Krieg als Teil der Lebensgeschichte

Zeitzeugenbericht zum Unabhängigkeitskrieg

Von Jana Fahrig

Pekle Hemrum kommt aus diesem Dorf, sie ist hier aufgewachsen. Auch ihr Sohn hat an diesem Ort den größten Teil seines Lebens verbracht, bevor er heiratete und in die Hauptstadt Dhaka ging, um für seine Familie Geld zu verdienen. Nur ein paar Jahre hat Pekle Hemrum nicht in ihrem Heimatdorf Gharopara im Dinajpur-Distrikt im Nordwesten Bangladeschs gelebt: die Zeit die sie gemeinsam mit ihrem Mann verbracht hat. Ein Lebensabschnitt, der zu einem großen Teil geprägt war vom Unabhängigkeitskrieg.

Dinajpur, 5. Januar 2011. In den Morgenstunden besuchte Pekle Hemrum eine Hochzeit. Für das Fest hat sie extra ihren besten Sari angelegt. Daher setzt sie sich jetzt auch mit Bedacht nicht wie sonst auf den Fußboden, sondern holt ein mit Seilen bespanntes Bambusgestell vor das Haus ihrer Nichte, in dem auch sie einen Platz zum Schlafen gefunden hat. Dann beginnt sie ihre Erlebnisse während der bedeutendsten Phase der bangladeschischen Geschichte zu erzählen. Sie ist eine Santal, Angehörige eines indigenen Volkes in Bangladesch, und ungefähr 60 Jahre alt. Auf dieses Alter kommt sie, wenn sie sich an den wichtigsten Eckpunkten ihres Lebens orientiert. Die letzten Wahlen im vereinigten Pakistan im Jahr 1970, ihre Hochzeit, der Unabhängigkeitskrieg, die Geburt ihres Sohnes und der frühe Tod ihres Ehemannes nur wenige Jahre später.

Als sie zu erzählen beginnt, verschwindet das dezente Lächeln aus ihrem Gesicht. Völlig regungslos sitzt sie da und berichtet von den Wahlen im Dezember 1970: „Ich war verängstigt, schließlich durfte ich zum ersten Mal wählen und wusste, dass diese Wahl für den Ostteil Pakistans sehr bedeutend war.“ In ihr sah die bengalische Bevölkerungsmehrheit Pakistans, die kulturell, politisch und wirtschaftlich benachteiligt war, erstmals nach der Unabhängigkeit und Teilung Indiens im Jahr 1947, die Chance die Regierung des Landes zu stellen. Sheikh Mujibur Rahman, der spätere erste Präsident Bangladeschs, hatte mit seiner Partei Awami League ein Wahlprogramm ausgearbeitet, dass dem Ostteil des damals noch gemeinsamen Staates Pakistans umfassende Autonomie zusichern sollte. Eine Massenbewegung, die sogar die Unabhängigkeit des Ostens vom Westen forderte, war der Stimmabgabe vorausgegangen.

Noch immer vollkommen ruhig sitzt Pekle Hemrum da und starrt in die Ferne. Sie war wählen gegangen und hatte unmittelbar danach geheiratet. Ein Ereignis, von dem es ihr leichter fällt zu berichten, als von den Geschehnissen nach der Wahl. Damals erkannten die Machthaber in Islamabad den von der Awami League erlangten Wahlsieg nicht an. Nachdem sich die politische Führung aus dem Westteil des Landes bei den folgenden Verhandlungen nicht mir ihrer Position durchsetzen konnte, setzte sie und die pakistanische Armee alles auf eine militärische Lösung.

