"Vielfalt ist keine Bedrohung"

Herausforderungen der Flachland-Adivasi in Bangladesch

Sanjeeb Drong ist Generalsekretär des Bangladesh Indigenous Peoples Forum und publiziert als freier Journalist regelmäßig Beiträge zur Situation der indigenen Bevölkerung in Tageszeitungen in Bangladesch. Er ist Angehöriger der Garos.

NETZ: Herr Drong, wer sind die Adivasi in Bangladesch?

Sanjeeb Drong: In Bangladesch leben knapp zweieinhalb Millionen Adivasi. Sie sind Angehörige von ca. 45 indigenen Völkern. Wir bezeichnen sie als Adivasi, was auf dem indischen Subkontinent soviel wie "Ureinwohner" bedeutet. Dreizehn indigene Gruppen leben in den Chittagong Hill Tracts (CHT) im Südosten des Landes. Die restlichen Adivasi leben sehr verstreut, insbesondere im Westen und Norden des Landes. Daher unterscheidet man in Bangladesch grob zwischen CHT- und Flachland-Adivasi.

NETZ: Was sind ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen für die Adivasi?

Drong: Die regionale Zerstreuung und die geringe Anzahl der Adivasi in einem Land mit 160 Millionen Einwohnern erschwert ein organisiertes Vorgehen, um gemeinsame Interessen zu identifizieren und um sich für ihre Rechte einzusetzen. Aus diesem Grund gehören die Adivasi zu den am meisten benachteiligten Bevölkerungsgruppen unseres Landes. Die Herausforderungen beziehen sich auf ihren offiziellen Status in unserer Gesellschaft: Die faktische Nicht-Anerkennung ihrer Menschenrechte und Vielfalt der indigenen Kulturen. Die Verfassung Bangladeschs erkennt nicht einmal die Existenz indigener Völker an.

Es fehlt in allen Bereichen an einer nationalen Strategie zur Förderung der indigenen Bevölkerung. Daher fordern wir unter anderem von der Regierung, dem Vorbild in den CHT folgend, eine nationale Kommission für Flachland-Adivasi einzurichten. Ferner brauchen wir dringend ein neues Gesetz, das die Landrechte indigener Völker schützt. Landbesitz ist ein enorm wichtiges Thema. Hier lässt sich gut ablesen, wie sehr die Stellung der Adivasi in unserer Gesellschaft untergraben wird. Vor 1947 besaß ca. 80 Prozent der indigenen Familien eigenes Land, heute besitzen genau so viele kein Land. Schuld daran ist vor allem das "Gesetz zum übertragenen Eigentum" [Anm. d. Red.: Vested Property Act]. Seit der Unabhängigkeit Bangladeschs haben so insbesondere Hindus und die indigene Bevölkerung ihr Land verloren. Dieses Gesetz steht für eines der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte.

NETZ: Können Sie bitte etwas mehr zu den Hintergründen sagen?

Drong: Die Adivasi leben seit vielen Generationen auf dem Land ihrer Ahnen. Aber nur wenige haben Landtitel dafür. Daher leben sie in ständiger Furcht. Ein Grund hierfür ist die soziale Unsicherheit und der Druck, den die muslimisch-bengalische Bevölkerungsmehrheit auf die Angehörigen indigener Völker ausübt. Als Folge von gewaltsamen Übergriffen kam es immer wieder zu großen Auswanderungswellen nach Indien, etwa nach dem Unabhängigkeitskrieg oder nach Parlamentswahlen. Einflussreiche Bengalen - Großgrundbesitzer oder lokale Politiker - missbrauchen noch immer ihren Einfluss und lassen sich falsche Dokumente zum Landbesitz ausstellen. Begünstigt wird dies auch noch durch die mangelnde Unterstützung der Lokalverwaltung. Viele betrachten die indigene Bevölkerung immer noch nicht als gleichberechtigte Bürger Bangladeschs. Viele Adivasi wurden und werden beim Verkauf ihres Landes von den Käufern und Beamten der staatlichen Landbehörde betrogen. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: In der Sprache der Shantal heißt die Zahl zwei bar oder baro; das bengalische baro heißt jedoch zwölf. So wird beim Landverkauf der tatsächliche Landerwerb durch einen simplen Betrug versechsfacht!

Aber auch von staatlicher Seite werden die traditionellen Landrechte der indigenen Bevölkerung nicht respektiert. Der Modhupur-Wald im Norden Dhakas wurde von der Regierung als Nationalpark deklariert. Dies hat die Situation der dort lebenden indigenen Völker weiter verschlechtert. Im Namen neuer, vermeintlich sozialer Projekte, die unter anderem von der Weltbank finanziert wurden, wie der "Sozialen Forstwirtschaft" oder den so genannten "Ökoparks", wird den Adivasi ihre Lebensgrundlage mehr und mehr entzogen.

