Blanke Wut

Ein Gespräch mit Shaheen Dill-Riaz

Shaheen Dill-Riaz hat mit "Eisenfresser" ein starkes Werk mit eindrücklichen Bildern geschaffen. Fünf Monate drehte er mit einem bengalischen Team in der Abwrack-Zone. Der aus Bangladesch stammende Dokumentarfilmer lebt in Berlin. 

NETZ: Sie leben seit zwölf Jahren in Deutschland, doch in Ihren Filmen beschäftigen Sie sich ausschließlich mit Ihrer Heimat Bangladesch. Haben Sie Heimweh? 

Shaheen Dill-Riaz: Es ist wohl beides: Heimweh und die Möglichkeit, mit meiner Kamera Eindrücke aus der Erinnerung zu fokussieren und nun, mit der Erfahrung der Distanz, nachzufragen, was da genau war und ist. Die Kamera bietet mir das ideale Medium für einen ganz direkten, authentischen Zugang zu meinen Geschichten. 

NETZ: Was war der Grund für Sie, nach Europa zu kommen und hier zu bleiben? 

Shaheen Dill-Riaz: Sicher war es keine Flucht aus meiner Heimat. Ich hatte ein Stipendium des Goethe-Instituts in Dhaka erhalten. Meine ganz große Leidenschaft gehört seit meiner Jugend dem Film. Doch eine entsprechende Ausbildung gab es in Bangladesch noch nicht. Ich begann nach der Kadettenschule ein Philosophiestudium, wurde aber nicht glücklich dabei. Ich trat dem Filmclub in Dhaka bei, lernte Leute kennen, die sich mit Kurzfilmen beschäftigten und selber welche drehten. Wir beteiligten uns an Festivals, die Szene war sehr lebendig.1994 begann ich meine Ausbildung als Kameramann an der Filmhochschule in Potsdam. Für die Kamera entschied ich mich damals, weil sie weniger große Anforderungen an den sprachlichen Ausdruck forderte als ein Regiestudium. Inzwischen weiß ich, dass ich richtig gewählt habe. 


NETZ: Für Ihre Abschlussarbeit "Sand und Wasser" - der Film war im Fernsehen zu sehen - sind Sie ebenfalls nach Bangladesch gereist. Die Dokumentation erzählt von den Menschen auf den Schwemminseln im Norden des Landes. Wenn man in Dhaka nachfragt, scheinen viele Menschen kaum Notiz zu nehmen von den katastrophalen Lebensbedingungen ihrer Landsleute. War Ihnen persönlich das Problem vertraut, als sie noch in Bangladesch lebten?
 
Shaheen Dill-Riaz: Jeder Bangladeschi kennt die Flut. Doch was es heisst, mit der Flut zu leben, das wissen nur die Menschen, die direkt von ihr betroffen sind. Das Bild von Sand und Wasser, die einem zwischen der Hand durchrinnen, ist wie das Bild des Nordens und lässt sich, abstrakt betrachtet, auf jedes Leben projizieren. Nichts ist von Bestand. 


NETZ: Auch das Glück nicht, eine weitere filmische Recherche von Ihnen. Der Film "Die glücklichsten Menschen" war im Februar 2006 im Rahmen "Das kleine Fernsehspiel" im ZDF gezeigt worden und hatte große Resonanz hervorgerufen. 

Shaheen Dill-Riaz: Eine in den späten Neunzigerjahren von der London School of Economics veröffentlichte Studie hatte ergeben, dass ausgerechnet in Bangladesch die glücklichsten Menschen leben. Die Schriftstellerin Sybille Berg wollte herausfinden, ob dies zutreffe und bezeichnete das Land beziehungsweise die Hauptstadt Dhaka in einem Zeitungsartikel schließlich als "Hölle". Vielleicht ist es ja weder noch, dachte ich mir, und fragte in Dhaka verschiedene Leute persönlich. 


NETZ: Sie legen großen Wert darauf, sich als Filmer im Hintergrund zu halten. Dennoch ist Ihre Handschrift klar zu erkennen. Sie behandeln Ihre Protagonisten mit großer Sorgfalt und Achtsamkeit und scheuen sich nicht davor, "Zwischenräume" mit Stille und Blicken, die es auszuhalten gilt, zu füllen. Das zeichnet auch Ihr Werk "Die Eisenfresser" aus. Nicht gerade leicht verdaulicher Stoff, den Sie uns da präsentieren. 

Shaheen Dill-Riaz: Mich hatten im Vorfeld des Filmes die Arbeiten des brasilianischen Fotografen Sebastão Salgado sehr fasziniert. Er fotografierte Menschen, die meist schwere körperliche Arbeiten verrichten. Mit "Eisenfresser" wollte ich möglichst nahe ran an den traurigen und gefährlichen Alltag im Abwrack-Hafen. Ich kannte die Geschichte seit meiner Jugend, wenn auch nur aus Distanz. Bevor ich mit meiner Familie nach Dhaka zog, hatten wir im Süden gelebt, nicht weit von Chittagong entfernt. Später erfuhr ich, dass zwei meiner früheren Schulkollegen beim Abwracken ihr Leben verloren hatten. 


NETZ: Die meisten Unternehmen lehnen es strikt ab, Besucher auf die Strände zu lassen. Wie stellten Sie es an, dass man Sie fast vier Monate dort filmen ließ? 

