Indigene Völker in Bangladesch

Etwa 400 Millionen Menschen sind weltweit Angehörige von über 5.000 indigenen Völkern oder Gemeinschaften. Auf dem Staatsgebiet Bangladeschs leben seit vielen Generationen 45 indigene Völker mit schätzungsweise zweieinhalb Millionen Menschen.

Was bedeutet eigentlich der Begriff "indigen"? 1996 fasste Erica-Irene Daes, damalige Vorsitzenden der UN-Arbeitsgruppe über indigene Bevölkerungen, die Diskussion um die essentiellen Merkmale des Begriffs "indigen" in diesem Kontext in vier Punkten zusammen:

  • Zeitliche Priorität, bezogen auf die Besetzung und die Nutzung eines spezifischen Gebiets.
  • Freiwillige Bewahrung der kulturellen Differenzierung, was Aspekte der Sprache, der sozialen Organisation, der Religion und spiritueller Werte, Produktionsweisen, Gesetze und Institutionen umfassen kann.
  • Selbstidentifikation, ebenso wie die Anerkennung durch andere Gruppen oder von Behörden, als eine sich unterscheidende Gemeinschaft.
  • Eine Erfahrung der Unterwerfung, Marginalisierung, Enteignung, Ausgrenzung oder Diskriminierung, unabhängig davon ob diese Bedingungen noch bestehen.

Diese Faktoren werden von Wissenschaftlern, Vertretern internationaler Organisationen und Juristen auch heute noch als relevant für eine Annährung an den Begriff gesehen. Eine einvernehmliche Definition gibt es nicht.

In Bangladesch wird indigenen Gruppen durch Landraub ihre Existenzgrundlage genommen, die Verarmung verschärft. Zugang zu staatlichen Dienstleistungen wie Bildung oder sozialen Sicherungssystemen wird ihnen weitestgehend verwehrt. Die indigenen Völker sind bis heute in der Verfassung nicht anerkannt. Gewalt gegen Minderheiten und deren Ausgrenzung aus der bangladeschischen Gesellschaft werden durch eine fragwürdige Gesetzgebung legitimiert. Das 1974 eingeführte "Gesetz zum übertragenen Eigentum" (Vested Property Act) konnte die Regierung dazu nutzen, willkürlich Land und Vermögensgegenstände von Angehörigen nicht-muslimischer Gemeinschaften zu beschlagnahmen. Dieses Gesetz, obwohl offiziell außer Kraft gesetzt, dient auch heute noch als Grundlage für Enteignungen.

Es gibt aber auch Erfolge zu verzeichnen: Die Medien nehmen sich des Themas Minderheitenrechte verstärkt an. In den Chittagong Hill Tracts gibt es ermutigende Maßnahmen der Regierung, um die Rechte der indigenen Bevölkerung zu stärken. Dies ist auch der Verdienst einer immer stärker werdenden zivilgesellschaftlichen Bewegung in Bangladesch. NETZ unterstützt indigene Gruppen auf Dorfebene darin, Einkommen zu erwirtschaften und Zugang zum Rechtssystem sowie zu staatlichen Dienstleistungen zu bekommen. Kinder erhalten eine Grundschulbildung. In der politischen Lobbyarbeit setzt sich NETZ auf EU-Ebene dafür ein, dass die Rechte der Minderheiten in Bangladesch geschützt werden.