Arbeitsrechtsverletzungen und Demonstrationen

Die aktuelle Situation in der Textilindustrie in Bangladesch

Von Lisa Kronauer

Im Büro von Amirul Haque Amin, Generalsekretär der Gewerkschaft National Garment Workers Federation, haben sich 15 aufgebrachte Vertreter verschiedener Textilfabriken zusammengefunden. Die Stimmung in dem kleinen, stickigen Raum ist gedrückt. Vier der Anwesenden wurden in den letzten Tagen fristlos entlassen, den anderen steht eine Kündigung kurz bevor. Armut und Hunger drohen ihren Familien, während sich ihre Arbeitgeber nicht einmal die Mühe machen, ihren Entschluss zu rechtfertigen. Mit einem schlichtem „Wir haben kein Interesse daran, dich weiter zu beschäftigen“ wurden sie auf die Straße gesetzt. Dabei sind die Gründe für die Kündigung ganz offensichtlich: Die anwesenden Personen brachten den Mut auf, die Rechte der Arbeiterinnen einzufordern und deren Anliegen an die Fabrikleitung weiterzuleiten.

Wie war es soweit gekommen? In den betroffenen Fabriken hatten zunächst mindestens 50 Prozent der Arbeiterinnen einem Forderungskatalog zugestimmt und Sprecher gewählt, die in ihrem Namen mit den Arbeitgebern verhandeln sollte. Diese baten daraufhin die Arbeitgeber um die Erlaubnis, ihre Anliegen vortragen zu dürfen. Erst dann, nach Zustimmung der Fabrikleitung, fand ein Gespräch statt. Dieses endete mit der Kündigung der gewählten Sprecherinnen. „Sie haben nichts falsch gemacht“, erklärt Amin verärgert. „Sie haben weder gegen das Gesetz, noch gegen die Fabrik oder den Produktionsvorgang verstoßen. Sie haben lediglich versucht, ihre Forderungen in sehr systematischer Weise vorzutragen.“

„Die Anliegen der Arbeiterinnen sind nicht neu“, fährt Amin fort. So forderten sie u.a. die Auszahlung der vorgeschriebenen Feiertagszuschüsse für das Eid-Fest sowie eine angemessene Zahl freier Tage während des Festes. Traditionell bezeichnet Eid-ul-Fitr das Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan. Neben Gebeten stehen dann gemeinsame Mahlzeiten mit der Familie sowie das Bekochen von Freunden und Verwandten im Mittelpunkt.

„Wir arbeiten so hart und sind trotzdem arm. Ich kann nicht einmal die anfallenden Kosten für Eid bezahlen“, beklagt sich eine Sprecherin. Dieses Jahr erhielten die Arbeiterinnen nur etwa die Hälfte des Zuschusses. Im Jahr 2007 waren es sogar nur 40 Prozent gewesen. In Zeiten extrem hoher Nahrungsmittelpreise deckt dieser geringe Betrag die anfallenden Kosten für das Fest bei weitem nicht ab. Zudem weigern sich die meisten Arbeitgeber, die Fabriken über die Feiertage zu schließen.

Auswirkungen der Nahrungsmittelkrise

„Die geringen Löhne sind eines der Hauptprobleme der Arbeiterinnen in der Textilindustrie“, konstatiert Amin ernst. „Die Forderung nach höheren Gehältern ist seit jeher ein Streitpunkt zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern“. Zwar wurde der Ende 2006 eingeführte Mindestlohn mittlerweile in vielen Fabriken durchgesetzt, allerdings ist dieser Grundbetrag zu gering, um die täglich anfallenden Kosten nur annähernd begleichen zu können. Der offizielle Mindestlohn beträgt 16 Euro. Gewerkschaftsangaben zufolge liegt der Reallohn jedoch nur bei 9 bis 10 Euro im Monat. Laut dem angesehenen Ökonom Dr. Atiur Rahman beträgt allein die durch Nahrungsmittelkrise bedingte Inflationsrate für Beschäftigte in der Textilindustrie 19,7 Prozent. Für Rikschafahrer sind es gar 19,8 Prozent und 21,1 Prozent für Tagelöhner. „Ich muss fast mein gesamtes Einkommen für Nahrungsmittel ausgeben“, berichtet ein Sprecher empört. Im Durchschnitt gibt eine Arbeiterin in der Textilindustrie mindestens 70 Prozent des Gehalts allein für Reis aus.