Shaheen Dill-Riaz: Ich hatte monatelang auf eine Bewilligung gewartet, die ich direkt beim Verband der Abwrack-Unternehmer einholte. Schließlich erteilte mir die Firma PHP freiwillig die Erlaubnis. Dieses Unternehmen hat sich entschlossen, in die Offensive zu gehen mit ihrer Firmenpolitik. Ihre Aussagen im Film bestätigen, dass sie davon überzeugt sind, nichts falsch zu machen.

 
NETZ: Trifft das zu? 

Shaheen Dill-Riaz: Ich sage nicht, dass dieser oder dass andere Unternehmer Teufel sind, aber sie sind so weit weg von der Realität. Dies hat ganz stark mit der gesellschaftlichen Hierarchie in Bangladesch zu tun. Für sehr viel Menschen ist das Gefälle zwischen Arm und Reich selbstverständlich. Indem die Reichen den Armen Arbeit geben, haben sie mehr als ihre Pflicht erfüllt. Der Vater des heutigen Besitzers von PHP wird in Chittagong wie ein Heiliger verehrt, weil er hier eine Million Taka für eine Schule und dort eine Million für Straßenkinder spendet. Die Frage, weshalb er sich nicht besser um die Arbeiter und deren Lebenssituation kümmert, scheint ihm niemand zu stellen. Es gab Situationen, da kam mir wirklich die blanke Wut hoch. Etwa als ich erlebte, dass ein Arbeiter die fünf Taka (6 Cent) für ein Medikament, das er dringend benötigte, einfach nicht aufbringen konnte. 


NETZ: Werden die Männer denn um ihr schwer verdientes Geld betrogen? 

Shaheen Dill-Riaz: So kann man das nicht sagen. Aber von dem Wenigen, das sie verdienen, bleibt meist kaum etwas übrig. Die Arbeiter stehen auf der untersten Stufe der Lohnempfänger. 


NETZ: Wer verdient an dem Geschäft? 

Shaheen Dill-Riaz: Es ist alles ziemlich kompliziert. Ich habe lange gebraucht, bis ich überhaupt begriff, wer genau wie an diesen Unternehmen beteiligt ist und daran mitverdient. Jeder will sich ein Stück des Kuchens abschneiden. Das Gelände wurde den Abwrack-Unternehmern von den dort lebenden Menschen verkauft. Viele lebten früher vom Fischfang, doch die Fischerei ist längst ruiniert. Was hier dennoch aus dem Wasser gezogen wird, dürfte schwer kontaminiert sein und gelangt in die Nahrungsmittelkette. Das ist fatal. 

Frühere Landbesitzer wurden zu so genannten "Contractors", also Subunternehmern, die für die Abwrack-Unternehmer die Arbeiter anheuern. Die restliche Dorfbevölkerung hat Vereine gegründet, welche drei Prozent vom Erlös des Stahlverkaufs erhalten. Die Wachposten werden bezahlt und neuerdings sogar die allgegenwärtigen Diebe: Die Abwrack-Unternehmer haben ihnen vorgeschlagen, sich als Verein zu organisieren - natürlich weiß man offiziell nicht, dass es sich um Verbrecher handelt - und lassen ihnen regelmäßig Spenden "für gemeinnützige Zwecke" zukommen. Das kommt die Unternehmer billiger zu stehen als der Verlust durch Raubzüge.

Dann gibt es die Ladenbesitzer, die den Arbeitern beim Kauf von Lebensmitteln Kredit gewähren. Sie stecken mit den jeweiligen Subunternehmern ebenfalls unter einer Decke, weil sie die Arbeiter mit ihren Schulden an sich binden. Was für die Abwrack-Unternehmer wichtig ist: Wenn ein Arbeiter seinen Lohn für Lebensmittel gänzlich aufgebraucht hat, bleibt ihm nichts anderes übrig, als weiterzuarbeiten, bis er das nötige Geld für die Heimfahrt zusammen hat. So haben die Abwrack-Unternehmer stets genügend Arbeiter auf den Schiffen. Die Arbeiter sind in jedem Fall die ausgebeuteten Verlierer. 


NETZ: Was müsste getan werden, um die Lage der Arbeiter zu verbessern? 

Shaheen Dill-Riaz: Die Schiffseigner und die Abwracker dürfen sich nicht länger ihrer Verantwortung entziehen. Dazu braucht es den Druck der Weltöffentlichkeit. Die Verantwortlichen müssten zugeben, dass etwas grundsätzlich schief läuft. Jeder, der diese Menschen bei ihrer lebensbedrohlichen Arbeit gesehen hat, weiß, dass sie viel zu wenig verdienen und dass die Gefahren, denen sie ausgesetzt sind, leicht zu vermeiden wären. Es gibt technische Lösungen und es gibt Experten, die längst Verbesserungsvorschläge gemacht haben, aber die werden systematisch ignoriert. Ich frage mich auch, ob es so viel kosten würde, ausgebildete Sanitäter auf den Abwrack-Stränden zu beschäftigen. Anstelle etwa der Horden von Leuten - oft Verwandte - von denen man keine Ahnung hat, was ihre Aufgabe ist. Die Unternehmen müssen beginnen, die Arbeiter mit Respekt zu behandeln. 


Das Gespräch führte Brigitte Schmid-Gugler.

Dieser Beitrag erschien in der NETZ-Sonderausgabe 2007 zum Film EISENFRESSER. Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.