"Unsere Stimme wird immer lauter"

Interview mit der Dalit-Aktivistin Shreemoti Tutia Bashpor

Shreemoti Tutia Bashpor, Gründungsmitglied der Selbsthilfe-Organisation Harijon Nari Kalyan Samiti kämpft im Nordwesten Bangladeschs gelegenen Distrikt Nilphamari für die Rechte der Dalits. Zwischen dem 13. und 23. April 2010 traf sie in Brüssel und Berlin politische Entscheidungsträger und Vertreter der Zivilgesellschaft, um diese über die Situation der Dalits in Bangladesch zu informieren. Im Gespräch mit NETZ berichtet sie über ihr Leben als Dalit und Aktivistin.

NETZ: Frau Bashpor, wie war es für sie, als Kind einer Dalit-Familie in Bangladesch aufzuwachsen?

Shreemoti Tutia Bashpor: "Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, taucht sofort das Bild meines alkoholabhängigen Vaters in meiner Erinnerung auf. Mein Vater hat meine Mutter und auch uns Kinder häufig geschlagen. Wir lebten in ständiger Angst vor ihm. Damals habe ich mir geschworen, dass ich nie trinken und meine Kinder niemals schlagen werde. Alkohol ist ein großes Problem für viele Dalit-Familien. Es geht zurück auf die britische Kolonialzeit. Damals wurden von den Briten viele Dalits ins heutige Bangladesch gebracht, um niedere Arbeit zu verrichten. Sie erhielten Lizenzen für die Herstellung von Alkohol, um sie gefügig zu machen. Auch mein Ehemann trank. So war unsere Beziehung zueinander sehr schlecht. Ich hatte ihn gebeten mit dem Trinken aufzuhören, aber er konnte nicht davon lassen. Nachdem unsere Tochter geboren wurde, verließ ich ihn. Unsere Tochter hat er nicht akzeptiert, da er sich einen Sohn gewünscht hatte. Er starb, als meine Tochter zwölf Jahre alt war. Er hat sie nie gesehen."

NETZ: Laut Verfassung des Landes sind alle Menschen gleich. Wie sieht die Praxis für die Dalits aus?

Bashpor: "Wir Dalits sind in der Gesellschaft vielfältigen Diskriminierungen ausgesetzt. Wenn wir es schaffen eine Arbeit zu finden, dann haben wir innerhalb des Betriebs offiziell die gleichen Rechte wie alle anderen Angestellten. Wird aber beispielsweise Essen ins Büro gebracht, bekommen wir nichts davon ab, weil es keine separaten Teller und Gläser gibt und wir uns das Geschirr nicht mit den Nicht-Dalits teilen dürfen. Einmal wurde allen Mitarbeitern ein Teil des Gehaltes gekürzt, um davon neues Geschirr für das Büro zu kaufen. Diese Kürzung betraf auch uns, auch wenn wir von dem Geschirr niemals essen werden können.

Vielen fällt es allerdings schon schwer überhaupt eine Anstellung zu finden. Arbeitsstellen, die traditionell von Dalits ausgeführt werden, werden immer öfter mit Personen anderer Bevölkerungsgruppen besetzt. Oft haben diese mehr Einfluss und sind in der Lage, zum Beispiel beim Landkauf, die leider oft notwendigen Geldforderungen der Beamten aufzubringen. Diese Berufe sollten eigentlich für Dalits reserviert sein, aber es gibt keine Quoten für uns.

Es ist schwer aus dieser uns von der Gesellschaft vorgeschriebenen Rolle auszubrechen. Wenn ein Dalit ein Lokal eröffnen würde, dann käme niemand außer den Dalits selbst zum essen. Durga Puja, unserer höchstes hinduistisches Fest, können wir nicht gemeinsam mit anderen Hindus feiern. Als wir uns vor einigen Jahren entschieden hatten an diesem Tag unser eigenes Fest zu veranstalten, wollte man dies zuerst verbieten. Als ich einmal einen Tempel besuchen wollte, hat mich eine Frau erkannt und mir ins Ohr geflüstert: ‚Du bist doch eine Harijon, eine Unberührbare. Du hast hier nichts zu suchen!' Sie hat meine Opfergabe, die ich für die Götter vorbereitet hatte, weggeworfen. Ich war so wütend nach diesem Vorfall, dass ich die nächsten drei Tage Fieber hatte."