Hungerlöhne in der Boomindustrie

Im Jahr 2006 wurde der Mindestlohn in der Branche erstmals seit 1994 erhöht und auf 16 Euro monatlich festgesetzt. Gewerkschaftsführer kritisierten die Anhebung als völlig unzureichend. Aufgrund der aktuellen Verteuerung von Nahrungsmitteln hat sich das Realeinkommen der Arbeiterinnen weiter verringert. Ihre Gehälter gleichen einem Hungerlohn. Und das, obwohl die Textilindustrie die wichtigste und profitabelste Industriebranche des Landes ist. Laut der Tageszeitung Financial Express exportierte Bangladesch allein im vergangenen Jahr Textilien im Wert von 9,3 Milliarden US-Dollar, was einen Anteil von 76 Prozent am jährlichen Gesamtexport ausmacht. Hauptabnehmer sind Unternehmen in den USA und der Europäischen Union. Insgesamt zählt das Land knapp 4.500 Textilfabriken mit über 2,5 Millionen Beschäftigten, davon sind über 85 Prozent Frauen (Anm. d. Red.: Daher die vorwiegende Verwendung der weiblichen Form „Arbeiterinnen“ in dieser Ausgabe).

Protest auf der Straße

Die Unzufriedenheit über diese Ungerechtigkeiten in der Textilindustrie wächst stetig weiter an. Und nicht alle Arbeiterinnen äußern sich so organisiert und bedacht wie die Anwesenden in dem kleinen Gewerkschaftsbüro. Seit Jahresbeginn gehen immer mehr hungrige Arbeiterinnen auf die Straße und liefern sich Kämpfe mit der Polizei. Nicht selten werden dabei Autos angezündet oder Fabrikeigentum zerstört. Auch umliegende Geschäfte oder unbeteiligte Passanten sind betroffen. Aufgrund des derzeit von der Übergangsregierung verhängten Versammlungsverbotes sind die Demonstrationen rechtlich betrachtet illegal. Doch der Hunger treibt sich trotzdem auf die Straße. Dies hat zur Folge, dass Polizei, und in einigen Fällen sogar die Armee, brutal gegen die Demonstranten vorgehen.

Einer Studie des Bangladesh Institute of Labor Studies zufolge kam es allein in der ersten Hälfte dieses Jahres zu 72 Fällen von Aufständen von Arbeiterinnen der Textilindustrie. Die Demonstrantinnen forderten höhere Löhne sowie eine Auszahlung ausstehender Gehälter. Mindestens 988 Arbeiterinnen wurden dabei verletzt, 45 Personen verhaftet und mehr als 10.000 vor Gericht gebracht. Zudem verloren 78 Arbeiterinnen aufgrund ihrer Beteiligung an den Aktionen ihre Arbeit. Das Institut gibt an, dass bei 13 Aufständen sogar Folter, die Ermordung oder der Unfalltod von Kollegen der Grund für die Unruhe war. Ende Januar 2008 wurde der 23-jährige Mohammad Khokon, Arbeiter der Fabrik Vertex Fashion Ltd. in Mirpur, einem Stadtteil in Dhakas, von den Aufsehern der Fabrik zu Tode getreten, nachdem er des Diebstahls beschuldigt worden war. Einem Bericht der Zeitung New Age zufolge starb Anfang April eine junge Frau in einer Fabrik in Dhaka, nachdem sie ohne Unterbrechung zwölf Stunden arbeiten musste. Zuvor hatte sie mehrmals darum gebeten, nach Hause gehen zu dürfen, weil sie sich krank fühlte.

„Wir fordern nur unsere Rechte ein!“

Trotz dieser Probleme und der Arbeits- und Menschrechtsverletungen geben die versammelten Vertreter und Vertreterinnen im Gewerkschafts-Büro von Amin nicht auf. „Wir sind Mitglieder dieser Gewerkschaft, um uns bei der Lösung genau dieser Probleme Unterstützung und Rat zu holen“, erklärt ein Sprecher. „Wir werden weiterhin versuchen, mit unseren Arbeitgebern zu reden. Wenn wir hier kein Gehör finden, dann tragen wir unsere Anliegen eine Stufe höher vor, bei den multinationalen Konzernen, welche die Aufträge an unseren Fabriken abgeben. Wir fordern nur unsere Rechte ein! Und dafür werden wir uns weiterhin einsetzen!“

Lisa Kronauer hat von September 2008 bis August 2009 einen  entwicklungspolitischen Freiwilligendienst mit NETZ in Bangladesch gemacht.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 4/2008 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Kleider machen Leute - Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.