Wenn 70,5 Millionen Menschen wählen gehen

Eindrücke eines Wahlbeobachters

Von Niko Richter

Khulna, 29. Dezember 2008. Langsam lichtet sich der dichte Nebel an diesem Wintermorgen. Vor der baufälligen Grundschule in Salua Ramnathpur im Südwesten des Landes warten bereits dutzende Frauen und Männer. Es ist kurz vor acht Uhr, als die Gruppe internationaler Wahlbeobachter eintrifft. In dem Gebäude, das als Wahllokal genutzt wird, werden hektisch die letzten Vorbereitungen getroffen. Heute wird gewählt in Bangladesch. Fast zwei Jahre nach der Verschiebung des eigentlichen Termins für die Parlamentswahl. Zwei Jahre, in denen viel darüber spekuliert wurde, wer wirklich die Geschicke des Landes leitet: die Übergangsregierung oder doch die Militärs. Über 81 Millionen Bürger sind aufgerufen, ihre neue Regierung für die nächsten fünf Jahre zu bestimmen. Jeder Dritte ist zum ersten Mal wahlberechtigt.

Ganz vorne in der Warteschlange für Frauen steht Monira Begum, gestützt auf ihre Enkelin. Energisch winkt die 70-jährige die Wahlbeobachter zu sich und scherzt: "Ich hätte nicht gedacht, dass ich diesen Tag noch erlebe. Meine Enkeltochter darf heute zum ersten Mal wählen. Und wissen sie was? Sie hat mich überredet, sie zu begleiten. Auch ich wähle heute zum ersten Mal!" Sie ist die erste Person, die ihre Stimme abgeben darf. Der Beamte hakt Moniras Namen und Foto auf der Wählerliste ab, markiert ihren rechten Zeigefinger mit Tinte. Mit zittrigen Händen nimmt sie den Wahlzettel und Stempel, bestätigt den Empfang mit ihrem Daumenabdruck und geht in die Wahlkabine. Minuten später kommt sie strahlend aus der Kabine und steckt den Wahlzettel stolz in die transparente, noch leere Urne. Bangladesch wählt.

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Die Sonne steht hoch am Himmel, als die Wahlbeobachter an der Schule im Dorf Arashnagar eintreffen. Die lange Schlange der Frauen macht einen chaotischen Eindruck. Sie ist drei, vier Mal länger als die der Männer. "Wieso dauert das so lange?", beschweren sich einige Frauen bei der für die Ordnung zuständigen Dorfpolizistin. Am Rand des Schulfeldes warten ungeduldige Ehemänner im Schatten. Einer ruft verärgert nach seiner Frau: "Komm endlich nach Hause! Wer soll denn sonst das Mittagessen für die Kinder zubereiten?" Den Männern missfällt es sichtlich, dass sie auf die Kinder aufpassen müssen, während ihre Frauen vor dem Wahllokal warten. Aber die Frauen lassen sich nicht beirren. Erstmals in der Geschichte des Landes sind mehr Frauen als Männer wahlberechtigt. Und sie machen auf beeindruckende Weise von ihrem Recht Gebrauch. Auch wenn es Verzögerungen gibt, da viele nicht mit dem Ablauf der Stimmabgabe vertraut sind.

Ein junges Ehepaar verlässt mit ihrem Baby das Schulgelände. Beide haben ihre Stimmen bereits abgegeben. "Wir sind Hindus aus Arashnagar. Wir konnten heute ohne Probleme Wählen gehen. Niemand hat uns bedroht," berichtet der Familienvater. "Bei der letzten Parlamentswahl war das noch ganz anders. Vor der Wahl wurden die Bewohner unseres Dorfes bedroht. Eine Woche nach der Wahl wurde mein Vater von Anhängern der siegreichen islamistischen Partei Jamaat-e-Islami zusammengeschlagen, nur weil ihr Kandidat in unserem Wahllokal verloren hatte. Wochenlang wurden wir terrorisiert. Wir alle hoffen, dass sich das nicht noch einmal wiederholt. Aber ich bin zurzeit sehr zuversichtlich, dass alles friedlich bleiben wird."

Fliegende Händler preisen am Rande der Wahllokale den Schaulustigen Erdnüsse, Wasser und Zigaretten an. Allerorts herrscht eine heitere aber ebenso besonnene Festtagsstimmung. Es ist erstaunlich ruhig. Schon während des kurzen Wahlkampfes und den Besuchen von Khaleda Zia und Sheikh Hasina, den beiden ehemaligen Premierministerinnen, in Khulna war die Stimmung freudig aber abwartend gewesen. Zwei Jahre Ausnahmezustand haben ihre Spuren in der Bevölkerung hinterlassen. Auch wenn dieser knapp zwei Wochen vor dem Wahltag von der Übergangsregierung aufgehoben worden war. Viel war in den Medien über die angebliche Politikverdrossenheit der Bevölkerung spekuliert worden. Diese würde sich, so stand es in den Leitartikeln verschiedener Tageszeitungen, in einer geringen Wahlbeteiligung ausdrücken. Aber von Politikverdrossenheit keine Spur. Die Wähler harren teilweise stundenlang in der Hitze des Tages aus, um ihre Stimme abzugeben. Am Ende des Tages werden 87 Prozent der registrierten Bürger von ihrem Wahlrecht gebraucht gemacht haben. So viele wie nie zuvor.