Die aktuelle Zerstörung von 74 Häusern im Dorf Khatirpur Sondanga im Naogaon-Distrikt ist ein Beispiel für illegale Interessensgemeinschaften lokaler Eliten und der Behörden. In diesem Fall standen die Angreifer unter dem Schutz lokaler Politiker der regierenden Awami League. Diese Attacke stellt nur den bisherigen traurigen Endpunkt einer Kette von gewaltsamen Übergriffen dar.

Die gesellschaftliche und staatliche Benachteiligung betrifft nicht nur die Landrechte, sondern zum Beispiel auch die sozialen Sicherungssysteme des Staates. Auf lokaler Ebene entscheiden die Gemeindebürgermeister immer noch entlang parteipolitischer oder gar familiärer Kriterien über die Aufnahme in diese Programme. So bleibt der Zugang zu staatlichen Sozialprogrammen ihrer Klientel vorbehalten. Und dazu gehören fast nie Adivasi. Wir fordern, dass die Regierung eindeutige Kriterien für die Aufnahme in diese Programme aufstellt, um so endlich den Ärmsten den Zugang zu diesen Dienstleistungen zu ermöglichen. Ausgrenzung aufgrund eines nicht vorhandenen politischen Einflusses sollte nicht länger möglich sein.

NETZ: Wie kann diesem Missstand entgegengewirkt werden?

Drong: Ohne eine effektive politische Repräsentation der indigenen Bevölkerung im politischen System des Landes sehe ich keine Chance, dieser Praxis Einhalt zu gebieten. Ein Problem ist die geringe Größe der indigenen Völker. Gerade einmal zwei Prozent der Landesbevölkerung sind Adivasi. Daher fordern wir Quoten, ähnlich wie diese bereits in Indien und Nepal existieren, für die indigene Bevölkerung: Von der Lokalverwaltung bis hin zum Parlament, wo wir zehn Sitze fordern.

NETZ: Welche Unterstützung erhalten Sie darin von der Awami League geführten Regierung, die seit Anfang 2009 regiert?

Drong: Die Regierung zeigt sich in Gesprächen offen für unsere Forderungen. In ihrem Wahlprogramm hat die Awami League zugesagt, eine Landkommission für Flachland-Adivasi einzurichten, ähnlich dem Vorbild der Kommission für die CHT. Wir haben einen Entwurf für die Regierungsrede von Premierministerin Sheikh Hasina anlässlich des diesjährigen Internationalen Tages der indigenen Völker am 9. August 2009 eingereicht. Sie hat über 90 Prozent der Vorlage übernommen. Sie versprach neben dem Schutz indigener Identität und Kulturen auch spezielle Fördermaßnahmen für die wirtschaftliche Entwicklung indigener Völker. Die Regierung hat zugesagt das Unrecht, das durch das "Gesetz zum übertragenen Eigentum" insbesondere den Angehörigen von Minderheiten in Bangladesch angetan wurde, wieder gut zu machen. Aber bislang sind das reine Lippenbekenntnisse. Wir fordern von der Regierung endlich verbindliche Aussagen, bis wann sie welche Aufgaben wie lösen will.

Das Hauptproblem ist, dass die gesellschaftliche Mehrheit in Bangladesch nicht bereit dafür ist, die kulturelle, sprachliche und religiöse Vielfalt in unserem Land anzuerkennen. Auf den Behörden werden Angehörige von Minderheiten immer noch mit weniger Respekt behandelt. Aber Vielfalt ist keine Bedrohung! Wir fordern schließlich gleiche Rechte für alle und nicht spezielle Rechte für Adivasi. Wir hoffen, dass durch die Unterstützung der internationale Gemeinschaft, wie etwa der Europäischen Kommission, dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (United Nations Development Programme, UNDP) und den Regierungen von Ländern wie Dänemark, Schweden und Deutschland unsere Forderungen mehr Priorität erhalten.

NETZ: Welche Hoffnungen verbinden Sie mit der neuen Nationalen Menschenrechtskommission?

Drong: Die Einrichtung dieser Kommission ist eine gute und längst überfällige Entwicklung. Gegründet wurde sie Ende 2008 noch unter der Übergangsregierung. Die aktuelle Regierung hat ihr aber leider bereits einige Zähne gezogen. So kann die Kommission etwa keinen Vorwürfen über Menschenrechtsverletzungen, die durch Angehörige der Sicherheitskräfte wie dem Militär oder der Polizei begangen wurden, nachgehen. Ferner dürfen nur Empfehlungen für Gerichtsverfahren an die zuständigen Ministerien erlassen werden. Aus eigener Initiative dürfen keine Anklagen eingereicht werden. Der Kommission stehen drei Kommissare vor. Aufgrund einer Änderung der Regierung erhält nun aber nur noch der Vorsitzende der Kommission ein Gehalt, die anderen beiden Kommissare müssen unentgeltlich arbeiten. Zwar gibt es die Vorgabe, dass ein Angehöriger eines indigenen Volkes der Kommissionsleitung angehört. Aufgrund der mangelhaften finanziellen und personellen Ausstattung sowie des schwachen Mandats der Kommission ist aber nicht damit zu rechnen, dass sich hierfür wirklich geeignete Personen finden lassen.

