Von Dalits, für Dalits

Gewaltfreier Kampf für eine vorurteilsfreie Wahrnehmung von Dalits

Von Milon Kumar Das

Milon Kumar Das, Geschäftsführer der im Satkhira-Distrikt wirkenden Dalit-Organisation Parittran (siehe unten für Informationen zur Organisation), berichtet von seiner Kindheit, der gesellschaftlichen Ausgrenzung der Dalits in Bangladesch und wie er den Entschluss fasste, gemeinsam mit Gleichgesinnten für die Rechte der Dalits einzutreten.

Der Distrikt Satkhira liegt im Südwesten Bangladeschs. Hier befindet sich auch das Dorf Laksampur: meine Heimat. Von den Hindus, die in Satkhira leben, sind knapp ein Drittel Dalits. Diese sind unterteilt in verschiedene Untergruppen wie Bhuputra, Kaiputra, Kaora, Rishi und Tahsildar. Meine Familie gehört zur Gruppe der Rishi, die traditionell dem Handwerk der Schuhmacher und Lederverarbeiter nachgehen. In Bangladesch identifiziert allein dieser Name und das Handwerk meine Familie als Dalits oder "Unberührbare", ein auferlegter Begriff der uns lange Zeit über unsere soziale Stigmatisierung definierte.

Während meiner Kindheit waren Initiativen zur Verbesserung der Lebensbedingungen und des Rechtszugangs von Dalits kaum vorhanden. Da unsere gesellschaftliche Stellung von Geburt an als niedrig bestimmt war, existierten kaum Möglichkeiten aus dieser Situation auszubrechen. Viele Eltern sahen für ihre Kinder keine Chance für einen gesellschaftlichen Aufstieg. Selbst Schulbildung blieb vielen Mädchen und Jungen verwehrt. Die Eltern wollten sie nicht dem ständigen Spott der anderen Kinder und Lehrer aussetzen. Ich hingegen war eines der wenigen Dalit-Kinder in meinem Dorf, das zur Schule gehen konnte. Nicht zuletzt, weil ein in der Region arbeitender italienischer Priester meine Eltern von der Wichtigkeit des Schulbesuchs überzeugen konnte.

Ich fand mich schnell an meiner Schule zurecht, mochte den Unterricht und hatte viele Freunde unter den Klassenkameraden. Trotzdem gab es immer wieder Ereignisse, die mich an meine Stellung in der Gesellschaft erinnerten. Besonders einschneidend war für mich eine Begebenheit, die sich ereignete, als ich in der fünften Klasse, im Alter von knapp zwölf Jahren, zusammen mit Klassenkameraden ein Restaurant besuchte. Während des Besuches bemerkte ich, dass meinen Freunden ihr Essen auf Tellern und die Getränke in Gläsern serviert wurden. Mir hingegen wurde mein Essen auf einem Stück Papier und mein Wasser in einem anderen Gefäß gebracht. Als ich den Restaurantbesitzer nach den Gründen für diese Sonderbehandlung fragte antwortete dieser: "Du bist der Sohn eines Muchi (Anm. d. Red.: herabsetzende Bezeichnung für Rishis) und wenn ich dir Wasser aus einem Glas zu trinken gebe, dann wird keiner mehr in mein Restaurant kommen." Geschockt von dieser Antwort zerbrach ich wütend ein Glas, woraufhin mich der Ladenbesitzer beschimpfte und schlug. Keiner der Anwesenden hielt ihn davon ab. Im Gegenteil, ein einberufenes Schiedsgericht sprach mir die Schuld zu und wies mich an, ein solches Verhalten in Zukunft zu unterlassen. Wenn nicht, dann müsse meine Familie mit sozialer Ächtung in der Gemeinde dafür bezahlen.

Dieses Ereignis zeigten mir deutlich, dass Dalits keine großen Versuche unternehmen konnten gegen ihre Stellung in der Gesellschaft aufzubegehren. Unser Platz war klar definiert. Trotz vieler Widrigkeiten schaffte ich es dennoch die Schule abzuschließen: als einer der besten meiner Klasse, auch wenn dies von den Lehrern niemals anerkannt wurde. Diskriminierung aufgrund der Abstammung war damals sehr stark ausgeprägt und ist heute, trotz vieler Initiativen wie beispielsweise durch NGOs wie Parittran, keinesfalls aus der Gesellschaft verschwunden. Dalits gehören in sozialer, rechtlicher und ökonomischer Hinsicht zu den ausgegrenzten und marginalisierten Bevölkerungsgruppen: zu den antaj, den "Letzten" der Gesellschaft.

Seit dem Vorfall in dem Restaurant war mir klar, dass ich als Dalit etwas für Dalits tun muss. Die Idee eine lokale Organisation zu gründen, deren Slogan "Von Dalits, für Dalits" werden sollte, hatte hier ihren Ursprung.

Übersetzung: Lisa Wevelsiep.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 1-2010 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Raus aus dem Schatten – Dalits in Bangladesch". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

Die Dalit-Organisation Parittran

Die NGO Parittran wurde im Jahre 1993 gegründet. Die Organisation setzt sich im Südwesten Bangladeschs für die Rechte der Dalits ein: gegen Diskriminierung aufgrund der Abstammung oder des Berufs einer Person. Parittran arbeitet dabei vor allem mit partizipativen Methoden, um innerhalb der Dalit-Gemeinschaft einen Austausch über vorhandene und von allen wahrgenommene Problematiken zu fördern und darauf aufbauend Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln. So will die Organisation diskriminierende Strukturen, die zu Armut und Benachteiligung, insbesondere von Dalits aber auch von anderen benachteiligten Gruppen führen, abbauen helfen. Weitere Informationen zur Arbeit von Parittran finden Sie unter: dalitbangladesh.wordpress.com