Die Saubermacher

Aus dem Leben der Dalits

Reportage zur Situation der Dalits in Bangladesch

Von Dirk Saam

Zimmermann, Schuster, Gerber oder Müller. Dies sind geläufige Familiennamen. Ihren Ursprung haben sie in den Berufen, die die Namensträger einmal ausgeübt haben. Bis zum 12. Jahrhundert lebten im heutigen Deutschland vor allem in ländlichen Regionen nur wenige Menschen in kleinen und weit auseinander liegenden Siedlungen. Bis dahin war ein Rufname völlig ausreichend, um den Träger des Namens eindeutig zu identifizieren. Mit steigender Bevölkerungszahl, expandierendem Handel und erhöhter Mobilität entwickelten sich größere Ortschaften und Städte. Ein differenzierteres Namensystem wurde nötig, um eine genaue Personenidentifizierung möglich zu machen. So wurde der Rufname in vielen Fällen durch den Beruf als Familienname ergänzt. So hatten auch die Webers, Richters und Fischers ihre namentliche Geburtsstunde.

Bashpor, Dhobi, Rishi, Dome. Auch dies sind Familiennamen, die eine Berufsbezeichnung zum Ausdruck bringen: Straßenkehrer, Wäscher, Flickschuster und Totengräber. Diese Namen gehören zu den Familien der Dalits, einer Bevölkerungsgruppe, die man vor allem in Indien aber auch in Bangladesch und anderen südasiatischen Ländern findet. Während aber in Deutschland die Schäfers oder Schneiders aufgrund ihrer Herkunft keinen Diskriminierungen ausgesetzt sind, sieht dies bei den Dalits ganz anders aus. Sie stehen unterhalb der hinduistischen Sozialordnung, dem so genannten Kastensystem und werden daher von der Gesellschaft als unrein und wertlos betrachtet. Das Kastensystem strukturiert die Gesellschaft in hierarchisch voneinander abgehobene Bevölkerungsgruppen, denen in der Regel auch unterschiedliche berufliche Funktionen zugeschrieben werden. So muss ein Dalit, am untersten Ende der Hierarchie stehend, Berufe ausüben, die als rituell „unrein“ angesehen werden und die verbunden sind mit der Beseitigung von Abfällen und der Reinigung von Straßen, Toiletten und der schmutzigen Wäsche anderer oder der Entsorgung von Tierkadavern. So meiden viele Menschen, Hindus aber auch Muslime und Christen, den Umgang mit ihnen. Berührt ein Dalit einen Angehörigen einer höheren Kasten, wird dieser „verunreinigt“ und muss sich einer rituellen Reinigung unterziehen. Da daher jede Berührung mit einem Dalit zu vermeiden ist, werden sie auch als „Unberührbare“ bezeichnet.

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Satkhira, im Südwesten Bangladeschs. Hier lebt eine große Gemeinschaft der geschätzten 3,5 bis 5,5 Millionen Dalits des Landes. Ich besuche die lokale Organisation Parittran. „Von Dalits, für Dalits“ ist ihr Slogan. Junge Dalits haben sich zusammengetan, um für ihre Rechte zu kämpfen. „Milon“, frage ich den Geschäftsführer von Parittran, „was heißt es ein Dalit in Bangladesch zu sein?“. Milon Kumar Das, der als Kind in Restaurants nie von Tellern essen durfte, mit der Begründung er verunreinige das Geschirr und mache es unbrauchbar, schaut mich aus wachen Augen an und sagt: „Du weißt, dass die Ärmsten in Bangladesch große Probleme haben Geld zu verdienen, weil Ihnen der Zugang zu produktiven Gütern nicht gewährt wird. Diese Menschen sind aufgrund ihrer schwachen sozialen Stellung nur schwerlich in der Lage ihre Rechte bei staatlichen Behörden einzufordern.“ Ich nicke mit dem Kopf. „Nun,“ sagt Milon, „das findest Du auch hier bei den Dalits, aber das ist nur der Anfang. Hinzu kommen die Dalit-spezifischen Diskriminierungen!“

Was „Dalit-spezifische“ Diskriminierungen sind, erfahre ich bei Besuchen in einigen der Dörfer in denen sie leben. Wir besuchen das Dorf Kadapara. Ich mustere die Gesichter. Später zurück in Deutschland werde ich oft gefragt werden, ob ein Dalit schon aufgrund seines äußeren Erscheinungsbildes als Dalit identifiziert werden kann und entsprechend Diskriminierungen ausgesetzt ist. Ich werde immer verneinen müssen. Allein ihr Name identifiziert sie als Dalits. „Genug Menschen wissen, dass wir Dalits sind“, sagt eine ältere Frau, die mir gegenüber sitzt. „Als Dalit dürfen wir nicht die Tempel besuchen. Aber bei der letzten Puja habe ich es trotzdem versucht. Ich wollte meinen Gottheiten huldigen. Eine Zeit lang ging es gut. Dann aber bin ich erkannt worden und mit wüsten Beschimpfungen aus dem Tempel gejagt worden. Verschmutzen würde ich, die Unreine, den Boden auf dem andere beten möchten. Ich kam noch glimpflich davon“, schließt sie traurig. Als Konsequenz haben sich die Dalits in ihrem Dorf aus Lehm, Ästen und Steinen notdürftig ihren eigenen Schrein gebaut. „Natürlich ist diese Situation frustrierend“, fügt ein junger Mann hinzu. „Auch auf dem Markt sind wir nicht willkommen“, meldet sich nun ein älterer Mann zu Wort. „Lebensmittel können wir zwar einkaufen, in ein Lokal aber dürfen wir nicht gehen. Zum Friseur gehen können wir auch nicht. Anfassen will uns keiner.“

