verbreitete Armut unterstützte den Prozess. Heute sind vier Millionen Menschen an der Produktion von Kleidung beteiligt, 60% von ihnen sind junge Frauen (Anm. d. Red.: 90% aller Angestellten in der Textilbranche sind Frauen). Für sie bedeutet ein eigenes Einkommen die Chance, geschlechtsspezifische Ungleichheiten zu überwinden.

Einnahmen aus dem Textilsektor machen 80% des Bruttoinlandsproduktes aus. Nach China ist Bangladesch zweitgrößter Textilproduzent der Welt. Dort produzierte Kleidung ist in fast allen westlichen Geschäften erhältlich. Zugleich ist der internationale Markt eine ständige Herausforderung. Vor kurzem traf ich eine ehemalige, aus Deutschland stammende Studentin von mir. Sie erzählte mir, dass sie auf einer in Deutschland gekauften Hose Blutflecken entdeckt hat. Die Hose wurde in Bangladesch produziert. Während ihres Aufenthalts dort besuchte sie mit meiner Unterstützung viele Textilfabriken. Sie kennt die Situation hinter der Textilproduktion und hat viele von Armut angetriebene Arbeiter gesehen. Die weit verbreitete Verzweiflung weiblicher Arbeiterinnen hat sie sehr berührt, ebenso ihr hohes Engagement für Wirtschaftswachstum. Um ihr schlechtes Gefühl loszuwerden, wollte sie zunächst die Hose wegwerfen. Sie war dazu aber nicht in der Lage. Denn Sie weiß, dass junge Mädchen in ihrem Alter diese in Bangladesch für nur wenige Cents hergestellt haben. Junge Frauen, die fast nichts für ihre harte Arbeit erhalten. Gewinne gehen an lokale Fabrikbesitzer, multinationale Handelsketten und das ungerechte Wirtschaftssystem. Nicht nur für die junge deutsche Frau eine unangenehme Situation. Auch für diejenigen, die durch Menschenrechtsorganisationen, Kirchen und andere sozialen Gruppen für die Thematik sensibilisiert wurden. Ein bekanntes Beispiel ist die Kampagne für Saubere Kleidung, die sich für eine Stärkung der sozialen Dimension der Globalisierung einsetzt.

In Bezug auf den verheerenden Gebäudeeinsturz sollte jedoch auch berücksichtigt werden, wie schnell die Sicherheitskräfte und freiwillige Helfer auf den Einsturz reagierten. Selbst mit begrenzten technischen Ressourcen haben sie eingeschlossene Menschen evakuiert. Ohne sie wäre die Todesrate sicherlich doppelt so hoch gewesen. In Bangladesch zeigt sich, dass eine Veränderung hinsichtlich Einstellung, sozialem Bewusstsein und nationalem Engagement begonnen hat.

Es wäre nicht klug, die Schuldigen für das Unglück nur an einer Stelle in der Produktions-Konsum-Kette zu suchen. Wirtschaftlicher Nutzen und Verhandlungsmacht bei Kauf- und Produktionspreisen sind Schlüssel für wirtschaftliches Wachstum. Viele große Konzerne konkurrieren nicht nur um Gewinne, sondern kämpfen um ihr Überleben. Auch das ist ein Grund, warum viele nach den billigsten Produzenten Ausschau halten, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, wie ihre Ware produziert wird. Es ist aber auch wichtig, im Auge zu behalten, dass diese Handelsketten zum deutlichen Wirtschaftswachstum Bangladeschs beitragen, und damit auch zum Wohlstand und der steigenden Anzahl arbeitender Frauen in den letzten Jahrzehnten. Bangladesch erhielt seine starke Position im umkämpften Textilmarkt nicht aufgrund technologischer Stärke, sondern ironischerweise spielten billige Arbeitskräfte, resultierend aus umfangreicher Armut, eine entscheidende Rolle. Parallel dazu führte die zunehmende Entwicklung anderer in der Textilindustrie tätigen Länder zur Erhöhung lokaler Lohnkosten. Obwohl Bangladesch dadurch indirekt von steigenden Einkommen anderswo profitiert hat, arbeitet der Textilsektor unter einem starken Konkurrenzdruck, um den Produktionspreis zu verringern.

Ein wichtiger Aspekt sind die Fabrikbesitzer. Eine neue Generation bangladeschischer Industrieller, die ihre Geschäfte unter instabilen politischen Bedingungen führen, was sie oft zu schnellen Profiten antreibt. Einige von ihnen sind rücksichtslos. Ihr Ziel ist die Erzielung sofortiger Gewinne, nicht die Sicherheit und das Wohlergehen ihrer Arbeiter. Lokale Kosten werden durch noch geringere Zahlungen an arme Arbeiter, von denen die Mehrheit junge Mädchen sind, reduziert. Sie verdienen 30 Euro im Monat oder noch weniger. Eine Verbesserung der Arbeitssicherheit in den Produktionsstätten kostet laut einer Studie nur wenige zusätzliche Euro-Cents pro Kleidungsstück. Aber sind die Konsumenten bereit, diese Mehrkosten zu tragen? Zudem können ein paar Cents entscheidend sein, wo Unternehmen produzieren lassen. Als globaler Wettbewerber müssen Bangladeschs Firmen vorsichtig sein. Es gibt großen Druck, pünktlich zu liefern und oft durch lokale politische Probleme verursachte Verzögerungen. Diese können häufig nur durch zusätzlichen Druck auf die Angestellten im Textilsektor ausgeglichen werden.

