Die indische Apartheid

Dalits in Indien und Südasien

Von Walter Hahn

In Indien ist die Kaste* die Basis für die soziale Definition des gesellschaftlichen Status und in der Folge auch für den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen aus vielen Bereichen des "normalen" Lebens. Die Kastengliederung wird von den Menschen am unteren sozialen Ende der Gesellschafts-Pyramide aller südasiatischer Gesellschaften in erstaunlich vergleichbarer Weise erfahren: als institutionell und sozial akzeptierte Form der Diskriminierung. Diese basiert auf sozialer Herkunft, sprich einem "ererbten" Status, und dem Beruf - früher mehr, heute weniger - und ist von Reinheits- und Verschmutzungsvorstellungen untermauert sowie durch verschiedene Regeln über "Unberührbarkeit" abgesichert. Auch nach einem gesellschaftlichen Aufstieg bleiben diese noch immer wirksam. "Unberührbarer" ist und bleibt man immer!

Kastenbedingte Diskriminierung
Die Frage der kastenbedingten Diskriminierung ist nicht auf Indien beschränkt, aber sie ist dort am ausgeprägtesten, am verbreitetsten und sichtbarsten. Wohl deshalb gibt es darüber auch die gründlichsten Dokumentationen und wissenschaftlichen Studien. Diese Form der Diskriminierung bildet für eine beträchtliche Anzahl von Menschen ein grundlegendes Hindernis bezüglich ihrer umfassenden Inanspruchnahme der bürgerlichen, politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Menschenrechte. Allein in Indien sind davon 160 bis 180 Millionen Menschen betroffen; in Bangladesch wird ihre Zahl auf bis zu 5,5 Millionen geschätzt. Für die Opfer dieser Form der Benachteiligung bedeutet das, dass sie in ihrer Würde und bei der Entfaltung ihrer Anlagen und ihrer Persönlichkeit erheblich beschnitten und auf einem Zustand der Ignoranz und Nicht-Beteiligung festgehalten werden. In den meisten Formen ist diese Diskriminierung Gewohnheit und sozialer Brauch geworden, der fast immer klag- und widerstandslos hingenommen wird. Wird dieser Zustand aber in irgendeiner Weise in Frage gestellt, dann ist nahezu ausnahmslos mit erheblichem Widerstand der örtlichen Machteliten, der so genannten dominanten Kasten, zu rechnen. Sie scheuen zur Wiederherstellung der Ordnung auch nicht vor Mord, Totschlag, Vergewaltigung und Verstümmelung zurück.

Soziale Einschränkungen
Trotz der Abschaffung der "Unberührbarkeit" durch die indische Verfassung von 1948 und trotz einer ganzen Reihe bewundernswert klarer Gesetze zur Verhinderung kastenbedingter Diskriminierung, werden dennoch täglich schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen an Dalits verübt. Und das nur aus dem Grund, weil sie Dalits sind. Die sozialen Einschränkungen, die dieser Gruppe wegen ihrer Herkunft aufgebürdet werden, sind vor allem im ländlichen Indien weitgehend Bestandteil des Alltagslebens. Sie umfassen beispielsweise die Ausgrenzung der Häuser der Dalits in den Dörfern in eigene Viertel, teilweise sogar in einiger Entfernung vom Hauptdorf; das Verbot, Wasser aus demselben Brunnen zu schöpfen wie die Angehörigen höherer Kasten oder in denselben Tempel wie sie zu gehen; die Regel in den Dorfgaststätten nicht dieselben Becher verwenden zu dürfen, sondern aus gesonderten Gläsern zu trinken, die nach Gebrauch auch selbst gespült werden müssen. Dalit-Kinder dürfen in den Klassenzimmern häufig nur in der hinteren Ecke auf dem Boden sitzen, manchmal sogar nur außerhalb des Klassenzimmers. Weit über die Hälfte der Dalit-Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, weil sie traditionell kein Land besitzen durfte. Dies alles trägt dazu bei, dass sie auch auf dem Arbeitsmarkt praktisch keine Chancen haben und als Tagelöhner unter der Schuldenknute und ausbeuterischen ökonomischen Verhältnissen leben.

Dalit-Frauen unterliegen neben dieser allgemeinen Diskriminierung noch der zusätzlichen als Frauen. Sie sind häufig sexuellem Missbrauch und anderer teilweise unvorstellbarer Formen sexueller Gewalt ausgesetzt. Weit davon entfernt, einen funktionierenden Justizapparat zur Seite zu haben, der sich in erster Linie dem Recht verpflichtet fühlte, haben sie auch nur geringe Chancen, dagegen vorzugehen. Die Täter genießen praktisch eine weitgehende Straffreiheit für ihre Verbrechen. Von der Polizei angefangen über die Richter und die Staatsanwälte steckt die Justiz in den unteren und mittleren Ebenen mit der örtlichen politischen und ökonomischen Elite unter einer Decke und vertuscht die Verbrechen zugunsten der Täter. Der Rechtsstaat ist hier alles andere als eine Realität.

