Wachstum und andere Bedenken

Indiens Wirtschaftswachstum im Vergleich zu China und Bangladesch

Von Amartya Sen

Erst kürzlich sagte mir jemand, ihm würden meine aktuellen Debatten-Beiträge zum Wirtschaftswachstum in Indien große Freude bereiten. Zufrieden dieser Person eine Freude gemacht zu haben, war ich doch verdutzt, worüber er eigentlich redete. Schließlich war ich in so eine Debatte gar nicht involviert. So entschloss ich mich, alle wohlwollenden Kommentare zu sammeln, die ich in den letzten Monaten über Wirtschaftswachstum gemacht hatte. Da erinnerte ich mich an eine beiläufige Bemerkung, die ich bei einem Treffen mit Wirtschaftsvertretern in Delhi im Dezember 2010 gemacht hatte. Ich sagte damals, dass es albern sei, China unbedingt beim Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) überholen zu wollen, während wir uns in anderen Bereichen nicht mit dem Land vergleichen, zum Beispiel in Bildung, Gesundheit und Lebenserwartung.

Wirtschaftswachstum kann natürlich sehr hilfreich sein, um den Lebensstandard anzuheben und Armut zu bekämpfen – es wäre töricht, das nicht zu sehen. Aber dabei sollte Folgendes nicht miteinander verwechselt werden: 1. die wichtige Rolle des Wirtschaftswachstums beim Erreichen guter Ziele und 2. Wachstum lebloser Gebrauchsgegenstände als Ziel an sich zu betrachten. Wirtschaftswachstum an sich kann nicht unser ultimatives Ziel sein. Doch es ist ein sehr hilfreiches Mittel, um erstrebenswerte Ziele zu erreichen, etwa einen besseren Lebensstandard. Jetzt, da Indien ein jährliches Wirtschaftswachstum von ungefähr 8 Prozent hat, gibt es viele Spekulationen ob und wann das Land ein Wachstum von über 10 Prozent, wie China, erreichen wird. Dieser Wachstumsfokus ist nicht nur deshalb unsinnig, weil viele Elemente seiner Berechnung willkürlich gewählt sind, sondern auch, weil die Lebenswirklichkeit der Menschen nur teilweise und indirekt von Wachstum beeinflusst wird.

Lassen sie mich dies mit einigen ausgewählten Zahlen, beispielsweise aus dem Weltentwicklungsbericht der Vereinten Nationen und dem der Weltbank, erläutern. Die Lebenserwartung in China beträgt 73,5 Jahre, in Indien nur 64,4. China hat mittlerweile eine Alphabetenquote bei Erwachsenen von 94 Prozent, während Indien nur 65 aufweist. Die durchschnittliche Schulzeit in Indien beträgt 4,4 Jahre, in China sind es 7,5. Auch bei der Verringerung der Kindersterblichkeit und der Unterernährung sowie der Verbesserung des Impfschutzes ist uns China weit voraus. Ein Vergleich in diesen wirklich wichtigen Bereichen ist notwendig und kann uns inspirieren Entscheidungen darüber zu treffen, was wir tun sollten, und was wir lassen sollten. Das höhere Wirtschaftswachstum in China hat mit Sicherheit dabei geholfen, einige Indikatoren von Armut und Benachteiligung zu reduzieren und den Lebensstandard zu verbessern. Nachhaltiges Wirtschaftswachstum ist eine sehr gute Sache, während es Wachstumsmanie nicht ist. Wir brauchen darüber Klarheit, warum wir was machen. Und die bloße Begeisterung über ein Wettrennen mit China in Bezug auf Wirtschaftswachstum ist nicht der richtige Weg diese Klarheit zu erreichen.

Vergleichen wir Indien mit Bangladesch, wo sich die sozialen Indikatoren seit vielen Jahren sehr schnell verbessern, wie von Jean Dreze bereits im Jahr 2004 beschrieben. Das Einkommen in Indien ist aufgrund des schnellen Wirtschaftswachstums kaufkraftbereinigt mehr als doppelt so hoch wie in Bangladesch. Aber wie spiegelt sich Indiens Einkommensvorteil in den Dingen wider, die wirklich wichtig sind? Nicht sehr gut, befürchte ich. Die Lebenserwartung in Bangladesch liegt bei 66,9 Jahren, verglichen mit Indiens 64,4. Der Anteil unterernährter Kinder in Bangladesch (41,3 Prozent) ist etwas niedriger als in Indien (43,5) und die Fruchtbarkeitsrate liegt mit 2,3 Prozent ebenfalls unter derjenigen Indiens (2,7). Die durchschnittliche Anzahl von Schuljahren in Bangladesch beträgt 4,8 Jahre, verglichen mit Indiens 4,4 Jahren. Während Indien bei der Alphabetisierungsrate junger Männer einen Vorsprung hat, ist die Rate bei den Frauen in Bangladesch höher. Interessanterweise ist die Alphabetisierungsrate junger Frauen in Bangladesch höher als die junger Männer, während in Indien immer noch eine starke Benachteiligung junger Frauen festzustellen ist. Es gibt viele Beweise dafür, dass Bangladeschs momentaner Fortschritt auf die wichtige Rolle zurückzuführen ist, die emanzipierte bangladeschische Frauen zunehmend einnehmen.