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Um 16 Uhr endet die Stimmabgabe. Vor der Koranschule im Dorf Shajiara warten hunderte Neugierige seit über zwei Stunden auf das Ergebnis in ihrem Ort. Es ist inzwischen dunkel geworden. Durch die offenen Fenster des Büros des Schulleiters dringt nur der schummrige Schein der Kerzen und Öllampen nach außen. Drinnen sitzen die Wahloffiziellen, vornehmlich Beamte wie Lehrer und Bankangestellte im Staatsdienst, im Kreis auf dem Boden, eng beisammen über einem Berg hunderter schmaler Wahlzettel. Alle kommen aus anderen Gemeinden, um so einen neutralen Ablauf der Wahl zu garantieren. Sie haben zum Teil bereits die Nacht zuvor in der Schule verbracht. Selber wählen konnten sie daher nicht. Genauso wie insgesamt knapp 1,5 Millionen Menschen, die an diesem Tag im Einsatz sind - als Wahloffizielle, Sicherheitskräfte oder nationale Wahlbeobachter. Die Briefwahl ist zwar möglich, aber sehr kompliziert, und kaum jemand weiß etwas davon. "Ein Opfer," stellt Anwar Chowdhury, Wahlleiter in Shajiara, nickend fest, "das wir gerne für unser Land bringen." - "Dies ist die achte Wahl, bei der ich in der Durchführung aktiv teilnehme. Das hohe Niveau der organisatorischen Vorbereitung und Umsetzung der Wahl ist beispiellos," sagt er und fährt begeistert fort: "Ein Meilenstein in unserer Geschichte! Die neue Wählerliste ist hervorragend und hat uns heute die Arbeit ungemein erleichtert."

Die Beamten lassen sich Zeit beim Zählen. Darauf bedacht, keine Fehler zu machen, kontrollieren sie die 100er-Stapel, zu denen sie die Stimmen für eine Partei bündeln, immer und immer wieder. Umstrittene Wahlzettel, wenn etwa der Wahlstempel zwischen zwei Wahlsymbolen platziert wurde, werden auch den anwesenden Vertretern der Kandidaten gezeigt. Keiner will einen Fehler machen. Das Ergebnis ist eindeutig: zwei von drei Stimmen hat der Kandidat der Awami League erhalten. Als das Ergebnis schließlich nach außen dringt, ertönt kurzer Jubel. Dann löst sich die Versammlung schnell auf. Heiter, besonnen. Bangladesch hat gewählt.

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Mitternacht. Im Konferenzraum von Ziaul Alam, dem Wahlleiter im Khulna-Distrikt, warten Kandidaten, ihre Anhänger, Journalisten, Angehörige der Sicherheitskräfte und die wenigen verbliebenen Wahlbeobachter auf die letzten Ergebnisse. Die Fernsehsender melden landesweit einen Erdrutschsieg für die Awami League. Auch die fünf bereits veröffentlichten Wahlkreis-Ergebnisse in Khulna folgen diesem Trend. Nur die Auszählung für den Stadtbezirk dauert merkwürdig lange. Draußen warten tausende ungeduldiger Anhänger der beiden großen Volksparteien auf das Ergebnis. Hunderte Polizisten versuchen die Situation zu kontrollieren. Soldaten harren abwartend auf den Ladeflächen ihrer Lastwagen aus. Am Kopfende des Konferenztisches sitzt der sichtlich nervöse Wahlleiter, gesäumt von Militärs, Polizisten und einem Kommandeur der paramilitärischen Einheit Rapid Action Battalion. Ein Journalist deutet mit dem Finger auf die Gruppe und sagt augenzwinkernd: "Da sieht man, wer diese Show hier wirklich lenkt." Eine Aussage, die man in den Wochen vor der Wahl oft gehört hat, insbesondere auch von Politikern. Beweise gibt es dafür keine.

Schließlich wird das noch fehlende Ergebnis doch bekannt gegeben. Fünf Stunden später. Draußen sind inzwischen auch die letzten Hartgesottenen verdrossen nach Hause gegangen. Die Anhänger der Awami League im sicheren Gefühl des Sieges, die der Bangladesh Nationalist Party (BNP) enttäuscht, unsicher ob der Zukunft ihrer Partei. Die BNP hat den Stadtbezirk knapp gewonnen. Richtig freuen mag sich darüber niemand mehr. Landesweit hat die von der Awami League angeführte "Große Allianz" 262 der 300 Wahlkreise gewonnen. Sheikh Hasina ist designierte Premierministerin.

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Morgendämmerung. Die Aufräumarbeiten haben bereits begonnen. Kein Nebel trübt heute den Blick in die Ferne. Die Sicht ist klar. Der letzte Wahlbeobachter sitzt erschöpft auf einer Rikscha auf dem Weg ins Hotel. Im faden Licht des neuen Tages wehen die Wahlposter der Gewinner und Verlierer im Wind. Einige Kinder beginnen eifrig, die Poster, die im Wahlkampf nur an Seilen aufgehängt werden durften, einzusammeln. Mit dem Verkauf des Papiers können sie einen kleinen Beitrag zum Familieneinkommen beitragen. Shamim Ali fragt seinen Fahrgast neugierig nach dem Ergebnis der Wahl. Lächelnd kommentiert er die Antwort: "Zwei Jahre haben wir auf diesen Tag gewartet. Jetzt müssen unsere Politiker beweisen, dass sie ihren Versprechungen rasch Taten folgen lassen. Sheikh Hasina hat uns bei ihrer Wahlrede in Khulna versprochen, dass die Nahrungsmittelpreise schnell und deutlich sinken werden und dass sie neue Schulen und Krankenhäuser bauen wird. Daran werde ich mich auch bei der nächsten Wahl noch erinnern." Bangladesch hat gewählt. Und die Menschen im Land werden sowohl die neue Regierung als auch die Opposition an ihren Taten messen.

NETZ-Mitarbeiter Niko Richter war im November und Dezember 2008 Langzeitwahlbeobachter für das National Democratic Institute for International Affairs in Bangladesch.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 01-2009 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Rückkehr zur Demokratie - Parlamentswahl in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.