Ein Mann ruft von jenseits der Gruppe, die sich vor mir im Halbkreis stehend versammelt hat. Die Menge schaut nach hinten und öffnet eine Schneise damit der Mann nach vorne kommen kann. Er hält ein leeres Glas in die Luft und spricht voller Wut: „Vor wenigen Tagen bin ich am Abend erschöpft vom Feld gekommen. Auf dem Rückweg habe ich an einem Teeladen vorne an der Hauptstraße Halt gemacht.“ Er zeigt in die Richtung, wo der Markt mit seinen Lebensmittelgeschäften, Teehütten, Barbieren und Schneidereien die Hauptstraße säumt. „Ich hatte furchtbaren Durst“, fährt er fort. „Am Laden steht immer ein Plastikkrug Wasser und ein Glas bereit. Hier können sich die Durstigen bedienen. ‚Du nicht!‘, sagte der Besitzer des Teelandes drohend, als ich nach dem Krug griff. ‚Ich kann das Glas nicht mehr verwenden, wenn Du einmal daraus getrunken hast. Wasser kannst Du haben, aber nur wenn Du Dein eigenes Glas mitbringst.‘“ Er hebt wieder seine Hand, in der er das leere Glas hält. „Das habe ich jetzt immer bei mir“, sagt er nun deutlich leiser.

Am Abend besuche ich ein Treffen von Dalit-Frauen, denen physische Gewalt angetan wurde. In den meisten Fällen wurden sie, als Angestellte in Haushalten arbeitend, Opfer sexueller Belästigungen und Vergewaltigungen. „Wissen Sie“, spricht mich eine junge Frau an, „die Hindus, die einer höheren Kaste angehören, unterdrücken uns, weil wir unrein sind. Manche Männer, die sich unserer schwachen sozialen Stellung bewusst sind, scheuen sich nicht uns zu berühren und missbrauchen uns.“

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Dies sind die Missstände, die Milon Das und seine Gefährten angetrieben haben, aktiv zu werden. Und die Arbeit trägt Früchte. Am Folgetag besuche ich eine öffentliche Sitzung des Gemeinderates in Haridaskati im Jessore-Distrikt. Zahlreiche Interessierte strömen in das am Ende des ausgetrockneten Kricket-Feldes gelegene Gebäude des Gemeinderates. Der Deckenventilator ist aufgrund der Masse der Menschen nur bedingt in der Lage für Frischluft zu sorgen. Eine Gruppe von Frauen in ihren bunten Saris hat drei Sitzreihen in Beschlag genommen. „Das sind unsere Dalit-Frauen“, sagt Milon stolz. „Die werden sich gleich zu Wort melden“.

Das „gleich“ wird sich noch eine Weile hinziehen, da der Bürgermeister eine Stunde über seine Errungenschaften für die Gemeinde doziert. Dann muss sich der Rat den Fragen seiner Bevölkerung stellen. Einer der Frauen wird das Wort erteilt. Sie würdigt nochmals die Errungenschaften des Gemeinderates, um dann zu sagen: „Aber Herr Bürgermeister, warum haben wir Dalits von diesen Errungenschaften nicht profitiert? Warum wurden wir bei der Verteilung von Rationskarten für die Armen zum Bezug verbilligter Grundnahrungsmittel übergangen? Warum bekommen wir keine Lebensmittelkarten, um über zwei Jahre kostenfrei Reis zu beziehen? Warum werden wir von den staatlichen Witwenrenten ausgeschlossen? Warum ist staatseigenes Land verteilt worden, ohne das wir, die wir auch anspruchsberechtigt sind, davon in Kenntnis gesetzt wurden? Warum findet sich in den staatlichen Schulen kaum eines unserer Kinder? Warum sitzen neben ihnen zwölf Gemeinderatsmitglieder, von denen keiner ein Dalit ist?“

Es sind nicht nur die Fragen, die die Dalit-Frauen in der Lage sind, zu stellen. Sie sind auch informiert über die Ausgestaltung der Witwen- und Altenrenten, wissen welche Beträge ihnen im Rahmen verschiedener sozialer Sicherungsleistungen eigentlich zustünden. Die Antwort des Bürgermeisters fällt dürftig aus. Er verliert sich in Allgemeinschauplätzen, faselt etwas von „gleiche Rechte für alle“ und schlussfolgert, dass er sich den angesprochenen Problemen annehmen werde. Er wird sich nicht morgen um die Probleme der Dalits kümmern, auch nicht übermorgen. Aber die Menschen aus den Dörfern wissen, durch die Unterstützung lokaler Organisationen wie Parittran, welche Leistungen ihnen zustehen und sind mutig genug, diese gegenüber der Politik einzufordern. Dies wird dazu führen, dass die verkrusteten Machtstrukturen, die Grund dafür sind, dass Schwächere ihre Ansprüche nicht durchsetzen können, Schritt für Schritt aufgebrochen werden.