Wachsender Widerstand und zunehmende Vernetzung
1998 ist aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums der Unabhängigkeit und der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in Indien die Nationale Kampagne für die Menschenrechten der Dalits ("National Campaign on Dalit Human Rights") entstanden. Ihr ist es gelungen, für ihr Anliegen eine breite internationale Unterstützung zu mobilisieren, die schon im Jahr 2000 zur Gründung des Internationalen Dalit Solidaritäts Netzwerkes (IDSN) geführt hat. Aufgrund dieser internationalen Vernetzung ist es auf der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus im Jahr 2001 in Durban zum ersten Mal gelungen, die kastenbedingte Diskriminierung zum Thema einer UN-Konferenz zu machen. Seither versucht das Netzwerk bei allen möglichen Anlässen das Thema in den verschiedenen UN-Gremien, vor allem dem UN-Komitee zur Abschaffung der Rassendiskriminierung und im Menschenrechtsrat, zur Sprache zu bringen. Sehr zum Missfallen der indischen Regierung.

Alle diese Vorstöße dienen dazu, die indische Regierung unter einen internationalen Druck zu bringen, ihre Verantwortung für die Sicherung der Menschenrechte für alle Bürger Indiens ernst zu nehmen und die Verpflichtungen, die sie mit der Verfassung und den daraus abgeleiteten Gesetzen zur Verhinderung kastenbedingter Diskriminierung eingegangen sind, einzulösen. Es ist deshalb auch folgerichtig, dass das IDSN kaum neue gesetzliche Maßnahmen in Indien fordert, sondern nur die ernsthafte Umsetzung derselben in soziale Realität.

Von Anfang an hat das IDSN auch versucht, Kontakte zu Dalit-Gruppen in den anderen südasiatischen Ländern aufzubauen, die in Nepal und Bangladesch inzwischen zur Gründung von Dalit-Netzwerken geführt haben. In Bangladesch gibt es seit Anfang 2008 die Bewegung für die Rechte der Dalits und anderer ausgegrenzter Bevölkerungsgruppen in Bangladesch ("Bangladesh Dalit and Excluded Rights Movement"), das sich insbesondere mit der erzwungenen Prostitution bei Dalit-Frauen, der verbreiteten Schuldknechtschaft und dem Recht auf angemessenes Wohnen beschäftigt und aktiv im IDSN mitarbeitet.

*Das Kastensystem
Zur Beschreibung des komplexen hierarchischen indischen Sozialsystems wird in Europa meist die Kategorie Kaste verwendet. Sie erfasst das Eigentümliche dieser Sozialordnung, die die indische Gesellschaft in hierarchisch voneinander abgehobene Bevölkerungsgruppen strukturiert, jedoch nur unzureichend. Worum es beim Kastenwesen geht, zeigen die indischen Begriffe jati und varna sehr viel deutlicher. Jati steht für eine endogame (Anm. d. Red.: Eheschließung werden nur innerhalb einer bestimmten bzw. der eigenen Gruppe gebilligt) Bevölkerungsgruppe, der man durch Geburt angehört und die traditionellerweise eine bestimmte berufliche Tätigkeit ausübt. Während jati sich auf die Tausende zählenden Kastengruppen Indiens - einschließlich der Jatis der sogenannten Kastenlosen - bezieht, bringt der andere Begriff, varna die hierarchische Gliederung der indischen Kasten in die bekannten vier Kasten-Gruppen zum Ausdruck: Brahmanen, Kshetriyas, Vaishyas und Shudras. Er entspricht am ehesten dem, was in Europa mit "Stand" gemeint war. In Indien gibt es etwa 900 Dalit-Jatis und ca. 4.000 Jatis der höheren Kasten.

Vom Autor empfohlene Lektüre zum Thema:

  • Human Rights Watch. "Broken People". New York: 1999
  • N.B. Dirks. Castes of Mind. Colonialism and the Making of Modern India. New Delhi: 2002
  • National Campaign on Dalit Human Rights & Indian Institute of Dalit Studies. "Dismantling Descent-Based Discrimination. Report on Dalits' Access to Rights". New Delhi: 2006G.
  • Shah, et al. Untouchability in Rural India. New Delhi: 2006
  • Mistry, Rohinton. Das Gleichgewicht der Welt. Frankfurt am Main: 2000 (Fischer Taschenbücher)

Walter Hahn war von 1988 bis 2002 Projektsachbearbeiter bei Brot für die Welt für Projekte in Südindien. Er ist Gründungsmitglied des im Jahr 2000 ins Leben gerufenen IDSN und Initiator der 2001 gegründeten Plattform Dalit Solidarität in Deutschland und seit 2002 deren Koordinator. Die Plattform wird von zehn deutschen NGOs und Missionsgesellschaften getragen. Weitere Informationen zur Plattform unter: www.dalit.de

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 1-2010 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Raus aus dem Schatten – Dalits in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.