Ich bin sehr frustriert über die aktuellen Änderungen durch die Regierung. Die Kommission ist gegenwärtig nicht in der Lage, ihr Mandat auszufüllen, geschweige denn sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung einzusetzen. Es ist essentiell, dass die Menschenrechtskommission endlich unabhängig arbeiten kann. Die internationale Gemeinschaft und allen voran die UNDP, die gegenwärtig einen Großteil des Budgets der Kommission sicherstellt, sollten sich stärker und aktiver dafür einsetzen.

NETZ: Das Geschlechterverhältnis innerhalb der meisten indigenen Völker unterscheidet sich stark gegenüber der bengalischen Gesellschaft. Worin sehen Sie die größten Unterschiede?

Drong: Frauen sind die Bewahrerinnen unseres kulturellen Erbes, unserer Geschichte. Die Garos und Khasi sind matriarchalische Völker. Frauen sind die Oberhäupter der Familie. Der Besitz der Eltern wird in weiblicher Linie vererbt, nach einer Heirat zieht der Mann in die Familie seiner Frau. In den meisten indigenen Völkern arbeiten die Frauen außerhalb des Gehöfts der Familie, etwa in der Feldarbeit oder im Straßenbau. Sie gehen einkaufen auf dem Markt, verhandeln beim Kauf und Verkauf von Gütern und tanzen, trinken und rauchen auf Festen. Für muslimische Frauen ist das vor allem in ländlichen Regionen noch undenkbar. Immer mehr Adivasi-Frauen durchbrechen die traditionellen Rollen von Frauen in unserer Gesellschaft und werden so zu Vorreiterinnen eines neuen Geschlechterverständnisses in Bangladesch. Diese Tendenz sollte noch viel mehr von staatlichen und nichtstaatlichen Entwicklungsprogrammen aufgegriffen werden.

Aber in unserer Gesellschaft werden sie gleich doppelt benachteiligt: als Adivasi und als Frauen. Sie werden beim Zugang zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen benachteiligt und erhalten für gleiche Arbeit weniger Lohn als Männer. Verlassen sie ihre Dörfer, dann sind sie oft sexuellen Belästigungen und zum Teil auch Übergriffen von Männern ausgesetzt. Dies liegt auch an der Untätigkeit unserer Behörden. Angreifer wissen, dass Adivasi und insbesondere Frauen nicht vom Staat beschützt werden. Ein neuer Trend der letzten Jahre ist, dass es immer mehr Frauen aus ihren Dörfern in die Städte zieht. Grund dafür ist der stetig sinkende Landbesitz der indigenen Familien. Durch Arbeit in den urbanen Zentren des Landes versuchen sie ihre Familien mit ihrem Einkommen zu unterstützen. In Dhaka arbeiten tausende Garo-Frauen in einem der unzähligen Schönheitssalons für die Reichen. In den Städten und auf sich alleine gestellt sind sie aber wieder neuen Belästigungen und Übergriffen ausgesetzt.

NETZ: Was sind aktuell Ihre wichtigsten Forderungen, neben den bereits genannten, an die Regierung Bangladeschs?

Drong: Ich möchte hier vier Punkte besonders hervorheben. Erstens muss endlich die Existenz indigener Völker in Bangladesch offiziell anerkannt und in der Verfassung verankert werden. Zweitens fordern wir eine Überprüfung der bestehenden Gesetze zum Landbesitz und die Anerkennung indigener Erbrechte. Des Weiteren verlangen wir gezielte Fördermaßnahmen für Adivasi, unter anderem in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Frauenrechte. Und viertens: Verschiedene Regierungen Bangladeschs haben mehrere internationale Abkommen zum Schutz der indigenen Völker unterzeichnet. Bis heute sind diese aber noch in kein einziges Gesetz eingeflossen. Genau das fordern wir aber von der Regierung. Wie soll sonst die UN-Erklärung über die Rechte der indigenen Völker aus dem Jahr 2007 in Bangladesch umgesetzt werden.

NETZ: Herr Drong, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte NETZ-Mitarbeiter Niko Richter in Dhaka.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 3-2009 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Vielfalt als Chance - Indigene Völker in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.