Fader Beigeschmack

Die Folgen der industriellen Garnelenzucht in Bangladesch

Von Insa Bloem und Niko Richter

Khulna, 25. Dezember 2008. Abendlicher Nebel zieht über die Reisfelder des an den Ausläufern des Mangrovenwaldes Sundarbans gelegenen Ortes Dacope im Khulna-Distrikt. Die Luft ist kühl und schmeckt salzig an diesem ruhigen Winterabend. Urplötzlich zerreißt die Stille: Schreie, Motorengeräusche. Eine Gruppe von über 3.000 aufgebrachten Bewohnern des Ortes jagt eine Bande von Männer, die auf Motorrädern über die schmalen Pfade zwischen den Feldern vor ihnen flüchtet.

Kurz zuvor hatten die Flüchtigen versucht eine Schleuse zu öffnen, um die Felder der Anwohner mit Salzwasser zu überfluten. Ihre Auftraggeber: skrupellose lokale Produzenten von Salzwasser-Garnelen. Diese sind hauptsächlich für den Export bestimmt und für ihre Aufzucht werden immer wieder neue Landflächen benötigt. Doch das Salzwasser zerstört fruchtbares Acker- und Weideland langfristig. Reispflanzen, Obstbäume, Nutztiere – alles muss Platz machen für die profitbringenden Krustentiere.

Industrielle Garnelenzucht

Bereits Ende der 1970er Jahre hielt die industrielle Zucht von Garnelen Einzug in Bangladesch. Im Zuge der steigenden Nachfrage auf dem Weltmarkt wurden seitdem immer größere Flächen in den südlichen Küstenregionen Bangladeschs für die Zucht erschlossen. Abul Barkat, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Dhaka, zufolge sind in Bangladesch Millionen Menschen von den negativen Auswirkungen betroffen. In der Aussicht auf ein lukratives Exportgeschäft, wurden von Unternehmern ganze Landflächen künstlich mit Salzwasser überschwemmt und Zuchtbecken angelegt. Inzwischen vereinnahmt die Industrie eine Fläche von über 1.400 km². In ganz Bangladesch sind gegenwärtig 65.000 Menschen in dem Industriezweig beschäftigt, 80% sind Frauen. Im Geschäftsjahr 2008-2009 erzielten Garnelen aus Bangladesch Exporteinnahmen von rund 260 Millionen Euro. Den Warenkorb im Segment Tiefkühlkost, dem drittwichtigsten Exportsektor des Landes, dominieren sie mit einem Anteil von 75%. Drei von vier der ausgeführten Garnelen landen auf Tellern von Bürgern der Europäischen Union. In den letzten Jahren geriet der Industriezweig wegen der hohen Schadstoffbelastung durch Antibiotika der für Erkrankungen anfälligen Garnelen negativ in die Schlagzeilen. Seit 2005 fielen über 60 Lieferungen an die EU durch die Qualitätskontrolle und konnten nicht ausgeführt werden. Ein herber Rückschlag für den gesamten Industriezweig, der seit Jahren mit sinkenden Einnahmen kämpft.

Ein Geschäft ohne Rücksicht auf Verluste

Die Auswirkungen der industriellen Garnelenzucht auf Umwelt und Bevölkerung sind verheerend. So hat die exzessive Zucht das ökologische Gleichgewicht der Region weitgehend zerstört und somit auch die Lebensbedingungen und Ernährungssituation der ansässigen Bevölkerung erheblich erschwert. Grund- und Trinkwasser sind durch Salz stark verunreinigt. Dies führt zu Durchfallerkrankungen und anderen Krankheiten. Für die Produktion wurden massive Rodungen von Mangrovenbeständen an der Küste durchgeführt. Mit der Folge, dass die Anwohner immer weniger durch diesen natürlichen Schutzwall vor Fluten oder Wirbelstürmen geschützt werden.

„Die Garnelenzucht ist sehr ungerecht. Sie macht die Menschen ärmer und ist ökologischer Selbstmord. Viele Menschen wurden von ihrem Land vertrieben. Dies hat die Nahrungssicherheit und die Umwelt zerstört und die ganze Landwirtschaft aus dem Gleichgewicht gebracht. Und das organisierte Verbrechen hat in der gesamten Küstenregion Bangladeschs erheblich an Einfluss gewonnen“, berichtet Abul Barkat. Am schlimmsten von den Folgen betroffen sind die ärmsten Familien, die von der Feldarbeit in der Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt bestreiten. Arbeit finden sie immer seltener. In der Garnelenproduktion gibt es bei weitem nicht genügend Arbeitsplätze, um die durch die Auswirkungen in der Landwirtschaft weggefallenden zu ersetzen. „Während die Menschen früher in diesen sehr fruchtbaren Regionen von den Erträgen eines natürlichen und vielfältigen Ernterhythmus lebten, hungern sie nun inmitten von Zuchtanlagen“, berichtet Khushi Kabir. Sie ist die Geschäftsführerin der NGO Nijera Kori und engagiert sich seit über 20 Jahren gegen die Auswirkungen der industriellen Garnelenzucht.