Das soll nicht heißen, dass Bangladesch nicht von einem höheren Wirtschaftswachstum profitieren würde. Der Lebensstandard würde sich insbesondere dann deutlich erhöhen, wenn Wachstum als Mittel genutzt wird gute Dinge zu erreichen, statt es als Ziel an sich zu begreifen. Bangladesch verdient Respekt dafür, dass trotz niedriger Einkommen so schnell so viel erreicht werden konnte. Das Engagement der NGOs und politische Maßnahmen haben daran einen großen Anteil. Ein höheres Einkommen, gefolgt von zunehmenden Staatseinnahmen, wird Bangladesch dazu befähigen, noch mehr Gutes für die Bevölkerung zu tun. Ein positiver Aspekt von Wirtschaftswachstum ist, dass es Mehreinnahmen für die Regierung generiert, die diese dann entlang ihrer Prioritäten einsetzen kann.

Mut macht, dass die Ausgaben für den so eigentlich etwas ungenau bezeichneten „sozialen Sektor“, also unter anderem Gesundheit, Bildung und Ernährung, in Indien gestiegen sind. Und dennoch ist uns China in vielen Bereichen voraus. Zum Beispiel wird dort fast fünfmal so viel für das Gesundheitswesen ausgegeben wie in Indien. Natürlich hat China ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als wir, aber auch relativ gesehen gibt China etwa 2 Prozent seines BIP für Gesundheitsdienstleistungen aus, Indien dagegen nur knapp 1,1 Prozent. Eine Folge davon ist, dass in Indien viele arme Menschen auf die Dienste privater Ärzte angewiesen sind, die oft keine ausreichende medizinische Ausbildung haben. Die „asymmetrische Informationslage“ im Gesundheitsbereich – die Patienten wissen wenig darüber, was die Ärzte ihnen verabreichen – öffnet Schwindel und Betrug die Tür. Die noch in den Anfängen steckende Privatisierung der medizinischen Grundversorgung ist stark gekennzeichnet von Quacksalberei und kriminellen Machenschaften. Das liegt insbesondere auch daran, dass öffentliche Gesundheitsdienstleistungen in vielen Regionen Indiens schlichtweg nicht vorhanden sind.

Die wichtigste Schlussfolgerung ist, dass Wirtschaftswachstum einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des Lebensstandards leistet, aber die Reichweite der Verbesserungen vor allem davon abhängt, was wir mit den Erträgen dieses Wachstums machen. Sicher, es gibt bereits viele privilegierte Personen denen Wachstum alleine ausreicht, da sie nicht auf Unterstützung angewiesen sind. Das Wirtschaftswachstum mehrt lediglich ihre ökonomischen und sozialen Chancen. In absoluten Zahlen ist diese Gruppe recht groß geworden. Aber der übertriebene Fokus auf ihre Situation, und dies wird oft auch von den Medien unterstützt, erzeugt ein unvollständiges Bild über den Alltag der Menschen in Indien. Vielleicht noch besorgniserregender ist, dass diese Gruppe Wachstum in sich als das Ziel ansieht, dient es doch ihrem persönlichen Wohlstand. Diese engstirnige Perspektive kann sogar soweit gehen, dass soziale Aktivisten verspottet werden, wenn sie uns an die missliche Lage des Großteils unserer Bevölkerung erinnern. Man kann nicht davon sprechen, dass es Indien hervorragend geht, wenn eine Vielzahl der Menschen kaum Verbesserungen spürt.

Einige Kritiker großer sozialer Ungleichheiten mögen am oft egozentrischen Leben der Wohlhabenderen Anstoß nehmen. Meine größte Sorge ist hingegen, dass diese Versuchungen das Land davon abhalten, wunderbare Dinge für die Mehrheit der Inder zu tun. Wirtschaftswachstum kann, sofern es sinnvoll ergänzt wird, in großem Maße dazu beitragen, Lebensumstände zu verbessern. Aber es ist extrem wichtig, die Bedeutung und Rolle von Wachstum in seiner Gesamtheit zu erfassen.

Der hier in einer gekürzten Fassung abgebildete Artikel erschien erstmals am 14.02.2011 in der indischen Tageszeitung The Hindu unter dem Titel „Growth and other concerns“.
Übersetzung: Ines Burckhardt

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 2-2011 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Wer profitiert? - Wirtschaftswachstum und Armutsbekämpfung". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.