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Ortswechsel: Dhaka. Shreemoti Tutia Bashpor sitzt mir gegenüber. Bashpor ist ihr Nachname und ihre Berufsbezeichnung. Ich weiß, dass mir eine Dalit-Frau gegenüber sitzt, eine Straßenkehrerin. Die Logik, dass der Name und der entsprechende Beruf vererbt werden, lässt sich aber mittlerweile nicht immer aufrecht erhalten. Dalits sind immer mehr darauf angewiesen, eine zweite Tätigkeit auszuüben, um genug Geld zu verdienen. Manche ändern ihre Namen, um der Stigmatisierung zu entkommen. Bangladeschische Wissenschaftler haben den Begriff porichhonota kormi eingeführt. Grob übersetzen lässt sich das mit „den Saubermachern“. Dalits sind vornehmlich diejenigen, die den Dreck der anderen wegmachen, tote Menschen begraben und Tierkadaver entsorgen.

„Ich selber kehre nicht mehr“, sagt Tutia. Ihre ganze Energie steckt sie in eine lokale Frauen-Organisation, deren Gründungsmitglied sie ist. Diese setzt sich für die Rechte der Dalit-Frauen im Distrikt Nilphamari, im Norden Bangladeschs ein. Ähnlich wie in Satkhira setzen sich die Frauen dafür ein, staatliche Dienstleistungen zu erhalten. Aber auch für angemessene Bezahlungen und gerechte Arbeitsbedingungen im öffentlichen Dienst. „Sie müssen sich das mal vorstellen“, beginnt Tutia, „wir sind aufgrund unserer Herkunft dazu verpflichtet, bestimmte Tätigkeiten auszuüben. Aber in Bangladesch strömen aufgrund des allgemeinen Arbeitsplatzmangels immer mehr Muslime in unsere Berufe. Wo sollen wir denn dann noch hin?“ Sie pausiert kurz und sagt dann: „Absurd ist eigentlich, dass die Muslime unsere Arbeit dann aber gar nicht durchführen. Sie werden vom Staat angestellt, um in Schulen, Krankenhäusern oder Ämtern zu putzen, suchen sich dann aber einen Dalit, der die Arbeit macht. Drei Viertel des Gehaltes behält diese Person dann ein, der Dalit bekommt das restliche Geld. Ablehnen können wir das nicht, weil wir darauf angewiesen sind!“ Subunternehmertum á la Bangladesch.

„Wenn wir beispielsweise in Krankhäusern kehren, sind wir ständig Diskriminierungen ausgesetzt“, sagt Tutia. „Machen wir Pause, dann dürfen wir nicht einmal unter einem Ventilator stehen. Wir dürfen unser Mittagessen in keinem der Räume im Krankenhaus einnehmen, sondern müssen draußen im Stehen oder in der Hocke essen. In den Schulen sieht es nicht anders aus. Hier werden selbst unsere Kinder diskriminiert. Sie müssen immer in der letzten Reihe sitzen. Dem Kind einer Straßenkehrerin wurde neulich nach dem Unterricht vom Lehrer ein Besen in die Hand gedrückt. ‚Das ist doch deine Berufung‘, wurde dem Kind gesagt, ‚na dann fang schon mal an, den Klassenraum zu kehren‘“.

Tutia spricht davon, dass sich Dalits kaum trauen ihre Rechte einzufordern, da ihnen von ihren Peinigern gedroht wird. Sie spricht mit Stolz davon, dass durch ihre Unterstützung mittlerweile 16 Frauen eine Altersrente beziehen. Auch wenn sie weiß, dass die Frauen nur die Hälfte des eigentlichen Betrages erhalten. Am Ende kommt sie noch auf das Thema Gesundheit zu sprechen: „Ärzte untersuchen uns nicht. Sie wollen uns nicht anfassen. Sie schauen uns an und verschreiben irgendwelche Medikamente. Ich bin neulich zum Arzt gegangen, weil ich mich sehr unwohl fühlte. Ich bin ganz früh am Morgen hin, um gleich die erste zu sein. Als die Praxis öffnete, hatte sich hinter mir bereits eine lange Schlange gebildet. Man schickte mich dann ans Ende der Schlange. Da sollen wir wohl hingehören.“ Ans Ende der Gesellschaft.

Dirk Saam ist entwicklungspolitischer Referent bei NETZ.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 1/2010 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Raus aus dem Schatten – Dalits in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.