Gefahr gegen Geld

Anheuern für den Schiffs-Friedhof

Von Brigitte Schmid-Gugler

300 Taka (3,30 Euro) muss Mohmin für die 600 Kilometer mit dem Bus vom nördlich gelegenen Mojdipur nach Chittagong bezahlen. Das ist viel Geld. Das Abwrack-Unternehmen bezahlt keine Reisespesen. Doch Kholil hatte ihn für die nächste Gruppe, die in den Süden gebracht werden sollte, rekrutiert. Und Mohmin wollte die Chance packen, seiner Arbeitslosigkeit zu entkommen. "Ich arbeite als Taglöhner, wenn es denn Arbeit gibt", erzählt der 40-Jährige auf dem Dorfplatz von Mojdipur, umgeben von zahlreichen weiteren Männern und einer etwas abseits die Szene beobachtenden Frauengruppe, darunter Mohmins Frau und Mutter seiner sieben Kinder. 

Die erste Reise nach Chittagong war für Mohmin ein Flop. Als die Arbeiter in Sitakunda vor dem Tor des Abwrack-Geländes standen, hieß es: "Keine Arbeit." Ja, das sei schon öfter vorgekommen, bestätigt Kholil, der als Mittelsmann in Mojdipur so etwas wie ein kleines Arbeitsvermittlungsbüro betreibt und für eines der Abwrack-Unternehmen Arbeiter rekrutiert. Es gebe in der Tat keine präzise Absprache über den zeitlichen Ablauf der Einsätze. Zwischen ihm und dem Subunternehmer in Chittagong gelte die Abmachung, die Leute auf den Weg zu schicken, sobald er eine Gruppe von 20 bis 30 Männern rekrutiert habe. Eine zu schwache Flut sei häufig ein Grund, weshalb die Schiffe nicht zum geplanten Zeitpunkt an den Strand gezogen werden könnten. Sei es dann einmal soweit, müsse es plötzlich sehr schnell gehen, weil die Kunden auf ihr Material warten würden. Seit 14 Jahren auf dem Gelände - erst als Träger, später als Gruppenleiter - hat Kholil "den Braten gerochen": Mit seinem Vermittlungsdienst arrangiert er sich ein kleines Zusatzeinkommen. 5 Taka (6 Cent) Provision kassiert er pro Mann, den er nach Chittagong bringt. Aber auch er gehört zu den Verlierern, wenn die Gruppe unverrichteter Dinge wieder den Heimweg antreten muss. 

Inseln im Strom

Die Distrikte Kurigram und Gaibandha, aus denen die meisten Tagelöhner für die Abwrack-Zone rekrutiert werden, liegen ganz im Norden Bangladeschs. Hier übertritt der Brahmaputra, einer der größten Flüsse Indiens, die Landesgrenze und fließt in Bangladesch als Jamuna auf einer Strecke von 350 Kilometer südwärts. Inmitten des 10 bis 15 Kilometer breiten Stromes liegen kleinere und größere Schwemminseln, deren Formen und Größen sich mit jedem Monsun verändern. Hinter der pittoresken Landschaft - mit ihren wie filigrane Kunstwerke anmutende, ins Wasser gesteckten Fischfang-Konstruktionen, den Reis-, Jute- und Bananenpflanzungen - verbirgt sich Armut in ihrer extremsten Form. 

Die meisten Schwemminsel-Bewohner besitzen kein eigenes Land. Viele Männer arbeiten als Taglöhner für Grundbesitzer. Zwischen den Ernten gibt es für die Landlosen keine Beschäftigung, also auch kein Einkommen. Mehrere Monate im Jahr müssen die Menschen ihre Mahlzeiten einschränken und teilweise hungern. In besonders schlimmen Jahren bleibt vielen Familien nichts anderes übrig, als aufgeweichte Reisspreu zu essen - welche sonst als Viehfutter dient. Die vom Staat abgegebenen Reissäcke erreichen längst nicht alle. Jede im Turnus von fünf Jahren neu gewählte Regierung in der 35 Jahre jungen Republik verspricht der Landbevölkerung Bangladeschs Verbesserungen in jeder Hinsicht. Bis heute sind es jedoch fast ausschließlich in- und ausländische NGO (Nichtregierungsorganisationen), die mit Schulungs-, Beratungs- und Kleinkreditprogrammen die Not der Menschen lindern helfen. In kleinen Schritten beginnen diese, ihre Rechte zu kennen, einzufordern und bei Bedarf zu verteidigen. 