Nur ein paar Wochen nach ihrer Hochzeit hörte Pekle Hemrum erste Berichte von Angriffen der pakistanischen Armee. Das war am 25. März 1971. Kurzentschlossen flüchtete sie mit ihrem Ehemann und seiner Familie nach Indien. „Wir flohen zu Fuß. Zwei Tage mussten wir laufen. In Indien hatten wir Glück und konnten bei Verwandten meines Mannes unterkommen.“ Nur einen Monat nach ihrer Ankunft in Indien, verließen sie das Land jedoch wieder. Ihr Mann war schwer erkrankt. Abermals zu Fuß ging es zurück. Sie, ihr Mann und seine Familie fanden Unterschlupf in einer christlichen Mission in Birampur, einer Kleinstadt im Distrikt Dinajpur. Vermutlich ihre Rettung, denn Christen wurden von der pakistanischen Armee nicht verfolgt.

„Ich konnte die Kampfflugzeuge am Himmel hören und sehen. Einmal wurde ich sogar Augenzeugin einer Erschießung durch die pakistanische Armee. Mit eigenen Augen musste ich ansehen, wie Soldaten drei Menschen erschossen. Muslime, Menschen die der gleichen Religion angehörten wie sie, jedoch die Forderung nach einem unabhängigen Staat Bangladesch stellten“, führt sie ihre Schilderungen fort. „Die Umstände unter denen wir lebten waren verhältnismäßig gut. Wir hatten Zugang zu Trinkwasser und Sanitäranlagen. Auch mit Nahrung wurden wir von der Mission versorgt. Unter allen Bewohner der Mission herrschte große Solidarität.“

In den nächsten Monaten verließ sie das Missionshaus nicht, nur die Männer gingen hinaus. Sie kauften ein und brachten die neuesten Berichte über die Geschehnisse in der Umgebung mit. Für die Frauen war es zu gefährlich geworden. Berichte über Massenvergewaltigungen an bengalischen Frauen durch Soldaten machten die Runde. Zudem war Pekle Hemrum zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger.

Kurz vor Kriegsende im Dezember 1971 verließ die Familie ihr Versteck wieder, um in das Dorf des Ehemannes zurückzukehren. „Wir hatten großes Glück.“ Genüsslich an einer frischen Frucht kauend sagt sie: „Mein Mann stammte aus einem ausschließlich christlichen Dorf. Im Gegensatz zu unzähligen anderen Orten in unserer Region waren alle Häuser unzerstört. Unser Neuanfang war damals somit nur wirtschaftlich. Unser Vieh und Ernteerträge hatten den Krieg nicht überstanden oder waren von Soldaten geraubt worden.“

„40 Jahre sind seit Kriegsende vergangen“, stellt Pekle Hemrum mit leichtem Erstaunen fest. „Seit damals hat sich einiges zum Guten geändert. Die Lokalverwaltung hat sich verbessert. Auch Menschen aus meinem Dorf sind jetzt in der Lage, sich mit ihren Anliegen an den Gemeinderat zu wenden“, sagt sie und nach kurzem Grübeln fällt ihr sogar der Name des Bürgermeisters ein. „In unser Dorf ist er auch schon gekommen“, berichtet sie stolz. Mit demselben Gefühl fährt sie fort. Sie spricht von der Modernisierung des ganzen Landes: den Bus benutze sie selbst öfter und sogar in den Kleinstädten ihrer Region sieht sie mehrstöckige Gebäude. Immer mehr Technik setzt sich auch im Alltag ihres Dorfes durch, die Mehrheit der Bewohner besitzt ein Handy. Die wichtigste Veränderung für sie ist aber, dass sich die Nahrungssituation für die Menschen verbessert hat. Als Beispiel führt sie die Monga an, eine saisonale Einkommenskrise, die sich unmittelbar auf die Nahrungssicherheit der ärmsten Familien auswirkt. „Früher war es völlig aussichtslos in dieser Zeit an Nahrung zu kommen. Heute haben wir wenigstens die Hoffnung an das Nötigste zu gelangen.“

Jana Fahrig hat 2010/11 einen einjährigen Freiwilligendienst bei der NETZ-Partnerorganisation Polli Sree gemacht.

Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 1/2011 der Bangladesch-Zeitschrift NETZ zum Thema "Erinnerung und Gegenwart - 40 Jahre Unabhängigkeit Bangladeschs". Die Zeitschrift können Sie in unserer Mediathek bestellen.

 

 

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