Die Lösung des Problems ist schwierig. Einerseits willigten die irische Billigkette Primark und andere Unternehmen ein, einen Fonds in Höhe von umgerechnet knapp 22,5 Millionen Euro für die Opfer und zur Verbesserung der Sicherheitsmaßnahmen einzurichten. Andererseits leugneten andere Konzerne ihre Geschäftsbeziehungen mit Bangladesch schlichtweg. Das ist zwar seltsam, mag aber aus der am Gewinn orientieren Sicht der Unternehmen sinnvoll sein, da es Kunden vielleicht in Verlegenheit bringen würde – die unangenehme Seite des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Um Nachhaltigkeit zu gewährleisten, sind Änderungen im Rahmen eines gemeinsamen und allgemein akzeptierten Systems notwendig. Nur dann kann eine verbesserte „Beziehung“ zwischen den Verbrauchern auf der ganzen Welt und den Herstellern auf lokaler Ebene, insbesondere den Arbeiterinnen, erreicht werden. Konsumenten sollten stolz sein, ein Produkt aus Bangladesch zu kaufen, das unter sozial vertretbaren Bedingungen produziert wurde. Industrie und nationale Wirtschaft können nicht nur durch Mitgefühl anderer wachsen, sondern sind von der intensiven Beteiligung und starken emotionalen Unterstützung derer abhängig, die die Last auf ihren Schultern tragen: die Millionen in Fabriken arbeitenden Frauen und Männer.

Dr. Raquib Ahmed ist Professor am Institut für Umweltwissenschaft an der Universität Rajshahi in Bangladesch. Übersetzung: Ursula Hiemenz. 

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 3-4/2013 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Gemeinsam Bangladesch bewegen - Frauen und Männer kämpfen für Gleichberechtigung". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

Kontakt

Dirk Saam

Leitung Politischer Dialog
saam@remove-this.bangladesch.org
Tel.: 030 - 85 71 47 23

Was passiert nach Savar?

Brandschutzabkommen: Über 70 internationale Konzerne einigten sich Anfang Juli 2013 auf ein Abkommen für den Gebäude- und Brandschutz: Experten werden Nähfabriken unter die Lupe nehmen, geprüft wird unter anderem die Sicherheit der Elektroinstallation und die Eignung der Fluchtwege. Bei akuter Gefahr sollen Fabriken geschlossen werden. Zu den Unterzeichnern zählen viele bekannte deutsche und europäische Anbieter darunter Adidas, C&A, Karstadt, Metro und Tchibo. Eine Liste der Fabriken soll öffentlich zugänglich gemacht werden. Die US-amerikanische NGO Fair Factories Clearinghouse informiert über die aktuelle Entwicklung.

Gewerkschaftsgesetz: Ein am 15. Juli 2013 verabschiedetes Gesetz sieht unter anderem die Gründung von Gewerkschaften vor. Auch die Rechte von Gewerkschaften und Gewerkschaftsmitgliedern wurden gestärkt. Darüber hinaus sollen Unternehmer einen Fonds einrichten, um die Lebensumstände der Arbeiterinnen zu verbessern. Firmen müssen zukünftig 5% ihrer Gewinne verwenden, um Sozialleistungen für ihre Angestellten zu bezahlen. Menschenrechtsorganisationen würdigen das verbesserte Arbeitsgesetz. Gleichzeitig zeigen sie sich aber enttäuscht, dass die Regierung eine einmalige Gelegenheit versäumt habe, die Rechte der Arbeiterinnen per Gesetz in Gänze zu stärken. Hinsichtlich der Bildung von Gewerkschaften sei das Gesetz immer noch nicht frei von Restriktionen. Zudem würden durch schwammige Formulierungen Türen für einen Missbrauch des Gesetzes geöffnet.

Entschädigungszahlungen: Am 11. und 12. September 2013 fanden in Genf Verhandlungen über Entschädigungszahlungen statt. Von 29 eingeladenen Marken- und Zulieferfirmen nahmen nur elf Unternehmen an den Verhandlungen teil, darunter KiK, Primark und C&A. Ferngeblieben sind unter anderem Adler Modemärkte, Benetton, Mango und NKD. Die Zugeständnisse der Unternehmen bei den Verhandlungen waren begrenzt. Generell wurde einem Entschädigungsfonds zugestimmt und ein Komitee gegründet, das diesen voranbringen soll. Konkrete Entschädigungssummen wurden nicht vereinbart, auch nicht für Soforthilfe. Ein weiteres Treffen, für das es bisher noch keinen Termin gibt, soll eine Einigung bringen.   

Mindestlohn: Nach umfangreichen Streiks und Demonstrationen von Angestellten in der Textilbranche stimmten Arbeitgeber am 13. November 2013 der Anhebung des monatlichen Mindestlohns zu. Dieser soll von derzeit knapp umgerechnet 30 Euro im Monat auf 51 Euro angehoben werden und ab dem 1. Dezember 2013 in Kraft treten. Zuvor waren zahlreiche Fabriken für mehrere Tage geschlossen worden, um weitere Gewalt infolge von Protesten zu vermeiden. Bei Zusammenstößen mit der Polizei wurden laut Berichten bis zu 30 Menschen verletzt.