Insbesondere Frauen sind von den negativen Auswirkungen der industriellen Garnelenzucht betroffen. Früher konnten sie eine große Vielfalt von Ernteerträgen auf den lokalen Märkten anbieten. Doch nachdem die Versalzung von Wasser und Böden das Vorkommen von Süßwasserfischen und Nutzpflanzen nach und nach zerstörte, mussten sie Arbeit in der Garnelenindustrie suchen, um ein Einkommen zu erwirtschaften. „Im Produktionsablauf sind wir vielen gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt. Unser Gehalt bekommen wir oft monatelang nicht ausbezahlt“, so Rahela Begum, Angestellte einer Garnelenfabrik im Khulna-Distrikt. Andere Frauen berichten von Gewalt und sexueller Belästigung durch Vorgesetzte. Auch die ehemaligen Landbesitzer in der Küstenregion gehören zu den Verlieren: durch massiven Druck, gewaltsame Enteignungen und die Manipulation von Landbesitz-Urkunden raubte man ihnen die Lebensgrundlage.

Ein weiteres Problem ist die flächenmäßige Ausbreitung der Zuchtgebiete. Die Garnelenzucht ist örtlich eine kurzlebiges Geschäft. Sie erzeugt eine Umweltverschmutzung, die ihr selbst ein Ende setzt. Die meisten Teiche sind bereits nach fünf Jahren für die Zucht unbrauchbar. Doch diese Zeit reicht, um Profit zu machen. So werden immer wieder neue Landflächen gebraucht. Viele Jahre vergehen jedoch, bevor der versalzte Boden wieder für die Landwirtschaft genutzt werden kann. Dies erzeugt einen enormen Druck auf den ohnehin bereits engen lokalen Arbeitsmarkt.

Die Akteure bleiben im Dunkeln

Gefragt nach den eigentlichen Profiteuren des Exportgeschäfts antwortet Khushi Kabir: „Das Netzwerk aus Unternehmen der Industrieländer, den Betreibern von Zuchtanlagen und Lokalpolitikern ist ein undurchsichtiges Geflecht aus ökonomischen und persönlichen Interessen. Versuche Transparenz zu schaffen und sich gegen diese Form der Ausbeutung aufzulehnen, können ausgesprochen gefährlich sein.“ So wurden die Protestbewegung der landlosen Bevölkerung mehrfach gewaltsam niedergeschlagen. Oft wurden Landbesitzer, die sich weigerten ihr Land zu verkaufen, durch falsche Anzeigen vor Gericht gebracht. So konnten sich die Unternehmer ihr Land aneignen. Nijera Kori zufolge verloren im Kampf gegen korrupte Unternehmer und deren Handlanger viele Kleinbauern und einige Journalisten ihr Leben.

Die Betroffenen unterstützen

Das Bewusstsein für die fatalen Auswirkungen der Garnelenzucht hat jedoch in den letzten Jahren einzelne Vertreter aus der Politik erreicht. Nani Gopal Mandal, Parlamentsabgeordneter der Awami League für den Wahlkreis Dacope, unterstützt bei öffentlichen Auftritten die Interessen der Betroffenen und ermutigt sie, ihren Protest fortzusetzen. Ein wichtiger Schritt, doch weitere müssen folgen. „Durch die Verflechtungen zwischen korrupten lokalen Politikern und Exporteuren, gibt es nur wenig Aussicht auf Erfolg. Die betroffenen Menschen werden durch keine Behörde geschützt“, konstatiert Khushi Kabir ernüchtert und fährt fort: „Ein wichtiger Schritt wäre ein elektronisches Register zur Dokumentation und Kontrolle von Landbesitz, um die Manipulation von Besitzurkunden zu verhindern.“

Aber auch die Verbraucher in den Industrieländern, durch deren stetig steigende Nachfrage dieser Industriezweig in Bangladesch in den letzten Jahrzehnten sein rasantes Wachstum erfuhr, stehen in der Verantwortung – ebenso wie die Import-Unternehmen. Im Dialog mit der betroffenen Bevölkerung und gemeinsam mit Vertretern der Zivilgesellschaft, den Unternehmen und der Regierung muss eine langfristige Strategie erarbeitet werden, wie eine ökologisch nachhaltige Garnelenzucht betrieben werden kann. Ohne die Böden, die Lebensgrundlage für Millionen Menschen, über viele Jahre unbrauchbar für die Landwirtschaft und Viehzucht zu machen. Die Umstellung auf die bereits in Bangladesch betriebene Zucht von Süßwassergarnelen kann dabei ein Schritt sein.


Insa Bloem absolvierte 2010-2011 einen einjährigen Freiwilligendienst bei der NETZ-Partnerorganisation Ain o Salish Kendra.

Niko Richter ist stellvertretender NETZ-Geschäftsführer.

 

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 4/2010 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Das ist unser Land! - Ressourcenkonflikte in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

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