Der eingemauerte Wald

Garos verteidigen ihr Recht auf Nahrung

Von Bernhard Hertlein

Mitte März 2009, rund um den zweiten Todestag von Cholesh Ritchil, standen die Besucher bei seiner Witwe wieder Schlange. Menschenrechtsverteidiger und Politiker aus dem In- und Ausland kondolierten. Sie legten in dem kleinen Dorf im Norden Bangladeschs, nicht weit von der Stadt Modhupur entfernt, Blumen an das Grabmal des Mannes, der im Frühjahr 2007 von Militärs derart gefoltert wurde, dass er noch in derselben Nacht starb.

Ritchil gehörte zu den Aktivisten der Garos, die sich von der Regierung nicht in einen "Ökopark"* einmauern lassen wollten. Dieser "Ökopark" sollte das indigene Volk der Garos von ihrem Lebensraum, dem Modhupur-Wald, durch eine Mauer abtrennen und ihnen somit den Zugang zu Nahrung versperren. Das international finanzierte Projekt - unter anderem engagiert sich die Asiatische Entwicklungsbank - wurde bereits begonnen, ist aber gegenwärtig ausgesetzt. Ritchil focht auch gegen die ständigen Landnahmen durch bengalische Siedler. Wälder werden seit Jahrzehnten illegal gerodet, um zum Beispiel Bananen- und Ananas-Plantagen einzurichten. Wenn sich Mitglieder der Garos dagegen wehren, werden sie mit falschen Anklagen überzogen. So auch Ritchil. Er habe illegal Bäume gefällt - Bäume von dem Land, das die Garos für sich beanspruchen. In Wirklichkeit sind es jedoch oftmals die Forstbeamten und Armeeführer selbst, die den lukrativen Posten in Modhupur nutzen, um illegal gefälltes Holz zu Geld zu machen.

Wenn im Falle Bangladeschs von indigenen Gruppen die Rede ist, dann meist im Zusammenhang mit den Chittagong Hill Tracts. Die zu den burmesisch-tibetischen Völkern zählenden Garos siedeln dagegen im Tiefland vor allem in der Gegend von Modhupur, nordöstlich von Mymensingh und im Grenzgebiet zum indischen Bundesstaat Meghalaya. Nur etwa ein Siebtel der nicht einmal 700.000 Garos lebt in Bangladesch - eine verschwindende Minderheit unter mittlerweile 160 Millionen Einwohnern. Die Garos, die in religiöser Hinsicht nach einer längeren Phase der Missionierung heute überwiegend Christen sind, erlebten vor allem in den 1960er Jahren unter der pakistanischen Herrschaft Zeiten der Verfolgung. "Damals flohen viele nach Indien", erinnert sich Pater Eugene Homrich. Der Nachfahre von 1860 in die USA ausgewanderten Deutschen lebt als Angehöriger des Ordens vom Heiligen Kreuz seit mehr als 50 Jahren bei den "Mandi" (= Menschen), wie sich die Garos selbst nennen.

Sitz seiner Gemeinde ist Pirgacha in der Nähe der Stadt Modhupur. Der geplante "Ökopark", der vor einigen Jahren hier errichtet werden sollte, hat den Widerstand der Garos geweckt. Teile der Betonmauer, mit der das Gelände eingegrenzt werden sollte, stehen bereits. "Wenn das Projekt verwirklicht worden wäre, hätte das bedeutet, dass die Menschen hier wie in einem Zoo leben müssten", sagt Sanjeeb Drong, einer der Sprecher des indigenen Volkes und Generalsekretär des Bangladesh Indigenious Peoples Forum.

Durch den ununterbrochenen Zuzug bengalischer Siedler geraten die Garos selbst in ihren einstigen Hochburgen zunehmend in eine Minderheitenposition. Da wird es immer schwerer, eine eigenständige Lebensweise aufrecht zu erhalten. Traditionell ist ihr Erbrecht matriarchalisch ausgerichtet. Der Schwiegersohn zieht in das Haus seiner Schwiegereltern, deren Besitz eines Tages an die Ehefrau und Tochter vererbt werden wird. Die Garos essen Schweinefleisch und trinken Alkohol - Genüsse, die den gläubigen Muslimen untersagt sind.

Noch vor Cholesh Ritchil starb der damals 22-jährige Piren Snal im Jahr 2004. Er wurde bei einem friedlichen Massenprotest erschossen. Die Verantwortlichen wurden ebenso wenig zur Verantwortung gezogen wie die Soldaten, die Ritchil und drei weitere Mitglieder der Gemeinde gefoltert haben. Ritchils Fall wurde nach großem nationalem und internationalem Protest untersucht, das Ergebnis aber nicht öffentlich gemacht. "Mein Sohn, den die Militärs damals zwingen wollten, den Aufenthalt des Vaters zu verraten, leidet bis heute unter den traumatischen Erfahrungen", sagt seine Witwe. Das breite Interesse und die große Unterstützung stärken ihr den Rücken. Die Armee hat ihr große Flächen Landes übereignet. So muss sie wenigstens wirtschaftlich keine Not leiden.

Wenn die Militärs allerdings gehofft hatten, sie damit ruhig zu stellen, so haben sie ihr Ziel verfehlt. "Ich kann nicht still bleiben, so lange die Mörder meines Mannes in Freiheit leben", sagt die mutige Frau. Tatsächlich wurde keiner der Folterer auch nur ansatzweise zur Rechenschaft gezogen und bestraft. Eher schon kann sich der Kommandant der Militäreinheit belohnt fühlen, der gefoltert hat: Er ist heute Blauhelm-Soldat der Vereinten Nationen auf einem lukrativen Posten in Afrika.

* Schon seit Jahrhunderten leben die Garos im Waldgebiet von Modhupur. Für die Garos ist dieser Wald nicht nur die Grundlage ihrer Lebensweise und Kultur. Er ist ebenso ihre Lebensgrundlage, ohne die sie nicht in der Lage sind, sich selbst zu ernähren. 2003 nahm die damalige Regierung das "Modhupur Nationalpark Entwicklungsprojekt" in Angriff. Das Projekt beruht auf einer durch die Weltbank finanzierten Studie. In diesem Gebiet ("Ökopark") liegen acht Dörfer, welche vor allem von Garos bewohnt werden.

Bernhard Hertlein ist Leiter der Wirtschaftsredaktion des Westfalen-Blatts und Sprecher der Bangladesch-Ländergruppe von amnesty international. Die Ländergruppe ist, ebenso wie NETZ, Mitglied im Bangladesch-Forum.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 3/2009 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Vielfalt als Chance - Indigene Völker in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.