Eine Mahlzeit am Tag - manchmal keine

Doch in Mojdipur und auf den anderen Schwemminseln der Distrikte Kurigram und Gaibandha fehlt es nach wie vor an allem, was die Selbstachtung und den Selbsterhalt der Menschen auf längere Zeit sichern könnte: Handwerks- und Industriebetriebe, Ausbildungs- und Arbeitsplätze, Schulen für alle Kinder und eine funktionierende Rechtsprechung. Zahlreiche Dörfer sind bis heute nicht an das Stromnetz angeschlossen, sie sind mangelhaft ausgerüstet mit Wasserpumpen, sanitären Einrichtungen, von medizinischer Versorgung oder einer anständigen Straße ganz zu schweigen.
 
Kholil hat keine Schwierigkeiten, hier Leute zu finden, die in Chittagong Schiffe abwracken wollen. "Für viele ist es die einzige Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen", sagt er. Was die Leute dort erwarte, sei längst allen klar, würden doch Tausende von Männern aus dieser nördlichen Gegend zum Abwracken in den Süden ziehen, weil es hier oben einfach keine Arbeit gebe. Er selber rekrutierte bereits über 250 Männer; allein 50 aus seinem Dorf sind zur Zeit in Chittagong. Und kaum ein Arm bleibt unten bei der Frage, wer von den Umstehenden zu den Abwrackern gehöre. Vier von ihnen haben einen Schulabschluss, können aber das Geld für die Bewerbungstests, die für eine offene Stelle absolviert werden müssen, nicht bezahlen. "Die meisten fahren immer wieder hinunter, nur ganz wenige bleiben nur für kurze Zeit", fährt Kohlil fort. 

"Damit was reinkommt"

Auch Mohmin blieb, nachdem es beim zweiten Anlauf geklappt hatte; mittlerweile hatte er 900 Taka Reisegeld investiert. Nunmehr sind vier Jahre daraus geworden. "Wir arbeiten in Schichten, von 8 Stunden hat hier noch keiner etwas gehört. Die meisten arbeiten 12 bis 16 Stunden am Stück, damit etwas reinkommt. Wenn ein Kunde auf seine Lieferung wartet, müssen wir Tag und Nacht arbeiten. 12 Taka (13 Cent) pro Stunde erhält ein normaler Arbeiter, 25 Taka gibt's für die Gruppenleiter. Jeweils nach 20 Arbeitstagen bekommen wir unser Geld. Wenn überhaupt. Unsere Vorschüsse fürs Essen werden abgezogen. Manche arbeiten wochenlang und verdienen keinen Taka dabei. Es ist kein Leben dort", erzählt er weiter, "wir sind ohne unsere Frauen, ohne die Kinder, für unser Essen müssen wir selber sorgen. Die Arbeit ist sehr anstrengend und gefährlich, vier Männer aus unserer Gegend sind bereits tödlich verunglückt. Weshalb wir auf dem Gelände keine anständigen Schuhe tragen? Weil es besser ist, gar keine zu tragen, als diejenigen, die dort bereitstehen und überhaupt nicht an unsere Füße passen. Die einen sind zu groß, die anderen zu klein."

Aber Mohmin will durchhalten. Er weiß, wofür er in Chittagong sein Geld verdient. Sein größter Wunsch - und der aller Männer hier - ist es, den Kindern eine bessere Zukunft, eine Ausbildung zu ermöglichen. Seine Frau habe ihm seit langer Zeit verboten, weiterhin in der Abwrack-Zone zu arbeiten, weil es zu gefährlich sei. "Aber was soll ich sonst tun?" 

Dieser Beitrag erschien in der NETZ-Sonderausgabe 2007 zum Film EISENFRESSER. Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

"Eisenfresser" bauen sich eine Zukunft 

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