NETZ: Mit ihrer Organisation setzen sie sich insbesondere für die Rechte der Dalit-Frauen ein. Wieso dieser Schwerpunkt?

Bashpor: "Dalit-Frauen sind doppelter Diskriminierung ausgesetzt: sie werden als Frauen und als Dalits ausgegrenzt. In unserer Gesellschaft werden sie nicht respektiert. Viele denken, dass sie uns leicht Unrecht antun können, da wir wehrlos sind. Es kommt immer wieder zu Vergewaltigungen an Dalit-Frauen. In den meisten Fällen kommt es aber nicht zu einer Anzeige. Im Rangpur-Distrikt wurde erst kürzlich ein Mädchen vergewaltigt und die Familie durch die Angehörigen des Täters durch eine Zahlung von 10.000 Taka (Anm. d. Red.: umgerechnet ca. 100 Euro) zum Schweigen gebracht. Wenn schwangere Dalit-Frauen beispielsweise wegen einer Impfung zum Arzt gehen, werden sie nicht behandelt, wenn sie eigentlich an der Reihe sind.

Ich wollte, dass meine Tochter ein besseres Leben hat als ich. Ich wollte, dass sie Ärztin wird. Die Probleme fingen allerdings schon an, als sie zur Schule ging. Ihre Klassenkameraden haben sie aufgrund ihrer Herkunft verspottet. Sie hat häufig geweint, weil sie das Gefühl hatte von allen gehasst zu werden und keine Freunde zu haben. Nach der siebten Klasse hat sie die Schule verlassen. Damals war der soziale und ökonomische Druck auf uns so groß, dass ich sie schließlich verheiraten musste. Aber auch innerhalb der Dalit-Gemeinschaft werden Frauen nicht gleichberechtigt behandelt. Trotz dieser Schwierigkeiten wollte ich eine Veränderung in der Gesellschaft. Mir geht es dabei insbesondere um die Frauen. Ich will verhindern, dass andere Töchter so leiden müssen wie meine eigene."

NETZ: Was hat sich dann durch ihre Arbeit verändert?

Bashpor: "Zunächst saßen wir lange zusammen und haben über viele Probleme, deren Ursachen und Lösungsmöglichkeiten diskutiert. Nicht nur unter uns Frauen, sondern auch mit unseren Männern. Nach und nach haben die Frauen angefangen sich viel selbstbewusster zu artikulieren. Gemeinsam sind wir dann viele Missstände in unserer eigenen Gemeinde angegangen. Dank unserer Unterstützung erhalten nun 16 Dalit-Frauen eine staatliche Witwenrente. Ohne unsere Aktivitäten wäre dies unmöglich gewesen. Zudem leisten wir in unserer Gemeinde auch Aufklärungsarbeit zu Themen wie Bildung, Hygiene und Alkoholismus. Den meisten Eltern war vorher überhaupt nicht bewusst, wie wichtig es ist, ihre Mädchen und Jungen zur Schule zu schicken. Insbesondere die jungen Männer in unserer Gemeinde haben inzwischen aufgehört Alkohol trinken. Unsere Stimme wird so immer lauter.

Mit der von mir gegründeten Selbsthilfe-Organisation haben wir auch an Einfluss gewonnen. Politiker berücksichtigen jetzt unsere Anliegen. Wir benötigen Lebensmittelkarten für unsere ärmsten Familien, Zugang zu Wasser und sanitäre Anlagen. Früher sind wir nie zum Gericht gegangen, um für solche Dinge zu kämpfen. Doch nachdem wir uns über diese Probleme gemeinsam ausgetauscht und uns über die rechtlichen Grundlagen informiert haben, wissen wir, dass wir ein Anrecht darauf haben. Diese Rechte klagen wir nur kollektiv ein. Wir haben konkrete Schritte eingeleitet. In Bezug auf Sanitäranlagen und Brunnen haben wir uns an die Lokalverwaltung gewandt. Wir haben nach Lebensmittelkarten für Witwen gefragt und konnten erfolgreich eine Namensliste einreichen. Doch mit diesem Erfolg enden die Bemühungen unserer Gruppe noch lange nicht."

NETZ: Frau Bashpor, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führten Meghna Guhathakurta, Geschäftsführerin von Research Initiatives Bangladesh, und NETZ-Mitarbeiter Dirk Saam in Dhaka. Übersetzung Lisa Wevelsiep.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 1-2010 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Raus aus dem Schatten – Dalits in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.