"Ich vertraue auf die wachsamen Frauen in unserem Land"

Ein Gespräch mit Prof. Muhammad Yunus

Einheimische NGOs bemängeln, dass es der Grameen Bank mehr um die Profite gehe, als um die Wurzeln des Problems der Überbevölkerung, nämlich die fehlende Bildung der Menschen. 

Wir sind keine Bildungsinstitution, sondern eine Bank! Das wäre Sache der Regierung, die ihre Aufgaben nicht wahrnimmt. Dafür müssen Sie nicht mir die Schuld geben. Außerdem beruht mein Konzept präzise darauf, dass ich davon ausgehe, dass alle Leute, auch ungebildete Analphabetinnen, Fähigkeiten haben und diese Fähigkeiten zu Kapital machen können. 


Das müssen Sie näher erklären. 

Ich versuche, die Frauen in den Dörfern immer wieder davon zu überzeugen, dass sie etwas ganz bestimmtes gut beherrschen. Kuchen backen zum Beispiel. Ich sage ihnen: "Backen Sie fünfzig anstatt zehn, und verkaufen Sie sie! Ich gebe Ihnen das Geld für die Zutaten. Viele Frauen wehren zuerst ab und sagen, sie könnten nicht mit Geld umgehen, das sei Sache ihrer Ehemänner. Dabei sind die Frauen die viel besseren Geldanlegerinnen und -verwalterinnen als ihre Männer. 


Seit Beginn der Kleinkreditvergabe durch die Grameen Bank im Jahr 1976 haben 58 Prozent der Kreditnehmerinnen die Armut überwunden, das sind 3,8 Millionen Familien. Was geschah mit denjenigen, die es nicht schafften? 

Vielleicht waren sie einfach zu jung, zu unerfahren. Sie brauchen Zeit. Bangladesch braucht Zeit. 


Unterstützen und fördern die Unternehmen der Grameen Bank weibliche Angestellte? 

Selbstverständlich. Aber viele Frauen verlassen ihre Stelle spätesten bei ihrer Heirat. Nur neun Prozent der Frauen sind Langzeitangestellte. 


Zeitungen berichten in Bangladesch über die Zunahme so genannter "Islamisierungen"; Dörfer und Schulen werden umbenannt. Viele Menschen befürchten, die gegenwärtige politische Krise könnte islamistischen Gruppierungen Auftrieb geben. 

Diese Form der Religionsausübung ist ein Hinderungsfaktor in einer Demokratie. Aber ich vertraue bei den kommenden Wahlen auf die Stimmen der wachsamen Frauen in unserem Land. Frauen werden keine islamischen Kandidaten wählen, weil diese ihre Rechte unterdrücken. Auch unsere Arbeit passt diesen religiösen Menschen nicht. 


Im Oktober, als die Übergangsregierung eingesetzt wurde, hatte man Sie gebeten, deren Vorsitzender zu werden. 

Ich habe abgelehnt, weil ich nicht neutral bin. Ich bin involviert in eine Kampagne für saubere und neutrale Kandidaten. Unser Land ist gefangen in einem politischen Irrgarten, es muss uns gelingen, aus diesem Irrgarten auszubrechen. Dazu braucht es starke politische Führungskräfte. 


Das heisst, Sie planen nicht, in die Politik einzusteigen? 

Das habe ich nicht gesagt. 


Wird neben den beiden sich bekämpfenden Parteien BNP (Bangladesh Nationalist Party) und AL (Awami League) die neu gegründete Partei LDP (Liberal Democratic Party) die Lösung sein?
 
Auf gar keinen Fall! Die Gründer dieser neuen Partei sind fast ausschließlich Leute aus Reihen der bisher regierenden BNP. Unter ihnen befindet sich kein einziger fähiger Leader. 


Es gibt Stimmen die sagen, Sie hätten diese Leader-Qualitäten. Mit der Gründung der Grameen Bank haben Sie große Sensibilität für die soziale Ungerechtigkeit in diesem Land bewiesen. 

Mir gefällt mein Job, mich fasziniert die Ökonomie in ihren grösseren Zusammenhängen, trotz den bis heute nicht abreißenden Vorurteilen von Kritikern, die sagen, ich könne nicht gleichzeitig ein Geschäftsmann sein und eine soziale Institution leiten. Doch das muss sich nicht widersprechen. Man kann auch als kapitalistisch denkender und handelnder Mensch Gutes tun. Ich nenne mich einen sozialen Unternehmer. 
Die freie Marktwirtschaft fokussiert bekanntlich nicht soziale Probleme, sie ist darauf ausgerichtet, Profite zu machen. Andererseits ist gerade der freie Markt der Auslöser zahlreicher Probleme wie Umweltverschmutzung, Polarisation politischer Mächte, Arbeitslosigkeit, Verslumung, Kriminalität. Aus diesem Grund postuliere ich seit langem, beide parallel laufenden Stränge für Unternehmensstrategien ernst zu nehmen: einerseits die etablierte Profitmaximierung, andererseits die Einrichtung und Maximierung von sozial ausgerichteten Wirtschaftsunternehmen. Alle Ökonomiestudenten sollten für diese zweigleisige Strategie sensibilisiert werden. Nur so werden wir verhindern können, dass sich die Schere zwischen Armen und Reichen immer weiter dehnt.

 
Der marktorientierte Anteil scheint bei Grameen Bank aber doch bedeutend größer zu sein als der sozial orientierte. Ihre Unternehmen sind mittlerweile ein Imperium mit insgesamt 21.000 Angestellten. Sie persönlich sind der Manager von nicht weniger als 22 Unternehmen. Grameen-Phone ist der größte Telekommunikationsanbieter des Landes... 

...und alle diese Branchen geben in Bangladesch ein Beispiel für gerechte Unternehmensführung und faire Arbeits- und Pensionsbedingungen, wir geniessen große Anerkennung in der Bevölkerung. 


Hat der Friedensnobelpreis einen Einfluss auf das Verhalten der Politiker? 

Nein, es scheint nicht so. Ich mache mir große Sorgen um den Frieden in unserem Land. Wenn die beiden großen Parteien ihre Rivalitäten nicht begraben und weitere Blockaden das Land lähmen, drohen uns Zustände wie in Somalia. 


Brigitte Schmid-Gugler traf den Gründer der Grameen Bank einige Tage vor der Verleihung des Friedensnobelpreises an seinem Wohnort in Dhaka. 

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 4/2006 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Armut ins Museum? - Der Beitrag von Kleinkrediten in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.